Wicked

Einer der meisterwarteten Filme des Jahres kommt in die Kinos – und schafft aus dem Stand einen der besten Kinostarts aller Zeiten, ganz ohne Schützenhilfe des „Glicked“-Mitstreiters „Gladiator II“. Doch wie gut funktioniert die Leinwandadaption des Musicals WICKED, die dann auch noch nur den ersten Teil der gesamten Geschichte erzählt?

Wicked Plakat

OT: Wicked: Part 1 (USA/JPN/CAN/ICE/UK 2024)

Darum geht’s

Die aufgrund ihrer grünen Farbe von allen gemiedene Elphaba (Cynthia Erivo) kommt über Umwege an die Magier-Universität Glizz. Die Schulleiterin Madame Morrible (Michelle Yeoh) erkennt ihre unbändigen Kräfte und möchte sie gezielt fördern. Etwas, was der eingebildeten Glinda (Ariana Grande) so gar nicht gefällt. Gleichzeitig sieht sie aber auch eine Chance: Wenn sie sich mit Elphaba anfreundet, könnte sie ja vielleicht Madame Morribles Aufmerksamkeit erhaschen? So entwickelt sich eine freundschaftsähnliche Beziehung zwischen den beiden jungen Frauen, die allerdings auf eine große Tragödie zusteuert, als sie erfahren, welche finsteren Machenschaften hinter den Kulissen von Glizz und der benachbarten Smaragdstadt des Zauberers von Oz (Jeff Goldblum) vor sich gehen…

Kritik

Manche Dinge funktionieren nur einmal. Zum Beispiel, dass sich zwei vollkommen gegensätzliche Filme, die zufällig am selben Tag in den Kinos starten, gegenseitig so sehr beflügeln, dass dieser Parallel-Release zu einem eigenen Meme wird. Im vergangenen Jahr ist „Barbie“ und „Oppenheimer“ alias „Barbenheimer“ genau dieses Kunststück gelungen. Das Duo brach Kinorekorde. Kein Wunder also, dass sich Filmstudios so etwas gerne öfter wünschen würden und seit Barbenheimer sogar fokussieren. Doch der Versuch eines „Saw Patrol“-Hypes – der neue „Paw Patrol“-Film startete zeitgleich zu „Saw X“ – schlug wenig überraschend fehl und auch „Glicked“ erreicht längst nicht den Status des Spielfiguren-Atombomben-Doubles. „Glicked“ setzt sich aus den Filmtiteln „Wicked“ und „Gladiator II“ zusammen, die in den USA am selben Tag ihren Release feierten. In den sozialen Medien häufen sich mittlerweile zwar die Memes und Poster-Crossover, aber ein reeller Hype ist nicht auszumachen. Zumal der aus diesem Boxoffice-Rennen hervorgehende Sieger schon längst feststeht. Die Musicaladaption „Wicked“ pulverisierte sämtliche Thanksgiving-Rekorde und steuert aktuellen Trends nach auf die Eine-Milliarde-Marke zu. Kein Wunder: „Der Zauberer von Oz“, zu dem „Wicked“ ein Prequel darstellt, ist in den Vereinigten Staaten Kulturgut und bis heute der meistzitierte Film der Kinogeschichte. Auch das gleichnamige Musical gehört neben „Der König der Löwen“ und „Das Phantom der Oper“ zu den einzigen drei Musicals, die ebenfalls die Eine-Milliarde-Marke knacken konnten.

Glinda (Ariana Grande) verfolgt ihre ganz eigenen Pläne bei der Annäherung an ihre Zimmernachbarin Elphaba…

