Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery

Mit dem dritten Teil seiner Whodunit-Reihe überrascht Rian Johnson nicht etwa mit neuen Wahnwitz-Eskapaden, sondern mit Ernst und Tiefgang. WAKE UP DEAD MAN: A KNIVES OUT MYSTERY ist nicht bloß der ernsteste und emotionalste Teil der Reihe, sondern überzeugt auch mit Johnsons reifer Selbstreflexion.

OT: Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (USA 2025)

Darum geht’s

In einer kleinen Gemeinde tritt der junge Priester Jud Duplenticy (Josh O’Connor) seinen Dienst an. Hier soll er dem alteingesessenen Kirchenführer Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin) zur Seite zu stehen, der langsam aber sicher droht, die Verbindung zu seiner Gemeinde zu verlieren. Doch anstatt auf einen warmen Empfang stößt Jud erst einmal auf Widerstände. Schließlich geschieht ein scheinbar unmöglicher Mord: Während einer Predigt betritt Wicks eine versiegelte Kammer – und nur 30 Sekunden später wird er tot darin aufgefunden. Die örtliche Polizeichefin Geraldine Scott (Mila Kunis) ist mit ihrem Latein am Ende und ruft schließlich den Detektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) zur Hilfe, um diesen rätselhaften Fall zu lösen. Vor ihm baut sich ein illustrer Reigen an Verdächtigen auf: Martha Delacroix (Glenn Close), eine fromme Anhängerin von Wicks. Die Anwältin Vera Draven (Kerry Washington). Dr. Nat Sharp (Jeremy Renner), ein auf Abwege geratener Arzt. Der Schriftsteller Lee Ross (Andrew Scott). Simone Vivane (Cailee Spaeny), eine ehemalige Cellistin. Und Cy Draven (Daryl McCormack), Influencer und selbsternannter Politiker. Und dann wäre da noch Samson Holt (Thomas Haden Church), der Gärtner und eigentlich die gute Seele der Gemeinde…

Kritik

Bei Filmreihen, die mit einem Bein das Aberwitzige berühren, lässt sich eine interessante Tendenz beobachten: Häufig ziehen die Filmemachenden die Absurditätsschraube vom ersten zum zweiten Teil ein klein wenig an, eh sie jene beim dritten Film wieder etwas lockerer lassen. So lässt es sich etwa bei „Kingsman“, „Die Unfassbaren“, ja, sogar bei der jüngsten „Star Wars“-Trilogie (wenn man hier nicht den Terminus „absurd“ anwendet, sondern „mutig“ respektive „neue Wege gehend“) erkennen, genauso wie nun auch bei der Whodunit-Reihe „Knives Out“. Was als „Agatha Christie auf Koffein“ begann und zu „Agatha Christie auf Speed“ wurde, nimmt sich mit Teil drei nun merklich zurück. Und dass eingangs das Mega-Franchise „Star Wars“ zum Vergleich herangezogen wurde, kommt auch nicht von Ungefähr. „Wake Up Dead Man“ ist nicht nur der ernsteste Teil der Reihe, der sich am wenigsten auf den Personenkult um Detective Benoit Blanc konzentriert. Obendrein verhandelt Johnson auf beachtlich resiliente Weise seine Zeit beim Disney-Konzern, als er einst mit „Die letzten Jedi“ (fast) die gesamte „Star Wars“-Fanschar gegen sich aufbrachte.

Priester Judd Duplenticy (Josh O’Connor) und Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin) sind sich von Anfang an nicht grün.

„Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ konzentriert sich hier nicht ausschließlich auf den von Ex-James-Bond Daniel Craig gespielten Meisterdetektiv, sondern rückt den von Josh O’Connor („The Mastermind“) gespielten Priester Jud Duplenticy in den Fokus. Geschlagene 45 Minuten benötigt Rian Johnson diesmal, um all seine Figuren – in erster Linie Verdächtige – in Stellung zu bringen. Und lässt uns diese Phase vor allem aus der Perspektive ebenjenes Priesters erleben, der fortan in der kleinen Gemeinde des Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin in einer sich wunderbar selbst genießenden Rolle) aushelfen soll. Durch seine Augen lernen wir die hier vorherrschenden Gepflogenheiten kennen, die vor allem dazu dienen, die Unterschiede zwischen Duplenticy und Wicks herauszuarbeiten. Der Alte, der sich die Kirche und dessen Gemeinschaft vollends zu Eigen gemacht hat und – vor allem aus Eigennutz – keinerlei neue Impulse von außen duldet, trifft auf den Neuankömmling, der nicht einfach nur verbessern, sondern frischen Wind in die Gemeinde bringen will: So in etwa dürfte es einst Rian Johnson ergangen sein, als er entschied, sich mit „Star Wars: Episode VIII“ von den festgefahrenen Motiven der Reihe zu lösen.

„Dass Rian Johnson den Monsignore – in diesem Gleichnis also den „konservativen ‚Star Wars‘-Regisseur – hier zum Mordopfer macht, hat nichts Gehässiges. Das Ausgangsszenario dieses Kriminalfalles ist vor allem deshalb so spannend, weil die Bedeutung des Monsignores für die Gemeinde je nach Person von ganz individueller Bedeutung ist.“

