Nirgendwo

In seinem emotional mitreißenden Langfilmdebüt NIRGENDWO erzählt Regisseur Matthias Starte von einer Generation, die ausgerechnet an ihren vielen Entfaltungsmöglichkeiten zu scheitern droht. Wie gut er das tut, verrate ich in meiner Kritik.Nirgendwo

Der Plot

In seinem eigenen Leben fremd, kehrt der junge BWL-Student Danny (Ludwig Trepte) nach dem plötzlichen Tod seines Vaters widerwillig in seine kleine Heimatstadt mitten im Nirgendwo zurück. Nach ständigen Streitereien mit seinen Eltern, verbindet er mit dem kleinen Ort nicht unbedingt die beste Zeit seines Lebens. Doch ganz zu seiner Überraschung findet er dort das sommerliche Paradies seiner unbeschwerten Jugend wieder. Statt sich seiner Vergangenheit zu stellen, verliert er sich in der erneut aufflammenden Liebe zu seiner Jugendfreundin Susu (Saskia Rosendahl). Auf der Suche nach seinem Platz im Leben muss er jedoch den Mut aufbringen, seine Jugend hinter sich zu lassen und endlich seine Träume zu leben.

Kritik

Die aktuell nachwachsende Generation hatte nie so viele Entfaltungs-Möglichkeiten, wie heute. Auslandsaufenthalte, Reisen, Bildungsabschlüsse, einfach mal ein Jahr eine Auszeit nehmen: Auf dem Weg zu sich selbst stehen den sogenannten Twenty-Somethings sämtliche Türen offen. Trotzdem handeln ausgerechnet Coming-of-Age-Geschichten der Moderne oftmals genau vom Gegenteil. Von der Überforderung, an genau dieser Vielfalt zu scheitern. Denn wenn man „einfach alles sein“ kann, dann fällt es umso schwerer, sich zu entscheiden, was man denn auch wirklich sein möchte. Regisseur Matthias Starte nimmt sich in seinem Langfilmdebüt „Nirgendwo“ dieses Themas an, indem er anhand einer Gruppe von jungen Erwachsenen die Ängste und Sorgen einer ganzen Altersstufe einfängt. Dabei geht Starte noch über den Status der Teenies und Jugendlichen hinaus und zeigt auf emotionale Weise auf, wie weitreichend in jungen Jahren getätigte Entscheidungen sein können. Aber auch, dass es gar nicht immer darum gehen muss, durchgehend ein und dasselbe Ziel vor Augen zu haben. In erster Linie ist „Nirgendwo“ nämlich ein zutiefst reifes, herausragend beobachtetes Plädoyer für gedankliche Freiheit und dafür, bei all dem auf unser aller Schultern lastenden Druck sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren.

Bei ihrem Wiedersehen können die Freunde den Stress des Erwachsenenlebens für einen Moment hinter sich lassen.

Bei ihrem Wiedersehen können die Freunde den Stress des Erwachsenenlebens für einen Moment hinter sich lassen.

Um sich der Clique aus sich mittlerweile in völlig verschiedene Richtungen verstreuten Freunden zu nähern, geht Matthias Starte einen cleveren Weg. In „Nirgendwo“ hat ein besonders wichtiger Prozess nämlich längst stattgefunden. Mit Ausnahme der sich weit vor den Hauptereignissen im Film abspielenden Eröffnungsszene, haben Protagonist Danny und seine Jugendfreunde den Schritt von der Schulzeit ins unabhängige Berufsleben längst vollzogen. Die einen mehr (Danny steht kurz vor dem Abschluss seines BWL-Studiums), die anderen weniger (manch einer verdingt sich mit Tagträumerei und denkt gar nicht daran, das liebgewordene Kaff irgendwann einmal zu verlassen). In „Nirgendwo“ prallen schließlich unterschiedliche Ansichten aufeinander, doch hieraus eine Art Culture-Clash zu formen, liegt Starte in seinem Skript fern. Weder entscheidet sich der Regisseur und Drehbuchautor dafür, dass eine Seite in irgendeiner Form besser sei, als die andere. Noch forciert er in seiner Erzählung, dass sich die verschiedenen Meinungen später zu einem Kompromiss formieren. Stattdessen blickt er durch die Augen der gedanklich ganz unterschiedlich durch den Tag ziehenden Protagonisten, um die Vielfältigkeit der aktuellen Jugend zu verdeutlichen und anhand ihnen „Nirgendwo“ als authentisches, emotionales Zeitdokument zu entwerfen. Das mag an der einen oder anderen Stelle möglicherweise ein wenig gefällig wirken; irgendwie kann man sich kaum vorstellen, dass sich in einer solch vielfältigen Clique tatsächlich nur derart durfte Typen zusammen tun. Das pulsierende Feeling dieses hier porträtierten Sommers springt dennoch zu jedem Zeitpunkt auf den Zuschauer über.

