Der Hochstapler – Roofman

Ein Räuber, der im Spielzeugladen untertaucht und sich monatelang von M&Ms ernährt – klingt nach Comedy, wird aber in den Händen von „The Place Beyond the Pines“-Regisseur Derek Cianfrance viel mehr. DER HOCHSTAPLER – ROOFMAN erzählt eine wahre Geschichte, die so absurd ist, dass man sie kaum glauben mag. Und gerade deshalb zieht sie einen sofort in ihren Bann.

OT: Roofman (USA 2025)

Darum geht’s

Im Zuge einer schwierigen Lebensphase hat sich der ehemalige Soldat Jeffrey Manchester (Channing Tatum) auf nächtliche Einbrüche in McDonald’s-Filialen spezialisiert. Als einer seiner Überfälle schiefgeht, wird er geschnappt und zu 45 Jahren Haft verurteilt. Doch nicht mit Jeffrey! Ihm gelingt die Flucht, woraufhin er sich ein geheimes Versteck in einem verlassenen Bereich eines Spielwarenladens einrichtet. Hier bleibt er zunächst unentdeckt und versucht, sich ein neues, unauffälliges Leben aufzubauen. Sogar eine Beziehung mit der Laden-Mitarbeiterin Leigh (Kirsten Dunst) geht er ein. Doch je näher ihm seine neuen Bezugspersonen kommen und je intensiver die Fahndung nach ihm wird, desto stärker gerät sein sorgsam konstruiertes Doppelleben ins Wanken — bis er sich entscheiden muss, ob er weiterflieht oder sich seiner Vergangenheit stellt.

Kritik

Die Geschichte von Jeffrey Manchester ging Anfang der Zweitausenderjahre um die Welt: Der ehemalige US-Veteran und Vater dreier Kinder geriet Ende der Neunziger in eine finanzielle Schieflage, aus der heraus sich einer der ungewöhnlichsten Kriminalfälle seiner Dekade entwickelte: Mehr als vierzig Schnellrestaurants, vorwiegend McDonald’s, raubte Manchester aus, indem er nachts heimlich durch das Dach einstieg (daher der Spitzname „The Roofman“) und die Frühschicht beim Öffnen überraschte. Trotz der Bewaffnung verhielt er sich zumeist überraschend höflich gegenüber seinen Geiseln, wie diese später auf Nachfrage von Polizei und Presse bestätigten. Nachdem er im Jahr 2000 gefasst und zu 45 Jahren Haft verurteilt worden war, gelang ihm 2004 eine spektakuläre Flucht. Unter falschem Namen tauchte er daraufhin in einer Toys’R‘Us-Filiale unter, baute sich dort ein Versteck und lebte von Babynahrung und Süßigkeiten, insbesondere M&Ms. Mithilfe von Baby-Monitoren und Überwachungskameras blieb er monatelang unentdeckt. Eine wahrlich bizarre Kombination aus Verzweiflung, Einfallsreichtum und krimineller Zielstrebigkeit, die Manchester zu einer hervorragend-ambivalenten Filmfigur macht. Ein Mann, der scheinbar das Richtige für seine Familie tun wollte, dabei aber die Grenze zu existenzieller Gewalt und Verrohung überschritt – „Der Hochstapler – Roofman“ ist seine Geschichte.

Nachts ist Jeffrey (Channing Tatum) ganz allein in der Toys’R’Us-Filiale.

Die Skurrilität hinter dem Fall ist es auch, die das Marketing von „Der Hochstapler“ dominiert – und dabei nicht besonders fair mit seinem anvisierten Publikum umgeht. Trailer, Plakat und ein Stückweit auch die Besetzung mit Hollywood-Beau Channing Tatum („Magic Mike“) deuten eher einen leichtfüßig-komödiantischen Tonfall an. Doch nicht nur Tatum hat nach „Foxcatcher“ und „Blink Twice“ längst bewiesen, dass er in der Lage ist, ambivalente Figuren zu verkörpern. Auch der Blick auf den Regisseur gibt Aufschluss darüber, was einen mit „Der Hochstapler“ erwartet: Derek Cianfrance, der nach seinem Mitwirken an der HBO-Serie „I Know this Much is True“ wieder zum Medium Film zurückkehrt, ist nicht gerade für seine leichtfüßigen Stoffe bekannt. Cianfrances Gespür für intime Liebesgeschichten, gepaart mit einer radikalen Emotionalität brachte Filme wie „Blue Valentine“, „The Place Beyond the Pines“ und den dazu leicht abfallenden „The Light Between Oceans“ hervor. Daraus resultierend ist „Der Hochstapler“ eben kein leichtgängiges Antihelden-Porträt, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit dem in seiner Motivation stets zu hinterfragenden Jeffrey Manchester.

