Elio
Mit ELIO versucht sich Pixar wieder einmal an einem Originalstoff. Darin geht es um einen einsamen Jungen, der ausgerechnet in den Weite des Weltalls neue Freunde findet. Das Skript nimmt sich viel vor – zu viel. Das Ergebnis ist trotzdem kurzweilig, bleibt jedoch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Darum geht’s
Nach dem Tod seiner Eltern ist der 11-jährige Elio ein Außenseiter. Seine Tante Olga versucht verzweifelt, zu ihm durchzudringen, scheitert jedoch immer wieder kläglich. Dabei hätten die beiden eigentlich so viel gemeinsam. Denn Elio interessiert sich brennend für Aliens und den Weltraum, während seine Tante an einem geheimen Militärprojekt arbeitet, das sich mit der Kontaktaufnahme zu Außerirdischen befasst. Genau jene werden schließlich auf Elio aufmerksam und teleportieren den Jungen ins sogenannte Communiverse – eine intergalaktische Organisation mit Delegierten aus allen Ecken des Universums. Dass sie Elio fälschlicherweise für den Anführer der Erde halten, ist dabei gar nicht so sehr das Problem. Denn ausgerechnet hier, fernab von der Erde, fühlt sich der einsame Junge erstmals verstanden und ernst genommen…
Kritik
Wirft man einen Blick auf die erfolgreichsten Pixar-Filme der letzten zehn Jahre, ergibt sich ein Bild, wie es stellvertretend für die aktuelle Hollywoodfilmkultur steht. Die Top drei bilden „Toy Story 4“, „Die Unglaublichen 2“ und „Alles steht Kopf 2“ aus dem vergangenen Jahr an unangefochtener Spitze. Drei Filme, drei Franchises. Erst auf Platz 4 folgt „Coco – Lebendiger als das Leben“, für den – natürlich – bereits eine Fortsetzung angekündigt ist. Nun läge es für ein erfolgs- und profitorientiertes Studio wie Pixar natürlich nah, fortan ausschließlich auf Sequels zu setzen. Doch gerade erst entwickelte sich „Elemental“ zu einem absoluten Sleeperhit. Und wenn man sich die letzten Originalstoffe wie etwa „Luca“ oder „Rot“ einmal anschaut, fällt auf: Im Umfeld der Corona-Pandemie starten zu müssen, verzerrt die Statistik, sodass sich aus deren (Miss-)Erfolgen schlecht eine Allgemeingültigkeit ablesen lässt. Kein Wunder also, dass das Animationsstudio mit der Lampe hin und wieder doch noch auf ganz neue, eigene Geschichten setzt. Wie zum Beispiel auf „Elio“.
Dass auf „Elio“ schon ganz bald „Elio 2“ folgen wird, ist per se natürlich möglich. Entscheidend dafür wird sein, wie das Publikum den Film bewerten respektive mit Ticketkäufen bedenken wird. Im Falle von „Elemental“ sorgte unter anderem eine exzellente Mundpropaganda dafür, dass das Animationsabenteuer schlussendlich über eine halbe Milliarde (!) Dollar einspielen konnte. Es lohnt sich also nach wie vor, als Kinobetreiber einen langen Atem zu bewahren. Nun ist die Geschichte von einem Wasserjungen, der sich in ein Feuermädchen verliebt, eine universell zu verstehende Romanze, gepaart mit einer rührenden Migrant:innengeschichte. „Elio“ ist da schon allein aufgrund seines erzählerischen Umfelds etwas spezieller. Geht es hier doch um ein geheimes Militärprojekt, das sich dem Kontakt mit außerirdischem Leben verschrieben hat. Im Zentrum stehen ein verwaister Junge und seine aufopferungsvolle Tante. Er ist einsam, sie unternimmt alles, um irgendwie einen Zugang zu ihm zu finden. Doch sämtliche Versuche, eine engere Bindung zu ihm aufzubauen, schlagen genauso fehl wie Elios halbherzige Bemühungen, Freunde zu finden.
