Meine Lieblinge: Horror (3)

Im dritten Teil meines kleinen Horrorspecials präsentiere ich euch die Plätze neun, acht und sieben meiner mir liebsten Genrefilme. Wer die ersten beiden Teile und somit auch meine Erläuterung verpasste, was das Horrorgenre derart reizvoll macht, dass die Fangemeinde stetig wächst, dem seien an dieser Stelle Teil eins und Teil zwei ans Herz gelegt. Viel Spaß mit Part drei!

 

9 / SAW

USA 2004 | Regie:: James Wan | Darsteller: Leigh Whannell, Cary Elwes, Danny Glover, Ken Leung, Shawnee Smith, Tobin Bell, Michael Emerson | Trailer

Es war im Jahre 2004, als der damals noch völlig unbekannte Regisseur James Wan mit einem Schlag ein völlig neues Horrorgenre ins Leben rief. Kritiker entwerteten es schnell und gaben ihm den Namen „Torture Porn“ – allen voran aufgrund der durch „Saw“ gestarteten Welle an Gewaltfilmen, in denen es auf den ersten Blick nur noch darum ging, in welchem Streifen das meiste Blut fließt. Auf sichtlich um Letzteres bemühte Genrevertreter wie „Hostel“ oder – leider – auch der ein oder andere Teil der Saw-Heptalogie mag dies zutreffen. Eine Ausnahme bildet aber, und das müssen sich auch knallharte Gegner des Genres eingestehen, der Auftakt zur Stichsägen-Reihe. Denn trotz allem Anschein, den das Marketing unbedingt erwecken wollte, handelt es sich bei „Saw“ keineswegs um stupiden Horror, sondern qualitativ und atmosphärisch fast schon um einen inoffiziellen Nachfolger von David Finchers Psychothriller „Sieben“.

Die Ausgangsprämisse, zwei Männer erwachen angekettet in einem heruntergekommenen Badezimmer und können nur dann überleben, wenn einer den anderen umbringt, dürfte auch weniger horroraffinen Filmfreunden mittlerweile bekannt sein. Das dem Film gegenüber gerne genannte Vorurteil, hieraus ergäbe sich nun eine Gewaltorgie, die das Blut nur so fließen und die Knochen nur so knacksen lässt, ist allerdings Unfug. Ausgeführte, körperliche Gewalt zeigt sich im Laufe der knapp neunzig Minuten in exakt zwei Szenen. Den „Rest“ füllt eine atmosphärische Dichte, die vor allem aus den polizeilichen Ermittlungen heraus entsteht. Die kammerspielartigen Passagen innerhalb des Duschraumes sind von einnehmender Bedrücktheit, vor allem da das Zusammenspiel der Protagonisten vortrefflich funktioniert. Mit jeder Minute spitzt sich die Enge und die Qual, die die Figuren seelisch (!) durchleiden müssen, zu. Explizite Gore-Szenen braucht es da nicht. Für weitere Raffinesse sorgt zudem der strukturierte Aufbau der Handlung, die sich für den Zuschauer nach und nach wie ein Puzzle zusammen setzt, was der Nutzung von Rückblenden geschuldet ist. Zu guter Letzt hat „Saw“ mit Jigsaw ein modernes Filmmonster geschaffen, das nach Michael Meyers und Co. für den Schrecken einer ganzen Generation sorgte. Und obwohl der Auftakt zur „Saw“-Reihe eindeutig der atmosphärisch herausragendste ist, so ist auch die Reihe an sich einen genauen Blick wert. Wenngleich es den Anschein macht, als dominiere ab Teil drei nur noch die oberflächliche Gewalt, liefern die Autoren insgesamt ein beeindruckendes, logisches und sich nach und nach aufdeckendes Story-Geflecht, das sich erst mit der letzten Sekunde aus Teil sieben zu einem großen Ganzen verknüpft. Vor diesem Finale sollte so manch ein Hollywood-Regisseur den Hut ziehen. Eine ausführliche Kritik zum Film findet ihr zudem hier: *klick*

Dieser Film könnte dir gefallen wenn du SIEBEN mochtest.

 

8 / BLAIR WITCH PROJECT

USA 1999 | Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez | Darsteller: Heather Donahue, Joshua Leonard, Michael C. Williams, Patricia DeCou, Bob Griffin, Jim King, Sandra Sánchez, Ed Swanson | Trailer

1999 schockte das vermeintlich echte Filmmaterial einer Gruppe verschollener Filmstudenten die Horrorwelt. Konsequent zogen die Macher – allesamt Laien – ihre PR-Strategie durch. Bei den bewegten Bildern aus „Blair Witch Project“ sollte es sich allen ernstes um Videobänder handeln, die nach dem Verschwinden einer Gruppe von Studenten, die zusammen einen Film über die sagenumwobene Hexe von Blair (ebenfalls nur ein Mythos) drehen wollten, gefunden wurden. In Zeiten, in denen jedes Jahr ein neuer „Paranormal Activity“-Streifen in die Kinos kommt, wird über den Vermerk, das Videomaterial sei real, allenfalls noch geschmunzelt. Damals hingegen funktionierte dieser Clou. Und katapultierte die Pseudo-Dokumentation ganz nebenbei ins Guiness-Buch der Rekorde: Bei Kosten von 25.000 Dollar spielte der Streifen über 600 Millionen Dollar ein. Rekord!

