Islands

„Oh Boy“-Regisseur Jan-Ole Gerster dreht erstmals auf Englisch. Sein Thrillerdrama ISLANDS über einen verschwundenen Familienvater auf einer Ferieninsel erzählt dabei weniger von einem Vermisstenfall als vielmehr – und mal wieder – von einer gebrochenen Hauptfigur, ihren geheimen Wünschen und Sehnsüchten.

OT: Islands (DE 2025)

Darum geht’s

Tom (Sam Riley) lebt im Paradies – so scheint es zumindest. Als Tennislehrer auf Fuerteventura besteht sein Alltag in erster Linie daraus, seine zahlenden Gästen zu bespaßen. Doch der ehemalige Profispieler hat längst die Begeisterung für seinen Job verloren. Als eines Tages die geheimnisvolle Anne (Stacy Martin) im Hotel auftaucht und ihn um Tennisstunden für ihren Sohn Anton (Dylan Torrell) bittet, werden in Tom neue Lebensgeister geweckt. Er bietet sich sogar an, Annes Familie die Insel zu zeigen. Eines Abends gerät ein lockeres Gespräch zwischen der Familie und Tom aus dem Ruder. Annes Ehemann Dave (Jack Farthing) gibt Ehegeheimnisse preis, von denen sein Reiseführer eigentlich gar nichts wissen will. Als Dave am nächsten Tag spurlos verschwunden ist, hält sich ausgerechnet die Sorge seiner Ehefrau in engen Grenzen. Hat sie möglicherweise selbst etwas damit zu tun?

Kritik

Mithilfe von Filmen hinter die Fassade scheinbar heiler Mikrokosmen zu blicken, ist generell kein neues Motiv. Es ist aber auch einfach zu faszinierend, versteckten Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Je schöner der äußere Schein, desto größer die Leiche im Keller. Seit einiger Zeit feiern derartige Plots eine Renaissance. Nicht hinter den penibel gemähten Rasenflächen, weißen Zäunen und fein gestutzten Rosenhecken US-amerikanischer Vororte, sondern in sonnigen Urlaubsgebieten. Wenn sich hier die wohlsituierten Reisenden versammeln, gibt das Anlass, auch hinter diese Fassade zu blicken. Die HBO-Serie „White Lotus“ hat das perfektioniert. Und im Kino erinnern wir uns an Filme wie „Infinity Pool“ oder „Speak No Evil“, um direkt mit den abgefucktesten aller möglichen Türen ins Haus zu fallen. Nach „Oh Boy“ und „Lara“, in denen er das Innere zweier komplexer Charaktere sezierte, fühlt sich Jan-Ole Gersters neuer und erster englischsprachiger Film „Islands“ nur wie eine logische Konsequenz an. Diesmal nimmt er das Leben eines scheinbar im Paradies lebenden Mannes ins Visier und zerlegt es in einem wilden Mix aus Thriller, Drama und verschlagener Romanze.

Anne (Stacy Martin) und ihr Sohn Anton (Dylan Torrell) warten auf ihrenTennislehrer Tom (Sam Riley).

„Islands“ spielt auf Fuerteventura, die Story könnte aber genauso gut auf jeder anderen Urlaubsinsel stattfinden. Im Zentrum der Erzählung steht der Tennistrainer Tom, dessen Arbeitsplatz nur auf den ersten Blick Neid hervorrufen dürfte. Zwar besteht sein Alltag in erster Linie daraus, den Feriengästen auf dem hauseigenen Court Tennisstunden zu geben, doch auf den zweiten Blick ist nicht nur Tom ein ziemlich einsamer Typ. Auch das Hotelresort, in dem er arbeitet, entpuppt sich als eher abgeranzt. Hier steigen nicht unbedingt jene Leute ab, von denen etwa „White Lotus“ erzählt. Das macht es erfrischend. In „Islands“ geht es nicht darum, dass sich hinter den Reichen und Schönen grundsätzlich Abgründe auftun müssen. Die hier porträtierten Menschen mögen zwar nicht arm sein, aber insbesondere die Familie rund um Anne und Dave wirkt zumindest in Sachen Situierung angenehm „normal“. Dazu passt auch, dass Kameramann Juan Sarmiento G. („Amparo“) darauf verzichtet, die Kulisse mithilfe von sonnendurchfluteten Hochglanzbildern zu idealisieren. Ausgerechnet dadurch ergibt sich ein hitziges Flirren, das im Kino regelrecht spürbar ist. Bequem fühlt sich anders an.

