Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Manchmal reicht ein einziger Moment, um zu spüren, dass etwas fehlt – und dass es dafür keinen schnellen Trost gibt. ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE erzählt auf gleichermaßen schmerzhafte wie komische Weise von genau diesem Zustand. Ein Film über Kunst, das Erwachsenwerden und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt 

OT: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (DE 2026)

Darum geht’s

Nach dem plötzlichen Tod seines Bruders Philipp gerät das Leben des jungen Joachim (Bruno Alexander) aus dem Gleichgewicht. Von Schuldgefühlen, körperlichen Beschwerden und einer tiefen inneren Leere geplagt, beschließt er kurzerhand, sich an einer der renommierten Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München zu bewerben – und wird prompt genommen. Um abseits seiner Ausbildung endlich zur Ruhe zu kommen, zieht er bei seinen Großeltern Hermann (Michael Wittenborn) und Inge (Senta Berger) ein und profitiert durchaus von Inges Vergangenheit als gefeierte Schauspielerin. Während er tagsüber weiterhin versucht, sich im gnadenlosen Betrieb der Schule zu behaupten, ist der Alltag im Haus der Großeltern geprägt von Erinnerungen, Routinen und der zunehmenden Vergänglichkeit. Doch langsam findet er Freund:innen – und vielleicht auch seinen Platz im Leben…

Kritik

Der Name Joachim Meyerhoff ist längst nicht mehr nur Theatergänger:innen ein Begriff. Zwar begann seine Karriere auf der Bühne, unter anderem als Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Doch vor allem mit seinen stark autobiografisch geprägten Büchern – von „Amerika“ über „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ bis „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ – hat er sich als eine der prägnantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur etabliert. Meyerhoff schreibt körperlich, szenisch und dialogreich über familiäre Brüche, Verluste und existenzielle Krisen. Stets getragen von einer Tragikomik, die Schmerz nie leugnet, ihn aber auch nie ausstellt. Dass sich diese Texte besonders gut für Verfilmungen eignen, zeigte bereits die Kinoadaption von „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, die seinen spezifischen Tonfall erstaunlich treffsicher ins Bild übersetzte. Mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ rückt nun ein späteres Kapitel seines autobiografischen Kosmos in den Fokus: weniger Kindheit und familiäres Chaos, dafür umso stärker das schmerzhafte Bewusstsein eines Mangels – jener Lücke, die sich weder durch Erinnerung noch durch Humor dauerhaft schließen lässt.

Hermann (Michael Wittenborn) und Inge (Senta Berger) haben so ihre ganz eigenen Gewohnheiten…

Dass Simon Verhoeven („Willkommen bei den Hartmanns“) der richtige Regisseur für diesen Stoff ist, zeigt sich weniger an formalen Entscheidungen als an seiner Haltung zum Erzählen. Verhoeven ist immer dann am stärksten, wenn er sich nicht darauf beschränkt, gesellschaftliche oder zwischenmenschliche Standpunkte gegeneinander auszuspielen, sondern den Mut hat, sich einer Perspektive auszusetzen – mit all ihren Widersprüchen, Unschärfen und Verletzlichkeiten. Gerade in seinen persönlicher angelegten Arbeiten entfaltet er ein Gespür für Figuren, die nicht repräsentieren wollen, sondern schlicht existieren dürfen. Für einen Stoff wie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, der von inneren Brüchen und körperlicher wie seelischer Verunsicherung lebt, erweist sich genau diese Zurückhaltung als entscheidende Qualität. Verhoeven hört seinem Protagonisten zu, statt ihn zum Argument zu machen – und schafft damit den notwendigen Raum für die leisen, schmerzhaften Zwischentöne, aus denen Meyerhoffs Text seine Kraft bezieht.

„Während die Schauspielschule die brutale Gegenwart eines Systems zeigt, das aussortiert, bewertet und normiert, wirkt der Alltag bei den Großeltern wie ein Echo aus der Vergangenheit, in dem Kunst, Ruhm und familiäre Nähe längst miteinander verwoben sind. Beide Ebenen verstärken sich gegenseitig.“