Abgesehen davon, dass die Intensität von „Blair Witch Project“ sicher dadurch verstärkt wird, wenn man davon ausgeht, das Videomaterial sei nicht fiktiv, funktioniert der Film auch als klassischer Spielfilm. Mehr noch: Durch die Drehweise, die die beiden Regisseure an den Tag legten, ist der Film einer der authentischsten aller Zeiten. Die Schauspieler bekamen keine Rollen zugeteilt sondern blieben ganz sie selbst. Ein Drehbuch gab es nicht, nur vage Anweisungen, was an jedem der einzelnen Drehtage abgeliefert werden musste. Ebenso wie im Film gab es auch für die Darsteller keine Möglichkeiten der Orientierung, die einzige Möglichkeit, Kontakt mit der Außenwelt zu halten, waren Walkie-Talkies. Unter diesen Voraussetzungen entstand eine bedrückende Studie über die menschliche Urangst vor Orientierungslosigkeit und Einsamkeit. Eigentlich passiert kaum etwas. Stattdessen wird der Zuschauer Zeuge, wie die drei Hauptpersonen erst nach und nach Wahnsinn und Angst zum Opfer fallen und sich später mit einer realen Bedrohung auseinandersetzen müssen. Derart angsteinflößend kann ein Film offenbar nur dann sein, wenn er so simpel wie möglich gestrickt ist. Denn nur dann ist der Zuschauer hautnah an der blanken Furcht der Figuren, die sich zwangsläufig auf ihn übertragen muss. Schlussendlich gipfelt diese nervenzerrende Tour de Force in einem markerschütternden Ende, das jedoch ebenfalls ohne Effekthascherei daherkommt – und dadurch nur umso intensiver ist.

Dieser Film könnte dir gefallen, wenn du CHERNOBYL DIARIES mochtest.

 
 
7 / DIE NEUN PFORTEN

ESP/FR/USA 1999 | Regie: Roman Polanski | Darsteller:  Johnny Depp, Frank Langella, Lena Olin, Emmanuelle Seigner, Barbara Jefford, Jack Taylor, José López Rodero | Trailer

Auch Roman Polanskis „Die neun Pforten“ lässt sich nicht ausschließlich dem Horrorgenre zuordnen. Dennoch weiß es die stille Teufelsstudie jederzeit, einen unheimlichen Grusel zu versprühen. Es beginnt wie ein klassischer Abenteuerfilm. Johnny Depp mimt einen Experten für antike Bücher, der von einem seiner Kunden den Auftrag bekommt, nach einem besonders wertvollen Exemplar zu suchen, von dem es weltweit nur drei Fassungen geben und das vom Teufel selbst geschrieben worden sein soll.

Die Suche nach „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“ ist schließlich der Inhalt einer gut zweistündigen Erzählung, die selbst wie ein mächtiger Roman wirkt. Kein Wunder, schließlich basiert „Die neun Pforten“ tatsächlich auf einem Bestseller. Genauer auf „Der Club Dumas“, geschrieben von Arturo Pérez-Reverte. Grusel durch explizite Schocks sucht man in der 16. Regiearbeit von Roman Polanski vergeblich. Vielmehr baut sich die Spannung nach und nach auf, erhält durch kleine Details immer wieder einen Extra-Push (Stichtwort: Schwebende Frau) und mündet in ein Finale, das im Vergleich zu den vergangenen zwei Stunden zwar auslandender erscheint als nötig, die Zuspitzung der Situation jedoch in hervorragend fotografierter, äußerst symbolträchtiger Weise einfängt. Dabei entsteht der Schock zudem vornehmlich aus den Gegensätzen, von denen es in „Die neun Pforten“ einige gibt. Die stete Höflichkeit der Gestalten, denen Depp im Laufe seiner Odyssee begegnet, passt nie zur düsteren Vorahnung, die man als Zuschauer hat. Keine Figur – und sei es die noch so kleinste Nebenrolle – scheint nicht als Puzzlestück zu fungieren. Sie alle sind Teil eines großen Ganzen, das sich erst mit der Zeit nach und nach vervollständigt. Ganz so, als würde man die Seiten eines dicken Horrorromans einzeln lesen und sie erst im Nachhinein binden.

Dieser Film könnte dir gefallen, wenn du DAS OMEN oder DAS GEHEIME FENSTER mochtest.

 
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