Vor ihren Augen

Roberts, Kidman, Ejiofor: Für seinen dramatischen Cop-Thriller VOR IHREN AUGEN versammelt Regisseur Billy Ray diverse Hollywood-A-Prominenz um sich. Doch an die Atmosphäre der argentinischen Vorlage kommt sein Hollywood-Remake nicht heran. Warum, das lest Ihr in meiner Kritik.Vor ihren Augen

Der Plot

Die beiden ehrgeizigen FBI-Ermittler Ray (Chiwetel Ejiofor) und Jess (Julia Roberts) sind ein eingespieltes Team und arbeiten eng mit der für sie zuständigen Staatsanwältin Claire (Nicole Kidman) zusammen. Doch dann wird eines Tages Jess’ jugendliche Tochter auf brutale Weise und scheinbar ohne jegliches Motiv ermordet. Als sie meinen, den Mörder gefunden zu haben, müssen sie ihn aus Mangel an Beweisen laufen lassen. 13 Jahre später, in denen Ray jeden Tag wie besessen versucht hat, den schwer zu fassenden Täter zu finden, stößt er auf eine neue Spur. Er ist sich sicher, den Fall endlich lösen zu können, den grausamen Mörder zu überführen und mit seinem Team, den lang ersehnten Schlussstrich ziehen zu können. Doch Niemand ist auf das schockierende und entsetzliche Geheimnis vorbereitet, das die Ermittler erwartet und keinen Zweifel daran lässt, welch zerstörerische Wirkung persönliche Rache auf die menschliche Seele haben kann.

Kritik

Erst vor Kurzem lobten wir an dieser Stelle Jodie Foster für die geradlinige Inszenierung ihres Börsenthrillers „Money Monster“, der aufgrund seines schnörkellosen Erscheinungsbildes auch in die späten Neunzigerjahre gepasst hätte. Genau so verhält es sich nun auch mit dem Remake des argentinischen Oscar-Preisträgers „In ihren Augen“. Nur dass diese Bezeichnung hier nicht positiv, sondern durchaus negativ zu verstehen ist. Zwar konzentriert sich auch Regisseur Billy Ray („Enttarnt – Verrat auf höchster Ebene“) ganz auf die Umstände brutalen Verbrechens und blickt bei der Aufklärung desselben stur gerade aus. Doch wenn sich die Geschichte auf den letzten Metern um 180 Grad dreht, dann erscheint das in diesem Fall eher wie billige Effekthascherei, die einst im Fahrwasser von „Sieben“ betrieben wurde; nicht weil es die Story sonderlich aufwerten würde, sondern einfach, weil das Publikum damals so gut darauf ansprang. Heute, wo ein Gros neuer Produktionen mit einer spektakulären Wendung daherkommt, muss man sich gerade für diese etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Juan José Campanella ist dies mit seinem Original aus dem Jahr 2010 deshalb geglückt, weil die Atmosphäre seines „El secreto de sus ojos“ durchgehend zum Zerreißen gespannt war. Genau das ist bei der US-Variante nun aber das Problem. Billy Ray will zu viel auf einmal, verliert seinen Fokus und so ist die alles entscheidende Auflösung von „Vor ihren Augen“ vielmehr spektakulär-reißerisch denn beklemmend-pessimistisch.

Vor ihren Augen

Mit seinem Starcast aus Julia Roberts („Money Monster“), Chiwetel Ejiofor („Triple 9“) und Nicole Kidman („Die Liebe seines Lebens“) richtet sich Billy Ray mit „Vor ihren Augen“ ganz klar an ein breitgefächertes Blockbuster-Publikum. Entsprechend spektakulär zieht der Regisseur seinen Thriller auch auf. Es geht um den Mord an der Tochter einer Polizistin, die aufgrund dieses tragischen Vorfalls jeglichen Halt in ihrem Leben verliert. Vielmehr als den psychischen Verfall von Jess thematisiert der Film allerdings die über mehrere Jahre andauernden Ermittlungen. Es geht um falsche Verdachtsmomente, Rache und um das Ausloten von Grenzen – sowohl auf der Seite der Polizei, als auch auf der der Verdächtigen. Im weitesten Sinne umspannt Billy Ray, der auch das Drehbuch schrieb, diese Konflikte mit einer Terrorthematik, indem er den tragischen Vorfall in einen Antiterroreinsatz einbettet, der in den späteren Filmminuten allerdings überhaupt kein Rolle mehr spielt. Inhaltlich ist „Vor ihren Augen“ entsprechend breit aufgestellt. Inszenatorisch gelingt es Billy Ray zudem, zumindest das Kernthema nie aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig zerfasert die Stringenz innerhalb der Erzählung nach und nach. Während sich die Atmosphäre mit jedem neuen Beweisstück verdichtet, schenkt Ray Dingen wie der sich anbahnenden Beziehung zwischen Ray und Claire zu viel Beachtung. Dieser romantische Einschlag, aber auch manche Pointe, die insbesondere bei der Arbeit von Ray und seinem sympathischen Kollegen Bumpy (Dean Norris) zum Tragen kommt, lockern das Geschehen an den falschen Momenten auf, die den Suspense hier und da fast in Gänze zerstört.