Im Vergleich zu größeren, massentauglicheren Produktionen, wirken die Konflikte in „Nirgendwo“ fast schon mikroskopisch klein. Selbst weitestgehend standardisiert aufgebaute Liebes- und Eifersuchtssubplots entfalten hier ihre ganz eigene Faszination, sodass zu keinem Zeitpunkt das Schielen nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner durchscheint. Die Männer und Frauen in Michael Startes Film haben tatsächlich ganz normale, nachvollziehbare Probleme, mit denen es sich gerade als jüngerer Zuschauer hervorragend identifizieren lässt. Hinzu kommt das bemerkenswerte Casting. Nicht nur Ludwig Trepte („Deutschland 83“) verleiht seinem Danny ein absolut lebensechtes, nie aufgesetzt wirkendes Profil. Gerade die weiblichen Darsteller, darunter Jella Haase („4 Könige“), Saskia Rosendahl („Wild“) und Amelie Kiefer („Die Welle“), überzeugen mit ihrem durch und durch authentischen Spiel zu jeder Sekunde, sodass „Nirgendwo“ ein im besten Sinne fast schon dokumentarisches Profil besitzt. Nur wenige Regisseure besitzen den Mut, ihren Cast zu einem darstellerischen Understatement zu bewegen. Hier stellt sich das Ensemble zwar voll und ganz in den Dienst dieses smarten, kleinen, nahezu unauffälligen Films und kehrt damit doch umso stärker hervor, wie sehr „Nirgendwo“ an der Wirklichkeit kratzt.

Kirsten (Amelie Kiefer) hat ihrem Bruder eine wichtige Nachricht zu büberbringen...

Kirsten (Amelie Kiefer) hat ihrem Bruder eine wichtige Nachricht zu büberbringen…

Gerade im (deutschen) Independent-Kino wird der Wert eines Films immer gern anhand seiner Message gemessen. In „Nirgendwo“ tut man gut daran, es genau andersherum zu handhaben. Mit seiner freigeistigen, sich auf seine Figuren und deren Konflikte einlassender Attitüde gelingt Matthias Starte ein umso lebensnäheres, komödiantisches Drama, dass seine Faszination dadurch entwickelt, dass die vermeintlich nichtigen Probleme der Protagonisten zu einem Abenteuer werden, dessen man sich als Zuschauer gerne annimmt; ganz ohne die Lösung selbiger als Botschaft zu formulieren. Stattdessen wollen wir mitleiden, wenn der eine kurz davor steht, sich gegen sich und für die Anforderungen seines Umfeldes zu entscheiden. Wir können nachvollziehen, weshalb genau das manchmal die richtige Entscheidung sein kann. Wir möchten aber auch das Aufkeimen einer alten Liebesbeziehung mit ansehen und in der besten Szene des Films einfach nur an einem, für die Handlung nicht einmal relevanten Abend unter dem Sternenhimmel teilhaben. Durch ihr ungekünsteltes Dasein reichen die Figuren als Faszination aus, die es benötigt, um den Zuschauer mitzureißen. Vielleicht stecken in „Nirgendwo“ nicht die brüllend komischen Gags einer klassischen Komödie und vielleicht rührt der Film noch nicht einmal zu Tränen. Doch Matthias Starte setzt mit einfachen Mitteln (und einem tollen Indie-Soundtrack!) ein Zeichen dafür, dass auch das Dazwischen dieser beiden Extreme seinen ganz eigenen Sog entfalten kann.

Fazit: Mit „Nirgendwo“ gelingt es Regisseur Matthias Starte, nicht nur das Gefühl seiner Protagonisten auf die Zuschauer zu übertragen, sondern direkt greifbar zu machen, weshalb sich eine ganze Generation bisweilen so verloren fühlt. Darüber hinaus sorgen die exzellent gecasteten Schauspieler für ein Gefühl fernab vom Film, direkt heraus aus dem Leben.

„Nirgendwo“ ist ab dem 27. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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