Thunderbolts*

Nachdem „Captain America: Brave New World“ enttäuschte, meldet sich in THUNDERBOLTS* ausgerechnet eine Marvel-Truppe der zweiten Reihe zurück, um Lust auf die nächste Phase des Marvel Cinematic Universe zu machen. Dabei gefällt vor allem, dass sich der Film angenehm klein anfühlt – und noch dazu richtig wuchtig.

OT: Thunderbolts* (USA 2025)

Darum geht’s

Nachdem sie in in die tödliche Falle der CIA-Direktorin Valentina Allegra de Fontaine (Julia Lewis-Dreifus) getappt sind, muss eine Gruppe desillusionierter Personen plötzlich zusammenarbeiten: Natasha Romanoffs Adoptivschwester Yelena Belova (Florence Pugh), der Möchtegern-Captain-America, mittlerweile „U.S. Agent“ John Walker (Wyatt Russell), die nur als „Ghost“ auftretende Ava Starr (Hannah John-Kamen) und Taskmaster (Olga Kurylenko). Bei ihrem ersten Stelldichein wider Willen treffen sie außerdem auf den vermeintlichen Zivilisten Bob Reynolds (Lewis Pullman), über dessen Hintergründe nur wenig bekannt ist. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass all das nicht ganz zufällig passiert ist. Als sich schließlich auch noch Yelenas entfremdeter Adoptivvater Alexei Shostakov alias Red Guardian (David Harbour) der Gruppe anschließt und der einstige „Winter Soldier“ Bucky Barnes (Sebastian Stan) ihre Wege kreuzt, müssen sie sich mit den dunkelsten Ecken ihrer Geschichte auseinandersetzen, um eine Katastrophe zu verhindern.

Kritik

Wie oft wurde in den vergangenen Jahren das qualitative Ende des MCU heraufbeschworen, nur um dann kurze Zeit später revidiert zu werden? Wir erinnern uns: Nach dem Finale der Infinity-Saga 2021 versuchte die ihrerzeit gigantomanische Ausmaße angenommene Filmreihe weiterhin an den Erfolg anzuknüpfen. Doch Filme wie „Eternals“, „The Marvels“ und zuletzt „Captain America: Brave New World“ floppten für Marvel-Verhältnisse nicht bloß, sie hinterließen auch ein eher negatives Feedback bei Presse und Publikum. Gleichzeitig wussten Beiträge wie „Guardians of the Galaxy 3“ durch die Bank zu verzücken. Auch „Deadpool & Wolverine“, dato zugegebenermaßen (noch) kein Teil des klassischen Marvel Cinematic Universe, brachte es zu „Das MCU ist zurück!“-Schlagzeilen. Doch so viel Inkonsistenz macht skeptisch. Der Terminus „Marvel-Müdigkeit“ fand auch unter Fans des Comicriesen immer häufiger Verwendung. Also folgte 2024 eine einjährige Pause, doch nun blasen Kevin Feige und seine kreativen Köpfe erneut zum Leinwandangriff. Nach „Cap 3“ folgt „Thunderbolts*“ und darauf in wenigen Monaten eine neue Adaption der „Fantastic Four“. Hatte man nach „Brave New World“ nicht wirklich Interesse an dem, was da dieses Jahr alles noch kommt, sorgt nun aber „Thunderbolts*“ endlich für einen „GotG3“-gleichen Befreiungsschlag. Ob dieser allerdings nur eine Eintagsfliege ist, bleibt abzuwarten.

Die CIA-Direktorin Valentina Allegra de Fontaine (Julia Louis-Dreyfus) verfolgt einen gerissenen Plan.

