Challengers – Rivalen
In CHALLENGERS – RIVALEN wird das Tennismatch zum Liebesspiel – und Zendaya schaut zu. Für seinen neuesten Film läuft Regisseur Luca Guadagnino zu inszenatorischer Höchstform auf. Doch sein Schwachpunkt bleiben Figuren, die auch außerhalb ihres engen Mikrokosmos funktionieren.
Darum geht’s
Art (Mike Faist) und Patrick (Josh O’Connor) sind seit ihrer gemeinsamen Kindheit auf dem Tennisplatz beste Freunde und Trainingspartner. Das ändert sich, als die schöne, talentierte Tashi (Zendaya) auftaucht und beiden Männern den Kopf verdreht. Während es zunächst noch so scheint, als würde die Freundschaft der beiden Jungs die Schwärmerei für dasselbe Mädchen überdauern, kristallisieren sich schon bald Rivalitäten unter ihnen heraus. Auch über viele Jahre später werden sich die Wege der beiden nicht nur sportlichen Kontrahenten immer wieder kreuzen. Und Tashi weiß ganz genau, welche Strippen sie ziehen muss, um nicht nur ihre Freude an aufregenden Tennismatches zu befriedigen, sondern auch, um dieses explosive Liebesdreieck stets am Brodeln zu halten.
Kritik
Niemand kann alles können. Auch Filmschaffende nicht. Christopher Nolan etwa ist brillant darin, den Themenkomplex Zeit für sich und seine Geschichten arbeiten zu lassen, während er vielschichtig-abstrakte Realitäten kreiert. Dafür liegt es ihm nicht so sehr, damit Emotionen abseits des Staunens hervorzurufen; auch seine Charaktere haben oft nicht die Tiefe, die seine Filmwelten aufweisen. James Cameron wiederum macht handwerklich brillante Popcornfilme, deren technisches Niveau nicht selten zur neuen Speerspitze des modernen Unterhaltungskinos geworden ist. Die verhandelten Themen und Stories verdienen dabei jedoch selten Originalitätspreise. Und selbst einem Martin Scorsese oder Quentin Tarantino ließe sich vorwerfen, sich über die Jahrzehnte hinweg lieber in der eigenen Komfortzone aufgehalten zu haben, anstatt ihr Publikum auch mal außerhalb dieser zu überraschen. Jede dieser genannten Persönlichkeiten weiß, wie sie ihre Stärken zielgerichtet einsetzt, um am Ende einen mindestens zufriedenstellenden Film abzuliefern. Auch Luca Guadagnino.

Art (Mike Faist) und Patrick (Josh O’Connor) sind sich sicher, dass ihre Freundschaft nichts erschüttern kann. Auch keine Mädchen.
Der Regisseur von „Call me by your Name“ und „Suspiria“ hat in den vergangenen Jahren ein erstaunlich abwechslungsreiches Oeuvre zusammengetragen – und sich dabei als Kreateur mitreißend intensiver Stoffe erwiesen, deren größte Stärke die seine Filme stets umwabernde, flirrend-explosive Atmosphäre ist. Seine suspensegetriebenen Geschichten erzählen von minimalistischen Mikrokosmen, die selbst zum Mittelpunkt werden. Die Charaktere dagegen sind oft „nur“ zweckdienlich – auch das ist eine Kunst wenn die Stärken diese Schwäche konsequent überlagern können. „Call me by your Name“ bildet so berauschend intensiv das Aufkeimen einer vielschichtigen Liebesbeziehung ab, sodass einem währenddessen gar nicht bewusst wird, dass die Figuren jede für sich den Film niemals tragen könnte. Es geht um das emotionale Ringen um Selbst- und Fremdachtung, um Machtpositionen und um die Anerkennung des jeweils Anderen – aber nie um die Charaktere selbst. In „Suspiria“ ist das die Tanzschule umgebende Geheimnis der Star und nicht die darin krude Verrenkungen vornehmenden Hexen. „Bones & All“ funktionierte primär als (oberflächliche) Drogenallegorie und moderne „Bonnie & Clyde“-Erzählung. Die Faszination für die Figuren ergab sich vor allem aus dem Umfeld, nie aus ihrem Inneren heraus.
