28 Years Later

23 Jahre nachdem „28 Days Later“ dem Zombiehorrorgenre neues Leben einhauchte, legt das bewährte Duo aus Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland endlich nach. Ihr dritter Teil 28 YEARS LATER ergänzt das Filmuniversum äußerst stimmig und erzählt dabei nicht nur von einer Zombieepidemie, sondern auch vom Erwachsenwerden.

OT: 28 Years Later (UK/USA 2025)

Darum geht’s

28 Jahre nach dem Ausbruch des Wutvirus in London haben einige Überlebende in der Abgeschiedenheit einer kleinen Insel eine Gemeinschaft aufgebaut. Nur ein ausschließlich bei Ebbe begehbarer Sandpfad trennt die Einheimischen vom Festland. Ein permanent bewachter Damm und eine ausgeklügelte Verteidigungsstrategie sorgen dafür, dass die Insel frei von Infizierten bleibt. Der junge Spike (Alfie Williams) ist hier in der Quarantäne groß geworden und ist fortan alt genug, um mit seinem Vater Jamie (Aaron Taylor-Johnson) auf das kontaminierte Festland zu gehen und Jagd auf die Zombies zu machen. Nach der Ermordung seines ersten Infizierten wird er von der Dorfgemeinschaft gefeiert. Doch Spike umtreiben große Sorgen. Seine Mutter Isla (Jodie Comer) ist schwer krank und leidet immer wieder unter schubartigen Wahnvorstellungen. Als der Junge durch Zufall erfährt, dass es auf dem Festland einen Arzt (Ralph Fiennes) geben soll, von dem sein Vater ihm nie erzählt hat, fasst er den Entschluss, diesen gemeinsam mit seiner Mutter zu suchen – und im besten Fall eine Heilung zu finden. 

Kritik

Seit 2019 hat kein Horrortrailer mehr Views eingesammelt als die Vorschau zu „Es: Kapitel 2“. Kein Wunder. War der Vorgänger doch so immens erfolgreich, dass das Publikum unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. In diesem Jahr machte sich der für den Schnitt verantwortliche Cutter Bill Neil schließlich selbst Konkurrenz. Sein Trailer zu „28 Years Later“ reihte sich mit über 150 Millionen Views innerhalb weniger Tage direkt hinter Stephen Kings Gruselclownikone ein und ist nun immerhin die zweiterfolgreichste Horrorfilmvorschau aller Zeiten. Dabei kamen dem zweieinhalbminütigen Clip gleich mehrere Mysterien zugute. Zum einen sorgte das krude, aus dem Marschgedicht „Boots“ stammende Voice-Over für wilde Spekulationen im Netz. Zum anderen sah einer der Infizierten dem einstigen „28“-Protagonisten Cillian Murphy („Oppenheimer“) so ähnlich, dass sich der eigentliche Darsteller Angus Neill selbst zu Wort melden und klarstellen musste, dass in Wirklichkeit er hinter dem großartigen Zombie-Make-Up steckt. Des Interesses an einer Fortsetzung der beiden Zombieschocker von 2002 und 2007 konnten sich die zwei Hauptverantwortlichen Danny Boyle („Yesterday“) und Alex Garland („Warfare“) fortan also sicher sein. Was für ein Glück, dass der Film dann auch noch hält, was der überragende Trailer verspricht.

Angus Neills Auftritt im Trailer sorgte bei Fans für die große Frage: Ist das nun Cillian Murphy, oder nicht?