„In ‚Islands‘ geht es nicht darum, dass sich hinter den Reichen und Schönen grundsätzlich Abgründe auftun müssen. Die hier porträtierten Menschen mögen zwar nicht arm sein, aber insbesondere die Familie rund um Anne und Dave wirkt zumindest in Sachen Situierung angenehm ’normal‘.“

Der auch für das Drehbuch mitverantwortliche Gerster (zusammen mit Blaz Kutin und Lawrie Doran) kreiert ein nahbares Szenario, das weniger anhand seiner Charaktere eskaliert, denn über die Situation an sich. Ist „Islands“ zu Beginn noch eine nüchterne Charakterbeobachtung, wie sie Gerster vor allem in „Lara“ an den Tag gelegt hat, ändert sich die Tonalität mit dem Auftauchen der Mutter und Ehefrau Anne. Stacy Martin („Der Brutalist“) und Sam Riley („Marie Curie – Elemente des Lebens“) gelingt es hervorragend, ein leicht entflammbares amouröses Interesse aneinander zu vermitteln, das sich in einem anderen Film glaubhaft zu einer feurigen Romanze entwickeln könnte. Doch der Reiz an dieser Paarung liegt nicht etwa im Offensichtlichen „Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht“ – so ein Film ist „Islands“ nicht. Stattdessen klingt von Anfang an durch, dass hinter Annes gleichermaßen schüchterner, wie verführerischer Fassade eine Absicht stecken muss; Und sei es nur, weil der im Alltagstrott gefangene Tom sich das so sehnlich wünscht.

Ist Dave im Meer ertrunken? Jorge (Pep Ambròs) von der Policia Local und der Kommissar (Ramiro Blas) aus Madrid rätseln.

Mit dem Verschwinden von Annes Mann Dave gewinnt „Islands“ an thrillereskem, bisweilen an Hitchcock erinnernden Drive. Gleichwohl ist der Film weniger What Happened als Why Happened, denn anstatt den Fokus auf die Suche nach Dave zu legen, bleibt die Geschichte bei Anne und Tom. Je länger der Familienvater verschwunden ist, desto intensiver wird die Anspannung zwischen den beiden, sodass die sich nur peripher abspielenden Ermittlungen klar eine untergeordnete Rolle spielen. Das sorgt dafür, dass sich „Islands“ hintenraus auf mehrdeutige Weise interpretieren lässt. Je nach Perspektive erzählt die Geschichte von einem Komplott, das sich tatsächlich abgespielt hat. Oder aber von einem solchen, das allein in der von Langeweile, Redundanz und Trott dominierten Fantasie des Protagonisten stattgefunden hat. Unter letzterem Gesichtspunkt ist „Islands“ ein äußerst tragischer Film, in die Sam Rileys Performance hervorragend hineinpasst. Der für seine Rolle für den Deutschen Filmpreis nominierte Schauspieler verhilft seiner verhuschten Figur zu einer enormen Tiefe. Während das Skript auf naheliegendes Selbstmitleid verzichtet, gelingt es Riley, einen Mann im emotionalen Umbruch zu verkörpern, der mittlerweile genauso abgeranzt ist wie das Hotel, in dem er arbeitet. Man wünscht sich fast ein Sequel zu „Islands“, das davon erzählt, wie es mit Tom nach den Filmereignissen weitergeht.

„Mit dem Verschwinden von Annes Mann Dave gewinnt ‚Islands‘ an thrillereskem, bisweilen an Hitchcock erinnernden Drive. Gleichwohl ist der Film weniger ‚What Happened‘ als ‚Why Happened‘, denn anstatt den Fokus auf die Suche nach Dave zu legen, bleibt die Geschichte bei Anne und Tom.“

Die einst durch Lars von Triers „Nymph()maniac“ einem großen Publikum bekannt gewordene Stacy Martin mimt ihre Anne mit einer angemessenen Prise Verschlagenheit. Zur klassischen Femme Fatale fehlen noch ein paar Schritte. Dafür stellt ihre Figur etwaige Verführungsabsichten nicht offen genug zur Schau. Auch ihre Versuche, Tom für sich respektive vor allem für ihre Sicht der Dinge zu gewinnen, finden eher auf subtile Weise statt. Etwa über ihren Sohn Anton als Bindeglied, mit dessen „Hilfe“ Tom einen leichten Einstieg in das Familienleben der drei findet. Dass auch die Existenz seiner Person ein Geheimnis umgibt, legen vereinzelte Beobachtungen und Wortfetzen nahe, die sich jedoch ebenfalls mannigfaltig auslegen lassen. Tatsächlich ist „Islands“, nicht nur aus atmosphärischer Sicht, ausgerechnet von Brandon Cronenbergs derbem Mindfuck-Thriller „Infinity Pool“ gar nicht so weit entfernt. In beiden Filmen geht es darum, dass selbst in den schönsten Ecken der Welt das Böse lauern kann, dessen Ausmaße sich aber erst so richtig erschließen, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Am Ende ist von der Traumkulisse kaum noch etwas übrig – und einsame Männer bleiben einsam.

Tom lernt Annes Ehemann Dave (Jack Farthing) kennen.

Fazit: Vor flirrender (Urlaubs-)Kulisse entspinnt sich in „Islands“ das Charakterporträt eines im Alltagstrott gefangenen Mannes anhand eines möglichen Kriminalfalles, der das typische Motiv des Hinter-die-heile-Fassade-Blickens ganz neu und unaufgeregt interpretiert.

„Islands“ ist ab dem 8. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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