„Luca Guadagnino“ hat in den vergangenen Jahren ein erstaunlich abwechslungsreiches Oeuvre zusammengetragen – und sich dabei als Kreateur mitreißend intensiver Stoffe erwiesen, deren größte Stärke die seine Filme stets umwabernde, flirrend-explosive Atmosphäre ist.“
Als neuestes Werk von Luca Guadagnino reiht sich „Challengers – Rivalen“ vortrefflich in seine bisherige Vita ein. Basierend auf einem Drehbuch von Newcomer Justin Kuritzkes dreht sich darin alles um ein sich in der schillernd-versnobten Welt des Tennissports abspielendes Liebesdreieck. Der Sportclub, die darin agierenden Athleten, die keinerlei Variation zulassende Ästhetik der Spielfelder und Trainingsanlagen – da haben wir ihn: den Mikrokosmos. Selbst wenn ein Teil des späteren Handlungsverlaufs die hoch eingezäunten Trainingsplätze verlässt, die Figuren stattdessen auch in weitläufigen Hotelanlagen oder auf sturmumwehten Parkplätzen agieren dürfen, so bleibt an der Atmosphäre stets dieser ganz besondere, elitäre Touch der Tenniswelt haften. Ganz so, als würden sich die Charaktere ohnehin nie aus den eng gesteckten Spielregeln eines Tennismatches herausbegeben, selbst wenn längst nicht mehr um den Ball, sondern vorwiegend um das Herz ihrer Angebeteten gekämpft wird.
Das Setting und die Inszenierung suggerieren zwar zunächst, dass es sich bei „Challengers“ tatsächlich um einen Sportfilm handelt. Doch es genügen bereits wenige Minuten der aller ersten Szene (natürlich ein Tennismatch zwischen den beiden titelgebenden Rivalen Art und Patrick), um hinter Guadagninos und Kuritzkes‘ Intention einer romantisch-sexuellen Allegorie zu steigen, die den Tennissport hintenanstellt. Den Fight um den perfekten Aufschlag, den richtigen Konter zur richtigen Zeit und die psychologische Überlegenheit dem Gegner gegenüber tragen die beiden männlichen Hauptfiguren nur zum Schein mit den Tennisschlägern aus. Jedes Match ist – mal im näheren, mal im weiteren Sinne – ein sexueller Akt. Und längst nicht jeder davon ist gleich. Manchmal wirkt das Spiel verkrampft, mal völlig frei und losgelöst. Mal läuft es von selbst, mal scheint jeder einzelne Spielzug zur Qual zu werden. Mal ist der eine überlegen, mal der andere. Nun läge der bildliche Vergleich nah, die das Geschehen am Rande des Sportplatzes beäugende Tashi sei damit ja sicherlich der Spielball der beiden Männer. Dass es dabei genau umgekehrt ist, sie sich und ihrem Standing als Einzige in dieser Dreierkonstellation bewusst ist und es primär sie ist, die das Spiel dominiert, macht die Sport-Lovestory-Allegorie dabei umso spannender.
Darüber hinaus weiß Luca Guadagnino, diese sexuell aufgeladene Atmosphäre in grandiose Bilder zu kleiden. Von den offensichtlichen Sperenzchen seines Kameramannes einmal abgesehen, der insbesondere in den Tennismatches so viele Perspektiven einnimmt, dass die Ego-Perspektive des Balles am Ende nur die konsequente Zuspitzung seiner Einfälle darstellt, weiß der Regisseur einfach, was er wann zeigen muss, um ein unberechenbares Wechselspiel aus Spannung und Anspannung zu kreieren. „Challengers – Rivalen“ ist bildgewaltig, der Score von Trent Reznor und Atticus Ross („Gone Girl – Das perfekte Opfer“) ungemein treibend und einprägsam. Gleichwohl hätte dieser Text nicht mit den ausgeprägten Stärken und Schwächen Luca Guadagninos begonnen, würden sich letztere nicht auch in seinem neuesten Werk wiederfinden.
