The Chronology of Water

Mit der Verfilmung der Autobiographie THE CHRONOLOGY OF WATER legt Kristen Stewart ein Regiedebüt vor, das sich bewusst gegen klassische Erzählmuster stellt. Statt einer geradlinigen Lebensgeschichte erwartet das Publikum ein fragmentarisches, körperliches Filmerlebnis, das sich um Erinnerung, Schmerz und Selbstbehauptung dreht.

OT: The Chronology of Water (USA/FR/LAT 2025)

Darum geht’s

Lidia (Imogen Poots) ist eine junge, hochbegabte Athletin mit großen Ambitionen im Schwimmsport. Eines Tages erhält sie die Chance auf ein Sportstipendium an einer texanischen Hochschule. Für sie vor allem ein Ausweg aus einem von Gewalt und emotionaler Instabilität geprägten Elternhaus. Während der Vater (Michael Epp) durch Aggression auffällt, kämpft die Mutter (Susannah Flood) mit schweren psychischen Problemen und Alkoholabhängigkeit. Doch fern der Heimat gerät die Studentin selbst zunehmend in einen Strudel aus Drogen und exzessivem Verhalten, was schließlich zum Verlust ihrer Förderung führt. Nach diesem Rückschlag wagt sie einen Neuanfang in einer anderen Stadt und beginnt ein Studium, bei dem sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt. Dort wird sie von einem charismatischen Autor (Jim Belushi) gefördert, der sie in ein kleines, ambitioniertes Literaturprojekt einbindet. Zusammen mit einer ausgewählten Gruppe Studierender arbeitet sie an einem ungewöhnlichen, experimentellen Werk…

Kritik

Schwimmen ist in „The Chronology of Water“ weit mehr als nur ein sportlicher Zeitvertreib. Für die Protagonistin wird das Wasser zu einem Rückzugsort, zu einem Raum, in dem sie sich zumindest für kurze Zeit von den Zwängen und Verletzungen ihres Alltags lösen kann. Hier zählt nicht, wie man wirkt oder wahrgenommen wird, sondern allein die Stärke und das Durchhaltevermögen des eigenen Körpers. Das Becken wird so zu einem Ort, an dem sich Kontrolle und Kontrollverlust auf besondere Weise begegnen. Ein wenig erinnert das an die jüngst ebenfalls im Kino erschienene Romanverfilmung „22 Bahnen“. Auch darin verschwinden der Schmerz, die Erinnerungen und Traumata nicht einfach, aber sie lassen sich im Wasser anders aushalten. Dass dieses Motiv eine so zentrale Rolle einnimmt, ist kein Zufall. Denn die literarische Vorlage zu „The Chronology of Water“ von Lidia Yuknavitch ist stark autobiografisch geprägt und erzählt eine Lebens- (und Leidens-)Geschichte, die sich immer wieder um Körpererfahrungen, Verletzungen und Selbstbehauptung dreht.

Imogen Poots gibt in der Rolle der Lidia alles.

Der Film folgt dieser Grundidee weitgehend, verzichtet dabei aber bewusst auf eine klassische, klar strukturierte Erzählweise. Stattdessen setzt Regisseurin Kristen Stewart („Spencer“) auf Brüche, Sprünge und Leerstellen. Eine Herangehensweise, die zunächst fordern kann, aber schnell deutlich macht, dass es hier weniger um eine chronologische Nacherzählung als vielmehr um ein Erleben geht. Im Zentrum steht Lidia Yuknavitch, gespielt von Imogen Poots („Vivarium“), deren Geschichte früh von Gewalt und Unsicherheit geprägt ist. Gemeinsam mit ihrer Schwester wächst sie im Schatten eines gewalttätigen Vaters auf. Erfahrungen, die sie nachhaltig prägen. Der Sport wird für sie zunächst zu einer Art Fluchtbewegung, später dann auch zu einem Mittel, sich selbst neu zu definieren. Doch der Film belässt es nicht bei diesem einen Strang. Ebenso wichtig ist Lidias spätere Entwicklung als Schriftstellerin. Unter der Anleitung des Schriftstellers Ken Kesey (gespielt von Jim Belushi) beginnt sie, ihre eigenen Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Ein Prozess, aus dem schließlich auch das Buch „The Chronology of Water“ hervorgeht.

