Tanz der Titanen

Ein Unikat? Ja! Ein funktionierender Film? Nein. Der im Original „Rumours“ betitelte TANZ DER TITANEN lebt von der Idee der satirischen Abrechnung mit einem fiktionalen G7-Gipfel. Doch anstatt bissige Beobachtungen und treffsichere Pointen zu liefern, hinterlässt die starbesetzte Horrorkomödie vor allem Ratlosigkeit. Was zur Hölle soll das hier eigentlich?

OT: Rumours (CAN/DE/HUN/UK/USA 2024)

Darum geht’s

Irgendwo in Deutschland. Das kleine Städtchen Dankerode wird zum Austragungsort des G7-Gipfels. Die Oberhäupter der sieben bedeutendsten Industriestaaten treffen sich hier, um über Krisen und ihre Lösungen zu philosophieren. Am Ende soll eine gemeinsame Erklärung ausformuliert und vorgetragen werden. Doch dazu soll es nicht kommen. Als es dunkel wird, sind außer den Tagenden plötzlich alle anderen Menschen verschwunden. Angeführt von der deutschen Bundeskanzlerin Hilda Ortmann (Cate Blanchett) flüchten die Premiers dieser Welt in den örtlichen Wald. In der Hoffnung, eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb man sie alle hier draußen alleingelassen hat. Dass sie dabei unter anderem auf ein überdimensionales, lebendes Gehirn treffen, ist längst nicht das Verrückteste, was ihnen in dieser Nacht passiert…

Kritik

„Cate Blanchett als deutsche Kanzlerin“ prangt dick und fett über dem Filmtitel des deutschen Plakats zu „Tanz der Titanen“. Es scheint das Argument dafür zu sein, die im Original „Rumours“ heißende (Horror-?)Komödie in die hiesigen Kinos zu bringen. Und zwar nicht etwa wegen des Standings, das die jüngst für ihre Rolle in „Tár“ für den Oscar nominierte Mimin Blanchett hierzulande hat. Sondern natürlich aufgrund ihrer Ähnlichkeit zum ehemaligen Landesoberhaupt Angela Merkel, von der sich die Schauspielerin überdeutlich hat inspirieren lassen – ist ja auch naheliegend. Davon abgesehen fehlt es jedoch leider an jedweden Argumenten, sich „Tanz der Titanen“ – egal in welchem Land – im Kino anzuschauen. Denn egal wie viel Sympathie man für dieses Low-Budget-Projekt des kanadischen Drehbuch- und Regietrios Evan Johnson, Galen Johnson und Guy Maddin auch hegen mag, einfach weil es sich in seiner Gesamtheit jedweden Konventionen widersetzt, so ratlos steht man doch am Ende vor dem Ergebnis, für das „Off Beat“ noch ein Euphemismus ist.

Zu Beginn des Treffens mutet das alles noch sehr harmonisch an…

Einen Film abzuliefern, der sich ohne Weiteres als „Unikat“ bezeichnen lässt, ist heutzutage schon eine Leistung. Schließlich gab es im Kino eigentlich alles schon. Da gebührt es Filmschaffenden einen Heidenrespekt, etwas abzuliefern, für das sich keinerlei Referenzwerte finden lassen. „Tanz der Titanen“ ist so ein Film. Zwar werden mitunter Erinnerungen an die absurden Kreativauswüchse eines Quentin Dupieux oder die sehr lakonische Tonalität von Jim-Jarmusch-Filmen (zum Beispiel in „The Dead Don’t Die“) wach. Doch davon abgesehen, mangelt es „Tanz der Titanen“ an so ziemlich allem, was ein aufregendes Kinoerlebnis ausmacht. Dabei ist die Prämisse spannend. Wer würde nicht gern den Regierenden der G7-Staaten über die Schulter schauen, wenn diese sich in luxuriöser Abgeschiedenheit mit den gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Problemen der Welt auseinandersetzen? Angelegt als Satire, steht im Zentrum eine Gruppe von Machthabenden, die sich in Stereotypen pressen lassen, wie man sie eher in einem High-School-Film erwarten würde. Kanzlerin Ortmann und Co. wirken wie eine allein gelassene Jugendgruppe auf einer Klassenfahrt. Die ausgetragenen Differenzen haben nur bedingt etwas mit dem politischen Status der Figuren zu tun. Vor allem eine amouröse Liaison zwischen Ortmann und einem ihrer Kollegen wirkt nahezu soapesk…

„All diese hohen Polittiere hier sind auch nur Menschen mit Schwächen, Ängsten und (dunklen) Trieben. Doch um einen entsprechend satirischen Punch zu entwickeln, mangelt es dem Film an Bösartigkeit, sind die Beobachtungen zu banal.“

