The Crow
Schon in der Preproduktionsphase hatte das Remake des Neunzigerjahre-Kultfilms „The Crow – Die Krähe“ mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. THE CROW fühlt sich nun an wie das folgerichtige Endergebnis – wie eine lieblose Auftragsarbeit ohne Seele und Emotionen.
Darum geht’s
Zwischen Eric Draven (Bill Skarsgård) und Shelley Webster (FKA Twigs) ist es die ganz große Liebe. Nachdem die beiden aus einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche geflohen sind, steht einer gemeinsamen Zukunft eigentlich nichts im Wege. Doch Shelley befindet sich im Visier einer brutalen Verbrecherbande, die sich um ihren Anführer Vincent Roeg (Danny Huston) schart. Dieser hat einen Packt mit dem Teufel geschlossen, für den er regelmäßig junge Menschen ins Verderben und in den Tod treibt. Kurz nachdem Eric und Shelley im Zuge eines Mordangriffes sterben, kehrt Eric von den Toten zurück, um grausame Rache zu üben. Denn wenn er den Tätern ihre gerechte Strafe zukommen lässt, hat er eine Chance, Shelley wieder zurückzuholen…
Kritik
Die Presse liebt reißerische Schlagzeilen. Insofern wundert es auch nicht, dass im Zusammenhang mit der Entstehung des Gothik-Fantasythrillers „The Crow – Die Krähe“ aus dem Jahr 1994 immer mal wieder von einem Fluch zu lesen war. Natürlich vor allem aufgrund der tragischen Hintergrundgeschichte rund um den Tod des Hauptdarstellers Brandon Lee, der am Set des Films versehentlich von einem Schauspielkollegen erschossen wurde. Daraufhin mussten einige Szenen – unter anderem ebenjene Todesszene – umgeschrieben und teilweise mit einem Körperdouble neu gedreht werden. Der Film kam schließlich rund ein Jahr nach seiner Entstehung in die Kinos und erreichte Kultstatus. Den Terminus Fluch zu bemühen, liegt auch im Kontext der Neuauflage nah. Seit 2016 angedacht, vielfach vor und hinter der Kamera neu besetzt (u.a. mit Bradley Cooper) und schließlich sowohl von der Kritik, dem US-Publikum als auch vom Schöpfer des Originals, Alex Proyas, gescholten, reiht sich „The Crow“ in die Reihe jener Remakes ein, über die kurz nach ihrer Veröffentlichung kaum noch jemand reden wird – wohlwollend erst recht nicht.

Um die große Liebe zwischen Eric (Bill Skarsgård) und Shelley (FKA Twigs) darzustellen, sollen in „The Crow“ Worthülsen und Szenenmontagen ausreichen.
Dabei ist es den Drehbuchautoren Zach Baylin („King Richard“) und William Josef Schneider durchaus anzurechnen, dass sie mit ihrem Skript zu „The Crow“ einen ganz neuen Ansatz wählen, als das aufs Wesentliche reduzierte Original. Darin hat das Verbrechen an Eric Craven und seiner Verlobten Shelly Webster bereits stattgefunden. Liebesszenen zwischen den beiden sowie Details aus der Mordnacht bekommen wir nur in kurzen Rückblenden zu sehen. Erics Wiederauferstehung und seinen Rachefeldzug, der ihm ein Wiedersehen mit Shelly verspricht, erfahren obendrein keinerlei Erklärung. Das Publikum muss sich die Zusammenhänge selbst zusammenreimen. Etwas, was bemerkenswert gut funktioniert. Die 112 Minuten von „The Crow“ schildern die aufkeimende Liebe zwischen Eric und Shelley nun deutlich detaillierter. Beide lernen sich in einer Art Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche kennen; eine Mischung aus Knast und Therapieeinrichtung mit kaum durchschaubaren Regeln. Nach ein paar schwülstigen Wortwechseln sowie dem Austausch einiger intensiver Blicke suggeriert uns der Film: Das zwischen Eric und Shelley ist die ganz, ganz große Liebe. Inklusive ausgesprochener Todessehnsucht, sollte einer der beiden den jeweils anderen verlassen.
