The Ugly Stepsister
Dieser Film geht an die Substanz! Und zwar nicht nur an die seiner Hauptfigur, auch als Publikum muss man Einiges an Drastik ertragen, um THE UGLY STEPSISTER voll und ganz genießen zu können. Die radikale Neuinterpretation des „Aschenputtel“-Märchens ist nämlich ein anklagender, derbe bebilderter Kommentar auf den Schönheitswahn – und ein berührender Coming-of-Age-Film.
Darum geht’s
Das imaginäre Königreich Swedlandia: Hier gilt Schönheit als wichtigste soziale Währung. Auch für die unauffällige junge Elvira (Lea Myren), die gemeinsam mit ihrer bildschönen Stiefschwester Agnes (Thea Sofie Loch Næss) und deren ehrgeiziger Mutter Rebekka (Ane Dahl Torp) in einem verfallenen Herrenhaus lebt. Nach dem Tod von Agnes‘ Vater und dem finanziellen Ruin der Familie setzt Rebekka alles daran, Elvira für den bevorstehenden Ball von Prinz Julian (Isac Calmroth) herzurichten – ein gesellschaftliches Großereignis, auf dem er seine zukünftige Gemahlin erwählen soll. Um Elvira äußerlich aufzuwerten, unterzieht sie sich auf Rebekkas Drängen einer Reihe brutaler und archaischer Schönheitsprozeduren durch den dubiosen Dr. Esthétique (Adam Lundgren). Zu den Eingriffen zählen das gewaltsame Entfernen ihrer Zahnspange, das chirurgische Zerschlagen ihrer Nase und das groteske Annähen künstlicher Wimpern direkt auf die Augenlider. Um zusätzlich abzunehmen, schluckt Elvira sogar einen Bandwurm – eine Entscheidung, die sie noch bereuen wird…
Kritik
Während Disney seit einigen Jahren dabei ist, seine zahlreichen Zeichentrickmärchen neu aufzulegen, sich dabei allerdings immer recht nah am Originalstoff aufhält, beweisen die Konkurrenzstudios, dass es auch anders geht. Vor allem der Grimm-Klassiker „Schneewittchen“ hat in den vergangenen Jahren gleich mehrere Frischzellenkuren erhalten. Neben einer schwungvollen, mit Meta-Humor angereicherten Comedy („Spieglein, Spieglein“) und einem düsteren Fantasyfilm („Snow White and the Huntsman“) sogar eine spanisch-französische Stummfilmvariante mit dem Titel „Blancanieves“. Das beweist: Märchen bleiben zeitlos – und eignen sich daher hervorragend für Neuinterpretationen, die auch gern etwas mutiger ausfallen dürfen, als der Hauptfigur, wie in Disneys „Schneewittchen“-Neuauflage, einfach nur etwas mehr Selbstbewusstsein und Eigeninitiative zuzuschreiben. Die norwegische Regisseurin hat dies verinnerlicht und legt mit ihrer Version von „Aschenputtel“ respektive „Cinderella“ einen Film vor, der in seiner Radikalität an „The Substance“ erinnert, dabei jedoch weitaus versöhnlicher mit seiner geschundenen Hauptfigur umgeht. Der Botschaft dahinter verleiht das jedoch mindestens genauso viel Nachdruck.

Mit jeder Schönheitsoperation wähnt sich Elvira (Lea Myren) ein Stückchen näher dem Ziel, den Prinzen für sich zu gewinnen.
Der neue Erzählansatz für die bekannte Geschichte steckt bereits im Titel: „The Ugly Stepsister“ rückt nicht die junge, schöne Cinderella in den Fokus, sondern ihre Stiefschwester, die im Zeichentrickfilm noch zu zweit sind und hier Schurkenrollen erfüllen. In diesem war für eine nähere Betrachtung ihrer Beweggründe, Cinderella das Leben zur Hölle zu machen, kein Platz. Insofern reichte ihre Darstellung – sowohl charakterlicher als auch äußerlicher Natur – nie über eine Karikatur hinaus. In einem familiengerechten Zeichentrickfilm der Fünfzigerjahre mag das ausreichen, heutzutage ergibt sich hieraus ein großer Reiz. Auch hier steht Disney wieder Pate, denn mit „Cruella“ und „Maleficent“ zeigte sich ein gewisses Interesse daran, sich einer Geschichte auch mal aus der Perspektive eines Fieslings anzunähern. „The Ugly Stepsister“ ist in diesem Ansatz selbstredend viel drastischer und weicht so sehr vom Ausgangsmaterial ab, dass es schon eine ganze Zeit braucht, bis man überhaupt versteht, was das hier für ein Film ist. Zwar folgt der Film erzählerisch den Eckpunkten der „Aschenputtel“-Geschichte, auch der Name Cinderella fällt in der ersten Hälfte. Doch Emilie Blichfeldt legt ein so eigenwilliges Skript vor, dass diese Ähnlichkeiten auch als bloße Hommage durchgingen; nicht zwingend als direkte Neuinterpretation.
