Sleeping Dogs – Manche Lügen sterben nie
Ein B-Movie-Mindfuck-Thriller, den man heutzutage eher auf einem Streamingdienst als auf der großen Leinwand vermuten würde, schafft es mit SLEEPING DOGS – MANCHE LÜGEN STERBEN NIE in die Kinos. Vor allem Russell Crowes Performance erweist sich als sehenswert.
Darum geht’s
Der alternde Ex-Cop Roy Freeman (Russell Crowe) leidet an einer frühen Form von Alzheimer. Jeden Morgen wacht er in seinem Appartement auf und muss sich sein Dasein anhand von Notizen und Klebezetteln zusammenreimen. Als Teilnehmer einer experimentellen Therapieform wird er dazu angehalten, seinem Gehirn täglich neue Reize zuzufügen. Da kommt ihm eine Einladung ins Gefängnis gerade recht, denn ein zum Tode verurteilter Strafgefangener (Pacharo Mzembe) behauptet, einen Mord, den er einst selbst gestand, nicht begangen zu haben. Roy muss sich durch die vielen widersprüchlichen Indizien von einst und seine eigenen Erinnerungen kramen, um den Fall endlich endgültig aufzuklären.
Kritik
Die aktuellen Karriere-Kapriolen von Hollywoodstar Russell Crowe sind auf den ersten Blick ein Faszinosum. Wo andere alternde Schauspieler sich an einer zweiten Karriere als Actionheld versuchen – Liam Neeson, Keanu Reeves und Co. – findet sich der Oscar-Preisträger von 2001 (für „Gladiator“) derzeit viel im abseitigen Genre wieder. Sein Stelldichein in Marvels „Thor: Love & Thunder“ gehört da noch zu den konventionellsten Engagements. Zuletzt mimte er gleich zweimal (!) einen Exorzisten (erst in „The Pope’s Exorcist“, anschließend in „The Exorcism“), drehte im Action-Thriller „Unhinged“ völlig am Rad und schlüpft für „Sleeping Dogs – Manche Lügen sterben nie“ nun in die Rolle eines alternden, an Alzheimer erkrankten Ex-Cops, für den das Aufklären alter Fälle eine Art Gehirnjogging darstellt. Auf den zweiten Blick ist dieses Abdriften von der Hollywood-A-Klasse in den Streaming-B-Bereich aber auch nur konsequent; Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Und Crowe wäre auch nicht der erste, der nach einer qualitativen Durststrecke irgendwann doch nochmal ein Comeback feiert.

Roy (Russell Crowe) trifft den zum Tode verurteilten Sträfling Isaac Samuel (Pacharo Mzembe) im Gefängnis…
Nun aber erstmal „Sleeping Dogs“, der mit seinem übersichtlichen Budget von 32 Millionen US-Dollar, seinem verwaschenen Neo-Noir-Thriller-Look sowie der soliden aber sicherlich nicht herausragenden Besetzung eigentlich prädestiniert dafür wäre, ganz wie Crowes andere, zuletzt abgedrehte Filme ebenfalls auf einem Streamingdienst zu verenden. Doch die US-australische Koproduktion erhielt Anfang des Jahres tatsächlich einen weltweiten Kinostart, bis Deutschland nun mit Ende August das Schlusslicht bildet. Regiedebütant und Co-Autor Adam Cooper (schreib unter anderem Drehbücher für „The Transporter Refueled“ und „Assassin’s Creed“) kann sich dahingehend glücklich schätzen. Klassischer Kinostoff ist „Sleeping Dogs“ nämlich nicht gerade. Und das obwohl sein Film auf einem Bestseller basiert: E. O. Chirovicis Roman „Das Buch der Spiegel“ schildert einen Kriminalfall aus drei voneinander getrennten, sich jedoch nach und nach ergänzenden Perspektiven. Einmal aus der eines New Yorker Literaturagenten, der ein Skript liest, an dessen Ende ein in echt stattgefundener Mord angekündigt, aber nicht näher ausgeführt wird. Dann die eines freiberuflichen Reporters, der selbst ein Buch über ebenjenen Mord schreiben will. Und im dritten Teil kommt schließlich Roy Freeman ins Spiel, jener an Alzheimer erkrankte Ex-Polizist, um den sich nun die Verfilmung dreht.
„Von Anfang an verordnen offensichtliche Anleihen an ‚Memento‘ sowie die futuristische Alzheimerbehandlung, die auf das Wiederherstellen von Gehirnzellen abzielt, ‚Sleeping Dogs‘ im Genre des abgehobenen High-Concept-Thrillers.“
Die Entscheidung, sich in „Sleeping Dogs“ auf Crowes Rolle zu konzentrieren und lediglich für eine etwas längere Rückblende auf eine zweite Darstellungsebene zu wechseln, erweist sich für die Stringenz und das Tempo der Erzählung als absolut richtig, denn langweilig wird es dadurch nie. Zumindest wenn man bedenkt, was Adam Cooper und sein ihn schon vorab vielfach unterstützender Co-Autor Bill Collage mit der Vorlage angestellt haben. Anstatt sich Schicht für Schicht durch ein Dickicht verschiedener, sich in ihren Tonalitäten allesamt leicht unterscheidender Erzählperspektiven zu arbeiten, kommt die Filmversion deutlich kompakter daher. Mit Roy Freeman steht eine Figur im Zentrum, die das Geschehen eigentlich nur noch aus dem Off kommentieren müsste, um noch mehr Noir-Thriller zu sein als das, was „Sleeping Dogs“ letztlich geworden ist. Von Anfang an verordnen offensichtliche Anleihen an „Memento“ sowie die futuristische Alzheimerbehandlung, die auf das Wiederherstellen von Gehirnzellen abzielt (eine zumindest heutzutage noch nicht mögliche Therapieform), „Sleeping Dogs“ im Genre des abgehobenen High-Concept-Thrillers. Und die muss man mit ihrer Prämisse erst einmal zu schlucken gewillt sein.