Besonders unter leidenschaftlichen Musicalfans wurde die Ankündigung eines „Wicked“-Films also von Anfang an kritisch beäugt. Kein einfaches Unterfangen für Regisseur Jon M. Chu, der zwar schon Erfahrungen mit Tanzfilmen („Step Up 2 the Streets“), Konzertdokus (Justin Bieber’s Believe“) und Musicaladaptionen („In the Heights“) gemacht, aber noch nie ein derart hohes Budget in die Hand bekommen hat. 150 Millionen US-Dollar klingt im Big-Budget-Hollywoodkino erst einmal gar nicht so viel, doch im Anbetracht dessen, wohin dieses Geld geflossen ist, wird einem die Herausforderung klar. Chu bestand darauf, einen Großteil der Kulissen für den Film bauen zu lassen, um direkt in ihnen (und nicht, wie sonst oft üblich, vor Greenscreen) zu drehen. Große Teile der Smaragdstadt, der Universität Glizz und sogar der Zug, eine Art „Hogwarts Express“, der vom einen zum anderen fährt, existieren tatsächlich. Insofern wirkt das auf den ersten Blick so einschüchternde Budget dann doch gar nicht mehr so üppig. Der in die Kulissen gesteckte Aufwand ist „Wicked“ dann auch zu jedem Zeitpunkt anzusehen. Der die meiste Zeit über an der Magier-Hochschule spielende Film erinnert atmosphärisch stark an die „Harry Potter“-Reihe, ästhetisch zum Teil auch an den von Paul Feig inszenierten Netflix-Film „The School for Good and Evil“, deren Romanvorlage sich wiederum hat von „Wicked“ inspirieren lassen.

„Der Regisseur bestand darauf, einen Großteil der Kulissen für den Film bauen zu lassen, um direkt in ihnen zu drehen. Große Teile der Smaragdstadt, der Universität Glizz und sogar der Zug, eine Art ‚Hogwarts Express‘, der vom einen zum anderen fährt, existieren tatsächlich.“

Die haptischen Sets wirken in Ideenvielfalt und Farbenpracht höchst beeindruckend. Hier steckt selbst in gar nicht so handlungsrelevanten Kulissen eine immense Detailverliebtheit. Die verzauberte Bibliothek etwa hätte per se niemals einen solchen Aufwand erfahren müssen, ist dann aber letztlich eines von vielen perfekt ineinander platzierten Puzzleteilen, die einem ein Gefühl von Haptik und Wertigkeit geben. Die Computereffekte ergänzen das Ganze stimmig, sind aber eher von der zweckdienlichen Sorte und gehören weniger in die Kategorie der visuellen Offenbarung. Trotzdem funktioniert das Zusammenspiel sämtlicher inszenatorischer Faktoren hervorragend. Die wuchtig-beeindruckenden Kulissen, die verspielten Kostüme, das Make-Up, die Frisuren und nicht zuletzt die Kombination aus Kameraarbeit und Sounddesign harmonieren perfekt. Kamerafrau Alice Brooks („tick, tick… BOOM!“) schwelgt mit einem genauen Blick durch die Oz-Welt und widmet ausgewogen dem großen Ganzen sowie den kleinen Details ihre Aufmerksamkeit. John Powell („Drachenzähmen leicht gemacht 2“) untermalt das Geschehen mitreißend, in den entscheidenden Momenten zurückhaltend mit einem wuchtigen Score, während Musical-Komponist Stephen Schwartz („Pocahontas“) schon für die Songs der Bühnenversion verantwortlich zeichnete. Nicht alle seine Songs sind automatisch Ohrwürmer. Aber dass „Wicked“ im Finale auf „Defying Gravity“ – zu Deutsch: „Frei und schwerelos“ – als den Song der ersten Hälfte und vielleicht sogar des ganzen Stücks zusteuert wie auf ein krachendes Actionfinale, sagt viel darüber aus, mit welcher emotionalen Wucht die aus der Menge an Songs herausstechenden Nummern über das Publikum hereinbrechen. Man merkt regelrecht, wie das Publikum hierauf hinfiebert…

Jonathan Bailey als Prinz Fiyero in einer der vielen fantastischen Kulissen in „Wicked“.