„Elvira bei ihrem widersprüchlichen Charakterentwicklung zuzuschauen, ist schmerzhaft. Da ist ihr steigendes Selbstbewusstsein ob ihrem Wandel hin zur Normschönheit, die mit viel Anerkennung verbunden ist. Doch da sind auch Leid und die Qual.“
Doch ganz gleich wie weit von oder wie nah dran „The Ugly Stepsister“ an „Cinderella“ ist, die hier dargebotene Geschichte steht auf komplett eigenen Beinen. Die von Seriendarstellerin Lea Myren mit Mut zur Kompromisslosigkeit verkörperte Elvira ist eine stille Außenseiterin, die in den an sie herangetragenen Erwartungen einen neuen Lebenssinn findet. Zunächst gibt sich Elvira nur widerwillig den radikalen Optimierungswünschen ihrer Mutter hin. Doch mit der wachsenden Anerkennung durch ihr Umfeld entwickelt auch sie ein neues Verständnis für sich, ihr Aussehen und ihren Selbstwert. Elvira bei dieser widersprüchlichen Charakterentwicklung zuzuschauen, ist schmerzhaft. Da ist ihr steigendes Selbstbewusstsein ob ihrem Wandel hin zur Normschönheit, die mit viel Anerkennung verbunden ist. Doch da sind auch das Leid und die Qual, einhergehend mit dem Wissen um die Vergänglichkeit der Schönheit. Schon sind wir wieder bei der Zeitlosigkeit. Wie schon Coralie Fargeats Bodyhorror-Meisterwerk „The Substance“ aus dem vergangenen Jahr, versucht auch Emilie Blichfeldt, mit derben Bildern eine Sensibilität für das unweigerlich zum Scheitern verurteilte Schönheitsideal zu schaffen, mit dem sich Frauen egal welchen Alters konfrontiert sehen.
Konzentrierte sich Coralie Fargeat mit ihrem Film auf das Gegenüberstellen von Perfektion und Verfall, wählt Emilie Blichfeldt mehrere eindringliche Beispiele für körperliche Optimierung, die – wenngleich heutzutage deutlich humaner durchfürbar – immer noch Methode in der Schönheitschirurgie haben. Da werden (selbstverständliche ohne Narkose) Nasenknochen gebrochen und künstliche Wimpern an das Augenlid genäht. Aber auch Bandwürmer werden zur Gewichtsreduktion eingesetzt, die ihren Wirt mehr oder weniger von innen heraus auffressen. Quasi die Mittelalterversion der Ozempic-Spritze, mit ähnlich wenig Wissen ob möglicher Langzeit-Nebenwirkungen. Letzteres ist nicht nur für eines der einprägsamsten Bilder jüngerer Genrefilmgeschichte verantwortlich. Es verdeutlicht auch die Aufopferungsbereitschaft, seinen eigenen Körper bis zur Selbstaufgabe zu schinden, um – wie in diesem Falle – Anerkennung durch eine (männliche) Person zu finden. Besonders schmerzhaft: Elviras Auftritt auf dem Prinzenball, wo sie sich wie ein Hund gebiert, um ihre Unterwürfigkeit zu demonstrieren. Zu dem Zeitpunkt hat sie sich nicht nur dem Willen ihrer Mutter vollends unterworfen, sondern auch ihrem Körper.
„‚The Ugly Stepsister‘ ist ein Kommentar auf die hysterischen Auswüchse des Schönheitswahns. Anders als in ‚The Substance‘ geht ihr Ansatz dabei weg von den misogynen Hintergründen, sondern ist noch einmal deutlich näher dran am innerlichen Reifeprozess seiner Hauptfigur.“
Die in „The Ugly Stepsister“ dargestellten Operations- und Behandlungsmethoden entsprechen vermutlich ungefähr einem Standard von vor vielen Hundert Jahren. Spannend ist dabei, dass sich der Film trotzdem nie klar in einer Zeit verorten lässt. Es gibt Kutschen als Transportmittel, Kostüme und Frisurendesign sprechen eine deutliche Sprache: vermutlich irgendwann zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert. Doch wann genau die Geschichte spielen soll, bleibt unaufgelöst. Das macht aber überhaupt nichts, denn Emilie Blichfeldts erzählerische sowie inszenatorische Motivation ist klar: „The Ugly Stepsister“ ist ein Kommentar auf die hysterischen Auswüchse des Schönheitswahns. Anders als in „The Substance“ geht ihr Ansatz dabei weg von den misogynen Hintergründen, sondern ist noch einmal deutlich näher dran am innerlichen Reifeprozess seiner Hauptfigur. Verständlich, denn aufgrund ihres Alters ist „The Ugly Stepsister“ auch irgendwie ein Coming-of-Age-Film, an dessen Ende Elvira eine Befreiung erleben darf, die Demi Moore in „The Substance“ nicht vergönnt war.
Fazit: „The Ugly Stepsister“ fährt Bilder auf, die sich ganz tief ins Unterbewusstsein einbrennen. Emilie Blichfeldts Bodyhorrordrama ist eine derbe Neuinterpretation des „Aschenputtel“-Märchens und ein anklagender Kommentar auf gängige Schönheitsideale, der trotzdem sensibel mit seiner Hauptfigur umgeht. Kongenial verkörpert von der Film-Newcomerin Lea Myren.
„The Ugly Stepsister“ ist ab dem 5. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


