Cherry – Das Ende aller Unschuld

Nach ihrem Multimilliarden-Dollar-Erfolg „Avengers: Endgame“ nehmen die Russo-Brüder erst einmal Abstand vom Big-Budget-Kino. Ihre Buchverfilmung CHERRY – DAS ENDE ALLER UNSCHULD kommt zwar mit Starpower daher, ist als biographisches Kriegs- und Drogendrama jedoch weit entfernt vom Marvel-Bombast. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Cherry (USA 2021)

Der Plot

Cherry (Tom Holland) liebt seine Emily (Ciara Bravo). Es ist die ganz große Romanze zwischen zwei jungen Erwachsenen, die jedoch einen Dämpfer bekommt, als sie ihm eröffnet, viele hundert Kilometer von ihm entfernt studieren zu wollen. Frustriert schließt sich der junge Mann der Army an und ist schon bald Teil der Sanitätsgruppen im Irak-Krieg. Viele Monate später: Cherry kehrt zurück nach Hause. Die Zeit an der Front hat ihre Spuren hinterlassen. Cherry versucht zu vergessen und flüchtet sich in eine Drogensucht. Seine Emily, mit der er wieder zusammen ist, folgt ihm. Als das Geld für Heroin und Pillen knapp wird, geht Cherry den nächsten radikalen Schritt in dieser Abwärtsspirale und beginnt, Banken auszurauben. Und für den Ex-Soldaten scheint es immer unwahrscheinlicher, dass er in seinem Leben jemals wieder auf die Beine kommt…

Kritik

Dass die Russo-Brüder Anthony und Joe ihre Regie-Karrieren einst als Inszenatoren von Comedyserien wie „Community“ oder „Arrested Developement“ begannen, fällt im Anbetracht jüngster Erfolge gern hintenüber. Schließlich zeichnen die gebürtig aus Ohio stammenden Regisseure für den bis heute erfolgreichsten Film aller Zeiten verantwortlich und haben vor „Avengers: Endgame“ drei weitere Multimillionen-Blockbuster für das Marvel-Universum inszeniert. Umso selbstbewusster wirkt da ihre Erscheinung, mit „Cherry – Das Ende aller Unschuld“ einen in den USA zwar sehr erfolgreichen aber gleichzeitig auch hochumstrittenen Bestseller über Drogensucht und Kriegstraumata zu verfilmen; Das ist nicht unbedingt der Stoff, aus dem der nächste Kassenschlager gemacht ist. Wenngleich die Besetzung des Hauptcharakters Cherry durch „Spider-Man“ Tom Holland sowie die Beteiligung der Russo-Brüder an sich schon einen gewissen Werbeeffekt haben kann. Trotzdem sollte „Cherry“ nie in die Kinos kommen; Im September 2020 schnappte sich Apple TV+ nach „Greyhound – Schlacht im Atlantik“, „Snow Blind“ mit Jake Gyllenhaal und dem Will-Smith-Projekt „Emancipation“ nun also auch die Rechte an „Cherry“ – und legte dafür 40 Millionen US-Dollar auf den Tisch. Durch diesen Deal allein hat der Film seine auf 30 bis 40 Millionen Dollar geschätzten Produktionskosten bereits wieder eingespielt. Ob ihm das im Kino auch gelungen wäre, lässt sich (erst recht aufgrund der aktuellen Corona-Situation) kaum abwägen. Wohl aber, dass „Cherry“ kein Meisterwerk geworden ist.

Als Cherry (Tom Holland) von seiner Freundin Emily (Ciara Bravo) verlassen wird, schließt er sich der Army an.