Wer hat Joseph Wieder (Marton Csokas) umgebracht und was haben die geheimnisvolle Laura (Karen Gillan) und ihr Lover Richard (Harry Greenwood) damit zu tun?
Wer zumindest das schon einmal tut, der weiß auch, dass eine Story wie jene in „Sleeping Dogs“ zwangsläufig auf eine Eskalation, einen Twist oder dergleichen hinauslaufen muss. Längst nicht so smart und elegant wie im Roman, dafür mit mindestens genauso viel Leidenschaft entspinnt sich aus der Ausgangslage dieses klassischen „Ein alter, vermeintlich aufgeklärter Fall erscheint rückwirkend in einem neuen Licht“-Plot ein klassisches Thriller-Verwirrspiel. Unterteilt in einzelne Abschnitte, die jeweils einem wichtigen, die Abläufe prägenden Charakter zugeordnet sind, schildert der Film die vergangenen Ereignisse anhand unterschiedlicher Erzählperspektiven. Damit füllen die Autoren nach und nach die Wissenslücken der Hauptfigur sowie des Publikums auf, versäumen es aber leider, Widersprüche zu kreieren. In „Sleeping Dogs“ ergibt sich halt einfach nach und nach das Bild eines großen Ganzen. Weshalb es dafür eine solch charakterkonzentrierte Kapitelstruktur benötigt, wird nie ganz deutlich. Am Ende geht es den Machern sowieso nur um einen alles zuvor Gesehene auf den Kopf stellenden Twist, der aber leider in die Kategorie jener Wendungen fällt, die man schon zigfach gesehen hat; Wenn man sich vorab nicht ohnehin schon ein wenig zu aufmerksam das Filmplakat angeschaut hat, hat man spätestens ab der Hälfte raus, worauf „Sleeping Dogs“ hinauslaufen wird.
„Tatsächlich spielt Russell Crowe deutlich ambitionierter auf, als man es bei einem Film dieser Klasse sonst gewohnt ist. Es ist nicht etwa der cleveren Figurenzeichnung zu verdanken, dass man mit Roy und seinen schrittweisen Ermittlungserfolgen mitgeht, sondern ganz ihm.“
Ohne Russell Crowe in der Hauptrolle besäße „Sleeping Dogs“ vermutlich überhaupt keine emotionale Gravitas. Da benötigt es schon einen solch engagierten Star im Zentrum, um das bisweilen an den Haaren herbeigezogene Geschehen noch irgendwie erden zu können. Und tatsächlich spielt der gebürtige Neuseeländer deutlich ambitionierter auf, als man es bei einem Film dieser Klasse sonst gewohnt ist. Es ist nicht etwa der cleveren Figurenzeichnung zu verdanken, dass man mit Roy und seinen schrittweisen Ermittlungserfolgen mitgeht, sondern ganz allein Crowe selbst. Da wünscht man sich regelrecht, ihn zeitnah in einem Stoff zu sehen, der Ähnliches von ihm verlangt, inhaltlich jedoch nicht bloß auf Kapriolen, sondern auf Inhalt setzt. An seiner Seite wirkt vor allem Marvel-Star Karen Gillan („Guardians of the Galaxy“) lustlos. Ihre ohnehin zu keinem Zeitpunkt nahbare Figur hinterlässt keinerlei bleibenden Eindruck, obwohl sie für die Geschichte von zentraler Bedeutung ist. Gillans schlafwandlerische Performance nimmt den Szenen mit ihr den Impact, den sie haben müssten. Während der oft nah am Overacting kratzende Márton Csókás („The Last Duel“) als arroganter Professor und Frauenheld in einer Seifenopfer besser aufgehoben wäre. Jede:r von ihnen spielt gefühlt in einem völlig anderen Film mit. Vielleicht ist das ein letztes Überbleibsel der Vorlage, nur eben – wie so Vieles in „Sleeping Dogs“ – nicht kompetent bis zu Ende gedacht.
Fazit: „Sleeping Dogs – Manche Lügen sterben nie“ ist ein halbwegs solide inszenierter, auf absurde Wendungen aufbauender B-Movie-Mindfuck-Thriller, mit einem Hauptdarsteller, der viel leidenschaftlicher aufspielt, als es der Film um ihn herum benötigt hätte.
„Sleeping Dogs – Manche Lügen sterben nie“ ist ab dem 29. August 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.
