Amrum
Zwischen Dünen, Wind und Wehmut entfaltet Fatih Akin mit AMRUM ein stilles Drama, das die raue Schönheit Norddeutschlands ebenso feiert wie ihre emotionale Kälte. Sein Film ist kein lautes Kinoereignis, sondern ein flüsterndes Stück Erinnerung. Getragen von kindlicher Neugier, erwachender Desillusion und jener „norddeutschen Melancholie“, die sich gerade anschickt, zum neuen Markenzeichen des deutschen Films zu werden.
Darum geht’s
Amrum. Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Während das Kriegsgeschehen auf dem Festland nur noch in der Ferne zu hören ist, versucht der zwölfjährige Nanning (Jasper Billerbeck), sich in einer von Angst, Entbehrung und moralischer Unsicherheit geprägten Welt zurechtzufinden. Seine Mutter Hille (Laura Tonke), überzeugte Nationalsozialistin und zunehmend von innerer Zerrissenheit geplagt, hält stur an den alten Idealen fest. Vielleicht aus Überzeugung, vielleicht aus Verzweiflung. Als in Nanning der Wunsch aufkommt, seiner depressiven Mutter ein Honigbrot zu schenken, durchstreift er auf der Suche nach den Zutaten die Insel – und trifft hier auf eine Reihe eigenwilliger Bewohnerinnen und Bewohner, die ihm helfen, die Welt – und sich selbst – besser zu verstehen.
Kritik
Noch ist es kein eigenes Genre, aber vielleicht wird man sich in ein paar Jahren an die frühen Zweitausendzwanziger erinnern und sich die Anfänge der „norddeutschen Melancholie“ in Erinnerung rufen. In den vergangenen Jahren taten sich im deutschen Kino gleich mehrfach Filme hervor, die bevorzugt in Norddeutschland spielten und hier unter Zuhilfenahme einer nordisch-herben Bittersüße aufwühlende Geschichten erzählten. Lars Jessens fantastische Nostalgie-Abrechnung „Mittagsstunde“ ist dafür das perfekte Beispiel. Genauso wie der diesjährige deutsche Oscar-Beitrag „In die Sonne schauen“. In den nächsten Wochen erscheint mit „Dann passiert das Leben“ zudem die neueste Regiearbeit von Neele Leana Vollmer, deren Romanverfilmung „Auerhaus“ zwar in NRW spielt, aber ebenfalls von norddeutscher Melancholie durchzogen ist. Und wo wir gerade beim Thema sind: Auch ein Blick in Sonja Heiss‘ „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ lohnt sich sehr, solltet ihr da draußen nun auf den Geschmack gekommen sein. Oder ihr löst einfach ein Ticket für Fatih Akins „Amrum“, dessen nordisch-spröde Stimmung sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs entfaltet.

Für Hille (Laura Tonke) fühlt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs bedrohlicher an, als der Krieg selbst.
Zu Beginn von „Amrum“ steht eine Texttafel: „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“. Dieser Vermerk kommt nicht von Ungefähr. „Amrum“ ist vor allem ein Freundschaftsdienst Fatih Akins an seinen langjährigen Weggefährten Hark Bohm, der viele eigene Erfahrungen in das Projekt hat miteinfließen lassen. Nachdem sich sein Gesundheitszustand – der Mann ist immerhin Jahrgang 1939 – stark verschlechterte, betraute er Akin mit der Regie. Dessen Ansinnen war es daraufhin, die Kindheitstage seines Freundes so akkurat wie möglich einzufangen, die dieser auf der titelgebenden Insel verbrachte. Denn viele der hier geschilderten Erlebnisse fanden so oder ähnlich statt. Und werden nun verdichtet zu der intensiven, zeitlich sehr konzentrierten Coming-of-Age-Geschichte des jungen Nanning. Mit einem genauen Blick für das jugendliche Wesen seiner Hauptfigur begleitet Akin den Jungen auf seinem Weg, der immer wieder auch ein Spießroutenlauf zu sein scheint. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Gefahr, in ein unbeabsichtigtes Fettnäpfchen zu treten, riesig. Etwa wenn Nanning seiner Mutter gegenüber eine unbedarfte Äußerung über seine Nachbarin von sich gibt. Wie soll man da lernen, was Recht und was Unrecht ist?
„So nah die Vermutung auch liegen mag, so ist ‚Amrum‘ kaum ein politischer Film. Das nur noch in der Ferne vernehmbare Kriegsrauschen ist Kulisse, die im Laufe des Films ohnehin in sich zusammenbricht.“
Vor allem aber kann sich Nanning nie sicher sein, auf welcher Seite die Menschen in seinem Umfeld eigentlich stehen. Auf seiner Suche nach einem Stück Brot, Butter und Honig begegnen ihm zahlreiche Amrumer Originale – und er findet zwangsläufig zu einer eigenen, erwachsenen Identität. Denn so nah die Vermutung auch liegen mag, so ist „Amrum“ kaum ein politischer Film. Das nur noch in der Ferne vernehmbare Kriegsrauschen ist Kulisse, die im Laufe des Films ohnehin in sich zusammenbricht. Dann nämlich, wenn über Radio der Tod Adolf Hitlers bekanntgegeben wird. Einen Einfluss auf das Inselgeschehen hat das kaum. Wohl aber auf Nannings Mutter Hille, die verzweifelt an der rechten Ideologie festhält. Ob nun aus starrer Überzeugung oder, weil es ihr in diesen aufwühlenden Zeiten Halt gibt, wird nie so ganz deutlich. Doch genau dadurch gelingt es Laura Tonke („Feste & Freunde – Ein Hoch auf uns!“), ihre Figur so komplex und spannend zu zeichnen. Anstatt Hille in Gänze über ihre depressiven Schübe zu charakterisieren, finden sich in ihr so viele tragische Facetten, dass man mit ihr immer auch mitfühlt, obwohl sie spätestens im letzten Drittel den Titel „schlechteste Mutter der Welt“ mehr als verdient hat.