„Den Drehbuchautoren Zach Baylin und William Josef Schneider ist es durchaus anzurechnen, dass sie mit ihrem Skript zu „The Crow“ einen ganz neuen Ansatz wählen, als das aufs Wesentliche reduzierte Original.“
Eine längere Szenenmontage, die die beiden abwechselnd beim Rummachen und noch mehr Austausch von Worthülsen zeigt, muss dann auch schon ausreichen, um die DNA dieser Liebesbeziehung zu greifen. Dem im Weg steht allerdings nicht nur die fehlende Chemie zwischen Hauptdarsteller Bill Skarsgård („Es“) und Musikerin FKA Twigs („Honey Boy“). Die Wortwechsel zwischen den beiden erinnern mehr an den Austausch von Emo-Songlyrics anstatt an echte Dialoge. Jede „Liebe“ zwischen zwei Vierzehnjährigen in ihrer ersten, eine Woche andauernden Beziehung hat mehr emotionale Wucht als die behauptete Seelenverwandtschaft zwischen Eric und Shelley. Es fehlt nur noch, dass sich die beiden gegenseitig ein Mixtape schenken, oder sich ein Partnertattoo stechen lassen. Wobei: Letzteres tun sie ja tatsächlich… Davon abgesehen erinnert diese behauptete Liebe eher an ein toxisches Zusammensein wie jenes aus der sich an (amourös unbedarfte) Teenager richtenden „After“-Reihe, die eine dysfunktionale Beziehung zur stürmischen Liebe verklärt. In „The Crow“ wird das Ganze aufgrund der erzählerischen Umstände gar noch unangenehmer; Werden wir hier doch eher Zeuge einer gefährlichen Co-Abhängigkeit, die Regisseur Rupert Sanders („Snow White and the Huntsman“) schwülstig-melancholisch bebildert. Die für die komplette Handlung eigentlich so wichtige Romantik ist im Remake also nur Behauptung – und „The Crow“ dadurch primär ein banaler Rachefilm…

Schurke Vincent Roeg (Danny Huston) hat einen Packt mit dem Teufel geschlossen, der ihm Unsterblichkeit verspricht…
… dessen Trailer bereits Erinnerungen an die „John Wick“-Reihe aufkommen ließen. Und tatsächlich ähnelt Erics Rachefeldzug an seinen und Shelleys Mördern vom Grundprinzip her stark den Eskapaden des von Keanu Reeves verkörperten Actionhelden, inklusive verdammt derber Gewaltspitzen. Die FSK-Freigabe ab 18 hat sich „The Crow“ redlich verdient. Da werden im Detail Augen zerstochen, Gedärme hängen aus dem Körper heraus, Köpfe und Gliedmaßen werden abgetrennt. Allerdings besitzt nichts davon die Eleganz und die Finesse, durch die der Film tatsächlich auch mit den „John Wick“-Reißern (oder irgendeinem anderen vergleichbaren Action-Flick dieses Kalibers) mithalten könnte. Besonders deutlich wird das an einer Szene, in der Erics großes Gemetzel parallel zu einem Opernkonzert stattfindet. Der Kniff, die Aufführung immer wieder der Action gegenüberzustellen, sich vermeintlich ergänzende Szenerien ineinander zu schneiden und bisweilen gar ironisch zu brechen, funktioniert in Ermangelung des richtigen Timings zu keiner Sekunde. Es ist, als hätten die Verantwortlichen irgendwann mal einen ähnlichen Szenenaufbau gesehen und sich hier an einer minderwertigen Kopie derselben versucht – nur um dabei zu scheitern. So punktet die Action in „The Crow“ einzig und allein über ihren Gore. Und der wiederum definiert sich vor allem durch Quantität.
