Marco

Wenn ein Film sein Publikum gleich zu Beginn warnt, es möge den Saal besser verlassen, sollte man das vielleicht ernster nehmen, als MARCO es verdient. Denn was folgt, ist weniger radikales Kino als ein zum Spielfilm aufgeblasenes Schockvideo. Und das nutzt sich erschreckend schnell ab…

OT: Marco (IND 2024)

Darum geht’s

Der blinde Victor (Ishan Shoukath) wird Zeuge des Mordes an seinem Freund. Trotz seiner Blindheit kann er den Täter anhand des Dufts eines Parfums und seines markanten Fahrzeugs klar identifizieren. Seine Aussage führt die Polizei zu Russell (Abhimanyu Shammy Thilakan), der gemeinsam mit Taariq (Arjun Nandakumar), dem Bruder des Opfers, verdächtigt wird. Doch bevor die Ermittlungen greifen, entführt Russell Victor und tötet ihn grausam in einem Behälter mit Flusssäure. Victors Tod erschüttert die Familie zutiefst. Marco Jr. (Unni Mukundan), Victors adoptierter Bruder, der zuvor aus Sicherheitsgründen in Italien lebte, kehrt nach Hause zurück. Auf der Trauerfeier schwört er, alle Verantwortlichen zu bestrafen. Auf der Suche nach Wahrheit und Vergeltung kämpft sich Marco durch ein Netz aus Verrat, Machtmissbrauch und kriminellen Strukturen. Jeder Schritt bringt ihn den Drahtziehern näher, zugleich wird deutlich, wie tief die Verschwörung reicht. Marco setzt mit kompromissloser Härte alles daran, Gerechtigkeit für seinen Bruder zu erzwingen – und entfesselt dabei einen gnadenlosen Rachefeldzug, der seine Gegner systematisch zu Fall bringt.

Kritik

Sein Ruf eilt „Marco“ voraus: In Indien machte schnell die überbordende Brutalität des Rachereißers die Runde, sodass die Bezeichnung „der brutalste indische Film aller Zeiten“ alsbald nur noch Formsache war. Und wer davon – weshalb auch immer er sich dann trotzdem in den Kinosaal verirrt hat – absolut noch nichts gehört hat, für den hält der Film zu Beginn die dazu passende Texttafel bereit. Die folgenden zweieinhalb Stunden enthalten Gewalt gegen Frauen, Kinder und Schwangere (also unter anderem!) und man solle selbst entscheiden, ob man sich dem gewachsen fühle, oder ob man die Vorstellung nicht direkt lieber verlassen wolle. Die Weichen sind also gestellt. Und tatsächlich löst „Marco“ nicht nur das Versprechen des „brutalsten indischen Films“ aller Zeiten ein, sondern katapultiert sich direkt in eine Liga mit den brutalsten Filmen überhaupt. Dies liegt vor allem an zwei Gewaltspitzen, die letzten Endes aber nur das große Problem von „Marco“ unterstreichen: Alles, aber auch wirklich alles in diesem Film fühlt sich auf den größtmöglichen Skandal hin kalkuliert an. Und abseits davon, dass man manches hier so tatsächlich noch nicht im halbwegs großbudgetierten Genrekino gesehen hat, ödet diese „Wir machen das jetzt übrigens wirklich!“-Attitüde einfach nur an.

Auf seinem Rachefeldzug hinterlässt Marco (Unni Mukundan) eine Schneise der Verwüstung.

Apropos anöden: Die im Internet bereits vielfach zitierten Gewalteskapaden – vor allem an ebenjenen Frauen, Kindern und insbesondere an einer Schwangeren – breiten sich erst im finalen Drittel von „Marco“ vollends aus. Zwar gibt es auch schon in den eineinhalb Stunden zuvor eine Handvoll derber Actionsequenzen, von denen die ein oder andere sogar ganz passabel inszeniert ist. Eine Szene in einem Treppenhaus sei an dieser Stelle als Positivbeispiel für die agile Kameraarbeit und den dynamischen Schnitt genannt. Doch davon abgesehen ziehen sich die ersten 90 Minuten ins schier Unendliche, sodass man sich – so pervers es auch klingen mag – die bis dato vielfach heraufbeschworene Gewalt sogar irgendwann herbeisehnt. Immer wieder wird gebetsmühlenartig von so ziemlich jeder Figur im Film angekündigt, dass dieser Marco den Tod seines blinden Bruders rächen wird. Irgendwann erwartet man von Regisseur Haneef Adeni („Mikhael“), dass er langsam auch mal liefern muss, anstatt seine klischeehaften Macho-Idioten immer nur große Töne spucken zu lassen. Und so despektierlich die Bezeichnung der ausschließlich männlichen Figuren in „Marco“ hier auch klingen mag, so treffen ist sie doch. Sätze wie „Ich bin toxisch. Aber diese Toxizität ist Liebe.“ fallen hier ohne jedweden Anflug von Ironie.

