Das Drama – Noch mal auf Anfang
Manchmal reicht ein einziger Moment, um einen Menschen, den man zu kennen glaubt, in einem vollkommen neuen Licht erscheinen zu lassen. In seinem neuen Film DAS DRAMA – NOCH MAL AUF ANFANG macht Regisseur Kristoffer Borgli aus genau diesem Moment ein ebenso bitterböses wie beunruhigend präzises Beziehungs-Experiment.
Darum geht’s
Charlie (Robert Pattinson) und Emma (Zendaya) sind seit zwei Jahren ein glückliches Paar und seit Kurzem sogar verlobt. Die Hochzeit steht kurz bevor, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Eines Abends sitzen die beiden mit ihren gemeinsamen Freunden Mike (Mamoudou Athie) und Rachel (Alana Haim) beim Testessen zusammen, als Rachel plötzlich auf eine „lustige“ Idee kommt: Jede und jeder ist aufgefordert, den dunkelsten Moment der eigenen Vergangenheit preiszugeben. Nachdem anfänglich noch hinter vorgehaltener Hand gelacht wird, kippt die feucht-fröhliche Stimmung schlagartig, als Emma ein dunkles Geheimnis ihrer Vergangenheit preisgibt. Dieses neu gewonnene Wissen um die finstersten Abgründe seiner Verlobten treibt Charlie in den Tagen vor seiner Hochzeit bis an den Rand der Verzweiflung. Kennt er seine zukünftige Ehefrau überhaupt?
Kritik
Kristoffer Borgli gehört zu jener noch überschaubaren Riege zeitgenössischer Filmemacher, deren Handschrift sich bereits nach wenigen Minuten unverkennbar aufdrängt. Mit Werken wie „Sick of Myself“ und „Dream Scenario“ hat sich der Norweger als präziser Chronist moderner Selbstinszenierung etabliert und Filme vorgelegt, die von tiefschwarzem Humor, schmerzhafter Fremdscham und einem untrüglichen Gespür für die Abgründe narzisstischer Gesellschaften geprägt sind. Seine Figuren führt Borgli dabei mit genüsslicher Konsequenz in Situationen maximaler Selbstentblößung, was ihm nicht nur internationale Kritikeraufmerksamkeit, sondern auch zunehmend größere Produktionskontexte eingebracht hat. Mit „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ setzt er diesen Weg nun fort und verlagert seinen Blick auf ein noch prominenter besetztes Spielfeld: Im Zentrum stehen mit Zendaya („Malcolm & Marie“) und Robert Pattinson („Mickey 17“) zwei der prägendsten Stars ihrer Generation, deren Zusammenarbeit mit Borgli bereits im Vorfeld erahnen lässt, dass sich dessen Interesse an der Demontage öffentlicher und privater Selbstbilder hier unter besonders grellem Scheinwerferlicht entfalten dürfte.
Der Film beginnt mit einer Lüge: Die von Robert Pattinson mit einem perfekten Gespür für emotionale Ausnahmesituationen gespielte Hauptfigur Charlie entdeckt seine ein Buch lesende Traumfrau in einem Café. Um einen Zugang zu ihr zu finden, googelt er schnell den Buchtitel und gibt anschließend vor, es selbst gelesen zu haben. Erst bei ihrem ersten richtigen Date, als er einfach nicht mehr aus der Sache rauskommt, gibt er Emma gegenüber zu, dato geflunkert zu haben. Im Rahmen der anstehenden Hochzeitsvorbereitungen wird diese kleine Verschiebung des Wahrheitsakzentes noch zur niedlichen Anekdote verklärt. Doch eigentlich könnte dieser ganze Einstieg kaum programmatischer sein. Denn natürlich bleibt sich Kristoffer Borgli mit seiner erst zweiten englischsprachigen Regiearbeit „Das Drama“ thematisch treu. Erneut kreist alles um fragile Selbstbilder, um die Diskrepanz zwischen innerer Wahrnehmung und äußerer Inszenierung und um die oft grotesken Strategien, mit denen die Figuren versuchen, diese beiden Ebenen in Einklang zu bringen. Borglis Filme fühlen sich – in etwas vergleichbar mit jenen seines griechischen Kollegen Yorgos Lanthimos – dabei immer auch wie eine Versuchsanordnung an. Und zwar für Menschen, die sich in ihren eigenen Narrativen verfangen und dabei zunehmend die Kontrolle über Realität und Fiktion verlieren.
