Marty Supreme

Mit MARTY SUPREME wird aus einem vermeintlichen Nischenprojekt einer der aufregendsten Filme des Jahres. Getragen von einer entfesselten Performance von Timothée Chalamet und inszeniert mit der typischen Safdie-Rastlosigkeit, entwickelt sich ein intensiver Trip zwischen Größenwahn und Selbstzerstörung.

OT: Marty Supreme (FIN/USA 2025)

Darum geht’s

Schuhverkäufer Marty (Timothée Chalamet) kennt in seinem Leben im Grunde nur ein Ziel: den Aufstieg in die oberste Liga des Tischtennissports – jenen Olymp der gefeierten Athleten, zu dem er sich selbst längst zählt, auch wenn ihm die Welt diese Zugehörigkeit noch schuldig bleibt. Um die Reise zu einem Turnier in London zu finanzieren, setzt der junge New Yorker alles auf eine Karte, nur um dort im entscheidenden Moment am japanischen Ausnahmespieler Endo (Koto Kawaguchi) zu scheitern. Eine Niederlage, die weniger als Rückschlag denn als Ausgangspunkt fungiert. Denn fortan begibt sich Marty auf die Odyssee eines Getriebenen, der bereit ist, für Ruhm und Anerkennung jede Grenze zu überschreiten…

Kritik

Dass sich ausgerechnet ein vergleichsweise kleines, zwischen Charakterstudie und Sportdrama angesiedeltes Projekt wie „Marty Supreme“ zu einem der größten Überraschungserfolge des US-Kinowinters entwickeln würde, war im Vorfeld kaum abzusehen. Mit einem Produktionsbudget von rund 25 Millionen Dollar gestartet, spielte der Film allein in Nordamerika innerhalb weniger Wochen über 140 Millionen wieder ein und ließ damit selbst deutlich teurere Studioveröffentlichungen hinter sich. Ein Kunststück, das zuletzt vor allem originären Stoffen nur noch selten gelingt und eher an Phänomene wie „Everything Everywhere All at Once“ oder „Whiplash“ erinnert. Ein nicht unerheblicher Anteil dieses Erfolgs dürfte auf die ungewöhnlich konsequent durchgezogene Marketingstrategie zurückzuführen sein. Allen voran Hauptdarsteller Timothée Chalamet („Wonka“), der nicht nur die Pressetour dominierte, sondern bei zahlreichen Auftritten demonstrativ in der Rolle seines exzentrischen Tischtennis-Genies Marty blieb und damit die Grenzen zwischen Filmfigur und öffentlicher Persona bewusst verschwimmen ließ. Ein Ansatz, der nicht nur in den sozialen Medien für Aufmerksamkeit sorgte, sondern auch dem Film selbst eine Aura des Ereignishaften verlieh. Spätestens mit den ersten Kritikerpreisen kippte die Wahrnehmung dann endgültig: Aus dem Überraschungshit wurde ein ernstzunehmender Player im Awards-Zirkus, der inzwischen als einer der Favoriten für die anstehenden Oscars gehandelt wird – nicht zuletzt dank Chalamets vielfach als Karrierebestleistung gehandelter Performance.

Marty (Timothée Chalamet) und die von ihm faszinierte Filmschauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow).

Dass sich die Aufmerksamkeit im Zuge dieses Erfolgs nahezu zwangsläufig in Timothée Chalamet bündelt, ist dabei alles andere als überraschend. Seine Interpretation des exzentrischen Tischtennis-Wunderkinds Marty trägt den Film nicht nur, sie definiert ihn regelrecht. Chalamet gelingt das Kunststück, die schillernde, mitunter selbstzerstörerische Energie seiner Figur jederzeit spürbar zu machen, ohne sie zur bloßen Karikatur verkommen zu lassen. Stattdessen verleiht er Marty eine nervöse Rastlosigkeit, die sich gleichermaßen in den schnellen Wortgefechten als auch in den hochkonzentrierten Spielsequenzen entlädt. Dabei hilft ihm nicht zuletzt, dass „Marty Supreme“ lose auf der realen Figur des US-Tischtennisprofis Marty Reisman basiert, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren als ebenso talentiert wie exzentrisch galt. Und doch ist der Film weit davon entfernt, ein klassisches Biopic zu sein. Zu frei geht er mit den überlieferten Stationen um, zu sehr interessiert er sich für die Verdichtung einer Künstler- beziehungsweise Sportlerpersona, anstatt für eine chronologische Nacherzählung von Lebensdaten. „Marty Supreme“ nutzt die Figur Reisman eher als Ausgangspunkt für eine stilisierte Annäherung an Geniekult, Egozentrik und Selbstinszenierung. Ein Ansatz, der Chalamet den nötigen Raum gibt, seine Darstellung bewusst zwischen realistischer Verankerung und performativer Überhöhung auszutarieren. Gerade in dieser Schwebe liegt letztlich auch die besondere Qualität seiner Performance.