Nach einem solchen Kinoereignis wie „Avengers: Endgame“ und anschließend „Spider-Man: No Way Home“ hatte Marvel zwei Möglichkeiten: Entweder eine stilistische Neuerfindung, um sich klar von der Infinity-Saga abzugrenzen, oder ein direktes Anknüpfen an die Vorgänger, was allerdings eine vergleichbare Wertigkeit vorausgesetzt hätte. Man entschied sich für Nummer zwei; Also eben nicht dafür, sowohl inszenatorisch als auch inhaltlich neue Wege zu bestreiten. Und ebendiese immer gleiche Formel ließ MCU-Filme zu austauschbarer Massenfilmware werden. Die Bedrohungen immer größer, der Humor immer vorhersehbarer, die Figuren – allein schon aufgrund ihrer Masse – immer irrelevanter. „Thunderbolts*“ nun etwas in Gänze Neues zu attestieren, wäre zwar auch irgendwie falsch. Dafür fühlt sich der von Jake Schreier („Margos Spuren“) inszenierte Comicactioner dann doch noch zu sehr wie ein klassischer Marvel-Film an. Aber er macht vieles von dem richtig, was seine zahlreichen Vorgänger falsch, oder euphemistischer: nicht ganz so smart gemacht haben.

„‚Thunderbolts*‘ ist ein durch und durch wuchtiger Film. Wenn hier gleich mehrere Autos hintereinander auf kreative Weise durch die Luft geschleudert werden, dann vermag man das Leuchten in den Augen der zuständigen Stuntleute zu sehen.

Da wäre zunächst einmal ein ganz entscheidender Faktor im Blockbusterkino dieser Couleur: die Action. „The Marvels“ und Co. waren vor allem CGI-Dauerfeuer. Sogar „Captain America: Brave New World“, der mit „The Return of the First Avenger“ einen der handwerklich stärksten MCU-Filme seinen Vorgänger nennen konnte, vertraute bei seinen zwei zentralen Fights und Schlachten auf Computereffekte vor schlecht ausgeleuchtetem Greenscreen. „Thunderbolts*“ dagegen ist ein durch und durch wuchtiger Film. Wenn hier gleich mehrere Autos hintereinander auf kreative Weise durch die Luft geschleudert werden, dann vermag man das Leuchten in den Augen der zuständigen Stuntleute zu sehen. Und auch wenn ein Film wie „Thunderbolts*“ natürlich nicht in Gänze ohne Tricks aus dem Rechner auskommt, so halten sich die Momente, in denen man genau diese auch als solche erkennt, in sehr engen Grenzen (oder machen aufgrund ihrer Simplizität sogar richtig Eindruck, Stichwort: Schatten). Das liegt aber auch daran, dass sich die Geschichte diesmal in einem eher kleinen Kreis abspielt. Sowohl auf der inhaltlichen Ebene als auch in Sachen Ensemble. Anstatt einmal mehr die ganze Welt retten zu müssen, eröffnet sich der widerwilligen Superheld:innentruppe ein kleiner, übersichtlicher Konflikt. Dass dieser gerade in der ersten Hälfte vor allem in ziemlich dunklen Kulissen ausgetragen wird, versetzt der visuellen Vielfalt einen kleinen Dämpfer. „Thunderbolts*“ ist vielleicht einer der am realistischsten aussehenden, wohl aber nicht der hübscheste MCU-Film.

Sebastian Stan alias Bucky Barnes gebührt eine der besten Actionszenen in „Thunderbolts*“.