Erzählerisch entfaltet sich „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ als bewusst zweigeteilte Geschichte, deren Stränge sich weniger abwechseln als gegenseitig spiegeln und zuspitzen. Auf der einen Seite steht der Aufenthalt an der Schauspielschule. Geprägt von Konkurrenz, körperlicher Überforderung und der schmerzhaften Erfahrung, dass Talent allein weder Schutz noch Halt bietet. Auf der anderen Seite steht das Leben bei den Großeltern, das einen scheinbar ruhigen Rückzugsort bietet. Der jedoch alles andere als frei von Ambivalenzen ist. Nicht zuletzt, weil die Großmutter selbst eine gefeierte Schauspielerin war und damit ein Bild von künstlerischer Größe verkörpert, an dem sich der Protagonist unweigerlich misst. Während die Schauspielschule die brutale Gegenwart eines Systems zeigt, das aussortiert, bewertet und normiert, wirkt der Alltag bei den Großeltern wie ein Echo aus der Vergangenheit, in dem Kunst, Ruhm und familiäre Nähe längst miteinander verwoben sind. Beide Ebenen verstärken sich gegenseitig: Der Leistungsdruck der Ausbildung lässt die häusliche Geborgenheit brüchig erscheinen, während die Aura der Großmutter die eigenen Zweifel an der Bühne noch schmerzhafter konturiert. So entsteht ein Spannungsfeld, in dem es weniger um das Erlernen eines Berufs geht als um die existenzielle Frage, welchen Platz Kunst und Identität im eigenen Leben überhaupt einnehmen dürfen.

Inge erkennt das Schreibtalent ihres Enkels Joachim (Bruno Alexander).

Im Tonfall findet Verhoeven ein bemerkenswertes Gleichgewicht zwischen Tragik und Komik, das dem Film seine Erdung verleiht. Die titelgebende „Lücke“ zeigt sich in Momenten des Verlusts, der körperlichen und seelischen Überforderung sowie in der leisen Vergänglichkeit, die das Zusammenleben mit den Großeltern durchzieht. Etwa wenn Alltagsrituale, viele davon alkoholgetränkt, brüchig werden oder Erinnerungen mehr Gewicht besitzen als die Gegenwart. Gleichzeitig erlaubt sich der Film immer wieder komische Entlastungen, vor allem im Kosmos der Schauspielschule, dessen spleenige Dozent:innen, absurde Übungen und zugespitzte Prüfungssituationen reichlich Situationskomik erzeugen. Wenn Studierende mit größtem Ernst große Weltliteratur vortragen müssen, dabei jedoch als Tiere agieren, wird Verhoevens Gespür für Komik besonders deutlich. Doch das Lachen richtet sich nie gegen die Figuren. Weder die Schauspielschule noch ihre Rituale werden der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern erscheinen als notwendige, wenn auch mitunter grausame Durchgangsstation auf der Suche nach künstlerischer Identität. Gerade deshalb treffen die stillen, schmerzhaften Momente – ein körperlicher Zusammenbruch, ein wortloser Blick der Großmutter, das Gefühl des Zurückbleibens – umso nachhaltiger.

„Die Mischung aus bekannten Gesichtern und frischen Talenten sorgt für ein lebendiges Zusammenspiel, in dem sich unterschiedliche Schauspielstile ergänzen.“

Auch das Ensemble erweist sich als großer Glücksfall. Allen voran Senta Berger („Willkommen bei den Hartmanns“), deren Besetzung als Großmutter weit mehr ist als ein augenzwinkernder Kommentar auf Schauspieltradition oder ein bloßer Familiendienst Verhoevens an seine Mutter. Sie verleiht der Figur Würde, Melancholie und eine leise Ironie, die Vergänglichkeit und Bühnenerfahrung glaubhaft vereint. Mit „Die Discounter-„Star Bruno Alexander steht ihr ein bemerkenswert unverbrauchter Hauptdarsteller gegenüber, der Zerrissenheit und Verletzlichkeit offen trägt, ohne ins demonstrative Leiden zu kippen. Unter den Nebenrollen sticht Momo Beier („Die drei ??? – Toteninsel“) hervor, die mit großer Zurückhaltung und dennoch enormer Präsenz spielt. Pointierte Gastauftritte von Karoline Herfurth („Wunderschön“), Tom Schilling („Lara“) und Anne Ratte-Polle („Der Geburtstag“) fügen sich organisch ins bunte Ensemble ein. Die Mischung aus bekannten Gesichtern und frischen Talenten sorgt für ein lebendiges Zusammenspiel, in dem sich unterschiedliche Schauspielstile ergänzen – abgerundet von Laura Tonke („Amrum“) und Devid Striesow („Der Junge muss an die frische Luft“), die erneut in die bereits aus „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ bekannten Elternrollen schlüpfen.

Während der Zeit an der Schauspielschule wachsen die Schüler:innen nach und nach zu einer Einheit zusammen.

Fazit: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gelingt als ein ebenso sensibles wie selbstbewusstes Kino-Porträt über Verlust, Selbstzweifel und die fragile Suche nach Identität. Simon Verhoeven findet für Joachim Meyerhoffs Text einen Ton, der Tragik und Komik nicht gegeneinander ausspielt, sondern sich gegenseitig verstärken lässt – getragen von starken Darsteller:innen und einem spürbaren Respekt vor den Figuren. So entsteht ein persönlicher, berührender Film, der lange nachhallt, gerade weil er die titelgebende Lücke nicht schließen will, sondern sie aushält.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist ab dem 29. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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