Ein Chanson für Dich

So richtig weiß man nicht, was man mt Bavo Defurnes Musikdrama EIN CHANSON FÜR DICH anfangen soll. Das fiktive Biopic über einen Ex-Megastar widersetzt sich so krampfhaft jeglichen Konventionen, dass Isabelle Huppert alles geben muss, um die surrealistische Geschichte zusammen zu halten. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Liliane (Isabelle Huppert) arbeitet in einer Pasteten-Fabrik und führt ein eintöniges Leben zwischen Arbeit und dem allabendlichen Fernsehprogram aus Quizshows und Verkaufssendungen. Die Zeiten, in denen sie als Chanson-Sängerin „Laura“ noch große Erfolge feierte, sind längst vergessen und vorbei. Nur noch wenige Menschen erkennen die einstige Beinahe-Siegerin des Eurovision Song Contest, die sich einst von der Kultband ABBA geschlagen geben musste. Doch als sie Jean (Kévin Azaïs), einen 22-jährigen Boxer, kennenlernt, ändert sich alles. Er verliebt sich in Liliane und überzeugt sie, dass es an der Zeit ist, ins Rampenlicht zurückzukehren.

Kritik

Der 1956 ins Leben gerufene, europäische Gesangswettbewerb Eurovision Song Contest ist schon für sich genommen eine Show der Absurditäten und Albernheiten. Um die Qualität guten Gesangs geht es eher in zweiter Linie. Stattdessen funktioniert der ESC vor allem als politisches Kräftemessen und Zelebration menschlicher Vielfalt, sodass vor allem die Homosexuellencommunity das Event alljährlich feiert. Denn nichts verbindet besser als Musik, weshalb es im Umkehrschluss doch wieder eine richtig gute Idee ist, die ganze Show als Musikcompetition aufzuziehen. Die Skandale, Triumphe und Erfolgsgeschichten kommen da schon ganz von allein. Warum bis lang nie einer auf die Idee kam, diese alljährliche Bühnenparty zum Ort einer Filmhandlung zu machen, ist kaum begreiflich. Lediglich Paul Feig hat sich den Unterhaltungswert des ESC einmal zueigen gemacht, als  er dem ukrainischen Beitrag aus dem Jahr 2007, Verka Serduchka mit „Dancing Lasha Tumbai“, in seiner Agentenkomödie „Spy – Susan Cooper Undercover“ einen Kurzauftritt bescherte. Der französische Regisseur Bavo Defurne („Nordsee, Texas“) begeht mit seinem skurrilen Drama „Ein Chanson für Dich“ Neuland und inszeniert ein tragisches Portrait einer Sängerin, für die er sich einen ganz besonderen Lebensweg ausgedacht hat: Vor vielen Jahren verlor sie den Contest als Zweite gegen die schwedische Popband ABBA und lebt seither ein tristes Dasein als Ex-Superstar. Mit der Ausnahme, dass ABBA ja tatsächlich den ESC für sich entscheiden konnten, ist der Rest der Geschichte frei erfunden. Aber irgendwie kann man sich schon vorstellen, dass es vielen One-Hit-Wondern genauso ergeht, wie Hauptfigur Liliane in „Ein Chanson für Dich“.

In Jean (Kévin Azaïs) findet die zurückhaltende Liliane (Isabelle Huppert) einen Freund und Unterstützer.

Subtil geht Autorenfilmer Bavo Dafurne in „Ein Chanson für Dich“ nicht vor. Sein Film beginnt mit einer schier endlosen Einstellung, in der seine Protagonistin emotionslos und eintönig die ihr vorgelegten Pasteten mit Gewürzen und Dekoration bestückt. Schon die paar Minuten reichen aus, um dem Zuschauer die Tristesse dieses Jobs vor Augen zu führen – die Vorstellung, dass diese Frau dieser Szenerie viele Stunden am Tag ausgesetzt ist, ruft automatisch Mitleid hervor. Wenn Liliane schließlich nach Hause geht, warten dort Alkohol und Fernseher auf die alternde Sängerin, die trinkend zwischen den verschiedenen Kanälen hin- und her zappt, die kaum mehr Entertainment versprechen, als der Alltag in den spartanisch eingerichteten Räumen der Pastetenfabrik. Dafurne übertreibt bewusst darin, seine Hauptfigur als unzufriedenes, graues Mäuschen darzustellen, lässt sie melancholisch ihrer Vergangenheit hinterherjagen und inszeniert einen vorläufigen Höhepunkt, wenn er Lilianes Name zur gesuchten Antwort auf eine Frage der vielen Quizshows macht, den die Kandidaten natürlich längst wieder vergessen haben. Das ist alles so tragisch und komisch zugleich, dass man zu Beginn kaum dahinter steigt, ob Dafurne seine Hauptfigur nun liebt oder hasst; will er gezielt Mitleid schüren, oder sich auf komischem Wege am längst erloschenen Erfolg seiner Protagonistin austoben? Es ist vermutlich eine Mischung aus beidem, denn als Liliane in der Fabrik auf den charismatischen Boxer Jean trifft, der sich trotz seiner noch jungen Jahre als ihr größter Fan entpuppt, treibt Dafurne das Spiel mit der Verunsicherung des Publikums auf die Spitze.