Mit dem Prädikat „grundsolide“ wird man „Cherry – Das Ende aller Unschuld“ zu gleichen Teilen absolut gerecht und untertreibt dennoch maßlos. Das größte Problem an dem mit einer üppigen Laufzeit von 142 Minuten ausgestatteten Kriegsdrama ist die Überambition, wodurch sich die Stärken und Schwächen des Films zwar insgesamt die Waage halten, doch wenn „Cherry“ seine Stärken ausspielt, führt das mitunter zu äußerst beachtlichen Einzelszenen. Die Drehbuchautorinnen Angela Russo-Otsot („V: Die Besucher“) und Jessica Goldberg („Parenthood“) orientieren sich strukturell an den sechs Kapiteln des von Nico Walker verfassten Romans, der aufgrund seiner radikalen Schilderungen des Alltags von Kriegsveteranen und Drogen-Junkies zum Skandal-Bestseller avancierte. Zwar lässt sich nicht jedes Kapitel auf einen einzelnen Schwerpunkt reduzieren (mit Ausnahme des Abschnitts, der sich einzig und allein mit der Zeit an der Front auseinandersetzt), trotzdem hat man das Gefühl, so viele Kapitel wie „Cherry“ besitzt, so viele Themen hat er auch; Wenngleich sich diese im weiteren Filmverlauf immer weniger voneinander trennen lassen und sukzessive zu einem riesigen Wust aus verschiedenen Problemen werden. Und so ist „Cherry – Das Ende aller Unschuld“ zu fast gleichen Teilen ein Film über den Krieg und Drogenmissbrauch, besitzt aber auch einige Heist-Anleihen, weist starke romantische Einflüsse auf und wird auf der Zielgeraden sogar noch zu einem (rudimentären) Knastfilm.

„‚Cherry – Das Ende aller Unschuld‘ ist zu gleichen Teilen ein Film über den Krieg und Drogenmissbrauch, besitzt aber auch einige Heist-Anleihen, weist starke romantische Einflüsse auf und wird auf der Zielgeraden sogar noch zu einem (rudimentären) Knastfilm.“

Nun ist „Cherry“ mit seinen knapp zweieinhalb Stunden ohnehin nicht der kürzeste Film; Und dennoch hat man das Gefühl, für diese inhaltliche Bandbreite reichten selbst diese 142 Minuten nicht aus. Also legen die Russo-Brüder von Beginn an ein extrem hohes Tempo vor. Das sorgt zwar dafür, dass die Geschichte trotz ihrer Schwere und Länge bis zuletzt angenehm kurzweilig bleibt, hinterlässt aber auch den Beigeschmack, dass sich die Macher:innen immer nur oberflächlich mit den verschiedenen Konflikten auseinandersetzen können. So wirken Cherrys sich nach seiner Armee-Zeit bei ihm einschleichenden Kriegs-Traumata, die ihn letztlich in die Drogenabhängigkeit treiben, nur bedingt verhältnismäßig im Hinblick auf das, was ihm dort widerfahren ist. Nun könnte man diese Entwicklungen auch derart deuten, dass man noch nicht einmal die finstersten Gräueltaten an der Front miterlebt haben muss, um dennoch langfristige Folgen davonzutragen. Doch leider gelingt es den Autorinnen nicht, Cherrys Kriegszeit und das Danach schlüssig und nachvollziehbar aufeinander fußen zu lassen. Es fehlt der Eindruck, dass seine Erfahrungen als Soldat ihn aktiv in den Drogenmissbrauch gedrängt haben – diese Erkenntnis und gleichbedeutende Anklage an das System waren in den Vereinigten Staaten mitverantwortlich für den Skandalstatus des Romans. So aber bleiben als einzige Indizien für Cherrys tatsächlich erlebte Qualen einige Voice-Over-Zitate („Wir mussten ihm die Gedärme wieder zurück in den Bauch stecken!“) und Bilder (etwa von dem fehlgeschlagenen Suizid eines Mitsoldaten) übrig. Ganz so, als sei für mehr kein Platz gewesen.

An der Front: Cherry telefoniert mit Zuhause.

