A House of Dynamite

Schon nach wenigen Sekunden sitzt der Puls im Hals: In Kathryn Bigelows A HOUSE OF DYNAMITE treibt ein Atombombenalarm die Welt an den Rand des Untergangs. Die Regisseurin verwandelt 18 Minuten Echtzeit in ein atemloses Lehrstück über Macht, Moral und menschliches Versagen.

OT: A House of Dynamite (USA 2025)

Darum geht’s

Als die nationale Sicherheitsberaterin Captain Olivia Walker (Rebecca Ferguson) an diesem Morgen den White House Situation Room betritt, ahnt sie nicht, in was für einer Ausnahmesituation sich ihr Land schon bald befindet. Plötzlich taucht auf dem großen Überwachungsbildschirm eine Interkontinentalrakete auf – und diese nimmt direkten Kurs auf Chicago. Während Satellitenbilder, Funkmeldungen und Radarergebnisse ein chaotisches Mosaik aus widersprüchlichen Informationen liefern, muss die amerikanische Regierung innerhalb weniger Minuten auf eine mögliche nukleare Bedrohung reagieren. Olivia versucht, den US-Präsidenten (Idris Elba) von einem übereilten Gegenschlag abzuhalten und der Verteidigungsminister im Pentagon koordiniert ein Krisenteam, das zwischen rationaler Analyse und wachsender Panik schwankt. Parallel dazu nehmen Soldaten in unterirdischen Abschussbunkern Position ein, Geheimdienstanalysten werten Daten aus und unter den US-amerikanischen Zivilisten macht sich Panik breit. Kann der nukleare Super-GAU innerhalb von 18 Minuten abgewendet werden?

Kritik

50 Gramm Dynamit reichen aus, um einen dicken Betonblock zu sprengen. Ein Kilo davon kann einen kleinen Raum vollständig zerstören. Und noch größere Mengen sind in der Lage, ganze Wohnhäuser und Gebäudekomplexe dem Erdboden gleichzumachen. Daher ist die von Kathryn Bigelow („Detroit“) für ihren ersten Spielfilm seit acht Jahren gewählte Metapher des „Hauses voller Dynamit“ eine clever gewählte. Beschreibt sie den Zustand der aktuellen Weltpolitik doch aufs Vortrefflichste: instabil, unter massivem Druck stehend und letztlich doch tief verborgen im Inneren. Schon ein kleiner Fehler, eine falsche Entscheidung oder ein Missverständnis zwischen zwei Nationen, könnten jederzeit einen nuklearen Konflikt auslösen – das sinnbildliche, schließlich auch das buchstäbliche Dynamit jederzeit explodieren. Nukleare Abschreckung und geopolitische Spannungen bilden das Grundgerüst für „A House of Dynamite“. Und zwar ganz ohne im Laufe der knapp zwei Stunden überhaupt eine Explosion zu zeigen. Trotzdem kreiert der vereinzelt ins Kino kommende und anschließend direkt auf Netflix veröffentlichte Film eine ungeheure Anspannung, gepaart mit einer Dringlichkeit, über die moralischen Dilemmata in der hier veranschaulichten Ausnahmesituation aufzuklären.

Beim Militär blickt man mit großer Sorge auf den großen Bildschirm, auf dem sich ein blinkender Punkt immer schneller auf Chicago zubewegt.