Kévin Azaïs („Liebe auf den ersten Schlag“) spielt Lilianes wesentlich jüngeren Verehrer Jean mit voller Hingabe, sodass man ihm sowohl die Liebe zu seiner Freundin, als auch die Aufopferungsbereitschaft im Hinblick auf ihr Comeback durchgehend abnimmt. Doch spätestens wenn das Publikum Zeuge von Lilianes erstem musikalischem Auftritt wird, steht einmal mehr die Frage im Raum, ob Bavo Dafurne tatsächlich etwas an seinen Charakteren gelegen ist. Die überhöht-eintönigen, schräg inszenierten und damit an den Grenzen zum Surrealismus kratzenden Performances des Songs „Souvenir“ (so auch der Originaltitel des Films) wirken derart aus der Zeit gefallen und betont scheußlich, dass man Liliane fast für eine Figur aus David Lynchs Neunzigerjahre-Thrillern halten möchte. Zunächst vermutet man dahinter Kalkül: Schließlich hat auch der Mann von Florence Foster Jenkins seiner unmusikalischen Frau nie verraten, wie grausam ihre Gesangseinlagen wirklich sind. Doch in „Ein Chanson für Dich“ bleibt der komödiantische Aspekt dieser Ausgangslage stets unterschwellig, entsteht sogar fast daraus, dass man sich als Zuschauer ernsthaft über die Figur lustig macht – und doch gelingt Liliane tatsächlich so etwas wie ein Comeback, denn auf der Leinwand scheint an den abgedrehten Darbietungen (die musikalisch übrigens auf solidem Niveau sind) der Künstlerin Niemand zu stören.

Bei einem Gesangswettbewerb könnte Liliane ihre Karriere wieder ankurbeln.

Neben der Haupthandlung um Lilianes und Jeans Versuch, der alternden Diva eine zweite Karriere zu ermöglichen, geht es in „Ein Chanson für Dich“ auch um eine unkonventionelle Liebesgeschichte. Isabelle Huppert („Elle“), die sich überraschend schwer tut, das wackelige Konzept des Films mithilfe ihrer naturgegebenen Grandezza zusammenzuhalten, gelingt es in den emotionalen Momenten gut, die Skepsis und vorsichtige Leidenschaft für ihren Lover zum Ausdruck zu bringen. Doch die mit Jeans übereifrigen Businessplänen verwobene Lovestory  erscheint mitunter wie ein Fremdkörper. Bavo Dafurne scheint ist in „Ein Chanson für Dich“ frei von jedweden erzählerischen und inszenatorischen Konventionen auszutoben zu wollen, ohne so recht zu wissen, wo er schlussendlich eigentlich hin will. Die Tragik um Lilianes Traum von der Musikkarriere kann der Filmemacher gut einfangen. Auch Huppert brilliert in erster Linie in den ruhigen Szenen. Gleichzeitig erlaubt sich Dafurne derart viele absurde Einschübe, dass das Mitgefühl gegenüber Liliane von Jetzt auf Gleich zunichte gemacht wird. Ist das alles nun lustig, was da auf der Leinwand gezeigt wird, oder ganz und gar traumatisch? Das Tragische mit dem Komischen in Einklang zu bringen, gelingt den Machern leider nur in den seltensten Fällen.

Fazit: „Ein Chanson für Dich“ ist eine betont unkonventionelle Erzählung über eine alternde Gesangsdiva, die sich im besten Alter ein Comeback erhofft. Dafurne balanciert zwischen treffsicher beobachtetem Drama und willkürlichem Surrealismus – am Ende weiß man nicht, was das Ganze eigentlich sollte, obwohl es doch überraschend amüsant war.

„Ein Chanson für Dich“ ist ab dem 6. Juli in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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