„28 Days Later“ gelang vor nunmehr 23 Jahren etwas ganz Besonderes: Dem Film, über dessen Bezeichnung als Zombie– oder doch eher Infiziertenhorror sich vortrefflich streiten lässt, brachte frisches Blut in das angestaubte Untotensubgenre. Ab sofort durften sich Zombies nicht bloß schlurfend und schleichend fortbewegen, sondern ihren Opfern hinterherlaufen. Dieses Detail nutzte Danny Boyle, Regisseur des ersten Teils, direkt aus und verpasste seiner Neuinterpretation des Zombiehorrors ein ganz neues Image. Das sogenannte Wutvirus machte aus den Infizierten – im wahrsten Sinne des Wortes – rasende Bestien, denen er mit seiner wilden Inszenierung intensiv nahekam. Insbesondere die mit der Handkamera gedrehten Massen- und Jagdszenen waren von einer ungeahnten Dringlichkeit. Nun, 23 Jahre später, ließ Boyle seinen Kameramann Anthony Dod Mantle („T2 Trainspotting“) einmal mehr zum iPhone greifen, um einen Großteil seines Films zu bebildern. Wer nun aber glaubt, „28 Years Later“ müsse die Wackelkameraästhetik (mit all ihren Vor- und auch Nachteilen!) noch einmal steigern, um dem für Hollywood typischen „Höher, schneller, weiter!“-Prinzip zu folgen, der irrt. Das Wutvirus heißt zwar weiterhin nicht umsonst so, doch Boyle lässt in „28 Years Later“ sehr viele verschiedene Inszenierungsansätze aufeinanderprallen. Das geht nicht immer auf, wirkt es doch manchmal ein wenig willkürlich, wann genau jetzt der klassische Hollywoodhochglanz, wann ein bisweilen unscharf-körniger Homevideostil, Nachtsichtbilder oder wilde Wackelkameraspielereien mit eingeschobenen Flashbacks (die auch wieder alle einen anderen Stil aufweisen) zum Einsatz kommen.

„Alex Garland erklärt die Mechanismen innerhalb der Gemeinschaft, betont die Alltagsroutinen und findet immer wieder die Zeit für kleine Details, um durchgehend den Eindruck zu erwecken, dass diese Filmrealität nicht erst mit dem Einsetzen des Studiologos existiert.“

Doch all das hat nicht nur einen großen Reiz, weil es die desillusionierende, paranoide Atmosphäre von „28 Years Later“ kongenial einfängt. Drehbuchautor Alex Garland (schrieb schon Teil eins) hält den wilden Stilmix exzellent zusammen. Die von ihm hier dargebotene Welt, eine vollständig unter Quarantäne gestellte, vom britischen Festland abgelegene Insel, folgt ihren ganz eigenen Regeln. Garland arbeitet diese sukzessive heraus, erklärt die Mechanismen innerhalb der Gemeinschaft, betont die Alltagsroutinen und findet immer wieder die Zeit für kleine Details, um durchgehend den Eindruck zu erwecken, dass diese Filmrealität nicht erst mit dem Einsetzen des Studiologos existiert. Auch hält sich der Film weder zu lange an der Etablierung des Settings auf, noch wirkt irgendetwas überhastet – auch wenn „28 Years Later“ direkt mit einem Hardcore-Prolog einsteigt. Wenn hier in der aller ersten Szene eine Gruppe von Kindern blutig niedergemeuchelt wird, bevor die Infizierten in eine Kirche einfallen, um sich den ortsansässigen Pater einzuverleiben, gibt Danny Boyle die blutige Marschrichtung vor.

Kann der in Abgeschiedenheit lebende Dr. Kelson (Ralph Fiennes) der kranken Isla helfen?