„Es ist ein rastloses, mitunter bewusst überforderndes Kino, das kaum Momente der Ruhe zulässt und selbst in vermeintlichen Zwischenphasen eine latente Anspannung aufrechterhält.“

Diese beinahe fiebrige Unruhe, die Chalamets Spiel durchzieht, findet in der Inszenierung von Josh Safdie ihre konsequente Entsprechung. Schon in „Good Time“ und vor allem in „Der schwarze Diamant“ hat Safdie – dato noch gemeinsam mit seinem Bruder Benny – eine Handschrift etabliert, die weniger auf klassische Spannungsbögen als auf ein permanentes Gefühl der Überforderung setzt. Ein Stil, der auch „Marty Supreme“ durchzieht wie ein elektrischer Strom. Die Kamera von Darius Khondji („Eddington“) klebt förmlich an ihrer Hauptfigur, verfolgt sie durch enge Hinterzimmer und grell ausgeleuchtete Turnierarenen, immer auf der Suche nach dem nächsten Impuls. Es ist ein rastloses, mitunter bewusst überforderndes Kino, das kaum Momente der Ruhe zulässt und selbst in vermeintlichen Zwischenphasen eine latente Anspannung aufrechterhält. Doch „Marty Supreme“ ist dabei immer auch humorvoll. Auf der einen Seite entsteht der Witz aus bisweilen völlig absurden WTF-Momenten, von denen eine Szene mit einer Badewanne symptomatisch zu nennen ist. Auf der anderen speist sich der Humor auch aus dem Charakter Marty selbst, der mit einer Dreistigkeit durch sein Leben schreitet, für die das Wort „Chuzpe“ einst erfunden wurde. Maßgeblich getragen wird dieser Eindruck der Ruhelosigkeit durch das Zusammenspiel von nervös geführter Kamera und einem nahezu unablässig pulsierenden Score (Daniel Lopatin, „Der schwarze Diamant“), der den Film vor sich hertreibt. Ganz so, als wäre auch die Inszenierung selbst dem inneren Druck ihrer Hauptfigur unterworfen.

Mit seiner Hartnäckigkeit erweckt Marty Aufsehen vom schwerreichen Stifte-Millionär Milton Rockwell (Kevin O’Leary).

Auch auf der Erzählebene setzt sich diese Rastlosigkeit fort. „Marty Supreme“ verweigert sich einer klar strukturierten Dramaturgie und stürzt seine Hauptfigur stattdessen von einer Episode in die nächste, als würde Stillstand für sie schlicht nicht existieren. Marty zieht wie ein Getriebener durch die sogenannte „Ping-Pong-Mafia“ und damit durch ganz unterschiedliche Milieus. Die Schneise der Verwüstung, die er dabei hinterlässt, zeigt sich weniger in physischer Zerstörung als vielmehr in zwischenmenschlichen Ver- und Überwerfungen. Beziehungen werden ebenso schnell aufgebaut, wie sie wieder zerbrechen. Besonders deutlich wird das im Zusammenspiel mit den Nebenfiguren: etwa mit seinem zunächst wohlwollenden Gönner (Kevin O’Leary), dessen Geduld von Martys Egozentrik systematisch auf die Probe gestellt wird, oder mit einer jungen Förderin aus wohlhabendem Hause (Gwyneth Paltrow), die zunehmend zwischen Faszination und Überforderung schwankt. Auch in flüchtigen Bekanntschaften – seien es dubiose Geschäftspartner oder rivalisierende Spieler – eskaliert die Dynamik oft innerhalb weniger Szenen, weil Marty schlicht nicht in der Lage ist, sich irgendeiner Form von Stabilität zu unterwerfen. Dass die Handlung dabei bisweilen ins bewusst Überhöhte kippt und sich mitunter in Milieus vorwagt, die eher wie stilisierte Projektionsflächen denn realistische Lebensräume wirken, fügt sich letztlich nahtlos in das Gesamtbild ein. Denn „Marty Supreme“ interessiert sich weniger für Plausibilität als für den permanenten Vorwärtsdrang seiner Figur. Bezeichnend ist dabei auch, dass der Tischtennissport selbst – vermeintlich das Zentrum der Geschichte – über weite Strecken in den Hintergrund rückt. Und doch gehören gerade die wenigen, dann umso konzentrierter inszenierten Spielszenen zu den stärksten Momenten des Films, weil sie die zuvor aufgestaute Energie in eine klare, fast schon kathartische Form überführen.

„Dass die Handlung dabei bisweilen ins bewusst Überhöhte kippt und sich mitunter in Milieus vorwagt, die eher wie stilisierte Projektionsflächen denn realistische Lebensräume wirken, fügt sich letztlich nahtlos in das Gesamtbild ein.“

Fazit: „Marty Supreme“ ist ein ebenso mitreißendes wie forderndes Porträt eines Getriebenen, das seine größte Stärke aus dem Zusammenspiel von Timothée Chalamets elektrisierender Performance und Josh Safdies ruheloser Inszenierung zieht. Dass der Film dabei erzählerisch bisweilen über das Ziel hinausschießt und sich mehr für Dynamik als für Plausibilität interessiert, ist weniger Schwäche als bewusstes Statement. So entsteht ein intensives, stellenweise erschöpfendes Kinoerlebnis, das gerade in seinen stärksten Momenten eine Wucht entfaltet, der man sich nur schwer entziehen kann.

„Marty Supreme“ ist ab dem 26. Februar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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