„Borgli interessiert sich weniger für die faktische Schwere des Gesagten als für die daraus resultierende Wahrnehmungsverschiebung. Wie sehr verändert ein solcher Moment das Bild eines Menschen, den man zu kennen glaubte? Und lässt sich etwas verzeihen, das nie wirklich geschehen ist, aber dennoch alles infrage stellt?“
Im Zentrum steht diesmal eine denkbar simple, zugleich aber hochgradig aufgeladene Konstellation: Kurz vor der Hochzeit offenbart Emma ihrem Verlobten eine Information, die sie im Blick ihres Partners (und dessen Freundesumfelds) schlagartig in ein vollkommen neues Licht rückt. Eine dieser Wahrheiten, die – selbst, wenn sie streng genommen nie Realität geworden ist, sondern im Bereich des „Beinahe“ verharrt – das Fundament einer Beziehung nachhaltig erschüttern können. Borgli interessiert sich dabei weniger für die faktische Schwere des Gesagten als für die daraus resultierende Wahrnehmungsverschiebung. Wie sehr verändert ein solcher Moment das Bild eines Menschen, den man (in diesem Fall seit zwei Jahren) zu kennen glaubte? Und lässt sich etwas verzeihen, das nie wirklich geschehen ist, aber dennoch alles infrage stellt? Es sind Fragen, die der Film nicht nur seinen Figuren stellt, sondern ganz gezielt auch ins Publikum zurückspiegelt. Besonders eindrücklich gelingt das über die von der wunderbar undurchsichtigen Zendaya gespielten Emma: Gemeinsam mit ihrem Verlobten beginnen auch wir, sie mit anderen Augen zu sehen, ihre Handlungen neu zu bewerten, ihre Ausstrahlung anders zu lesen. Borgli verschiebt damit den Fokus, weg vom reinen Selbstbild hin zu jenem fragilen, jederzeit kippbaren Bild, das eine Person nach außen trägt und das, einmal erschüttert, kaum wieder in seine ursprüngliche Form zurückfindet.

…bis ein gemeinsamer Abend mit ihren Freunden Mike (Mamoudou Athie) und Rachel (Alana Haim) alles infrage stellt.
Mit dieser Fragestellung gelingt „Das Drama“ eine bemerkenswerte Fallhöhe, weil sie sich unmittelbar auf das eigene Erleben übertragen lässt. Denn die Frage „Wie hätte ich reagiert?“ stellt sich hier zwangsläufig. Doch Borgli belässt es nicht dabei, diesen Konflikt rein über Dialoge auszutragen, sondern lädt ihn inszenatorisch auf, indem er immer wieder kurze, pointiert gesetzte Szenen aus Emmas Vergangenheit einstreut. Diese entziehen sich einer eindeutigen Einordnung: Sind sie tatsächlich so passiert, entspringen sie Charlies überhitzter Vorstellungskraft oder spiegeln sie eine subjektiv verzerrte Wahrnehmung Emmas? Borgli hält diese Ebenen bewusst in der Schwebe und nutzt die Unsicherheit als dramaturgischen Motor. Die Rückblenden wirken wie Störimpulse im Erzählfluss, die zugespitzt, überzeichnet und von einem morbiden Humor durchzogen sind, der den ohnehin fragilen Beziehungsstatus zusätzlich unter Spannung setzt. Gerade in diesen Momenten zeigt sich einmal mehr Borglis Gespür dafür, wie sich existenzielle Verunsicherung und bittere Komik gegenseitig verstärken können: Wenn Emma etwa plötzlich mit einem Messer im Türrahmen steht, einfach weil sie sich gerade Obst für einen Smoothie zurechtgeschnippelt hat, kippt eine banale Alltagssituation in eine unterschwellige Bedrohung und entfaltet genau darin ihre verstörende Komik.
„Und doch entfaltet der Film in seinen besten Momenten eine wuchtig beklemmende Intensität, die sich weniger aus konkreten Schockmomenten speist als aus einem permanenten Gefühl der Unsicherheit. Bis zum Schluss liegt eine kaum greifbare Bedrohung in der Luft. Wie ein erzählerisches Damoklesschwert, das jederzeit herabsausen könnte – oder eben auch nicht.“
Apropos verstörend: Im Anbetracht dessen, wodurch Kristoffer Borgli einst bekannt wurde, darf sich hier gut und gern die Frage gestellt werden, ob „Das Drama“ eigentlich auch als Horrorfilm zu begreifen ist. Tatsächlich arbeitet der Film immer wieder auch mit Versatzstücken des Genres, ohne sich ihm je ganz zu verschreiben. Was ihm dabei gelegentlich fehlt, ist jene letzte Dringlichkeit, jenes konsequente „Wehtun“, das etwa „Sick of Myself“ in seiner Schonungslosigkeit ausgezeichnet hat. Auch „Das Drama“ hat vereinzelt solche Momente, vor allem, was den Cringe-Faktor anbelangt. Wirkt stellenweise aber etwas geglätteter. Fast so, als würde Borgli seine Eskalation bewusst zügeln, obwohl man weiß, dass er es eigentlich noch (viel!) weiter treiben könnte. Und doch entfaltet der Film in seinen besten Momenten eine wuchtig beklemmende Intensität, die sich weniger aus konkreten Schockmomenten speist als aus einem permanenten Gefühl der Unsicherheit. Bis zum Schluss liegt eine kaum greifbare Bedrohung in der Luft. Wie ein erzählerisches Damoklesschwert, das jederzeit herabsausen könnte – oder eben auch nicht. Gerade diese Ungewissheit ist es, die „Das Drama“ seine nachhaltigste Wirkung verleiht.
Fazit: „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ ist vielleicht nicht der radikalste, wohl aber der zugänglichste Film in Kristoffer Borglis bislang so konsequent zugespitztem Œuvre. Gerade in dieser leichten Glättung liegt zugleich seine größte Schwäche wie auch seine neue Qualität: Der Film beißt weniger, hallt dafür aber umso länger nach. Borgli gelingt ein ebenso unangenehmes wie faszinierendes Gedankenexperiment über Wahrnehmung, Vertrauen und die Zerbrechlichkeit von Selbstbildern, das sein Publikum noch weit über den Abspann hinaus begleitet.
„Das Drama – Noch mal auf Anfang“ ist ab dem 2. April 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.


