Der Babadook

Mit ihrer düster-melancholischen Schauergeschichte DER BABADOOK inszeniert Newcomerin Jennifer Kent einen bevorstehenden Meilenstein der Horrorfilmgeschichte. Ihre triste Trauerarbeitsmetapher ist keine öde Jump-Scare-Anhäufung, sondern ein Psychodrama mit Köpfchen und einprägsamen Schockmomenten. Mehr zum Film verrate ich in meiner Kritik.

Der Babadook

Der Plot

Nach dem tragischen Tod ihres Mannes führt die junge Krankenschwester Amelia (Essie Davis) ein zurückgezogenes Leben mit ihrem Sohn Samuel (Noah Wiseman). Dieser hat sich mit seinen sieben Jahren zu einem echten Satansbraten entwickelt, der in der Schule mit Steinschleudern hantiert und seine Mutter mit regelmäßigen Wutausbrüchen zur Weißglut treibt. Eines Abends liest Amelia ihrem Sohn ein Kinderbuch mit dem Titel „Mister Babadook“ vor und Samuel glaubt darin das Monster aus seinen Träumen zu erkennen. Anfangs denkt Amelia, die Furcht des Jungen sei unbegründet, muss jedoch gestehen, das Buch auch selbst ziemlich unheimlich zu finden. Die vermeintliche Gutenachtgeschichte entfaltet schon bald ihren verstörenden Sog und Amelia wird zunehmend mit unheimlichen Phänomenen konfrontiert. Mit dem „Babadook“ sickert eine unheilvolle Bedrohung schleichend in das Leben der beiden. Denn wenn er erst einmal da ist, lässt er sich nicht mehr vertreiben. So steht es geschrieben.

Kritik

Der Genrefilm war schon immer eine Männerdomäne. Alle großen Horrorregisseure gehörten dem vermeintlich starken Geschlecht an; man denke nur an George A. Romero, John Carpenter, Wes Craven oder James Wan. Ausgerechnet ein Angehöriger dieser des Horrors wegweisenden Herrengesellschaft, „Der Exorzist“-Initiator William Friedkin, äußerte sich als Erster lobhudelnd zu „Der Babadook“, dem Genreeinstand der Australierin Jennifer Kent. Denn während man Frauen bislang vorzugsweise mit der Rolle des „Final Girls“ in Verbindung brachte – dem reinen, überlebenden Mädchen, das am Ende eines jeden Slashers übrig bleibt und sich in den Achtzigerjahren zu einem obligatorischen Bestandteil des Terrorfilms entwickelte – agiert die Schauspielerin und Regisseurin nun (endlich) entgegen des Trends der horrenden Männerdominanz. Ihr schauriges Psychodrama „Der Babadook“ ist ein Debüt nach Maß, das seine umjubelte Premiere 2014 auf dem Sundance Film Festival feierte. Es folgten Aufführungen auf diversen kinematografischen Sonderveranstaltungen, Auszeichnungen von Seiten mehrerer Jurys wie etwa der des Austin Fantastic Fests oder dem Australien Film Institute sowie lang ersehnte, reguläre Kinostarts in den weltweiten Lichtspielhäusern. Dieser Tage ist nun auch endlich Deutschland an der Reihe; nach Diskussionen über Vermarktungsstrategien, die zeitweise auch den direkten Release im Heimkino in Betracht zogen, nahm sich der auf andersartige Indie-Produktionen spezialisierte Verleih capelight pictures des Horrorfilms an, dem es gelingen könnte, das moderne Gruselkino endlich einmal wieder um ein paar neue Facetten zu ergänzen. Jennifer Kents unheimliche Trauerarbeitsmetapher ist nervenaufreibend, clever und bis zum Schluss innovativ.

