Mercy
Desktopfilm trifft Echtzeit-Thriller: Mit dieser reizvollen Kombination sorgt Regisseur Timur Bekmambetov für kurzweiliges Vergnügen, doch in mit seiner fehlenden Subtilität und dem Abzielen auf den größtmöglichen Effekt ist seine plakative KI-Kritik MERCY eher Guilty Pleasure als hochwertige Qualitätsunterhaltung.
Darum geht’s
Chris Raven (Chris Pratt) erwacht gefesselt auf einem Stuhl in einem hochmodernen Gerichtssaal. Er hat keine klaren Erinnerung an die Ereignisse der letzten Nacht. Kurz nachdem ihm bewusst wird, dass er des Mordes an seiner eigenen Frau beschuldigt wird, muss er sich einem radikal veränderten Justizsystem stellen: Statt einem Richter oder einer Jury fällt eine künstliche Intelligenz das Urteil über Schuld oder Unschuld. Die KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) basiert auf einem System, an dessen Entwicklung Raven selbst beteiligt war – und das nun über sein Schicksal entscheiden soll. Raven bleibt ein enges Zeitfenster von exakt 90 Minuten, um jeden verfügbaren digitalen Beweis, Überwachungsmitschnitt und Datensatz zu durchforsten, Widersprüche aufzudecken, seine eigenen Handlungen zu erklären und die KI davon zu überzeugen, dass er unschuldig ist…
Kritik
Bittet man ChatGPT darum, in einem Satz die Gefahren von Künstlicher Intelligenz zu erklären, bekommt man folgende Aussage ausgespuckt: „KI ist gefährlich, weil sie Entscheidungen in enormer Geschwindigkeit und Reichweite automatisieren kann, ohne menschliche Werte, Absichten oder Konsequenzen zuverlässig zu verstehen oder zu berücksichtigen.“ Das bringt natürlich nur einen minimalen Aspekt potenzieller KI-Gefahren auf den Punkt, aber zufällig beschreibt es die Idee hinter dem High-Concept-Thriller „Mercy“ ziemlich gut. Schließlich geht es in Timur Bekmambetovs Sci-Fi-Action-Crime-Hybrid um das moralisch-ethische Ausloten der Vertretbarkeit, einer Künstlichen Intelligenz die Macht über Recht und Unrecht zu geben. Es dürfte niemanden überraschen, dass ein Film aus dem Jahr 2026 auf die Erkenntnis hinausläuft, dass so etwas keine gute Idee ist. Entsprechend wenig Fingerspitzengefühl musste der Drehbuchautor Marco van Belle („Arthur & Merlin“) aufwenden, um sein Anliegen vorzutragen. Folglich verhandelt „Mercy“ das Thema KI mit etwa so viel Subtilität wie „Gesetz der Rache“ sich einst der Thematik „Selbstjustiz“ annahm. Aber in beiden Fällen kamen dabei durchgehend unterhaltsame Filme heraus, für die das Wort „Guilty Pleasure“ geradezu erfunden wurde.
Was sich durch den Trailer nicht unmittelbar erschließt: Timur Bekmambetov („Ben Hur“) verbindet in „Mercy“ gleich zwei markante inszenatorische Konzepte. Zum einen entfaltet sich die Handlung nahezu vollständig in Echtzeit. Bedeutet: Mit Ausnahme eines kurzen Einstiegs sowie einer Szene kurz vor Schluss entspricht die erzählte Zeit weitgehend der tatsächlichen Laufzeit des Films, wodurch das Geschehen ohne größere Zeitsprünge eine besonders unmittelbare Spannung entwickelt. Zum anderen erlebt das Publikum die Ereignisse überwiegend aus der Perspektive digitaler Benutzeroberflächen. Als sogenannter „Desktop-Film“ – ein spätestens seit „Searching“ auch im Mainstream etabliertes Subgenre – zeigt „Mercy“ das Geschehen vor allem über Bildschirme und Interfaces, die auch der Protagonist Chris nutzt: von Überwachungskameras über Drohnenaufnahmen bis hin zu Dash-Cam-Bildern. Das Publikum sieht also nicht eine klassische filmische Realität, sondern die Welt so, wie sie sich durch vernetzte Displays, Fenster und Feeds vermittelt. Beide Konzepte eint, dass sie einen Film in der Regel zu einem hohen Tempo verhelfen. Kombiniert man sie – wie Bekmambetov hier – ergibt sich eine regelrechte Waghalsigkeit, mit der der Film von einer Erkenntnis zur nächsten springt.
