Das Verschwinden des Josef Mengele
Er war einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt – und zugleich ein Mann, der jahrzehntelang im Schatten seiner eigenen Schuld lebte. Kirill Serebrennikovs DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE taucht tief in das Leben eines Täters ein, der trotz Flucht und Versteck nie wirklich entkommen konnte. Weder der Vergangenheit noch sich selbst.
Darum geht’s
Buenos Aires, 1956: Unter dem falschen Namen Gregor lebt der ehemalige Auschwitz-Arzt Josef Mengele (August Diehl) im Exil. Mithilfe eines Netzwerks von Unterstützern und mit finanzieller Hilfe seiner Familie gelingt es ihm über Jahre, der internationalen Fahndung zu entgehen. Doch ständig ist er auf der Flucht. Von Argentinien über Paraguay bis nach Brasilien, wo er in São Paulo unter neuer Identität ein zurückgezogenes Leben führt. Gezeichnet von Alter, Krankheit und Einsamkeit, wird Mengele schließlich von seinem erwachsenen Sohn Rolf (Max Breitschneider) aufgespürt. In einem letzten Wiedersehen prallen zwei Lebenswelten aufeinander – die des Täters und die des Sohnes, der Antworten sucht.
Kritik
Noch während seines Studiums der Anthropologie und Medizin ließ sich Josef Mengele stark von den rassenbiologischen Ideen des Nationalsozialismus beeinflussen. 1937 trat er schließlich der NSDAP bei, ein Jahr später der SS. Als „Todesengel von Auschwitz“ ging er schließlich in die Geschichte ein, wo er im Namen der „erbbiologischen Forschung“ Experimente vor allem an Zwillingen vornahm. Derartige Menschenversuche verletzten jede moralische und medizinische Grenze und führten in vielen Fällen zum Tod der Opfer. Nach Kriegsende gelang Mengele die Flucht. Zunächst lebte er unter falschem Namen in Deutschland, bevor er 1949 über die sogenannte „Rattenlinie“ nach Argentinien entkam. In den folgenden Jahrzehnten hielt er sich unter wechselnden Identitäten auch in Paraguay und Brasilien auf und entging allen Fahndungsversuchen – sowohl denen westdeutscher Behörden als auch dem israelischen Geheimdienst Mossad. Obwohl Mengele bereits im Februar 1979 im brasilianischen Bertioga an einem Schlaganfall verstarb, wurde seine Identität erst sechs Jahre später durch forensische Untersuchungen endgültig bestätigt. Bis heute gilt er als Symbolfigur für die pervertierte NS-Rassenideologie und den Missbrauch der Medizin im Dienst eines unmenschlichen Systems. Und als Beispiel für das Versagen der Nachkriegsjustiz, die ihn nie zur Rechenschaft ziehen konnte.
Zwischen 1949 und 1979 hätte sich Josef Mengele vermutlich nichts sehnlicher gewünscht, als tatsächlich einfach zu verschwinden. Die von August Diehl („Inglourious Basterds“) mit Leib und Seele verkörperte Hauptfigur ist so von Paranoia zerfressen, dass sie es an keinem der zahlreichen „Zufluchts“-Orte (das erhofft er sich zumindest) länger aushält, ohne sich nicht vollends in Wahnvorstellungen und Selbstmitleid zu ergehen. Um Mengeles Geisteszustand über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg möglichst allumfassend abzubilden, setzt Regisseur Kirill Serebrennikow („The Student“) auf eine fragmentarische, zeitlich bisweilen wild durcheinander springende Erzählstruktur. Die zwei wichtigsten Episoden stellen Mengeles Zeit im brasilianischen São Paulo dar sowie ein Abstecher zu seiner Familie nach Deutschland 1977. Vor allem die Passage in São Paulo steht exemplarisch für Mengeles anhaltende, perverse Ideologietreue. Die kurzen Unterredungen mit seinem Sohn Rolf verlaufen immer nach demselben Prinzip: Der von Max Breitschneider („Mängelexemplar“) auf angenehm zurückhaltende Weise stark gespielte Rolf erbittet von seinem Vater eine Antwort auf die drängende Frage, was damals in Auschwitz tatsächlich geschah. Doch immer wieder flüchtet sich Mengele in Banalitäten, kommentiert lieber Rolfs Frisur, anstatt sich mit den Taten seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
„Um Mengeles Geisteszustand über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg möglichst allumfassend abzubilden, setzt Regisseur Kirill Serebrennikow auf eine fragmentarische, zeitlich bisweilen wild durcheinander springende Erzählstruktur.“
