Silent Friend

Stille kann lauter sein als Worte: SILENT FRIEND entführt die Zuschauer:innen in ein Jahrhundert voller Geheimnisse, Sehnsüchte und leiser Beobachtungen. Mit seinem meditativem Erzählstil und der starken Bildsprache wird jeder Blick auf Mensch und Natur zu einem Erlebnis.

OT: Stille Freundin (DE/HUN/FR/CHN 2025)

Darum geht’s

Mitten im Botanischen Garten der Marburger Universität steht ein majestätischer Ginkgobaum. Über mehr als 100 Jahre hinweg wird er zum stillen Zeugen verschiedener Schicksale. Das erste ereignet sich im Jahr 1908: Grete (Luna Wedler), die erste Frau, die an der Universität zugelassen wird, kämpft mit patriarchalen Vorurteilen. Sie entdeckt ihre Leidenschaft für die Fotografie und durch das Beobachten von Pflanzen verborgene Muster und Aspekte des Universums. 1972 verbringt der junge Student Hannes (Enzo Brumm) Zeit mit einer Geranie und wird durch diese konzentrierte, fast meditative Beobachtung tief verändert. In dieser Zeit entwickelt sich auch seine Beziehung zu einer Kommilitonin (Marlene Burow), die sich ebenfalls für Pflanzenforschung interessiert. 48 Jahre später, während der Corona‑Pandemie, ist der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) auf dem Universitätscampus isoliert. Angetrieben von seiner Forschung über das menschliche Bewusstsein beginnt er ein ungewöhnliches Experiment mit dem alten Ginkgobaum und versucht, mehr über Wahrnehmung, Verbindung und Kommunikation zu lernen.

Kritik

Botanisch gesehen ist der Ginkgobaum eine echte Ausnahmeerscheinung: Als einzig lebende Art einer uralten Pflanzenfamilie gilt er als „lebendes Fossil“, dessen fächerförmige Blätter und außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit ihn von nahezu allen anderen Bäumen unterscheiden. Diese Eigenständigkeit hat früh eine starke Symbolik hervorgebracht. Der Ginkgo steht zugleich für Beständigkeit und Wandel, für das Überdauern von Zeit, Katastrophen und Vergänglichkeit. Aber auch für die Versöhnung von Gegensätzen, etwa durch die oft zitierte Zweiteilung seiner Blätter. Entsprechend häufig taucht er in Kunst und Popkultur auf. In der Lyrik Goethes ebenso wie in ostasiatischen Mythen, in Literatur, Filmen und Serien. Wann immer er erscheint, trägt der Ginkgo mehr Bedeutung, als es seine scheinbar schlichte Präsenz zunächst vermuten lässt. Genau diese macht sich nun auch die „Körper und Seele“-Regisseurin Ildikó Enyedi zu Eigen. In ihrem neuen Film „Silent Friend“ ist ein ebensolcher Ginkgobaum stiller Zeuge von Erinnerung, Verlust und Neubeginn.

Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) verbringt im Jahr 2020 seine Gastprofessur an der Universität Marburg.

Über 100 Jahre umfasst die in „Silent Friend“ erzählte Geschichte; oder besser: die Geschichten. Insgesamt drei an der Zahl. Jede von ihnen spielt zu einer anderen Dekade. Und genauso genießt auch jede einzelner Handlungsstrang seinen ganz eigenen Inszenierungsstil. Angefangen im Jahre 1908: Ein grobkörniges Schwarz-Weiß dominiert die Leinwand, Kameramann Gergely Pálos („Summer to Come“) setzt auf klar strukturierte, weitestgehend schnörkellose Bilder. Vor allem das Gesicht der Episoden-Protagonistin Grete erhebt Pálos mit seinen zahlreichen Close-Ups zum Faszinosum. Wohl auch deshalb, weil Luna Wedler („22 Bahnen“) – ohnehin eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation – in „Silent Friend“ einmal mehr ihr beachtliches Gespür für subtile gespielte emotionale Ausnahmezustände unter Beweis stellt. Vor einer mehrköpfigen Runde rein männlicher Uni-Professoren wird ein Bewerbungsgespräch zu einem hochspannenden Psychoduell. Unsichtbare Vorurteile liegen im Raum und prägen jede Frage und jede Antwort. Sexismus und Misogynie durchziehen das Gespräch wie ein feines Gift. Es geht nicht um Leben und Tod. Und doch steht alles auf dem Spiel. Denn das Gespräch entscheidet über die Aufnahme an der Marburger Universität, an der sich sämtliche Geschichten in „Silent Friend“ abspielen.