„Zunächst überfordert, findet sich Elio in seiner Rolle ein und durchlebt einen für Pixar typischen Reifeprozess des ‚Über sich hinaus Wachsens‘. Das ist alles niedlich, schon allein deshalb, weil die Charakterzeichnung der Hauptfigur unglaublich liebevoll geraten ist.“
An diesem Punkt wird „Elio“ in seiner Thematik offener, lädt für (nicht ganz so) junge Zuschauerinnen und Zuschauer zur Identifikation ein. Denn wer hat sich in seinen heranwachsenden Jahren nicht schon einsam und missverstanden gefühlt? Das dreiköpfige Autor:innenteam aus Julia Cho („Rot“), Mike Jones („Luca“) und Mark Hammer („Two Night Stand“) treibt diesen Zustand auf die Spitze. Ausgerechnet die Aliens aus einer fremden Galaxie geben ihm ein Gefühl von Sicherheit – obwohl (oder vielleicht gerade weil?) sie ihn für den Anführer seines Planeten halten. Zunächst überfordert, findet sich Elio in seiner Rolle ein und durchlebt einen für Pixar typischen Reifeprozess des „Über sich hinaus Wachsens“. Das ist alles niedlich, schon allein deshalb, weil die Charakterzeichnung der Hauptfigur unglaublich liebevoll geraten ist. Wenn wir Elio das erste Mal sehen, versteckt er sich unter dem Tisch eines Diners, spielt gedankenverloren an seinem Turnschuh und sein Körper spricht eine eindeutige Sprache. Man möchte diesen kleinen Jungen einfach nur in den Arm nehmen. Umso tragischer ist es da, dass seiner Tante Olga genau das nicht vergönnt ist.
Denkt man zunächst noch, die (zu Beginn noch quasi nicht existente) Verbindung zwischen Olga und Elio ist das Herzstück des Films, belehrt einen „Elio“ schon bald eines Besseren. Der Titel ist Programm; Es geht (fast) ausschließlich um den Jungen. Ab dem Moment seiner „Entführung“ springt die Geschichte nur noch für sehr wenige Szenen hinunter auf die Erde, wo ein Klon des Jungen an der Seite seiner Tante die Stellung hält. Hier bleibt der Film eindeutig hinter seinen Möglichkeiten zurück. Weshalb Olga irgendwann skeptisch wird und selbst davon ausgeht, dass ihr Neffe von Außerirdischen entführt wurde, ergibt sich aus den wenigen Szenen nicht. Das hat zur Folge, dass auch die „Wir halten zusammen, denn wir sind eine Familie“-Message gen Ende wie aufgepfropftes Business as usual wirkt. Doch vielleicht war es schlicht nicht möglich, dieser Beziehung noch mehr Zeit zu widmen. Denn wenn „Elio“ eines ist, dann voll. Neben der angerissenen Familiengeschichte sowie der damit einhergehenden Sinnsuche und Selbstfindung sind da ja auch noch die visuell sehr kreativ und außergewöhnlich gestalteten Aliens.
„Es ist also ziemlich viel, was ‚Elio‘ auf einmal zu wuppen versucht und dabei Stoff für eine ganze Serie auffährt. Der extremen Kurzweil und dem sympathischen Humor ist es zu verdanken, dass die Geschichte trotzdem auch als (wenngleich durchgehend gehetzt wirkender) Film weitestgehend funktioniert.“
Während Elio in dem ebenfalls einsamen Glordon einen neuen Freund findet, wird ihm obendrein die Aufgabe zuteil, mit einer fremden, vermeintlich feindlichen Alienrasse zu kommunizieren, im besten Falle zwischen ihr und den anderen Außerirdischen zu vermitteln. Was sich schlussendlich hieraus ergibt, böte genügend Substanz für einen eigenen Film. Genauso die Freundschaft zwischen Elio und Glordon, deren Identitätsfindungsprobleme sich auf rührende Weise spiegeln. Es ist also ziemlich viel, was „Elio“ auf einmal zu wuppen versucht und dabei Stoff für eine ganze Serie auffährt. Der extremen Kurzweil und dem sympathischen Humor ist es zu verdanken, dass die Geschichte trotzdem auch als (wenngleich durchgehend gehetzt wirkender) Film weitestgehend funktioniert. Vor allem die „Alienwelt“ steckt voller kreativer Ideen und Designs, an denen man sich einfach nicht sattsehen kann.
Fazit: „Elio“ nimmt sich erzählerisch viel vor, kriegt aber nicht alles davon gestemmt. Die insgesamt drei verschiedenen Handlungsstränge wirken allesamt überhastet, punkten aber immer wieder mit Einzelszenen, in denen die typische „Pixar-Magie“ durchschimmert. Das Herz des Films sind der Titelheld und sein Alienfreund Glordon. Die Freundschaft zwischen den beiden ist zuckersüß, berührend und erweist sich gen Ende hin als erstaunlich erwachsen.
„Elio“ ist ab dem 19. Juni 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



