The Woman in the Yard

Ein simples Szenario, das die meiste Zeit über Gänsehaut verursacht: In THE WOMAN IN THE YARD sitzt eine Frau bei strahlendem Sonnenschein vor einem Haus und wartet. Worauf, das wird sich erst später herausstellen. Bis dahin ist der Film zunächst überraschend ruhig, eh er in der zweiten Hälfte plötzlich aufdreht – und sein Elevated-Horror-Konzept dadurch massiv ins Wanken bringt. 

OT: The Woman in the Yard (USA 2025)

Darum geht’s

Bei einem schweren Autounfall verunglückte ihr Ehemann David (Russell Hornsby) tödlich. Seitdem lebt Ramona (Danielle Deadwyler) alleine mit ihren beiden Kindern Taylor (Peyton Jackson) und Annie (Estella Kahiha) in einem abgelegenen Farmhaus und versucht verzweifelt, den dramatischen Verlust zu verarbeiten. Als eines Morgens plötzlich eine komplett in Schwarz gehüllte Frau (Okwui Okpokwasili) in ihrem Garten sitzt, ist die Familie plötzlich gezwungen, wieder zueinanderzufinden. Denn trotz aller Aufforderungen will diese unheimliche Frau einfach nicht verschwinden. Und Niemand weiß, was sie mit ihrem Ausruf „Heute ist der Tag!“ meinen könnte…

Kritik

Im Horrorkino scheint es – und sei es nur in der Außenwahrnehmung – eine Art Spektrum zu geben. Auf der einen Seite haben wir den Standardhorror, der gruselt, erschreckt (Stichwort: Jumpscares) und in erster Linie den altbekannten Pfaden treu bleibt. Am anderen Ende findet sich der sogenannte Elevated Horror. Also Suspense-Kost, die zwar ebenfalls unheimlich ist, im Kern allerdings ein ernstes Thema, zumeist Traumabewältigung oder Ähnliches, verhandelt. Da das Produktionsstudio Blumhouse bislang hauptsächlich für Ersteres verantwortlich zeichnete (Ausnahmen wie etwa „Get Out“ oder die HBO-Serie „Sharp Objects“ bestätigen die Regel) und der Trailer vorab auch eher auf den schnellen Schock hindeutete, dürften viele von „The Woman in the Yard“ eher ebenjene Standardkost erwarten, für die die für Erfolgs-Franchises wie „Insidious“ oder die „Halloween“-Neuauflagen verantwortlich zeichnende Horrorschmiede sonst so bekannt ist. Aber Pustekuchen! Tatsächlich lässt sich „The Woman in the Yard“ eher im Elevated Horror verorten. Das Problem ist leider: Immer dann, wenn sich Regisseur Jaume Collet-Serra („The Shallows“) daran zu erinnern scheint, dass er ja eigentlich auch die andere Seite des Spektrums bedienen will, stehen sich die unterschiedlichen Ansätze im Weg.

Taylor (Peyton Jackson), seine Schwester Annie (Estella Kahiha) und Mutter Ramona (Danielle Deadwyler) verschanzen sich im Haus.

Jaume Collet-Serra ist im Horrorkino kein Unbekannter. Zu seinen bekanntesten Filmen dürfte bis heute der Creepy-Child-Grusler „Orphan – Das Waisenkind“ gehören. Mit „House of Wax“ und „The Shallows“ probierte er sich ebenfalls im Genre aus, während er parallel dazu einige Beiträge zum Subgenre des Liam-Neeson-Actionfilms beisteuerte. Collet-Serra besitzt zweifelsohne handwerkliches Geschick. Gelingt es ihm doch mit jeder Arbeit erneut, sich perfekt in die Stimmung seiner Filme hineinzufühlen. Und sei es nur, weil er versteht, was das Publikum von dem entsprechenden Werk erwartet. Auch „The Woman in the Yard“ ist inszenatorisch gelungen. Vor allem in der ersten Hälfte machen es sich die Kreativen gekonnt zunutze, etwas im Horrorbereich sonst nicht allzu Übliches heraufzubeschwören: eine schaurig-bedrohliche Atmosphäre, die sich bei strahlendem Sonnenschein entwickelt. Das weckt Erinnerungen an „Midsommar“. Umso stärker wirkt dann auch der Kontrast zwischen diesem augenscheinlich traumhaften Sommertag und den Themen, die innerhalb des Farmhauses verhandelt werden, vor dem eines Tages eine komplett in Schwarz gehüllte Frau auftaucht. Denn in diesen vier Wänden spielen sich traumatische Szenen ab.

