Song Sung Blue

Was passiert, wenn große Popmusik nicht im Stadion, sondern im ganz normalen Leben landet? SONG SUNG BLUE beantwortet diese Frage mit einer Geschichte über Liebe, Verlust und die stille Kraft gemeinsamer Lieder. Und das alles basierend auf einer absolut irren, wahren Geschichte.

OT: Song Sung Blue (USA 2025)

Darum geht’s

Mike Sardina (Hugh Jackman) ist ein bodenständiger Mann, der sich nach schwierigen Jahren ein neues, ruhigeres Leben aufgebaut hat. Halt findet er vor allem in der Musik von Neil Diamond, dessen Songs für ihn mehr sind als Nostalgie: Sie geben seinem Alltag Struktur und Sinn. Gemeinsam mit Claire (Kate Hudson), einer Hobbymusikerin und Friseurin, beginnt er, diese Leidenschaft auf die Bühne zu bringen. Sie gründen das Neil-Diamond-Tribute-Duo Lightning & Thunder und haben erste Auftritte in kleineren Clubs. Während die beiden musikalisch langsam zusammenwachsen, vertieft sich auch ihre Beziehung, bis aus Mike und Claire ein Liebes- und Ehepaar wird. Doch das Leben stellt sie immer wieder vor Herausforderungen, die nichts mit Musik zu tun haben…

Kritik

Die seltene Verbindung aus eingängigen Melodien, klarer, oft hymnischer Songstruktur und einer emotional direkten Sprache, die große Gefühle ohne Ironie zuließ, machten Neil Diamond zu einer der prägenden Figuren der amerikanischen Pop- und Rockmusik des 20. Jahrhunderts. Seine Lieder handelten von Liebe, Einsamkeit, Hoffnung und Selbstbehauptung. Themen, die er mit seiner warmen, unverwechselbaren Stimme und einem sicheren Gespür für Refrains umsetzte und die sich dadurch tief ins kollektive Gedächtnis einprägten. Songs wie „Sweet Caroline“ oder „Cracklin’ Rosie“ machten ihn zu einem der kommerziell erfolgreichsten Songwriter seiner Zeit: Millionen verkaufter Tonträger, ausverkaufte Tourneen und eine Karriere über mehrere Jahrzehnte hinweg zeugen von seiner enormen Reichweite und kulturellen Wirkung. Aus genau dieser zeitlosen Popularität heraus entsteht im Film „Song Sung Blue“ die Coverband „Lightning & Thunder“: ein Duo aus leidenschaftlichen Amateurperformern, die sich weniger der bloßen Imitation als vielmehr der Bewahrung eines bestimmten Gefühls verschrieben haben. Ihre Gründung speist sich aus dem Wunsch, Neil Diamonds Songs nicht nur nachzuspielen, sondern die Gemeinschaft und emotionale Offenheit, die seine Musik erzeugte, weiterzugeben. Damit schlägt der Film elegant die Brücke vom Mythos eines Weltstars hin zu den ganz normalen Menschen, für die seine Lieder zum Soundtrack ihres eigenen Lebens geworden sind.

Mike (Hugh Jackman) und Claire (Kate Hudson) kommen sich beim Proben in der Garage näher…

Die dem Film auch seinen Titel verleihende Ballade „Song Sung Blue“ erzählt im Kern von einem niedergeschlagenen, antriebslosen Menschen. „Song Sung Blue“ steht dabei sinnbildlich für Traurigkeit, Einsamkeit und emotionale Erschöpfung. Doch er bleibt nicht in dieser Stimmung stehen. Stattdessen entwickelt er sich zu einer leisen Ermutigung: Auch wenn das Leben schwer ist, lohnt es sich weiterzumachen, weiterzusingen, weiterzuatmen. Besonders wichtig ist dabei die Gemeinschaft. Zeilen wie „Me and you are Subject to the Blues now and then“ machen deutlich, dass Leid nichts Individuelles oder Beschämendes ist, sondern etwas, das alle Menschen verbindet. In dem Lied wird die Musik zu einem Mittel, den Schmerz auszusprechen, ihn aber auch zu teilen und dadurch erträglicher zu machen. Gerade diese Mischung aus Traurigkeit ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Pathos steht symptomatisch für den Film. Es geht nicht um den großen Triumph, auch wenn die Hauptfigur Mike Sardinas diesen nur zu gern mit seiner Neil-Diamond-Coverband (und natürlich mit seiner Frau Claire) feiern würde. Doch „Song Sung Blue“ ist vor allem eine Geschichte über das Weitermachen und darüber, Schicksalsschläge im Gemeinsamen zu überwinden.