„Ist ‚Mercy‘ eine Art ‚Das Leben des David Gale‘ für die KI-Generation? Ist dieser Chris möglicherweise selbst eine Künstliche Intelligenz oder das ganze Szenario bloß ein Test, wie etwa in ‚Ender’s Game‘? Oder läuft die ganze Geschichte tatsächlich darauf hinaus, dass wir über eineinhalb Stunden lang mit einem skrupellosen Frauenmörder mitfiebern?“
Und dann ist da ja auch noch das Skript, das ebenfalls auf die äußeren Umstände einzahlt. Die Prämisse ist denkbar simpel: Ausgerechnet der Erfinder eines Programms, das auf Basis gesammelter Indizien – oder wie es die von Rebecca Ferguson („Mission: Impossible – Fallout“) verkörperte KI formulieren würde: Fakten – auswertet, ob eine Person schuldig oder unschuldig ist, wird des Mordes beschuldigt und hat 90 Minuten Zeit, vor genau jenem Programm ihre Unschuld zu beweisen. Gelingt es ihr nicht, wird sie direkt im Anschluss an die Verhandlung getötet. Ein denkbar simples und gerade aufgrund seiner Geradlinigkeit ziemlich geniales Konzept, das es nahezu unmöglich macht, sich nicht wenigstens ein bisschen für den Ausgang der Geschichte zu interessieren. „Mercy“ ballert einem ein Täter-Indiz nach dem anderen um die Ohren. So türmt sich um Chris nach und nach eine erdrückende Beweislast auf, die Fährten in diverse Richtungen legt. Ist „Mercy“ eine Art „Das Leben des David Gale“ für die KI-Generation? Ist dieser Chris möglicherweise selbst eine Künstliche Intelligenz oder das ganze Szenario bloß ein Test, wie etwa in „Ender’s Game“? Oder läuft die ganze Geschichte tatsächlich darauf hinaus, dass wir über eineinhalb Stunden lang mit einem skrupellosen Frauenmörder mitfiebern, nur um uns am Ende eingestehen zu müssen, dass es wohl ausschließlich das Casting von Hollywood-Beau Chris Pratt („Guardians of the Galaxy“) war, das uns an seiner Unschuld hat zweifeln lassen? All diese Möglichkeiten potenzieller Story-Entwicklungen machen „Mercy“ zu einer überraschend unvorhersehbaren Angelegenheit.
Für einen auf ein Massenpublikum abzielenden Blockbuster ist die Zeichnung des Protagonisten zudem überraschend riskant. Zwar drängt das Drehbuch einen reflexhaft auf seine Seite. Schließlich wird die KI von Beginn an als antagonistische Instanz etabliert. Doch Chris selbst macht es einem nicht leicht. In hitzigen Streitigkeiten mit seiner Frau, in aggressiven Ausbrüchen und alkoholgetränkten Eskalationen präsentiert er sich eher als problematische Persönlichkeit, denn als klassischer Identifikationsheld. Sympathiepunkte sammelt er so kaum. Dass man dennoch mit ihm mitgeht, liegt weniger an Chris Pratts zwar solider, aber wenig herausfordernder Performance, sondern an der Gewichtung des Films: Marco van Belle entwirft das Szenario einer KI, die potenziell über Leben und Tod entscheidet, als den wahren Antagonisten. Gegen diese kalte, entmenschlichte Macht wirkt selbst ein zutiefst unangenehmer Mensch plötzlich wie das geringere Übel. Für diese Quintessenz braucht es auch keine großen Interpretationsanstrengungen. Wie eingangs erwähnt trägt „Mercy“ sein Anliegen mit dem Holzhammer vor und untermalt ebenjenes mit einigen effektvollen Shots, über deren Sinnhaftigkeit man allerdings auf keinen Fall nachdenken sollte, damit das stark auf Oberflächenreize setzende Spektakel nicht in sich zusammenfällt.
„Diese Form eskapistischer Weltenbildung erzeugt immer wieder Momente, die eher Staunen als Stirnrunzeln hervorrufen, gelegentlich auch ein unfreiwilliges Schmunzeln. Am Ende zielt ‚Mercy‘ konsequent auf den schnellen Effekt: auf visuelle Wucht, unmittelbare Reize und permanente Zuspitzung.“
Zwar entfaltet sich ein Großteil der Handlung über Desktops und digitale Interfaces, doch verortet wird dieses Geschehen in einer futuristischen Kommandohalle, in der – ganz im Geiste von „Minority Report“ – Bildschirme frei durch den Raum schweben. Dabei bleibt es jedoch nicht bei der bloßen Beobachterposition. Chris kann die digitalen Ebenen buchstäblich betreten und sich mitten ins Bildschirmgeschehen begeben. Das ermöglicht es ihm etwa, Tatorte virtuell abzuschreiten oder Explosionen so unmittelbar zu erleben, dass er scheinbar selbst in Flammen steht. Diese Form eskapistischer Weltenbildung erzeugt immer wieder Momente, die eher Staunen als Stirnrunzeln hervorrufen, gelegentlich auch ein unfreiwilliges Schmunzeln. Am Ende zielt „Mercy“ konsequent auf den schnellen Effekt: auf visuelle Wucht, unmittelbare Reize und permanente Zuspitzung. Innere Logik und erzählerische Kohärenz treten dabei bewusst in den Hintergrund. Was bleibt, ist ein Film, der weniger überzeugen als überwältigen will – und genau darin seine Stärke, aber auch seine Grenze findet.
Fazit: Der Sci-Fi-Thriller „Mercy“ ist kein Film, der neue Einsichten zur KI-Debatte liefert, sondern einer, der seine Botschaft mit maximaler Lautstärke vermittelt. Die mangelnde Subtilität und erzählerische Fragwürdigkeit werden dabei bewusst in Kauf genommen, um ein hohes Tempo und konstante Reizüberflutung zu gewährleisten. Gerade diese Rücksichtslosigkeit gegenüber innerer Logik macht den Film zugleich angreifbar und erstaunlich effektiv. Als gedankenanregendes Drama taugt „Mercy“ daher kaum. Als wuchtiges, kurzweiliges Guilty Pleasure dagegen umso mehr.
„Mercy“ ist ab dem 22. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.