„Die FSK-Freigabe ab 18 hat sich ‚The Crow‘ redlich verdient. Da werden im Detail Augen zerstochen, Gedärme hängen aus dem Körper heraus, Köpfe und Gliedmaßen werden abgetrennt. Allerdings besitzt nichts davon die Eleganz und die Finesse, durch die der Film mit anderen vergleichbaren Action-Flicks dieses Kalibers mithalten könnte.“
Die brachialen Gewaltausbrüche in der zweiten Hälfte beißen sich stark mit der Teenieromanzenattitüde der ersten Hälfte. Es kommt die Frage auf, an wen sich „The Crow“ damit eigentlich richten soll. Gorehounds werden sich kaum durch eine minderwertig-banale, kitschig umgesetzte Lovestory quälen wollen. Junge Erwachsene mit einem Hang zu Romantik wiederum dürfen den Film aufgrund der Altersfreigabe gar nicht erst sehen. Doch nicht nur diese beiden Parts widersprechen einander. Da wäre ja noch die komplett neu hinzugedachte Rahmenhandlung, der man mit viel gutem Willen immerhin einen gewissen Mut attestieren kann. Der eingangs erwähnten Simplizität der „Ein Paar wird ermordet und er entkommt dem Totenreich, um sich zu rächen“-Story aus dem Original steht eine verschwurbelte High Concept-Prämisse gegenüber, die sich um einen sensationell austauschbaren Bösewicht aufbaut. Dieser hat nämlich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen: Für die eigene Unsterblichkeit muss er regelmäßig die Leben unschuldiger Menschen opfern, indem er ihnen Worte einhaucht, die sie in den Suizid oder zu anderweitig brutale Taten treiben. So erfrischend es auch ist, dass sich ein Remake auf eine neue Prämisse stützt, so sehr widerspricht es dem, was das Original so reizvoll gemacht hat: die Geradlinigkeit, für die nicht viele Worte oder Erklärungen benötigt wurden. Im Remake gibt es gar einen Erklärbär, der Eric in einer Art Zwischenwelt die Mechanismen seines untoten Rächerdaseins erklärt. Immerhin die titelgebende Krähe, die gibt es noch. Auch wenn diese hier vorwiegend computeranimiert ist.
Dabei könnte Bill Pennywise Skarsgård in ebendieser kompromisslosen Geradlinigkeit durchaus glänzen. Seine Darstellung des nicht nach rechts und links schauenden, einzig und allein auf seine Tötungspläne fokussierten Rächers besitzt tatsächlich eine gewisse Gravitas, die die Cheesyness mancher Einzelszenen dann aber doch wieder zunichtemacht. Wenn Eric etwa zu seinem ikonischen Erscheinungsbild findet, mit einem Degen auf einen Spiegel einsticht oder manisch-melancholisch in die Kamera blickt, fühlen sich solche Momente zu aufgesetzt und eher unfreiwillig komisch an, um ihre beabsichtigte Wirkung zu entfalten. Überhaupt erlebt Eric im Remake eine unnötig zum Sexsymbol hochstilisierte Darstellung. Immer wieder gleitet die Kamera (Steve Annis, „I Am Mother“) über seinen nackten, gestählten Körper und lässt die Frage aufkommen, ob wie Eric all seiner brutalen Taten zum Trotz immer noch sexy finden sollen. Ein interessanter Ansatz, den das Skript von „The Crow“ allerdings nicht weiterverfolgt, sondern sich stattdessen darauf verlässt, dass es Bill Skarsgårds Attraktivität schon alleine richten wird. Dass die sich durch das Skript schlafwandelnde FKA Twigs nach dem ersten Drittel bereits aus dem Film verschwindet, ist derweil eine der wenigen Entscheidungen, die hier zu Gunsten der Filmqualität getroffen wurden.
Fazit: So sehr man die neuen Ansätze des „The Crow“-Remakes auch schätzen möchte, so dilettantisch umgesetzt und von fragwürdiger Moral ist das Endergebnis dieses lieblosen Gothik-Rachereißers.
„The Crow“ ist ab dem 12. September 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