„A House of Dynamit“ umfasst genau genommen nur 18 Minuten. Ab dem ersten Erscheinen einer nuklearen Interkontinentalrakete auf dem Bildschirm der US Strategic Command (in Deutschland in etwa vergleichbar mit dem Bundesministerium für Verteidigung) läuft fortan gnadenlos ein Countdown herunter, an dessen Ende der Sprengsatz in Chicago einschlagen wird. Angeführt von der resoluten, klar strukturierten leitenden Offizierin Captain Olivia Walker sieht man der Besatzung des White House Situation Rooms fortan beim Rotieren zu. Wahrscheinlichkeiten werden berechnet, mögliche Abwehrmaßnahmen ausgelotet und trotz aller Ausweglosigkeit nie resigniert. Erst kurz vor der unabwendbaren Katastrophe blitzen verstärkt die menschlichen Züge der bis dato so professionell und rational handelnden Mitarbeiter:innen durch. Etwa wenn Olivia entgegen des eigentlichen Verbots ihr Smartphone zur Hand nimmt, um ihren Ehemann ein möglicherweise letztes Mal anzurufen. Kathryn Bigelow zeichnet diese Ausnahmesituation mit beeindruckender Präzision nach. Dabei nimmt sie der Authentizität wegen keinerlei Rücksicht darauf, ob ihr Publikum auch wirklich jeden einzelnen Fachbegriff versteht. Zwar werden immer mal wieder die Namen hier wichtiger Institutionen eingeblendet. Doch deren Funktionalität und Stellenwert in diesem ganzen Prozess muss man sich selbst erschließen.

„Nach Ablauf der 18 Minuten springt die Handlung vom US Strategic Command nach Alaska, wo dieselbe Situation aus der Perspektive des US-Militärs geschildert wird. Immer wieder gibt es konkrete Überschneidungen der insgesamt drei Handlungsstränge. Die dritte Episode spielt direkt im Weißen Haus.“

Trotzdem hat man nie das Gefühl, als Zuschauer:in außen vor zu sein. Dafür ist das hier geschilderte Szenario in seiner Gesamtheit einfach viel zu eindeutig. Darüber hinaus nutzt Kathryn Bigelow noch einen weiteren entscheidenden Inszenierungskniff abseits des sehr kleinen Erzählzeitraums: Nach Ablauf der 18 Minuten springt die Handlung vom US Strategic Command nach Alaska, wo dieselbe Situation aus der Perspektive des US-Militärs geschildert wird. Immer wieder gibt es konkrete Überschneidungen der insgesamt drei Handlungsstränge (die dritte „Episode“ spielt direkt im Weißen Haus). Vor allem eine sehr präsente Videokonferenz zwischen den wichtigsten Entscheidern zieht sich wie ein Roter Faden durch den Film, um den herum immer mehr Details nach und nach ein großes Ganzes bilden – und einen immer besseren Blick darauf gewährleisten, was für ein Super-GAU allen Beteiligten, insbesondere der (Chicagoer) Bevölkerung hier bevorsteht. Kathryn Bigelow muss die Spannungsschraube daher gar nicht mehr künstlich anziehen. Inszenatorische Sperenzchen finden sich in „A House of Dynamite“ – abseits der Struktur selbst – keine. Sachlich und nüchtern gefilmt, sprechen die auf den Punkt formulierten Dialoge für sich. Drehbuchautor Noah Oppenheim („Jackie“) arbeitet hier ganz in der Tradition eines Aaron Sorkin.

Deputy National Security Advisor Jake Baerington (Gabriel Basso) auf dem Weg in den Hexenkessel.

Während der Druck innerhalb der einzelnen Gremien mit jeder Sekunde weiter ansteigt, nimmt es sich Bigelow heraus, zwischendurch für kurze Szenen das direkte Geschehen zu verlassen. Nötig gewesen wäre das nicht. Dienen die kurzen Abstecher ins Private der handelnden Figuren doch eigentlich nur dazu, zu betonen, dass hier bei aller Professionalität immer noch Menschen am Werk sind. Das macht „A House of Dynamite“ aber ohnehin jederzeit deutlich. Den überragenden Darstellerinnen und Darstellern sei Dank. Für jede Episode sucht sich Bigelow eine zentrale Handlungsfigur heraus. Rebecca Ferguson („Mission: Impossible – Fallout“) überzeugt als stets um Ruhe und Überblick bemühte Offizierin, die mit ihren Emotionen so lange hinterm Berg hält, bis es auch aus ihr irgendwann herausbricht. Idris Elba („Thor: Love & Thunder“) übernimmt die Rolle des US-Präsidenten, dessen Kompetenzen (oder eben fehlende Kompetenzen) nie so richtig ersichtlich werden. Wenn in den ersten beiden Episoden bei POTUS nur ein schwarzer Bildschirm im Videocall zu sehen ist (und man nicht von der Besetzung durch Idris Elba weiß), lässt sein Duktus zeitweise auch Anleihen an Donald Trump vermuten. So ist ausgerechnet der mächtigste Mensch der Welt in dieser Situation auch der am wenigsten einzuschätzende. Zumindest so lange, bis wir die 18 Minuten noch einmal aus seiner Perspektive erleben. Doch auch wenn sich Bigelow für jede Episode eine zentrale Handlungsfigur aussucht, ist ihr Film am Ende doch vor allem eine beeindruckende Ensembleleistung.