… nachdem es die vorherigen zweieinhalb Stunden vor allem mit der aufkeimenden Freundschaft zwischen den beiden Hauptfiguren Elphaba und Glinda mitgelitten hat. Die Beziehung zwischen den beiden ist, getreu der Vorlage, angenehm ambivalent; für einen Hollywood-Blockbuster sogar bemerkenswert unbequem. Während Cynthia Erivo („Bad Times at the El Royale“) die von Haus aus angelernte Zurückhaltung in ein sukzessives Aufbegehren übergehen lässt, ist ganz großes Kino. Im Finale gewinnt sie schließlich zu Überlebensgroße, nachdem sie die Zuschauenden schon in ihrer ersten Solo-Nummer „The Wizard and I“ („Zwei, die sich versteh’n“) vollends in ihren Bann gezogen hat. Ihre Charakterentwicklung schreitet sehr subtil voran. Unter diesen Umständen erweisen sich die üppigen 160 Filmminuten als absolut angebracht. Schließlich erzählt „Wicked“ nicht umsonst von der Entwicklung eines komplexen Schurkencharakters. Mit Ariana Grande („Don’t Look Up“) an ihrer Seite findet sich schließlich der einzige auszumachende Schwachpunkt des Films. Die Figur der Glinda ist gerade zu Beginn noch sehr stark darauf ausgelegt, ihrem Umfeld sowie dem Publikum gehörig auf die Nerven zu gehen. Ihr Verhalten ist affektiert, ihre Selbstverliebtheit alsbald anstrengend – und Ariana Grande meint es in ihrer Darstellung leider einen Tick zu gut. Ihre Performance schrammt bisweilen über die Grenze von Overacting und parodistischer Überhöhung hinaus und beißt sich mit dem deutlich geerdeteren Spiel ihrer Kolleginnen und Kollegen. Erst in der zweiten Filmhälfte finden Grande und Erivo langsam zu einer Wellenlänge.

„Die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren Elphaba und Glinda ist, getreu der Vorlage, angenehm ambivalent; für einen Hollywood-Blockbuster sogar bemerkenswert unbequem.“

Wo das Originalmusical zwei Stunden und 45 Minuten (inklusive Pause) geht und beide Teile der „Wicked“-Story erzählt, behandelt der Film in der gleichen Zeit lediglich die erste Hälfte der Geschichte. Die Drehbuchautorinnen Winnie Holzman („Jerry Maguire“) und Dana Fox („Cruella“) tun hier allerdings überraschend gut daran, die Welt von Oz, insbesondere die Regeln und Menschen in Glizz, mit dem hier dargebrachten Aufwand zu etablieren. Nicht nur fühlen sich die 160 Filmminuten längst nicht so lang an und kommen nahezu ohne Leerlauf aus. Auch das unterschwellig brodelnde Drama bekommt so die Möglichkeit, sich in Form kleiner Nadelstiche immer weiter über den oberflächlichen Pomp auszubreiten. Der Subplot rund um die Ablehnung gegenüber sprechenden Tieren, die nach und nach aus der Gesellschaft verbannt und am besten auch noch in Käfige gesteckt werden sollen, sorgt nachhaltig für Beklemmung und offenbart früh das Potenzial für die Dramatik, die Ende 2025 im zweiten Film stecken wird. Für Nichtkenner:innen der Vorlage dürfte es dann vielleicht sogar einem Schlag in die Magengrube gleichkommen, mit welcher Ernsthaftigkeit die wunderschöne Glitzerwelt von Oz nach und nach dem Konflikt weichen muss. Aber dank des die emotionale Richtung vorgebenden Cliffhangers können wir uns jetzt alle ein ganzes Jahr auf diesen tonalen Wechsel vorbereiten.

Die Freundschaft zwischen Elphaba (Cynthia Erivo) und Glinda steht auf sehr wackeligen Beinen…

Fazit: „Wicked“ ist ein prächtig inszeniertes Musical mit emotionaler Tiefe und einer komplexen Hauptfigurenkonstellation. Die Musicalnummern sind von einer immensen Wucht, die Detailverliebtheit ist atemberaubend. Lediglich das Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen beißt sich in der Tonalität anfangs noch, kann dann aber in der zweiten Hälfte ebenso mitreißen wie der Rest des Films.

„Wicked“ ist ab dem 12. Dezember 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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