„Spätestens wenn ‚Der Hochstapler‘ in der zweiten Hälfte immer mehr zur Liebesgeschichte wird, erweist es sich als ideal, dass man so Jemandem wie Channing Tatum natürlich sofort auf den Leim gehen würde, ohne eventuelle Ungereimtheiten in seinem Leben direkt zu hinterfragen.“

Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass „Der Hochstapler – Roofman“ nicht trotzdem der lustigste Film ist, den Derek Cianfrance bislang hervorgebracht hat – auch wenn das nun wahrlich keine Leistung ist. Die Backstory der Hauptfigur ist aber auch einfach so skurril, dass man gar nicht anders kann, als ebenjene Skurrilität – zumindest zu Beginn des Films – voll auszukosten. Darüber hinaus entpuppt sich das Casting von Channing Tatum nicht nur aufgrund seiner schauspielerischen Qualitäten als großer Glücksgriff. Spätestens wenn „Der Hochstapler“ in der zweiten Hälfte immer mehr zur Liebesgeschichte wird, erweist es sich als ideal, dass man so Jemandem wie Channing Tatum natürlich sofort auf den Leim gehen würde, ohne eventuelle Ungereimtheiten in seinem Leben direkt zu hinterfragen. Tatum gelingt es hervorragend, die Schlitzohr-Attitüde seiner Figur hervorzukehren. Umso stärker wirkt der Bruch, wenn Manchester während eines weiteren Überfalls plötzlich doch seine Waffe benutzt und konsequent an seinen (ebenfalls mit illegalen Machenschaften gespickten) Fluchtplänen festhält. Reizvoll ist an Manchester, aber auch an Tatums Spiel vor allem die Konfrontation beider Seiten: Dieser Räuber ist zu gleichen Teilen charmant und gefährlich, nicht nur für sein Umfeld, sondern vor allem für sich selbst. So wünscht man ihm auf der einen Seite den Absprung in ein neues Leben, an der Seite einer charmanten Frau (stark in einer sehr sanften Rolle: Kirsten Dunst) und ihren zwei Töchtern. Doch Tatums kriminelle Machenschaften sorgen für Risse in der Harmonie, die man als Zuschauer:in längst bemerkt, lange bevor überhaupt Manchesters Lebensgefährtin dahinter steigt. Diese Lovestory ist – wie für Cianfrance typisch – bis zum Schluss nicht vollständig zu durchdringen.

Ausgerechnet in einer Glaubensgemeinschaft lernt Jeffrey die charmante Leigh (Kirsten Dunst) näher kennen und lieben.

Spannender noch als die Romanze zwischen Jeffrey und seiner Leigh sind aber jene Szenen, in denen wir dem Ganoven als Überlebenskünstler erleben. Sowohl seine kurze Zeit hinter Gittern mitsamt einem ausgeklügelten Fluchtplan als auch seine Zeit im Toys’R’Us bergen hochgradig amüsante Momente, die den Ausruf What the Fuck! regelrecht provozieren. Vor allem in den Details stecken tolle Beobachtungen, die die Situation und die Hauptfigur optimal beschreiben. Da sich Manchester über einen langen Zeitraum primär von M&Ms ernährt, muss er irgendwann zwangsläufig zum Zahnarzt – nur um die Praxis Monate später abzufackeln, damit niemand an seine medizinischen Unterlagen gerät. Auch ein Wutausbruch, der sich gegen eine ganze Reihe sprechender Elmo-Puppen richtet, wandelt sich von der witzigen Übersprungshandlung hin zum aggressiven Frustabbau, der die moralische Kehrseite des Ganoven hervorragend einfängt. Und dann ist da noch eine Auto-Probefahrt, die für alle Beteiligten in eine nicht einschätzbare Raserei mündet, bei der man als Betrachter:in selbst nicht mehr weiß, ob Jeffrey Manchester gleich im Affekt gegen einen Baum fahren wird, oder ob er einfach nur Spaß daran hat, endlich mal wieder hinter einem Lenkrad zu sitzen.

„In ‚Der Hochstapler – Roofman‘ liegen Lachen und Weinen, Ablehnung und Mitgefühl, Faszination und Abscheu stets beieinander. Das macht den Film zu einem ambivalenten, aber hin und wieder auch unentschlossenen Filmerlebnis. Ganz im Gegensatz zur fokussierten Inszenierung.“

In „Der Hochstapler – Roofman“ liegen Lachen und Weinen, Ablehnung und Mitgefühl, Faszination und Abscheu stets beieinander. Das macht den Film zu einem ambivalenten, aber hin und wieder auch unentschlossenen Filmerlebnis. Ganz im Gegensatz zur fokussierten Inszenierung, bei der Derek Cianfrance wieder einmal unter Beweis stellt, dass er genau weiß, was er tut und welche Schwerpunkte er setzen will. Immer stilistisch nah an den Figuren, rutscht der Film nie in die Überdramatisierung, geschweige den Kitsch ab. Doch Kameramann Andrij Parekh („Die Frau des Zoodirektors“) beherrscht nicht nur die intimen Momente, sondern nutzt auch die Umgebung aus. In der extra für den Film nachgebauten Toys’R’Us-Filiale darf sich Parekh so richtig schön austoben und verhilft „Der Hochstapler“ in diesen Szenen zu einer angemessenen Verspieltheit. Denn seien wir einmal ehrlich: Während seiner Zeit im Spielzeugladen hat Jeffrey Manchester schon irgendwie unser aller Traum gelebt.

Der grantige Marktleiter (Peter Dinklage) bemerkt langsam Ungereimtheiten in seinem Geschäft…

Fazit: „Der Hochstapler – Roofman“ erweist sich insgesamt als faszinierend vielschichtiges, aber tonal nicht immer treffsicheres Porträt eines charmant-gefährlichen Antihelden. Trotz kleiner Unentschlossenheiten überzeugt der Film vor allem durch Cianfrances konzentrierte Inszenierung und die starke schauspielerische Doppelbödigkeit Channing Tatums. Am Ende bleibt ein intensives, mal verstörendes, mal überraschend komisches Kinoerlebnis, das gerade wegen seiner Ambivalenzen lange nachhallt.

„Der Hochstapler – Roofman“ ist ab dem 27. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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