„Den Fight um den perfekten Aufschlag, den richtigen Konter zur richtigen Zeit und die psychologische Überlegenheit dem Gegner gegenüber tragen die beiden männlichen Hauptfiguren nur zum Schein mit den Tennisschlägern aus. Jedes Match ist – mal im näheren, mal im weiteren Sinne – ein sexueller Akt.“
Von den audiovisuellen Vorzügen einmal abgesehen, mangelt es „Challengers“ abseits davon an erzählerischer Finesse. Wie schon im Falle von „A Bigger Splash“ kommen auch hier Guadagninos Versäumnisse zum Vorschein, Figuren zu kreieren, die unabhängig dieses Mikrokosmos bestehen könnten. Das Skript positioniert Tashi, Art und Patrick von Beginn an auf jenen Feldern des Schachbretts (oder eben Tennisplatzes), auf denen sie sich nach zwei Stunden noch immer befinden. Auch der Ausgang des Films – wenngleich hier längst nicht das Ziel das Ziel ist, sondern der Weg dorthin – ist von Anfang an geradlinig vorgezeichnet. Da kann uns der Film noch so viele Zeitsprünge vorsetzen: Die Richtung von „Challengers“ erlaubt keinerlei Abweichungen von einem vorgezeichneten Weg. Das unaufhaltsame Zusteuern auf ein orgastisches Finale trägt zweifelsohne zur intensiven Atmosphäre bei. Doch die immer gleichen erzählerischen Entscheidungen werden alsbald redundant. Trotz seiner viele Jahre umspannenden Handlung fühlt sich „Challengers – Rivalen“ an, als würde man zwei Stunden lang einem unveränderten Ist-Zustand beiwohnen.

Eine Szene vor der Kulisse eines aufziehenden Sturms gehört zu den inszenatorischen Höhepunkten von „Challengers“.
Diesen Bedingungen haben die drei Hauptdarsteller:innen Zendaya („Dune – Part Two“), Mike Faist („West Side Story“) und Josh O’Connor („Emma.“) leider nur wenig entgegenzusetzen. Dass Tashi den beiden besten Freunden Art und Patrick auf Anhieb den Kopf verdreht, nimmt man allen Beteiligten von Sekunde eins an ab. Eine Szene, in der sich die drei erstmals gemeinsam auf einem Hotelzimmer treffen, wo sich aus einem zwanglosen Gespräch schließlich ein heißes Techtelmechtel entspinnt, ist von allen Dreien auf den Punkt gespielt. Tashi durchschaut die Stärken und Schwächen ihrer Gegenüber sofort, während Art und Patrick sich nur zu gern von der schönen Fremden um den Finger wickeln lassen – selbst wenn es sie ihre Freundschaft kostet. Gleichzeitig verspielen die Charaktere mit dieser Szene all ihre Karten. Was folgt, ist lediglich noch mehr vom Gleichen. Dazu zählt auch eine Zendaya, der man die Rolle der Mutter und Ehefrau nie wirklich abkauft. Zum einen mangelt es an Szenen, in denen ihre Figur mit ihrer Tochter interagiert. Zum anderen gesteht das Skript auch ihr nicht zu, sich über die vielen Jahre weiter zu entfalten. Das Einzige, was sich an ihr verändert, ist die Haarlänge. Und das wirkt als Ausdruck einer Charakterentwicklung fast schon unfreiwillig komisch.
Fazit: „Challengers – Rivalen“ passt hervorragend in das Oeuvre von Regisseur Luca Guadagnino. Und das ist genauso gut positiv wie negativ zu verstehen.
„Challengers – Rivalen“ ist ab dem 25. April 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