„Nicht alle Details sind auch tatsächlich so passiert, sind bisweilen dramaturgisch zugespitzt, wie man es aus gängigen Biopics kennt. Doch ausgerechnet der zentrale Wendepunkt in ‚Song Sung Blue‘ sowie das spätere Wiederaufgreifen dieses dramatischen Schicksalsschlags haben sich im Leben der beiden Neil-Diamond-Interpret:innen so tatsächlich ereignet.“

Von diesen gibt es im Film gleich mehrere. Auch wenn das Skript von Autor und Regisseur Craig Brewer („Legend of Tarzan“) längst nicht alle davon so ausspielt, wie man es erwarten würde. So lernen wir Mike zu Beginn als trockenen Alkoholiker kennen, der im weiteren Verlauf gleich mehrmals der Faszination zu erliegen scheint, nach Jahren der Abstinenz rückfällig zu werden. Doch „Song Sung Blue“ geht nicht diesen naheliegenden Weg. Auch deshalb nicht, da die im Film erzählte Geschichte lose auf wahren Ereignissen basiert. Nicht alle Details sind auch tatsächlich so passiert, sind bisweilen dramaturgisch zugespitzt, wie man es aus gängigen Biopics kennt. Doch ausgerechnet der zentrale Wendepunkt in „Song Sung Blue“ sowie das spätere Wiederaufgreifen dieses dramatischen Schicksalsschlags haben sich im Leben der beiden Neil-Diamond-Interpret:innen so tatsächlich ereignet. Und wüsste man nichts von dieser Inspiration, würde man dem Autoren sein Skript regelrecht um die Ohren hauen, so konstruiert und ausschließlich der künstlichen Theatralik geschuldet wirkt das, was hier passiert. Doch das Leben schreibt eben manchmal die absurdesten Geschichten. Übrigens auch nachzusehen in der gleichnamigen Dokumentation, die dem Film als Inspiration diente.

Mike und Claire mit ihrer Entourage im Schlepptau.

Gerade diese Absurdität ist es auch, die dafür sorgt, dass „Song Sung Blue“ selbst in den dramatischsten Szenen nie seinen optimistischen Tonfall verliert. Wenn Claire von einem Tag auf den anderen aus dem Leben gerissen wird und sich plötzlich nicht mehr alles um ihre Leidenschaft für die Musik sowie ihre Liebe zu Mike und ihren Kindern dreht, dann ist das hochemotional. Nicht zuletzt, weil Kate Hudson („Glass Onion: A Knives Out Mystery“) eine der vielschichtigsten Performances ihrer Karriere abliefert. Doch der Silberstreif verlischt nie; Selbst in den Momenten tiefster Depression scheint Hoffnung durch. Ein Gefühl, dass „Song Sung Blue“ zu einem waschechten Feelgood-Film macht. Und das nicht nur, weil neben Kate Hudson auch ihr Kollege Hugh Jackman („Deadpool & Wolverine“) voll in seinem Element ist. Der Schauspieler setzt hier nicht bloß auf sein ganzes Können als Akteur, sondern vor allem als Bühnen- und Leinwandprofi. Kein Wunder, dass der Film mit einer Unplugged-Interpretation des Titelsongs beginnt, die einen direkt daran erinnert, dass Jackman einer der größten Entertainer seiner Generation ist. Dafür wird sogar in Kauf genommen, dass ausgerechnet die Neil-Diamond-Hymne „Sweet Caroline“ zunächst eher verächtlich als Stadionpop abgetan wird, doch am Ende ist es natürlich genau dieser Song, mit dem Jackman und Hudson das Publikum von den Sitzen reißen – sowohl auf als auch vor der Leinwand.

„Der Film geht inszenatorisch keine allzu großen Risiken ein. Doch das Zusammenspiel zwischen Kamera, Soundtrack und Score sorgt für eine unaufgeregte und intime Atmosphäre.“

Nach seinem Totalausfall „Der Prinz aus Zamunda 2“ kann sich Regisseur Craig Brewer mit „Song Sung Blue“ wieder vollständig rehabilitieren. Sein Film geht inszenatorisch keine allzu großen Risiken ein. Doch das Zusammenspiel zwischen Kamera (Amy Vincent, „Sinister 2“), Soundtrack und Score (Scott Bomar, „Dolemite is my Name“) sorgt für eine unaufgeregte und intime Atmosphäre. Die selten zugespitzten, sondern sich vielmehr aus der Situation heraus entwickelnden Konflikte geben den ruhigen Ton vor. Lediglich in den Musikdarbietungen bricht der Film gezielt aus diesen aus – sie sind ohne Zweifel die Highlights des Films. Doch auch die kleinen Momente hinterlassen ihre Spuren. Ein misslungener Auftritt, ein Blick, ein gemeinsam gesungener Refrain – all das erzählt mehr als große dramatische Wendepunkte. Das fühlt sich warm an und ist jederzeit den Figuren zugewandt. Genau mit diesem Gefühl verlässt man am Ende auch den Kinosaal.

Was in der heimischen Garage seinen Anfang genommen hat, endet für Mike und Claire auf der ganz großen Bühne.

Fazit: Unterm Strich erweist sich „Song Sung Blue“ als warmherziger, optimistischer Film, der gerade durch seine Zurückhaltung berührt und auf künstliche Zuspitzung verzichtet. Er feiert Musik nicht als Spektakel, sondern als verbindende Kraft, die Menschen durch Verlust und Zweifel trägt. Vielleicht ist das dramaturgisch nicht immer mutig, emotional aber umso nachhaltiger.

„Song Sung Blue“ ist ab dem 8. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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