Trotzdem fühlt sich „Wake Up Dead Man“ nicht wehleidig an, ganz im Gegenteil. Dass Rian Johnson den Monsignore – in diesem Gleichnis also den „konservativen „Star Wars“-Regisseur – hier zum Mordopfer macht, hat nichts Gehässiges. Das Ausgangsszenario dieses Kriminalfalles ist vor allem deshalb so spannend, weil die Bedeutung des Monsignores für die Gemeinde je nach Person von ganz individueller Bedeutung ist. Das sorgt für einen bemerkenswert komplexen Kreis an Verdächtigen. Die verschiedenen Motive serviert Rian Johnson nicht auf dem Silbertablett. Stattdessen muss man sich als Zuschauer:in erst einmal durch mehrere Schichten arbeiten, eh man jede einzelne Person im Geschehen genau zuordnen kann. Manchen von ihnen gebührt hier allerdings deutlich mehr Aufmerksamkeit als anderen. Große Namen wie Jeremy Renner („Avengers: Endgame“), Andrew Scott („All of us Strangers“) oder Cailee Spaeny („Civil War“) machen sich zwar gut auf dem Plakat, bekommen in „Knives Out 3“ allerdings nur wenig zu tun. Das ist schade, weil das Fundament der Charaktere stimmt. Hier wünscht man sich glatt, „Wake Up Dead Man“ brächte noch eine halbe Stunde mehr auf die Uhr, um jedem und jeder Einzelnen von ihnen gerecht zu werden.

Die Polizistin Geraldine Scott (Mila Kunis) holt sich den Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) an die Seite, um den Mordfall zu lösen.

Doch nicht nur der illustre Nebendarstellendenreigen verhilft „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ zur vielschichtigen Grundlage. Josh O’Connors Figur bildet nicht einfach nur den rebellisch-progressiven Gegenpart zu Jefferson Wicks, sondern scheitert mit seinen eigenen Ansichten auch deshalb am Gutwillen der Gemeinde, weil er nicht das notwendige Fingerspitzengefühl besitzt, um sich in ihre Interessen einzufühlen. Darüber hinaus versieht ihn das Skript mit einer kriminellen Hintergrundgeschichte und lässt bis zuletzt die Möglichkeit offen, dass der ebenfalls mit einem Motiv ausgestattete Jud selbst den Mord begangen haben könnte. Erst nach 45 Minuten tritt dann auch Benoit Blanc aufs Parkett, nimmt einen allerdings weniger an die Hand als noch in den zwei Filmen zuvor. Hin und wieder fasst er den aktuellen Stand der Ermittlungen zusammen oder verhilft sowohl den Filmfiguren als auch dem Publikum zu neuen Perspektiven auf das Geschehen. Doch diesmal bleibt Blanc vor allem im Hintergrund; Wohl auch, um Josh O’Connor sowie einer fantastischen Glenn Close („Hillbilly Elegie“) nicht die Show zu stehlen. Wie bei „Knives Out“ gewohnt, dürfen natürlich auch die Referenzen auf das Whodunit-Genre selbst nicht fehlen. Hier insbesondere jene Werke, in denen es um Morde in abgeschlossenen Räumen geht.

„Auch wenn die zahlreichen Figuren hier erneut allesamt mit bisweilen skurrilen Spleens ausgestattet sind, hält sich Rian Johnson diesmal in Sachen Wahnwitz merklich zurück. Das dürfte vor allem jenen Zuschauenden gefallen, denen ‚Glass Onion‘ dann doch eine Spur zu drüber war.“

Auch wenn die zahlreichen Figuren hier erneut allesamt mit bisweilen skurrilen Spleens ausgestattet sind, hält sich Rian Johnson diesmal in Sachen Wahnwitz merklich zurück. Das dürfte vor allem jenen Zuschauenden gefallen, denen „Glass Onion“ dann doch eine Spur zu drüber war. In „Wake Up Dead Man“ geht es immer auch um den emotionalen Kern des Priesters. In einer besonders berührenden Szene entwickelt sich aus einem eher amüsanten Telefongespräch plötzlich eine – im wahrsten Sinne des Wortes – stundenlange Beichte, in der wir Jud Duplenticy in leidenschaftlicher Aktion erleben. „Knives Out 3“ ist immer auch eine Abhandlung über Religion und ihre Bedeutung für die Gläubigen. Dieser begegnet Rian Johnson sowohl mit Verständnis, liefert aber auch Denkanstöße über Widersprüche und Unschärfen des Glaubens, ohne dabei in einfache Urteile zu verfallen. Johnson zeigt, wie Religion zugleich Trost spenden und Konflikte hervorrufen kann. Und er porträtiert seine Figuren mit einer empathischen Neugier, die weder verherrlicht noch verurteilt. So entsteht ein fein austariertes Bild spiritueller Suche, das den Film weit über den Rahmen eines klassischen Whodunits hinaushebt. Und Spaß macht das alles auch, keine Frage. Vor allem die Interaktion zwischen Josh O’Connor und Josh Brolin („Weapons – Die Stunde des Verschwindens“) dringt bisweilen in ebenjene skurrilen Höhen vor, wie einst vor allem der zweite „Knives Out“-Film. Doch das Herz von „Wake Up Dead Man“ ist diesmal nicht der kalkulierte Witz, sondern das aufrichtige Interesse für die Figuren.

Andrew Scott, Daryl McCormack, Glenn Close, Kerry Washington und Cailee Spaeny gehören zum namhaften Verdächtigenensemble.

Fazit: „Wake Up Dead Man“ erweist sich als bemerkenswert gereifte Weiterentwicklung der Reihe, weil Rian Johnson den kalkulierten Exzess zugunsten eines deutlich menschlicheren Kerns zurückfährt. Die dichte Figurenzeichnung und die religiös aufgeladene Themenebene verleihen dem Film eine überraschende Tiefe, auch wenn einzelne Charaktere spürbar zu kurz kommen. Trotz kleiner Schieflagen überzeugt der dritte Teil der „Knives Out“-Reihe durch seine empathische Perspektive und die kluge Selbstreflexion des Regisseurs.

„Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ ist ab dem 27. November im Kino und ab dem 12. Dezember 2025 bei Netflix zu sehen.

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