Legend of Tarzan

Nachdem bereits Klassiker wie „Schneewittchen“, „Das Dschungelbuch“ und „Dornröschen“ neu, erwachsen und wesentlich dunkler interpretiert wurden, ist nun auch Tarzan an der Reihe. In LEGEND OF TARZAN macht David Yates aus dem harmlosen Lianenschwinger einen muskelbepackten Superheld – und kommt nie so richtig aus dem Quark. Mehr dazu in meiner Kritik.Legend of Tarzan

Der Plot

Vor Jahren hat der als Tarzan bekannte Brite (Alexander Skarsgård) den afrikanischen Dschungel verlassen, um als adliger John Clayton, Lord Greystoke, mit seiner geliebten Frau Jane (Margot Robbie) ein standesgemäßes Leben zu führen. Jetzt wird er vom Parlament als Sonderbotschafter für Handelsfragen zurück in den Kongo geschickt, ohne zu ahnen, dass er nur als Schachfigur in einem tödlichen Komplott aus Rache und Habgier dienen soll – eingefädelt hat es der Belgier Leon Rom (Christoph Waltz). Andererseits begreifen auch die Drahtzieher dieses mörderischen Plans nicht im Mindesten, welche Lawine sie damit ins Rollen bringen.

Kritik

Regisseur David Yates kennt sich damit aus, ebenso bekannte wie beliebte Romanhelden zu Filmfiguren zu machen. Er inszenierte vier von insgesamt sieben „Harry Potter“-Filmen und befindet sich aktuell in der Postproduktion des Ablegers „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Zwischendurch bekam der 52-jährige Brite dann auch noch das Budget von satten 180 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt, um Edgar Rice Borroughs Dschungelhelden Tarzan ein weiteres Mal auf die große Leinwand zu bringen; zu sagen, es gäbe nicht schon genug Filme rund um den leicht bekleideten Affenflüsterer, wäre glatt gelogen. Aktuell zählt die Internet Movie Database rund 100 Filme, die sich mal im näheren, mal im weiteren Sinne auf die Abenteuer von Tarzan beziehen. Yates hatte indes eine ganz besondere Aufgabe: So düster, ernst und doch bombastisch wie nie sollte sie werden, diese „Legend of Tarzan“, und damit ein Blockbuster ganz nah am Puls der Zeit. Dazu gehört die Zuhilfenahme von aufwändigen Computereffekten und eine 3D-Inszenierung ebenso wie das Who-is-Who angesagter Hollywoodstars. Nun ist „Legend of Tarzan“ tatsächlich auch sowas wie ein Paradebeispiel spektakulären Hollywood-Entertainments geworden. Doch leider vereint Yates in seinem Film vorzugsweise die Schwächen, die das moderne Popcornkino von heute mit sich bringt. Er stellt den Wert einer guten Geschichte hintenan, Figuren werden kaum bis gar nicht ausgearbeitet und zu sagen, „Legend of Tarzan“ wäre eben ein typischer Vertreter des Style-Over-Substance-Segments, wäre auch falsch. Schmuck ausschauen tut Yates‘ Film zwar schon, doch die eklatanten Schwächen im Drehbuch kann die im Großen und Ganzen dann doch nie vollkommen überragende Optik auch nicht verbergen.

Legend of Tarzan

Auch wenn die visuellen Quantensprünge ausbleiben und der 3D-Effekt in Ermangelung an Highlights nicht den Aufpreis rechtfertigt, liegt die große Stärke von „Legend of Tarzan“ eindeutig in den berauschenden Bildgewalten, die Henry Braham („Der goldene Kompass“) mit seiner Kamera einfängt. Dabei sind es weniger die ausgeklügelten CGI-Designs in Setting und Tieranimation, die im Gegensatz zur weitestgehend unverfälschten Natur von schwankender Qualität sind; stattdessen ist es die Kulisse an sich, das dichte Dschungeldickicht mit seiner vielfältigen Flora und Fauna, die besonders durch die stets sehr spartanische Lichtsetzung eine gleichsam melancholische wie respekteinflößende Atmosphäre versprüht. Überhaupt ist „Legend of Tarzan“ ein Film, der mehr noch als der zuletzt ebenfalls als düster-erwachsene Interpretation eines Jugendklassikers eingeordnete „The Jungle Book“ auf eine nahezu humorbefreite Inszenierung setzt. Unterstrichen wird dieses Erscheinungsbild von fehlenden Kontrasten und einem farblich einheitlichen Grundton, der auf allzu grelle Akzente verzichtet, wodurch die Umgebung nicht selten zu einem einheitlichen Grau-in-Grau wird, dessen Tristesse im Zuge dramaturgischer Höhepunkte von anhaltenden Regenfällen unterstrichen wird. Das wirkt im Laufe der knappen zwei Filmstunden immer wieder ermüdend, optisch ansprechend ist diese sehr reife „Tarzan“-Ausrichtung dennoch, wozu nicht zuletzt auch die Attraktivität des Hauptdarstellerpärchens beiträgt. „Legend of Tarzan“ wirkt elegant kühl, was sich leider stark mit einigen Effekten beißt, die mit aktuellen technischen Meisterleistungen wie dem bereits erwähnten „The Jungle Book“ oder sogar dem inhaltlich zwar anstrengenden, technisch jedoch überragenden „BFG“ nicht mithalten können.

