Wunderschöner

Mit ihrer Fortsetzung zu „Wunderschön“ wendet sich Karoline Herfurth ein Stückweit vom Thema Schönheit ab und legt den Finger in die Wunde des patriarchalen Systems. Ohne Zeigefinger, ohne aktiv gegen ein Geschlecht zu schießen. Stattdessen erweist sich WUNDERSCHÖNER als bisweilen sehr bittere Zeitgeistanalyse – immer mit einem realistischen Funken Hoffnung und Humor an den richtigen Stellen.

OT: Wunderschöner (DE 2025)

Darum geht’s

Als die eigentlich fest im Leben stehende, mit sich selbst zufriedene Nadine (Anneke Kim Sarnau) Fotos zugespielt bekommt, die ihren Politiker-Ehemann mit einer Prostituierten zeigen, bricht für sie eine Welt zusammen. Doch nachdem sie Nadia (Bianca Radoslav) kennengelernt hat, erkennt sie ein noch viel größeres Problem, mit dem sich plötzlich auch Nadines Ehemann Phillipp (Godehard Giese) schmerzhaft auseinandersetzen muss. Währenddessen müht sich ihre Tochter Lilly (Emilia Packard) an einem Schulprojekt für ihre feministische Lehrerin Vicky (Nora Tschirner) ab und recherchiert dafür über das Thema weibliche Sexualität. Etwas, was ihr Freund Enno (Levy Rico Arcos) und seine Kumpels eher belächeln. Die sitzen stattdessen in einem Kurs über toxische Männlichkeit fest, auf dessen Leiter Trevor (Malick Bauer) Vicky ein Auge geworfen hat, nachdem sich ihr Freund Franz (Maximilian Brückner) nach einer Meinungsverschiedenheit in die Berge verabschiedet hat.

Julie (Emilia Schüle) hat derweil ihre Model-Karriere an den Nagel gehängt und arbeitet nun als Aufnahmeleiterin einer TV-Show, die von der resoluten Fernsehikone Regine (Anja Kling) moderiert wird. Als Julie von ihrem Arbeitskollegen Paul (Samuel Schneider) bedrängt wird, kann sie weder Rückhalt von Regine, noch von ihren anderen Kolleginnen und Kollegen erwarten. Unterstützung sucht sie stattdessen bei ihrem Bruder Milan (Friedrich Mücke), der aber gerade mit der Trennung von seiner Ehefrau Sonja (Karoline Herfurth) beschäftigt ist – und mit dem Versuch, sich trotz aller Auseinandersetzungen gleichberechtigt um die gemeinsamen Kinder zu kümmern. Immerhin Sonja hat mit Vicky eine stets zuhörende Freundin an ihrer Seite, die ihr auch dann noch das Händchen hält, als Milan offenbar wieder zu daten beginnt…

Kritik

Karoline Herfurth hat sich in den letzten Jahren zu einer der spannendsten Regisseurinnen unseres Landes entwickelt. Auf den ersten Blick mag es so wirken, als sei sie nur eine weitere deutsche Filmpersönlichkeit, die mit ihren Werken das Verlangen nach leichter Kinokost befriedigt. Doch dem ist nicht so. Bislang hatte jede ihrer Produktionen genreuntypische Widerhaken, die „SMS für dich“, „Sweethearts“, „Wunderschön“ und „Einfach mal was Schönes“ zu etwas Besonderem gemacht haben. All diese Geschichten, absolut hochwertig inszeniert und mit viel Hingabe geschrieben, eint, dass auch vor unbequemen Themen nicht Halt gemacht wird, diese sogar immer wieder genutzt werden, um überraschende tonale Brüche zu erzeugen. Da kann dann auch, wie in „Einfach mal was Schönes“, eine chaotische Familienzusammenführung jäh von einer Fehlgeburt unterbrochen werden – und gerade dadurch einen enormen emotionalen Punch entwickeln. So sehr es auch nach Plattitüde klingen mag: Bei Herfurth gehen Lachen und Weinen Hand in Hand. Und dass sie ihren sich rund um das Thema weibliche Schönheitsideale drehenden Episodenfilm „Wunderschön“ nun um eine Fortsetzung ergänzt, die das Thema nicht nur ausbaut, sondern auch noch so richtig ans Eingemachte geht, ist da nur die logische Konsequenz.

Anneke Kim Sarnau werden in „Wunderschöner“ die besonders emotionalen Momente zuteil.