„Diese fragmentarische Erzählweise zieht sich durch den gesamten Film. Zwar lässt sich eine grobe Chronologie erkennen, doch insbesondere im ersten Abschnitt springt die Handlung immer wieder vor und zurück. Erinnerungen überlagern oder wiederholen sich, oder brechen einfach abrupt ab.“

Schon der Auftakt des Films – die Darstellung von Blut, dessen Ursprung man nicht sofort ausmachen kann – macht deutlich, welchen Ton Stewart anschlägt. Bilder, die nicht sofort eingeordnet werden können, Andeutungen statt klarer Antworten – „The Chronology of Water“ fordert sein Publikum aktiv dazu auf, sich selbst einen Zugang zur Geschichte zu erarbeiten. Gerade darin liegt eine seiner größten Stärken. Anstatt alles auszuformulieren, vertraut der Film darauf, dass das Publikum die Lücken selbst schließt. Und nicht selten sind die Vorstellungen, die dabei entstehen, eindringlicher als das, was explizit gezeigt wird. Diese fragmentarische Erzählweise zieht sich durch den gesamten Film. Zwar lässt sich eine grobe Chronologie erkennen, doch insbesondere im ersten Abschnitt springt die Handlung immer wieder vor und zurück. Erinnerungen überlagern oder wiederholen sich, oder brechen einfach abrupt ab. Das kann zunächst desorientierend wirken, spiegelt aber sehr genau wider, wie die Figur ihre Vergangenheit erlebt. Ereignisse sind nicht sauber voneinander getrennt, sondern greifen ineinander und hinterlassen Spuren, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Das erinnert in seiner vermeintlich willkürlichen Auswahl nacherzählter Szenen ein Stückweit an Richard Linklaters „Boyhood“, wenngleich „The Chronology of Water“ natürlich der weitaus sperrigere Film ist.

Außergewöhnliche Perspektiven: „The Chronology of Water“ ist unberechenbar.

Dafür sorgt auch das alles andere als gefällige Bild der Protagonistin. Lidia ist keine klassische Identifikationsfigur. Immer wieder trifft sie Entscheidungen, die sie für das Publikum schwer greifbar, stellenweise auch ziemlich unsympathisch machen. Besonders im Umgang mit ihrem ersten Partner zeigt sich eine Härte, die irritiert, aber gleichzeitig nachvollziehbar bleibt. Wenn sie sich auf einer gemeinsamen Autofahrt über den jungen Mann erhebt, ihn kleinhält, verhöhnt und schließlich sogar anspuckt, dann muss man sich schon aktiv daran erinnern, dass Lidias Verhalten vor allem aus Unsicherheit und dem Versuch entsteht, die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückzugewinnen. Gelingt einem diese Einordnung nicht, wird man es im weiteren Verlauf schwer haben. Denn „The Chronology of Water“ hat keine Angst davor, seine Protagonistin als unbequemen Menschen zu zeigen.

Auch formal bleibt Stewart konsequent nah an ihrer Figur. Kameramann Corey C. Waters, bis dato vor allem durch verschiedene Musikvideos bekannt, sucht immer wieder die unmittelbare Nähe zu Lidias Körper, verzichtet auf Distanz und beobachtet genau. Besonders in den Szenen im Wasser entfaltet sich so eine ganz eigene Dynamik. Mal wirkt es wie ein Schutzraum, mal wie eine Bedrohung, aber immer ist es ein Ort der Veränderung. Die Inszenierung vermeidet dabei bewusst jede Form von Effekthascherei. Gewalt und Selbstzerstörung werden nicht ausgeschmückt, sondern nüchtern und direkt gezeigt. Das macht den Film stellenweise schwer auszuhalten, aber genau darin liegt auch seine Wirkung. Einen großen Anteil daran trägt nicht zuletzt auch Imogen Poots, die die komplexe Figur mit bemerkenswerter Konsequenz verkörpert. Ihre Darstellung ist körperlich präsent, uneitel und kompromisslos. Sie trägt den Film über weite Strecken allein und schafft es, sowohl die Verletzlichkeit als auch die Widerstandskraft ihrer Figur spürbar zu machen. Dabei fügt sie sich nahtlos in Stewarts Inszenierung ein, die ganz auf subjektives Erleben ausgerichtet ist.

„Die Inszenierung vermeidet dabei bewusst jede Form von Effekthascherei. Gewalt und Selbstzerstörung werden nicht ausgeschmückt, sondern nüchtern und direkt gezeigt. Das macht den Film stellenweise schwer auszuhalten, aber auch darin liegt seine Wirkung.“

Fazit: „The Chronology of Water“ ist ein forderndes, bewusst sperrig erzähltes Porträt, das sich klassischen Biopic-Strukturen konsequent entzieht. Kristen Stewart setzt auf eine fragmentarische, sehr körperliche Inszenierung, die nicht immer leicht zugänglich ist, aber gerade dadurch eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Getragen von einer kompromisslos-uneitlen Imogen Poots.

„The Chronology of Water“ ist ab dem 5. März 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?