„Und das Schlimmste: Damit funktioniert nicht mal der Titelheld als eine Art Identifikationsfigur, sondern reiht sich – die in seiner Wahrnehmung ehrenwerte Rache-Motivation hin oder her – ein in diese undefinierte Masse ätzender Männer, die in ihrer Raserei vor Nichts und Niemandem Halt machen.“

Dabei könnte das dramatische Schicksal der mit diesem Satz angesprochenen Frau eigentlich die abscheuliche Intention ihres Lovers unterstreichen; So nach dem Motto: Nein, Toxizität ist eben keine Liebe und ich zeige euch jetzt, wohin das im Extremfall führen kann. Doch ein solch ein bitterböser Kommentar ist in „Marco“ lediglich ein Zufallstreffer. Denn davon abgesehen nehmen Haneef Adeni und seine Darsteller die Machismo-Attitüden ihrer Charaktere durchgehend ernst. Und das Schlimmste: Damit funktioniert nicht mal der Titelheld als eine Art Identifikationsfigur, sondern reiht sich – die in seiner Wahrnehmung ehrenwerte Rache-Motivation hin oder her – ein in diese undefinierte Masse ätzender Männer, die in ihrer Raserei vor Nichts und Niemandem Halt machen. Da spielen dann auch zwischenmenschliche Beziehung keinerlei Rolle mehr. Frauen und Kinder sind hier allenfalls Kanonenfutter, das zwischen die Fronten der gegeneinander kämpfenden Clans und Gegner gerät. Und das Zynische: Dadurch leidet man nicht einmal mehr mit diesen mit. Egal, was für Abscheulichkeiten uns der Film in der letzten Dreiviertelstunde vor den Latz knallt.

Marco: Jetzt auch mit Messer im Mund, anstatt in der Hand.

Die überproduzierte Musikvideoclip-Ästhetik der ersten zwei Filmdrittel, mit ihren redundanten Zeitlupen, Lens-Flares und den alles übertönenden Popbeats, weicht im Finale dem hysterischen und dabei nicht einmal wirklich gut getricksten Exzess. Eine fingerfertige Kameraarbeit spielt ab hier keine Rolle mehr. Auch das letzte Bisschen Anspruch an eine clevere Actioninszenierung weicht der geballten Provokation. Die zwei traurigen Highlights: Einem kleinen Jungen wird in Nahaufnahme das Gesicht zu Brei geschlagen und einer gerade gebärenden Schwangeren wird während der Geburt das Baby aus dem Bauch gerissen, das der Gewalttäter anschließend wie eine blutende Trophäe mit sich herumträgt. Nichts davon ist von inhaltlicher Relevanz. Um die Hauptfigur Marco als (natürlich immer noch viel zu coolen) Rächer zu inszenieren, hätte es die geschmacklosen Exzesse an Unschuldigen schlicht nicht gebraucht. Bloß hätte dann wohl keiner so über „Marco“ gesprochen, wie es ein Teil der experimentierfreudigen Genrefans jetzt tut.

„Die überproduzierte Musikvideoclip-Ästhetik der ersten zwei Filmdrittel, mit ihren redundanten Zeitlupen, Lens-Flares und den alles übertönenden Popbeats, weicht im Finale dem hysterischen und dabei nicht einmal wirklich gut getricksten Exzess.“

Fazit: „Marco“ verkommt zu einem kalkulierten Skandalprojekt, das Gewalt nicht als erzählerisches Werkzeug nutzt, sondern als hohle Provokation. Seine toxischen Männlichkeitsfantasien werden unkritisch reproduziert, wodurch Figuren und Konflikte jegliche Glaubwürdigkeit verlieren. Die inszenatorische Überdrehtheit übertönt jede Form von Substanz. Am Ende bleibt ein zynisches Effektgewitter, das viel verspricht, aber kaum mehr bietet als ermüdenden Selbstzweck.

„Marco“ ist ab dem 27. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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