Der Babadook

„Der Babadook“ könnte ein astreines Haunted-House-Schauerstück sein, wenn sich Jennifer Kent, die hier als Regisseurin und Autorin in Personalunion fungiert, nicht wesentlich Höheres vorgenommen hätte. Ihr Film erzählt von zwei parallel zueinander ablaufenden Tragödien, die sich in den entscheidenden Momenten kreuzen und alsbald zu ein und derselben werden. Visuell in ein melancholisch-düsteres Gewand gehüllt, ist die kontraproduktive Verbindung innerhalb der Mutter-Sohn-Beziehung nicht weniger ein Kampf mit (den eigenen) Dämonen, als die Auseinandersetzung mit der Gruselgestalt selbst, deren Existenz lange im Dunkeln bleibt. Kent hat einen der größten Fehler im Horrorgenre gekonnt verinnerlicht und verzichtet darauf, das Grauen zu früh als Gestalt zu entlarven. Stattdessen baut sie auf das Standardrepertoire des gängigen Gruselhaus-Horrors. Auch in ihrem Anwesen, das dem Wort „Tristesse“ eine ganz neue Bedeutung einverleibt, dienen widerliches Ungeziefer, unheimliche Schatten und flackerndes Licht als Vorboten für die bevorstehenden Ereignisse. Doch damit gibt sich Kent nicht zufrieden. Die Filmemacherin variiert die Grusel-Versatzstücke so geschickt und misst ihnen mithilfe ihres tragischen Familien-Subplots ganz andere Blickwinkel bei, sodass der Zuschauer sich nie in der Wiederholung bekannter Grundsätze wähnt. So wird „Der Babadook“ trotz eindeutiger Richtung zu einem unberechenbaren Gruselspektakel, das sich ganz auf seine Stärken, die ruhigen Töne, verlässt.

Ein Film der großen Gesten ist „Der Babadook“ also nicht. Kent baut auf Subtilität und nimmt sich in der technischen Gestaltung dennoch den notwendigen Spielraum. Anstatt den Babadook selbst zum reell existierenden Antagonisten auszubauen, integriert sie ihn spielerisch und in Gestalt seines gezeichneten Buch-Ebenbildes in den Film und kreiert aus diesen die Albträume ihrer Protagonisten. Bis sich herauskristallisiert, wer sich in „Der Babadook“ als solcher bezeichnen lassen darf, dauert es jedoch eine ganz Weile. Wenngleich weder Essie Davis‘ Mutterfigur, noch der von Neuentdeckung Noah Wiseman herausragend verkörperte Samuel je ein Schurkendasein in Erwägung ziehen, so ist gerade in Bezug auf den Jungen Vorsicht geboten. Die teils nervenzehrenden Taten des siebenjährigen Rotzlöffels treiben nicht nur seine Mutter Amelia, sondern auch den Zuschauer alsbald zur Weißglut. Noch bevor der Babadook überhaupt Einzug in das Leben der Kleinfamilie erhält, ist das Leben der alleinerziehenden Mutter von emotionalem Terror geprägt. Samuel wird zu einem seine Umwelt malträtierenden Bösewicht, während sich Amelia in die Opferrolle flüchtet. Erst mit dem Auftauchen der schwarzen Dämonenpräsenz brechen die innerfamiliären Gewohnheiten auf und Mutter und Sohn suchen das Zwiegespräch. Essie Davis‘ schauspielerische Bandbreite ergänzt sich dabei hervorragend mit der ihres jungen Kollegen; nie war eine Mutter-Sohn-Bindung trotz plotbedingt widriger Umstände so intensiv wie hier.

Noah Wiseman

Auf technischer Ebene greift Jennifer Kent auf Fachleute ihrer hierzulande bisher eher unbekannten Zunft zurück. Filmmusikkomponist Jed Kurzel („Son of a Gun“) gelingt das Kunststück eines subversiven Klangteppichs, der entgegen des Trends zum akustischen Jump-Scare auf eine wabernde Untermalung der bedrohlichen Atmosphäre setzt. Eine Zurückhaltung, die auch von der Kameraarbeit von Radek Ladczuk unterstichen wird, der gar nicht daran denkt, mithilfe auffälliger, geschweige den bunter Spielereien in die Zurückhaltung des Filmgeschehens einzugreifen. Die Kulisse konzentriert sich auf ein tristes Grau-in-Grau; selbst Samuels Albträume fehlt es trotz surrealistischer Anspielungen an visueller Variation, was das schleichende Unheil des Babadooks noch deutlicher hervorhebt. Hier integrieren sich sämtliche Faktoren schlüssig in ein unaufgeregtes Gesamtbild. Auch für einen Funken Humor ist Platz. Selbst, wenn dieser schlussendlich auf Kosten des Nervenkostüms der längst liebgewonnenen Hauptfiguren geht.

Fazit: Die Australierin Jennifer Kent inszeniert mit ihrem Horrorfilmdebüt „Der Babadook“ eine melancholisch-beunruhigende Metapher auf Verlust- und Bindungsangst und reichert ihr spannungsgeladenes Schockszenario mit einem zwischenmenschlichen Drama an, das für sich allein stehend fast noch angsteinflößender ist. Ob die Regisseurin weiß, welchen Dienst sie dem Genre mit diesem Geniestreich erweist?

„Der Babadook“ ist ab dem 07. Mai in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de

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