… und fühlt sich fehlplatziert an. Wie alle in „Tanz der Titanen“ thematisierten Banalitäten. Zwar scheint durch, dass genau das auch ein Stückweit der Punkt sein soll. All diese hohen Polittiere hier sind auch nur Menschen mit Schwächen, Ängsten und (dunklen) Trieben. Doch um einen entsprechend satirischen Punch zu entwickeln, mangelt es dem Film an Bösartigkeit, sind die Beobachtungen zu banal – und die Protagonist:innen in erster Linie Witzfiguren. Doch wenn es für eine gewitzte Satire nicht reicht, wofür reicht es dann? Schließlich liegt der Genreursprung von „Tanz der Titanen“ ausgerechnet im surrealen Horror. Evan Johnson, Galen Johnson und Guy Maddin wählen bisweilen sogar ansprechende, dabei durch und durch verwirrende Motive. Stellvertretend dafür sei ein riesiges Gehirn zu nennen, auf das die blind umherirrende Truppe plötzlich auf einer Waldlichtung trifft. Diese Entdeckung steht symptomatisch für das ganz große Problem des Films: Eine Erklärung dafür bleibt aus. Und zwar nicht auf die Art, die das Faszinosum anheizen würde. Mitnichten muss – gerade im Genre – jedes Detail zu Tode erklärt werden. Nein, es mangelt viel mehr an der Offenlegung des Zwecks. Denn wie so ziemlich alles in „Tanz der Titanen“ wirkt sich auch das Riesengehirn weder auf den Humor noch auf die Spannung oder auf irgendein anderes tonal prägendes Element aus.

…doch spätestens mit dem Auftauchen der Schwedin Celestine Sproul (Alicia Vikander) geraten die Ereignisse aus den Fugen.

Vollkommen willkürlich klatschen die Filmschaffenden absurde Motive auf die Leinwand, die wie Stückwerk aus Ideen wirken, von denen sich ein David Lynch schon im frühen Stadium etwaiger Filmideen verabschiedet hätte. Dazu passt auch, dass die Interaktion zwischen den Figuren fahrig ist und in ihrem Handeln konsequenzlos bleibt. Cate Blanchett bei ihrer Angela-Merkel-Imitation zuzusehen, ist genauso leidlich unterhaltsam, wie die Performance ihres Kollegen Denis Ménochet („Beau is Afraid“) als offensichtlich unfähiger französischer Staatspräsident. Roy Dupuis („Screamers“) mimt den kanadischen Premierminister als reine Karikatur, der immer wieder die Frage aufwirft, wie dieser eigentlich zum alleinigen Überleben imstande ist. Nikki Amuka-Bird („Here“), Takehiro Hira („Gran Turismo“) und Rolando Ravello („Perfect Strangers“) sind derweil nur Stichwortgeber:innen für den Rest des Ensembles, während immerhin Charles Dance („The Imitation Game“) als nicht nur von der Veranstaltung, sondern vom Leben ermüdeter US-Präsident für eine Handvoll ganz amüsanter Momente sorgt. Das reicht aber längst nicht aus, um über die 104 Minuten zu tragen. Sämtliche Gags münden ebenso ins Leere wie das plötzliche Auftreten der eine fremde Sprache sprechenden Celestine Sproul, gespielt von Alicia Vikander („Tomd Raider“). „Es ist nur Schwedisch!“ gibt Blanchetts Kanzlerin einmal erleichtert zu Protokoll, nachdem sie das unverständliche Gebrabbel des Neuankömmlings entschlüsselt hat. Was sich derweil im inszenatorischen Gebrabbel von „Tanz der Titanen“ verbirgt, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel.

„‚Tanz der Titanen‘ sieht einfach richtig mies aus. Die Farbsättigung bis zum Anschlag hochgedreht, in schlecht ausgeleuchteten, hinterher mit einem billig anmutenden Filter überlagerten Sets gedreht, ist auch die Auswahl der Kulissen selbst eintönig.“

Auch visuell bleibt der Film – selbst an seinen Low-Budget-Wurzeln gemessen – weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Mehr noch: „Tanz der Titanen“ sieht einfach richtig mies aus. Die Farbsättigung bis zum Anschlag hochgedreht, in schlecht ausgeleuchteten, hinterher mit einem billig anmutenden Filter überlagerten Sets gedreht, ist auch die Auswahl der Kulissen selbst eintönig. Nach einer kurzen Zeit in einem Gartenpavillon spielt sich der Film vorwiegend in einem unansehnlichen Waldsetting ab, das – ganz gleich ob nun an Realschauplätzen gedreht oder nicht – allzu sehr nach Studiokulisse aussieht. Da kann auch die wenigstens konsequente Pointe nichts mehr retten, die immerhin genauso absurd ist, wie alles, was dorthin geführt hat.

Für die Presse ist immer Zeit für Fotos.

Fazit: Nicht hübsch, nicht witzig, nicht bissig – „Tanz der Titanen“ hat eine Idee und macht aus dieser absolut gar nichts. Mehr noch: Anstatt den Film genießen zu können, fühlt man sich genötigt, ihn dechiffrieren zu müssen. Doch für das, was in den Gehirnen der Macher während der Filmentstehung vorgegangen sein muss, fehlt die Betriebsanleitung.

„Tanz der Titanen“ ist ab dem 15. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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