Eigentlich schienen Herfurth und ihre Mitautorinnen Monika Fäßler und Lena Stahl in „Wunderschön“ bereits alles über das weibliche Selbstbild gesagt zu haben. Dass die Gesellschaft nahezu unerfüllbare Ansprüche an Frauen hat, zum Beispiel. Dass Frauen zu jeder Zeit fuckable sein müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Oder dass gesellschaftliche Strukturen oft einfach so festgefahren sind, dass wir sie verinnerlicht haben, ohne sie je zu hinterfragen. Dafür löste sich „Wunderschön“ in vielen Momenten auch von der Fixierung auf das Thema Körperästhetik und wurde am Ende zu einem sich aufrichtig, authentisch und leidenschaftlich anfühlenden Mix aus Komödie und Drama. Die Titelwahl für die Fortsetzung – „Wunderschöner“ – kommt nun nicht von ungefähr. Denn in dem Wort steckt die Endung -Er und das hat in diesem Fall einen bestimmten Grund. Mehr denn je geht es in dem knapp 140-minütigen Filmbrocken um das patriarchale System, in dem jeder und jede von uns gefangen ist. Das könnte schnell zu diesem typisch deutschen „Zeigefinger-Kino“ mutieren, das sich, wie etwa die „Der -Name“-Filme von Sönke Wortmann oder „Alter weißer Mann“, lediglich wie das Abhaken einer Pro- und Contraliste anfühlt. Dass dem nicht so ist, liegt an der sensiblen Erzählweise, die vorrangig von den Charakteren getragen wird. Und nicht von irgendeiner Agenda, die diese mit stolz geschwellter Brust vor sich hertragen.

„Mehr denn je geht es in dem knapp 140-minütigen Filmbrocken um das patriarchale System, in dem jeder und jede von uns gefangen ist. Das könnte schnell zu diesem typisch deutschen ‚Zeigefinger-Kino‘ mutieren, tut es dank der sensiblen Erzählweise aber nicht.“

Während der Handlungsstrang rund um das alternde Ehepaar Frauke und Wolfi (Martina Gedeck und Joachim Król) in „Wunderschöner“ nicht mehr stattfindet (die Tatsache, dass die beiden miteinander verreist sind, nachdem sie sich am Ende des ersten Teils wieder einander angenähert haben, zahlt nachträglich noch auf ihren Plot ein), rückt Herfurth ein neues Paar in den Fokus. Eines, von dem ursprünglich ein ganzer Film handeln sollte, eh das Schicksal rund um Nadine und Phillipp zum Teil des „Wunderschöner“-Kosmos wurde. Dieser Handlungsstrang steht symptomatisch für den gesamten Film sowie dessen Umgang mit brandaktuellen, in Zeiten des Umbruchs gesellschaftlicher (Macht-)Strukturen wichtigen Themen. Dabei scheint es zunächst fraglich, ob sich das Publikum überhaupt mit einem „prominenten Paar“ – er ist hochrangiger Politiker, sie seine ebenfalls in der Presse präsente Ehefrau – mitfiebern können würde. Schließlich zeichnen sich die Schicksale der einzelnen Figuren eigentlich dadurch aus, dass sie sich stets wie aus dem Leben gegriffen anfühlen. Doch auf den Skandal um Fotos, die Phillipp mit einer Prostituierten zeigen, wird keine schnöde Studie dessen, wie Menschen im Rampenlicht der Willkür der Presse ausgesetzt sein können. Plötzlich setzen Karoline Herfurth und Monika Fäßler den Schwerpunkt auf etwas ganz Anderes – und hinterfragen das „Prinzip Prostitution“. Nadine zeigt plötzlich eine ungeahnte Solidarität mit der Affäre ihres Mannes, während Phillipp die äußerst unangenehme Frage beantworten muss, was denn eigentlich eine „normale Prostituierte“ sei. Eine Frauenarztdiagnose und eine Handvoll Online-Kommentare aus einem „Freier-Forum“ später und „Wunderschöner“ löst Gedankengänge über Selbstbestimmung und männliche Machtausübung aus, die sich zu Beginn dieses Plots nicht im Entferntesten angekündigt haben.

Nora Tschirners Vicky ist mit ihrer wunderbar schnodderigen Art einmal mehr eine echte Szenendiebin.