Bis sich „Vor ihren Augen“ vom Tonfall her ein ums andere Mal verzettelt, trumpft Billy Ray vor allem damit auf, wie uneitel er seine Darsteller in Szene setzt. Wenn Julia Roberts in einer herzzerreißenden Szene ihre vergewaltigte und anschließend ermordete Tochter wie Müll abgeladen auffindet, legt der Hollywoodstar eine Gänsehaut fördernde Intensität an den Tag, die dem Zuschauer in Mark und Bein übergeht. Die seelischen Qualen der um ihr Kind gebrachten Mutter sind so glaubhaft, dass diese Szene gerade für Eltern zu einer echten Belastungsprobe wird. Auch die auf das Nötigste beschränkte Attitüde der Polizistin, die Roberts anschließend vollkommen zurückhaltend verkörpert, wirkt authentisch. Dasselbe gilt für sämtliche ihrer Kollegen, die allesamt stark performen, jedoch nicht an die Intensität von Roberts heranreichen. Chiwetel Ejiofor gibt sensibel den engagierten Ermittler, der sich aller Widerstände zum Trotz durchsetzt, während Nicole Kidman als moralische Instanz über allem thront, in dieser unaufgeregten Rolle allerdings verhältnismäßig blass bleibt. In einer Buddy-Cop-Konstellation wäre auch Dean Norris („#Zeitgeist“) eine perfekte Besetzung. Leider wirken die unterschwellig komischen Facetten seiner Figur in einem Film wie „Vor ihren Augen“ deplatziert.

Vor ihren Augen

Zu einer Einheit werden die vielen unterschiedlichen Elemente in „Vor ihren Augen“ nie. Dazu hält Billy Ray die inszenatorischen Zügel hier und da zu locker in den Händen. Wann immer er sich rein auf die spannenden Ermittlungsarbeiten der Cops konzentriert, ist das Thrillerdrama jedoch atmosphärisch und unterhaltsam zugleich; nicht etwa, weil das Skript Lacher forciert, die es nicht bräuchte, sondern weil die Geschichte uns die Ermittlungen von so vielen Standpunkten aus nahelegt, dass sich so etwas die Leerlauf nie einstellt. Insofern ist „Vor ihren Augen“ ein zweischneidiges Schwert. Für den Gelegenheitskinogänger erweist sich der Film als (bis zu einem gewissen Grad) unvorhersehbares, atmosphärisch inszeniertes, bei aller Tragik auch unterhaltsames Unterfangen. Doch wer Wert darauf legt, ein in sich stimmiges Filmerlebnis zu genießen, die Beweggründe der Figuren alle nachvollziehen zu können und dem Glaubwürdigkeit wichtiger ist, als kurzweiliges Entertainment, der könnte sich an der allzu konstruierten Inszenierung stören, die trotz einer eigentlich recht niederschmetternden Message stets darum bedacht ist, möglich nicht allzu unbequem zu sein.

Fazit: „Vor ihren Augen“ ist ein über weite Strecken konventionelles Drama im Stile der Neunziger, das jedoch wenige eigene Ansätze besitzt und sich inhaltlich zum Großteil an seiner Vorlage orientiert. Mit seiner bequemen Inszenierung eckt Billy Ray selbst dann nicht an, wenn sich der Inhalt dafür eigentlich anbieten würde. So ist der Film in seinen Hochphasen zwar spannend, bleibt aber weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

„Vor ihren Augen“ ist ab dem 9. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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