Die meiste Screentime geht ohnehin für die Schilderungen aus der Drogenhölle drauf. Und auch wenn „Cherry – Das Ende aller Unschuld“ trotz seiner FSK-Freigabe ab 18 (!) längst nicht so radikal und tabubrechend ist, wie es bereits vor mehreren Jahrzehnten Filme wie „Trainspotting“ oder „Requiem for a Dream“ waren, so ist dieser Part doch der mit Abstand zermürbendste. Dabei sind es noch nicht einmal die Bilder selbst; Kameramann Newton Thomas Sigel („Bohemian Rhapsody“) setzt selbst in den unangenehmsten Momenten auf einen kinotauglichen Hochglanzlook mit vielen Zeitlupen und Detailaufnahmen – von den langsam zerfallenen Junkie-Körpern, von den Spritzen in den Venen und der dreckigen Wohnung, in der Cherry, seine Freundin und ihr gemeinsamer Hund hausen. Stattdessen ist es die Interaktion zwischen den beiden Hauptfiguren, die sich mit fortlaufender Schwere ihre Sucht von liebevoll-zärtlich zu aufgrund der Drogen selbst voneinander abhängig entwickelt. Der (toxisch-)romantische Handlungsstrang und jener rund um die Drogensucht gehen in „Cherry – Das Ende aller Unschuld“ Hand in Hand. Auch die Heist-Einschübe entwickeln sich aus diesem heraus, stehen dann allerdings doch klar für sich. Vor allem, da die Russos Cherrys seine Drogensucht finanzierenden Banküberfälle mit überraschend viel Verve einfangen; Dabei kann sich der mit Heroin und noch vielen anderen Rauschmitteln vollgepumpte Bankräuber mitunter kaum noch auf den Beinen halten. Doch die stetigen tonalen Wechsel – mal rebellisch-begeistert, mal niederschmetternd-realistisch und dann wieder dynamisch-fröhlich – könnten den (Drogen-)Rausch in Cherrys Existenz kaum besser widerspiegeln. Gemeinsam mit seiner Sucht wird der junge Mann rasch zum unberechenbaren Protagonisten.

„Auch wenn „Cherry – Das Ende aller Unschuld“ trotz seiner FSK-Freigabe ab 18 (!) längst nicht so radikal und tabubrechend ist, wie es bereits vor mehreren Jahrzehnten Filme wie „Trainspotting“ oder „Requiem for a Dream“ waren, so ist dieser Part doch der mit Abstand zermürbendste.“

Einem, der in Tom Holland einen überragenden Mimen gefunden hat. Sein jugendliches Aussehen steht im krassen Kontrast zu Cherrys stoisch-leerem Blick und seinen mit der Zeit immer schwerfälligeren Bewegungen. Vor allem aber ist Holland in der Lage, der Unbeholfenheit seiner Figur – etwa bei den Banküberfällen – eine passende Prise Humor entgegenzusetzen, während er in den dramatischen Szenen jeden und jede um sich herum hemmungslos an die Wand spielt. Holland passt sich den tonalen Schwankungen des Films hervorragend an und hält die mitunter widersprüchliche Inszenierung im Kern zusammen. Und selbst wenn einen die Ausmaße von „Cherry“ bisweilen erschlagen können, so verhilft Holland der Geschichte zu größtmöglicher Intimität.

Fazit: Die Russo-Brüder bringen sich erneut ins Gespräch. Diesmal durch den Mut, nach den „Avengers“-Filmen nicht noch einen Superhelden-Blockbuster zu inszenieren, aber auch dadurch, dass sie die im Kern so kleine Geschichte deutlich ausladender erzählen als nötig. Dadurch wird die Filmadaption des Bestsellers „Cherry“ der Tiefgründigkeit der darin angesprochenen Problematiken nicht ganz gerecht. Trotzdem werten ein überragender Tom Holland und eine tonal reizvolle Inszenierung den Film nachhaltig auf.

„Cherry – Das Ende aller Unschuld“ ist ab sofort bei Apple TV+ streambar.

Ein Kommentar

  • Michel Friedrich

    Also diesen Film nur auf die Kriegsvergangenheit von Cherry zu reduzieren ist schon sehr gewagt. Wobei auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Doch in der langen Produktion ( 140 min ) fand sich jede Menge Platz sich reichlich an der Buchvorlage anzulehnen. Gelungener Movie.

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