„All das verhilft dem Film zu einem Rhythmus, der bewusst mit Erwartungen bricht und so eine eigentümliche Spannung zwischen Ruhe und Dringlichkeit erzeugt. Damit gelingt der Form etwas, was die Handlung nicht immer einlöst.“

Der titelgebende „stille Freund“ spielt in Wedlers Episode kaum eine Rolle. Immer mal wieder begibt sich Grete in den Garten, findet Zuflucht im Schatten des Ginkgos oder trifft sich hier mit Freundinnen. Um etwas „Größeres“ wie etwa das Schicksal des Baumes selbst geht es in „Silent Friend“ nie. Stattdessen geht es um die Menschen um ihn herum, deren Lebenswege sich im Laufe der 147 Minuten nie kreuzen. Wie auch: Spielen die Episoden doch in völlig verschiedenen Jahrzehnten. Trotzdem unterliegt „Silent Friend“ der Struktur eines Episodenfilms. Ildikó Enyedi, die nicht nur für die Regie, sondern auch für das Drehbuch verantwortliche zeichnete, springt zwischen den einzelnen Handlungssträngen munter hin und her. Völlig losgelöst von irgendwelchen starren Mechanismen dauern manche Szenen nur wenige Sekunden, andere nehmen dagegen deutlich mehr Zeit und Raum in Anspruch. Auf die Schwarz-Weiß-Aufnahmen folgt krisselig-glühendes, farbenfrohes Siebzigerjahrefeeling. Die Gegenwart zeigt sich dagegen in einer modernen Hochglanzoptik, in der sich die moderne Architektur der Universitätsgebäude widerspiegelt. All das verhilft dem Film zu einem Rhythmus, der bewusst mit Erwartungen bricht und so eine eigentümliche Spannung zwischen Ruhe und Dringlichkeit erzeugt. Damit gelingt der Form etwas, was die Handlung nicht immer einlöst, aber vielleicht ja auch gar nicht gezielt anstrebt. Ildikó Enyedi will vor allem beobachten und nimmt den begrenzten Raum des Uni-Campus‘ als eigenen Lebenskosmos wahr. Dieser verändert sich über die Jahre, doch gewisse Elemente wiederholen sich oder bleiben gleich – wie der Ginkgo.

Die Studentin Gundula (Marlene Burow) trifft 1972 an der Uni Marburg auf Hannes (Enzo Brumm).

Erzählerisch strebt keine der drei Episoden auf ein konkretes Ziel hin. Das kann sich mitunter frustrierend anfühlen, wenn jeder einzelne Handlungsstrang lose auf einer „Und was jetzt?“-Note endet. In „Silent Friend“ ist der Weg das Ziel. Wir erleben Gretes Selbstfindung, genauso wie die Corona-Monate des Neurowissenschaftlers Tony Wong, der an einem so gut wie leeren Campus seinen Forschungen nachgeht – und dabei versucht, nicht verrückt zu werden. Die in den frühen Siebzigern angesiedelte Episode rund um zwei junge Biologiestudent:innen, die aus der Ferne – und über die Pflege einer Geranie – zarte Bande knüpfen, erinnert in seiner elliptischen Erzählweise und der gleichermaßen flirrenden wie reduzierten Inszenierung stark an die Filme eines Christian Petzold („Roter Himmel“). In ihr lässt sich noch am ehesten so etwas wie ein Spannungsaufbau erkennen; Doch zur in jedem anderen Film erwartbaren Eskalation kommt es auch hierin nicht. Wie schon in den anderen beiden Geschichten läuft auch diese vor allem auf eine gemeinsame, tiefere Erkenntnis über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur hinaus. Zusammen mit den anderen beiden ergibt sich ein Bild davon, dass Menschen nicht getrennt von der Natur existieren, sondern Teil eines komplexen, empfindsamen Systems sind – und dass wahre Erkenntnis oft nicht durch Analyse, sondern durch achtsame, demütige Beobachtung entsteht.

„Erzählerisch strebt keine der drei Episoden auf ein konkretes Ziel hin. Das kann sich mitunter frustrierend anfühlen, wenn jeder einzelne Handlungsstrang lose auf einer ‚Und was jetzt?‘-Note endet. In ‚Silent Friend‘ ist der Weg das Ziel.“

Fazit: „Silent Friend“ beeindruckt vor allem durch seine atmosphärische Inszenierung und die symbolische Präsenz des Ginkgobaums, während die episodische Erzählweise bewusst auf traditionelle Spannungsbögen verzichtet. Der Film lädt dazu ein, das Verhältnis von Mensch und Natur achtsam zu betrachten, und besticht durch feine, poetische Beobachtungen statt handlungsgetriebene Dramatik. So entsteht ein stiller, nachklingender Film, der eher zum Nachdenken anregt, anstatt mitzureißen.

„Silent Friend“ ist ab dem 8. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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