Obwohl „Legend of Tarzan“ im Anbetracht des aktuellen Technik-Standards eigentlich dafür prädestiniert wäre, auf der Ebene der Effekte zu überzeugen, ist die Qualität des aus dem Computer stammenden Spektakels schwankend. Besonders in den überdurchschnittlich oft als dramaturgisches Stilmittel gewählten Zeitlupen wollen CGI und haptische Kulissen nicht zueinander finden. Lässt sich in dynamischeren, mit schnellen Schnitten untersetzten Actionszenen noch gut verschleiern, dass manch eine Bewegung diverser Tiere nicht ganz dem natürlichen Ablauf entspricht, sind die Slow-Motion-Szenen von einer merkwürdigen Künstlichkeit. Wenn Tarzan gegen ein ausgewachsenes Affenmännchen kämpft, geht die unrealistische Darstellung sogar so weit, dass man bisweilen glaubt, selbst Alexander Skarsgård würde hier nicht mehr als er selbst vor der Kamera stehen. Überhaupt erinnert gerade diese Szene stark an den berühmten Bärenangriff aus „The Revenant“, zu dem „Legend of Tarzan“ im direkten Vergleich allerdings auch klar den Kürzeren zieht. Manche Nahaufnahmen während des ersten Kontakts zwischen den Affen und dem kleinen Tarzan sind indes bemerkenswert naturgetreu. Auch ein Angriff von Nilpferden entspricht einer modernen, fotorealistischen Optik, bei der die Computeranimation nicht zu erkennen ist. Im Finale wiederum fahren die Tricktechniker schließlich ein zwar imposantes, dabei jedoch auch seelenloses Effektgewitter auf, zu dem wir an dieser Stelle nur eines loswerden wollen: Auch ein noch so durchtrainiertes Gnu kann einfach nicht in einem 90-Grad-Winkel um die Ecke springen.

Legend of Tarzan

Dass wir bislang ausschließlich von den technischen Qualitäten von „Tarzan“ berichteten, liegt daran, dass es auf inhaltlicher Ebene schon weitaus schwieriger wird, dem Film etwas Positives abzugewinnen. Dass das Autorenduo um Adam Cozard („Jack Ryan: Shadow Recruit“) und Craig Brewer („Footlose”) mit ihrem Plot um Tarzans Rückkehr in den Dschungel andere Wege geht, als etwa die Disney-Verfilmung aus den Neunzigerjahren, verhilft „Legend of Tarzan“ zwar zu einer spannenden Grundidee, aus ihr herauszuholen, vermögen die beiden Schreiber allerdings nichts. Beweggründe für das Handeln einzelner Figuren werden nie richtig deutlich, die Lovestory um Tarzan und Jane erhält so wenig Raum innerhalb der Erzählung, dass sie nie mehr als bloße Behauptung ist und der von Beginn an vorgegebene Ansatz, „Legend of Tarzan“ als bodenständigere, realistischere Verfilmung der bekannten Dschungelgeschichten zu machen, wird in unfreiwillig komischen Szenen immer wieder ad absurdum geführt. Dazu gehört Tarzans Fähigkeit, mit Tieren sprechen zu können, ebenso wie dessen Heroisierung als Superheld, der es mitunter schon mal alleine mit zwei Dutzend gestählten Soldaten aufnehmen kann. So richtig zusammenpassen will in „Legend of Tarzan“ also nichts; da ist es fast konsequent, dass der eine Teil der Darsteller ob der nicht zu leugnenden Inhaltsleere kaum etwas zu tun bekommt (die Interaktion zwischen Alexander Skarsgård und Margot Robbie beschränkt sich auf ein gegenseitiges Anschmachten, Skarsgård erfreut seine weiblichen Fans immerhin mit einem perfekt geshapten Oberkörper und die Figur von Samuel L. Jackson dient einzig und allein dazu, dem Zuschauer immer wieder den Status der Handlung einzubläuen), während ein Christoph Waltz („James Bond 007: Spectre“) beweist, dass dieser ohne seine typische Tarantino-Attitüde durchaus überfordert ist. In „Legend of Tarzan“ fährt sein üblicher Schurkenmodus auf Sparflamme; authentisch angsteinflößend ist das nicht.

Fazit: Die Idee hinter „Legend of Tarzan“ ist gerade aufgrund der sehr erwachsenen Inszenierung gar nicht so schlecht. Visuell besticht der Blockbuster mit fein komponierten Bildern berauschender Naturkulissen, in die sich jedoch weder die qualitativ wankelmütigen Effekte, noch die Darsteller so richtig einfügen mögen. Inhaltlich sagt David Yates weder etwas Neues aus, noch gestaltet sich sein Dschungeltrip sonderlich unterhaltsam. Diese Neuinterpretation von „Tarzan“ hätte man sich daher schenken können.

„Legend of Tarzan“ ist ab dem 28. Juli in den deutschen Kinos zu sehen – auch in schwachem 3D!

7 Kommentare

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