Das passiert dafür an anderer Stelle, ist allerdings keinesfalls mit so etwas wie Läuterung gleichzusetzen. Aus ihm spricht eine durch und durch widerliche Mischung aus Hass, Selbstbeweihräucherung und Schuldabweisung. Der Josef Mengele in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ ist zwar in gewisser Weise eine faszinierende Figur. Insbesondere weil die äußeren Umstände ihn immer wieder zu neuen Improvisationen und überstürzten Handlungen drängen; Da ist es ganz einfach spannend, zu sehen, wie sich derartige Lebensbedingungen generell auf einen solchen Menschen auswirken. Doch Kirill Serebrennikow weiß ganz genau, in welchen Szenen er seine Hauptfigur demaskiert, sofern es das überhaupt noch benötigt. Mengele verfolgte die nationalsozialistischen Rasseideologien bis an sein Lebensende. Interessant sind vor allem jene Momente, in denen ebenjene zu denkbar ungünstigen Zeitpunkten aus ihm herausquellen. Wenn er ihm Unterkunft gebende Menschen aufgrund ihrer Ethnie oder Herkunft verabscheut, kommt er nicht umher, es ihnen aufs Radikalste mitzuteilen. Gleichwohl ist er auf ihre Beherbergung angewiesen – und darauf, dass sie ihn nicht an die Regierung verpfeifen. In solchen Szenen trumpft der ohnehin extrem starke August Diehl nochmal besonders auf. Zwischen Abscheu, Größenwahn und Wehleidigkeit changiert der Mime hier zwischen verschiedenen Extremen, ohne seine Figur irgendeiner eindeutigen Ausrichtung preiszugeben. Schon allein für dieses grandiose Schauspiel sollte man sich „Das Verschwinden des Josef Mengele“ unbedingt anschauen.
Der sich in seinen 135 Minuten immer wieder auch arg ziehende Film bildet eine Zeitspanne von über zwanzig Jahren ab. Nicht allem darin begegnet Kirill Serebrennikovs Skript mit einer ähnlichen Eindringlichkeit wie etwa den Gesprächen zwischen Mengele und seinem Sohn. Eine ziemlich präsent platzierte Hochzeit, auf der sich Mengele in schlimmster Nazi-Gesellschaft befindet, gerät im Anbetracht der restlichen Inszenierung überraschend konventionell. Wir hören die üblichen Gesprächsfetzen radikaler Nationalsozialist:innen, vernehmen verquere Hakenkreuz-Dekorationen auf Hochzeitstorten und sehen schon die Allerkleinsten mit den kranken (Rasse-)Ideologien in Berührung kommen. Historisch akkurat wirkt das zu jeder Sekunde, doch es fühlt sich beileibe nicht so experimentell an, wie das Drumherum. Doch es ist auch wichtig, um die Figur des Josef Mengele vor allem in ihrem sukzessiven Niedergang zu verstehen. Nicht, um in irgendeiner Form mit ihm zu sympathisieren. „Das Verschwinden des Josef Mengele“ ist keiner dieser Filme, die aus zu viel Faszination aus Versehen auch falsche Sympathien für seine Hauptfigur schüren. Vielmehr zeichnet der Film das Abbild des menschlichen Verfalls im Angesicht wachsender Lebensbedrohung. In seinen letzten Jahren war Mengele kaum mehr zu selbstständigem Denken in der Lage, sondern ließ sich ganz von seinen paranoiden Trugbildern der Vergangenheit leiten. Man kommt nicht umher, beim Anblick dieser Bilder auch ein Stückweit Genugtuung zu empfinden.
„Zwischen Abscheu, Größenwahn und Wehleidigkeit changiert August Diehl hier zwischen verschiedenen Extremen, ohne seine Figur irgendeiner eindeutigen Ausrichtung preiszugeben. Schon allein für dieses grandiose Schauspiel sollte man sich ‚Das Verschwinden des Josef Mengele‘ unbedingt anschauen.“
Fazit: Kirill Serebrennikovs „Das Verschwinden des Josef Mengele“ gelingt es, die monströse Figur des NS-Verbrechers weder zu verklären noch zu simplifizieren. Der Film zeigt Mengele als gebrochenen, von Wahn und Schuldverdrängung gezeichneten Menschen, der selbst im Exil bis zu seinem Tod an seiner rassistischen Ideologie festhält. Trotz einiger Längen überzeugt die Inszenierung durch ihre fragmentarische Erzählweise, die die Zerrissenheit und Paranoia der Hauptfigur eindrucksvoll spiegelt. Vor allem August Diehl trägt mit seiner nuancierten Darstellung wesentlich dazu bei, dass Mengele als Symbol des moralischen und menschlichen Verfalls begreifbar wird.
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ ist ab dem 23. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