Bereits „28 Days Later“ und „28 Weeks Later“ hatten sich ihre FSK-Freigabe ab 18 Jahren redlich verdient. Vor allem die ikonische Helikopterszene im zweiten Teil ließ das Blut nur so spritzen. Überhaupt durfte man als Zuschauer:in immer sehr direkt an den Angriffen der Infizierten beziehungsweise an der Ermordung derselben teilhaben. „28 Years Later“ steht seinen Vorgängern dahingehend in Nichts nach. Die Kamera hält voll drauf, wenn die Untoten hier – vorzugsweise mit Pfeilen – wahlweise ins Gehirn oder ins Herz getroffen werden. Boyle unterstreicht die besonders derben Details sogar noch, indem er das Bild in solchen Momenten kurz anhält. Ganz so, als solle man es genießen, dass da gerade ein Mensch einen Zombie ausgeschaltet hat. Das grandiose Effekt-Make-Up, gepaart mit der Kostümierung (den Infizierten hängt die Haut in Fetzen vom nackten Körper) tun ihr Übriges, um aus „28 Years Later“ einen richtig schmierig-sprudelnden Bodyhorrorfilm zu machen, der abseits seiner expliziten Gewalt mit einigen hervorragend konzipierten Suspensemomenten begeistert. Eine Verfolgungsjagd zwischen Festland und Insel über einen nur bei Ebbe begehbaren Sandweg treibt den Puls in schiere Höhen, ohne dass direkt eine ganze Zombiehorde die Protagonisten verfolgen muss. Die simple, aber gerade durch ihre Schnörkellosigkeit extrem effektive Inszenierung reicht vollkommen aus, um zum spannendsten Moment es ganzen Films zu werden.

„Je unsicherer Spike, desto hektischer werden Kameraarbeit und Schnitt, desto mehr verliert man als Zuschauer:in den Fokus. Geben dem Jungen die Umstände dagegen Sicherheit, kommt auch der Film zur Ruhe.“

Doch „28 Years Later“ ist nicht nur ein klassischer Survival-Horrorfilm, sondern im Kern eine hochdramatische Geschichte über das Erwachsenwerden in Extremsituationen. Der von dem Nachwuchsdarsteller Alfie Williams („His Dark Materials“) gespielte Spike changiert ständig zwischen aufgezwungenem Erwachsensein, dem letzten Festhalten an der Kindheit und dem Streben nach adulter Eigenständigkeit. Das spiegelt sich auch in der Inszenierung wider, für die Boyle die innere Unruhe seines Protagonisten auf die Situation überträgt. Je unsicherer Spike, desto hektischer werden Kameraarbeit und Schnitt, desto mehr verliert man als Zuschauer:in den Fokus. Geben dem Jungen die Umstände dagegen Sicherheit, kommt auch der Film zur Ruhe. Das hat zur Folge, dass die zweite Filmhälfte, in der sich die reife Seite von Spike der Aufgabe annimmt, einen Arzt für seine kranke Mutter zu suchen, etwas geordneter abläuft als die erste. Das bedeutet nicht, dass die Untotenattacken ausbleiben, im Gegenteil. Und wer schon immer wissen wollte, wie es ausschaut, wenn ein Zombie ein Kind gebiert, bekommt in der zweiten Stunde auch hierauf eine Antwort. Aber „28 Years Later“ arbeitet auf so etwas wie Hoffnung hin, der Ralph Fiennes („Konklave“) in einer kurzen, aber sehr ausdrucksstarken Nebenrolle ein Gesicht gibt. Die Begegnung zwischen ihm, Spike und Mutter Isla führt einen der bewegendsten Kinomomente des Jahres zutage und schafft das schier Unmögliche, in einem harten Zombieschocker für Tränen zu sorgen. Vielleicht hätte Danny Boyle seinen Film auf dieser Note beenden sollen. So gibt er in der allerletzten Szene noch kurz einen Ausblick darauf, was im kommenden Film „28 Years Later: The Bone Temple“ auf den jungen Protagonisten zukommen wird. Das macht zwar neugierig, doch mit den Emotionen aus den Momenten davor würde der Film vermutlich einen noch intensiveren Eindruck hinterlassen, als er es ohnehin schon tut.

Spikes Mutter Isla (Jodie Comer) steht vor einer schweren Entscheidung…

Fazit: „28 Years Later“ begeistert dank seiner atmosphärischen Mischung aus hartem, gewohnt derbem Zombiehorror und einer melancholischen Abhandlung über das Erwachsenwerden in einer Ausnahmesituation. Blutig, intensiv und überraschend traurig – Danny Boyle und Alex Garland erweitern „ihre“ Trilogie um ganz neue Akzente und bedienen gleichsam die Erwartungen ihres Publikums.

„28 Years Later“ ist ab dem 19. Juni 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?