Apropos weibliche Solidarität: Es ist ganz gleich, ob „Wunderschöner“ nun das Thema der weiblichen, sexuellen Befreiung und die damit einhergehende (männliche) Prüderie thematisiert. Oder aufzeigt, wie auch Frauen – egal ob in Machtpositionen oder nicht – das patriarchale System verinnerlicht haben (ausgerechnet die von Anja Kling gespielte Talkmasterin Regine Zuckowsky erweist sich als das größte Arschloch im Film). Manchmal geht es auch einfach nur darum, wie sich ein Paar nach einer Trennung, der Kinder wegen, versucht, zusammenzuraufen. All diese Geschichten haben gemeinsam, dass die Kommunikation, der Zusammenhalt – auch, beziehungsweise gerade über Gender-Grenzen hinweg – der Schlüssel zu allem sind. Dafür geben sich die Macherinnen nicht mit einfachen Urteilen (zum Beispiel einer flammenden Rede, die am Ende nochmal alles schön zusammenfasst) zufrieden. Männer und Frauen dürfen in „Wunderschöner“ gleichermaßen fehlbar sein, Reue zeigen und sich vielleicht erst ganz langsam ihrer eigenen Fehler bewusstwerden – oder, auch wenn’s frustrierend ist – eben nicht. Am Ende steht trotzdem immer ein Erkenntnisgewinn – und sei er noch so schmerzhaft. Etwa wie jener, dass sich manche Strukturen einfach nicht aufbrechen lassen, wenn nicht alle am selben Strang ziehen. Und trotzdem liebt Herfurth jede ihrer Figuren so sehr, dass keines ihrer Schicksale ins Leere läuft.

„All diese Geschichten haben gemeinsam, dass die Kommunikation, der Zusammenhalt – auch, beziehungsweise gerade über Gender-Grenzen hinweg – der Schlüssel zu allem sind. Dafür geben sich die Macherinnen nicht mit einfachen Urteilen zufrieden.“

Das alles wäre ohne das starke Ensemble von „Wunderschöner“ nur halb so lebensecht. Insbesondere Nora Tschirner („Gut gegen Nordwind“) erweist sich einmal mehr als Szenendiebin, wenngleich ihr Handlungsstrang hier nicht mehr eine solch tragende Rolle spielt wie im ersten Teil, was etwas schade ist. Die besonders intensiven Szenen gehen diesmal auf das Konto von Anneke Kim Sarnau („Eine Millionen Minuten“), die nicht nur in den besonders nervenaufreibenden Momenten brilliert, sondern gerade in den kleinen, liebevollen Gesten gegenüber der Prostituierten Nadia zu Tränen rührt. Karoline Herfurth und Friedrich Mücke („SMS für dich“) überzeugen derweil erneut als – diesmal frisch getrenntes – Elternpaar, deren intuitives Zusammenspiel zu jedem Zeitpunkt authentisch wirkt. Emilia Schüle („High Society“) steht die neue Stärke ihrer im ersten Teil noch unter enormem Schönheitsdruck leidenden Figur Julie hervorragend zu Gesicht, während Anja Kling („Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft“) als harsche, sich nicht um das Wohl ihrer Kolleginnen scherende TV-Moderatorin zu einem fast noch größeren Hass-Objekt wird als der wunderbar schmierig von Samuel Schneider („Asphaltgorillas“) gespielte Redaktionsleiter Paul. Fern von jedweder Eindimensionalität machen all diese Darstellerinnen und Darsteller „Wunderschöner“ erst so richtig lebendig. Kein Wunder: Dürfen sie im Film, den starken Dialogen sei dank, doch so sprechen, wie es ganz normale Menschen tun. Lediglich auf handwerklicher Ebene irritiert bisweilen die nicht ganz saubere Nachsynchronisation. Aber das ist dann doch nur ein minimaler Schönheitsfehler.

Sonja (Karoline Herfurth) und Milan (Friedrich Mücke) müssen sich nach ihrer Trennung zusammenraufen – den Kindern zuliebe.

Fazit: All die Vorzüge des ersten Teils kann auch das Sequel „Wunderschöner“ vorweisen. Das liegt vor allem an einem wieder einmal hervorragenden Cast und absolut lebensecht geschriebenen Dialogen. Das Thema Schönheit rückt diesmal in den Hintergrund. Die hier aufgeworfenen Fragen und längst nicht immer befriedigenden Antworten darauf, wann und wie wir uns von festgefahrenen Gesellschaftssystemen lösen können, ergeben ein intensives, bisweilen sehr dramatisches, in den richtigen Momenten herzliches und zum Nachdenken anregendes Zeitgeistporträt, das weit über das gängige deutsche Zeigefinger-Kino hinausgeht.

„Wunderschöner“ ist ab dem 13. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

2 comments

  • Susanne Rautenberg

    „Als Julie sich von ihrem Arbeitskollegen Paul (Samuel Schneider) bedrängt fühlt…“ Nein, leider nicht korrekt beschrieben: Als sie bedrängt WIRD.
    Das ist ein Unterschied, der in der Beschreibung gerade dieses Filmes auffallen müsste. Bitte korrigieren.

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