„Während Kameramann Barry Ackroyd die vielen verschiedenen Innenräume abwechslungsreich einfängt, setzt Komponist Volker Bertelmann einschneidende akustische Akzente. Selbst wenn man von dieser Personalie nichts weiß, erkennt man bereits nach wenigen Streichereinsätzen: Das ist doch der von ‚Konklave‘!“

Das gilt auch für die technische Umsetzung. Während Kameramann Barry Ackroyd („Bombshell – Das Ende des Schweigens“) die vielen verschiedenen Innenräume abwechslungsreich einfängt, setzt Komponist Volker Bertelmann einschneidende akustische Akzente. Selbst wenn man von dieser Personalie nichts weiß, erkennt man bereits nach wenigen Streichereinsätzen: Das ist doch der von „Konklave“! Beide Scores – jener zu „A House of Dynamite“ und jener zu Edward Bergers oscarnominierter Vatikansoap – definieren sich über kurze, prägnante Tonabfolgen, was die Filmatmosphäre maßgeblich prägt. Insbesondere in den Momenten, in denen zwischen all dem Stimmengewirr dann doch mal für einen kleinen Moment nicht gesprochen wird. „A House of Dynamite“ als „‚Konklave‘ mit einer Atombombe“ zu bezeichnen, wäre zwar ein bisschen zu banal. Doch beide Filme verhandeln unter Zuhilfenahme von Thrillerelementen politische und institutionelle Spannungen in einer Ausnahmesituation, in der moralische und ethische Dilemmata ausgelotet werden. Und das alles hinter für die Allgemeinheit verschlossenen Türen.

Schlicht aber effektiv: Kathryn Bigelow setzt auf eine stimmungsvolle Kameraarbeit ohne viel Schnickschnack.

Fazit: Mit „A House of Dynamite“ inszeniert Kathryn Bigelow ein packendes, nüchternes Krisendrama über die Zerbrechlichkeit globaler Stabilität. Ohne Effekthascherei, aber mit intensiver Spannung zeigt sie, wie dünn die Linie zwischen Rationalität und Panik in einer nuklearen Bedrohung ist. Getragen von einem starken Ensemble und Volker Bertelmanns eindringlichem Score erinnert der Film atmosphärisch an Edward Bergers Konklave. Ein stiller, präziser und moralisch vielschichtiger Thriller über Macht, Verantwortung und das menschliche Versagen im Angesicht des Unvorstellbaren.

„A House of Dynamite“ ist ab dem 9. Oktober 2025 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen und ab dem 24. Oktober 2025 bei Netflix abrufbar.

One comment

  • Schon der Fokus auf die nüchterne Inszenierung hat bei mir ein leicht anderes Bild hinterlassen, denn etwas mehr emotionale Nähe hätte der Geschichte gutgetan.
    Gerade die vielen parallelen Entscheidungsprozesse wirkten auf mich fast wie ein komplexes digitales Einsatzsystem, das unter Zeitdruck perfekt funktionieren muss. Die Idee, Spannung ohne sichtbare Explosionen aufzubauen, bleibt trotzdem stark.

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