„‚The Woman in the Yard‘ ist inszenatorisch gelungen. Vor allem in der ersten Hälfte machen es sich die Kreativen gekonnt zunutze, etwas im Horrorbereich sonst nicht allzu Übliches heraufzubeschwören: eine schaurig-bedrohliche Atmosphäre, die sich bei strahlendem Sonnenschein entwickelt.“

Nach einem schweren Autounfall ist Ramona alleinerziehend und noch immer schwer verletzt. Von ihren beiden Kindern hat sie sich entfremdet. Viel zu sehr ist sie damit beschäftigt, den Verlust ihres Mannes zu verarbeiten, versinkt in Depressionen und Selbstaufgabe. Das letzte Bisschen Lebensmut holt sie hin und wieder im Umgang mit ihren beiden Sprösslingen heraus. Vor allem ihre Art, mit Beinprothese zu humpeln, gibt Aufschluss über ihren mentalen Zustand: Werden ihre Gedanken von Schwermut und Trauer dominiert, kommt sie selbst mit Krücken nur gerade so voran. Erfordert das sich sukzessive steigernde Bedrohungsszenario Hilfe für ihre Kinder, ist sie in der Lage, schneller und ohne Unterstützung zu gehen. Ein hübsches Detail, von denen „The Woman in the Yard“ so einige besitzt, um die Figuren über den normalen Horrorstandard hinaus zu charakterisieren. Auch darstellerisch kann das Trio überzeugen. Vor allem die bereits für „Carry-On“ für den Regisseur vor der Kamera gestandene Danielle Deadwyler kann ihrer Ramona Facetten abgewinnen, die weit über die oberflächliche Zeichnung des Figurentypus „trauernde Witwe“ hinausgehen.

Doch die unheimliche Frau (Okwui Okpokwasili) will einfach nicht verschwinden…

In der ersten Hälfte steigt die Spannung kontinuierlich. Und das obwohl auf der Leinwand eigentlich gar nicht so viel passiert. Die unheimliche Frau sitzt einfach im Garten, lässt sich auch von Ramonas nachdrücklichen Aufforderungen nicht von ihrem Stuhl wegbewegen. Jumpscares oder anderweitige Hysterie kommen in dieser Phase des Films praktisch nicht vor. Stattdessen sind es kleine, subtile Momente, die einem den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken jagen. Etwa wenn die Tochter beim Blick aus dem Fenster ganz ruhig feststellt: „Ich glaube, sie ist nähergekommen.“ Das ist vor allem deshalb so creepy, weil zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht klar ist, um was für eine Art „Bösewicht“ es sich bei der Frau im Garten eigentlich handelt. Dass sie wohl eher eine übernatürliche, denn eine reale Bedrohung ist, lässt sich zwar schnell erahnen. Aber was hat sie für Kräfte? Und vor allem: Was verfolgt sie für ein Ziel? „The Woman in the Yard“ lässt vor allem durch die Zeichnung der dysfunktionalen Familie einige Rückschlüsse auf die hinter der Vermummten steckende Symbolik zu. Und die sind wirklich dramatisch. So ist „The Woman in the Yard“ gerade zu Beginn ein wirklich trauriger Film. Und so ruhig, dass die Thrillseeker im Kino durchaus enttäuscht sein dürften.

„In der zweiten Hälfte wird es dann nicht nur plötzlich (auch) dunkel, da die Familie durchschaut, dass die übernatürlichen Kräfte der Frau nur bei Tageslicht wirken. Es wird auch laut und ohne den ein oder anderen Schockmoment kommt ‚The Woman in the Yard‘ fortan ebenfalls nicht aus.“

In der zweiten Hälfte wird es dann nicht nur plötzlich (auch) dunkel, da die Familie durchschaut, dass die übernatürlichen Kräfte der Frau nur bei Tageslicht wirken. Also verschanzen sich die drei hinter verhüllten Fenstern auf dem Dachboden. Es wird auch laut und ohne den ein oder anderen Schockmoment kommt „The Woman in the Yard“ fortan ebenfalls nicht aus. Das ist schade, denn so erreicht Jaume Collet-Serra genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich forciert: Anstatt die Spannung noch weiter nach oben zu treiben, gleitet sein Film dadurch vielmehr in allzu bekannte Genrebahnen ab. Und auch dieses klassische Problem, den Antagonisten zu früh zu demaskieren, findet sich hier wieder. Zwar fängt sich „The Woman in the Yard“ gen Finale hin wieder. Auch, weil die eigentliche Thematik mit (im Mainstreamkino) größtmöglicher Drastik – und je nach Auslegung unterschiedlich – noch einmal aufgegriffen und konsequent zu Ende gebracht wird. Aber es schmälert den ansonsten eigentlich so positiven Eindruck ein bisschen. Hätte man sich getraut, die Ruhe und Unaufgeregtheit der ersten Hälfte bis zum Schluss beizubehalten, ließe sich „The Woman in the Yard“ mühelos in einer Reihe mit solchen Filmen wie „Hereditary“, „Relic“ oder „Der Babadook“ verorten. So ist der Film ein Hybrid zwischen dieser Art der Unterhaltung und weitaus gefälligeren Genrebeiträgen à la „Insidious“ und Co.

Ramonas Entdeckungen über den wahren Hintergrund der Frau sind schockierend…

Fazit: „The Woman in the Yard“ ist immer dann am besten, wenn er die Mainstreammechanismen des Horrorkinos nicht bedient, sondern sich ganz auf die traurige Thematik und seine Charaktere verlässt. Auch wenn das Ende wieder überzeugt, erweisen sich genau jene Phasen im Mittelteil als Schwachpunkt, in denen Jaume Collet-Serra auch jene Fans bedienen will, die ihren Horror laut und grell mögen.

„The Woman in the Yard“ ist ab dem 27. März 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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