Auch die Story wirkt angenehm geradlinig. Die Rollen in „Thunderbolts*“ sind von Anfang an klar verteilt. Das mag ein bisschen zu Lasten der Überraschungen gehen (erst recht, da Marvel die ein oder andere bereits im Trailer vorweggenommen hat), beugt aber auch absurden Haken oder hanebüchenen Storytwists vor. Stattdessen geht es in „Thunderbolts*“ vor allem darum, der gleichnamigen Truppe dabei zuzuschauen, wie aus vier charakterstarken Eingebrötler:innen eine – zumindest im Ansatz – eingeschworene Gemeinschaft wird. Das Autor:innenduo aus Eric Pearson („Black Widow“) und Joanna Calo („The Bear“) ging dabei sehr feinfühlig vor. Anstatt ihre Hauptfiguren, an vorderster Front Yelena Belova, John Walker, Ava Starr und Alexei Shostakov, einzig und allein auf ihre Spleens zu reduzieren, aus denen sich natürlich auch ganz hervorragende One-Liner destillieren ließen, wendet „Thunderbolts*“ überraschend viel Zeit für ihre bisweilen sehr tragischen Backstorys auf. Gerade bei den Thunderbolts hätte man den wiederholten Bruch etwaiger emotionaler Momente durch Gags oder anderweitige Sprüche vermutet; Einfach, weil es sich als existenzieller Bestandteil der gängigen Marvelfilm-Tonalität etabliert hat. Doch egal ob ein intensives Gespräch zwischen Yelena und ihrem entfremdeten Adoptiv-Vater Alexei oder sogar eine im Finale sehr präsente Depressions-Allegorie: In „Thunderbolts*“ dürfen diese Motive für sich stehen und vor allem stehenbleiben. Das macht den Film, nach „Guardians of the Galaxy 3“, zum berührendsten der letzten MCU-Jahre. Gleichzeitig gelingt der Spagat zwischen Tragik und Humor. Denn letzterer ist perfekt auf die einzelnen, von einem sehr spielfreudigen Cast zum Leben erweckte Charaktere zugeschnitten. Hier stimmen Timing, Figurendynamik und Situationskomik.

„Die hier in dieser Konstellation eingeführten Heldinnen und Helden bilden dank der dichten Erzählung ihres ersten eigenen Films ein starkes Fundament für alles im Marvel Cinematic Universe noch Folgende.“

Was hat es eigentlich mit dem Sternchen auf sich, das der Film in seinem offiziellen Titel „Thunderbolts*“ trägt? Diese Frage beantwortet der Film in der buchstäblich aller letzten Sekunde und soll natürlich an dieser Stelle nicht verraten werden. Wichtig ist nur: Die hier in dieser Konstellation eingeführten Heldinnen und Helden bilden dank der dichten Erzählung ihres ersten eigenen Films ein starkes Fundament für alles im Marvel Cinematic Universe noch Folgende. Auch hier noch etwas weniger präsente Charaktere wie Bucky Barnes besitzen im Storygefüge eine große Wichtigkeit, die sich im weiteren Verlauf noch locker ausbauen lässt. Mit Julia Lewis-Dreifus („Downhill“) als CIA-Direktorin Valentina Allegra de Fontaine trumpft „Thunderbolts*“ obendrein mit einer angenehm ambivalenten Widersacherin auf. Als wahrer Scene Stealer entpuppt sich allerdings Lewis Pullman („Bad Times at the El Royale“). Was es genau mit seiner Figur auf sich hat, sei hier nicht vorweggenommen. Doch mit welch einer Inbrust Pullman seinen gebrochenen Charakter spielt, sieht man im MCU so eher selten. Es ist seine Figur, in der sich viel Tragik versammelt und die in „Thunderbolts*“ ein angemessenes Umfeld findet, um konsequent auserzählt zu werden. Die fünfte Marvel-Phase mag sich für viele lang angefühlt haben, aber sie geht auf jeden Fall mit einem Knall zu Ende.

Bucky Barnes, Ghost (Hannah John-Kamen), Yelena Belova (Florence Pugh), John Walker (Wyatt Russell), und Red Guardian/Alexei Shostakov (David Harbour).

Fazit: Der beste MCU-Film seit „Guardians of the Galaxy 3“ und auch ansonsten sehr weit oben in der bisherigen Historie des Marvel Cinematic Universe. Dies gelingt „Thunderbolts*“ mit einer tollen Charakterchemie, einem auf die Figuren zugeschnittenen Humor, emotionalen Momenten, die stehen bleiben dürfen und jeder Menge handgemachter Action in einer geradlinigen Story.

„Thunderbolts*“ ist ab dem 1. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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