Auf der Suche nach den Zutaten für ein Honigbrot streift der junge Nanning (Jasper Billerbeck) einmal über quer über die Insel.
In dieser Szene, in der ein Honigbrot, ein Symbol für Kindheit, Geborgenheit und Hoffnung, eine zentrale Rolle spielt, kollidiert der angewachsene Optimismus des emotional gereiften Nanning mit der Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit seiner Mutter. Und es kulminiert in der herzzerreißenden Erkenntnis, dass die Motivation, Gutes zu tun, noch so ehrenhaft sein kann. Am Ende sind es die Umstände, die darüber entscheiden, ob das Gute Platz in der Welt finden darf, oder nicht. „Amrum“ handelt auch von Desillusion. Immer wieder gibt es Momente des brutalen Erkenntnisgewinns, wenn Nanning nach und nach begreift, dass die Erwachsenen um ihn herum – insbesondere seine Mutter – auch nur Menschen sind. Dem Jungen dabei zuzusehen, ist schmerzhaft. Doch sein daraus resultierendes Reifen stimmt hoffnungsvoll. Und so wohnt „Amrum“ immer auch ein bisschen der Charme eines Roadmovies inne, in dessen Umfeld Nanning einzelne Stationen abklappert, um an die Zutaten für ebenjenes Honigbrot zu gelangen. Das hat sogar ein wenig Videospielcharme. Vor allem, weil die schnell monoton wirken könnende Insel Nordfriesland Leinwandausmaße hat. „Independence Day“-Kameramann Karl Walter Lindenlaub betont mit seinen Bildern die Weitläufigkeit der Insel und schafft es gleichzeitig, eine intime Atmosphäre zu schaffen. Jede:r kennt jede:n, auch wenn man sich hier draußen tagelang nicht über den Weg läuft. „Amrum“ trägt seinen Titel völlig zu Recht. Ohne die Insel als Kulisse wäre das hier ein völlig anderer Film.
„So wohnt ‚Amrum‘ immer auch ein bisschen der Charme eines Roadmovies inne, in dessen Umfeld Nanning einzelne Stationen abklappert, um an die Zutaten für ebenjenes Honigbrot zu gelangen. Das hat sogar ein wenig Videospielcharme.“
Doch Fatih Akin hat in seinen früheren Filmen schon eine entscheidende Sache besser hinbekommen. Und zwar die Anleitung seiner Schauspielerinnen und Schauspieler. Die unerklärliche (da in einer solch kleinen Rolle wahlweise verschenkte, oder aber effekthascherische) Entscheidung, Matthias Schweighöfer („Oppenheimer“) in einer Mini-Nebenrolle zu besetzen, sei davon einmal unberührt. Während Laura Tonke noch die authentischste Performance zu „Amrum“ beisteuert, aber auch schon klar besser war, enttäuscht neben Diane Krüger („Aus dem Nichts“) leider vor allem der junge Hauptdarsteller. Der hier seine erste Rolle spielende Jasper Billerbeck – ganz klar ein Talent – schafft es zwar, den geistigen Reifeprozess seiner Figur authentisch darzubieten. Doch vor allem im Zusammenspiel mit Kian Köppke („Hotel Mondial“) wirkt sein Spiel oft hölzern und leblos. Detlev Buck („Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“) spielt derweil einmal mehr sich selbst. Eine sichere Bank im Anbetracht der Rollen, die er in den vergangenen Jahren so verkörpert hat. Auf Nummer Sicher spielt Fatih Akin mit „Amrum“ nicht. Die spröde Atmosphäre in seinem Film hält einen immer auch ein Stückweit auf Abstand. Dass es seinen Darstellerinnen und Darstellern trotzdem gelingt, selbst mit eher schwächeren Leistungen Interesse und Mitgefühl für ihre Figuren zu erzeugen, zeigt dann aber auch schon wieder, wie stark in „Amrum“ Inszenierung und Geschichte ineinandergreifen und sich gegenseitig befruchten.
Fazit: „Amrum“ ist ein leises, atmosphärisch dichtes Drama, das weniger politisch als vielmehr menschlich erzählt ist – ein Film über Reifung, Enttäuschung und die Suche nach einem Platz in einer Welt im Umbruch. Zwischen der nordfriesischen Weite und den engen sozialen Strukturen der Insel entfaltet sich eine berührende Coming-of-Age-Geschichte, die in ihrer melancholischen Grundstimmung nahtlos an die jüngst entstandene Reihe norddeutscher Erzählungen anschließt. Auch wenn Fatih Akin in der Schauspielerführung nicht immer die gewohnte Präzision zeigt.
„Amrum“ ist ab dem 9. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

