The Substance

Es ist eine Abrechnung mit den bisweilen absurden Schönheitsidealen in unserer Gesellschaft und gleichzeitig eine tieftraurige Studie über weiblichen Selbsthass und das Gefühl, ab einem gewissen Alter nicht mehr liebenswert zu sein. THE SUBSTANCE ist eine brachiale Satire, gepaart mit Over-the-Top-Bodyhorror. Und mitten drin: Demi Moore, die nie besser war. 

OT: The Substance (UK 2024)

Darum geht’s

Elisabeth Sparkle (Demi Moore) ist das Fitness-Aushängeschild eines großen Fernsehsenders. Ihre freizügigen Tanzvideos sind ein voller Erfolg – und doch setzt der schmierige Studioboss Harvey (Dennis Quaid) Elisabeth eines Tages aus Altersgründen vor die Tür. Da erreicht die von Selbsthass geplagte Mittfünfzigerin plötzlich die Einladung zu einem Experiment namens „The Substance“. Hierbei handelt es sich um eine grellgelbe Flüssigkeit, die, einmal wöchentlich injiziert, eine neue, „perfekte“ Version von Elisabeth erschafft: Sue (Margeret Qualley). Fortan teilen sich die beiden ganz unterschiedlichen Frauen ein und dasselbe Ich. Doch während die blutjunge, wunderschöne Sue in Elisabeths altem Fernsehsender Karriere macht, lässt sich Elisabeth gehen und hadert immer mehr mit ihrem Leben. Es dauert nicht lange und Sue beginnt, die strengen Regeln von „The Substance“ zu brechen – mit katastrophalen Folgen!

Kritik

2015 wurde das Ergebnis einer Studie bekannt, laut derer 91 Prozent der Frauen ihren Körper hassen. Einundneunzig – das ist quasi jede. Und es ist ja auch kein Wunder. Schließlich propagieren die Medien seit Jahrzehnten völlig unrealistische Schönheitsideale, insbesondere eben bei Frauen. Zwar wandelt sich die Einstellung zur Beurteilung menschlicher Körper dahingehend, als dass Bewegungen wie Body Positivity und Body Neutrality betonen, seinen und die Körper fremder Menschen solle man am besten genau so akzeptieren, wie sie sind. Aber was sich in den sozialen Netzwerken bereits eine relativ hohe Aufmerksamkeit erkämpft hat, benötigt einfach noch ein bisschen mehr Zeit, um auch bei der breiten Masse anzukommen. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Coralie Fargeat („Revenge“) versteht ihren Film „The Substance“ auch als Anklage gegen das viele Jahrzehnte lang primär von Männern vorgeschriebene Bild einer Frau in den Medien und der Öffentlichkeit. Dafür versetzt sie das tieftraurige Porträt einer scheinbar abgehängten Mittfünfzigerin mit eskapistisch daherkommenden Bodyhorror-Einlagen, die die Leinwand blutrot tränken und darüber hinaus ein riesiges Ausrufezeichen hinter die Wandelbarkeit von Hauptdarstellerin Demi Moore („Songbird“) setzen, die sich in ihrer Rolle der einstigen Schauspiel- und Fitnessikone Elisabeth Sparkle maximal uneitel präsentiert.

Was steckt hinter dem mysteriösen Experiment namens „The Substance“?

Zwar quillt bereits in der ersten halben Stunde Margaret Qualley („Unce upon a Time in Hollywood“) aus dem Rückgrat der am Boden liegenden Demi Moore heraus und in den letzten dreißig Minuten überbieten sich die für die Trickeffekte verantwortlichen Kreativen immer wieder selbst darin, die Körper der beiden Frauen bis aufs Äußerste zu entstellen – bis hin zum im wahrsten Sinne des Wortes monströsen Endergebnis. Aber auf der Ekelskala bleibt vor allem eine Szene in Erinnerung, die hervorragend zusammenfasst, dass es im Kern von „The Substance“ weniger um den Body Horror und vielmehr um eine Abrechnung mit dem männlich geprägten Verständnis gesellschaftlicher Norm geht. In Großaufnahme sehen wir den von Dennis Quaid („I Can Only Imagine“) durch und durch schmierig verkörperten Senderboss Harvey (dieser Name dürfte mit Sicherheit kein Zufall sein) beim Shrimps Pulen und anschließenden Verspeisen. Kameramann Benjamin Kracun („Promising Young Woman“) gleitet dabei genüsslich über Quaids fettige Hände, entlang an seinen mit Cocktailsoße verschmierten Mundwinkeln und immer wieder ganz nah ran an seine Zähne, zwischen denen sich die zerkauten Reste der Krustentiere verfangen haben. Zusammen mit den omnipräsenten Schmatzgeräuschen – das Sounddesign von „The Substance“ ist generell phänomenal – möchte man sich während dieser Szene einfach nur angeekelt wegdrehen.

„‚The Substance‘ legt in seiner satirischen Überhöhung den Finger in die Wunde einer (Medien-)Gesellschaft, die noch immer primär junge, dem landläufigen Schönheitsideal entsprechende Personen – egal ob männlich oder weiblich – vor die Kamera zerrt.“

Generell ist „The Substance“ ein sehr körperlicher Film. Aber nicht nur Dennis Quaids fehlende Tischmanieren charakterisieren ihn und die Art von Shock Value im Film hervorragend. Auch die von ihm ausgesprochenen Worte drehen einem den Magen um. Zum Beispiel wenn er Demi Moores Elisabeth einfach nur ihres Alters wegen aus dem Sender „komplimentiert“. Und insbesondere dann, wenn er ihrer blutjungen Nachfolgerin Sue – der „perfekten“ Version von Elisabeth selbst – das Blaue vom Himmel runter verspricht. Immer mit der Betonung auf Sues dralles, normschönes und geifernde Männer vor dem Fernseher glücklich machendes Äußeres. „The Substance“ legt in seiner satirischen Überhöhung den Finger in die Wunde einer (Medien-)Gesellschaft, die noch immer primär junge, dem landläufigen Schönheitsideal entsprechende Personen – egal ob männlich oder weiblich – vor die Kamera zerrt. Gleichzeitig denkt Coralie Fargeat diese Missstände weiter und erzählt in „The Substance“ davon, was die immensen Anforderungen an Frauen (egal ob privat oder in der Öffentlichkeit) mit ihrem eigenen Selbstbild anstellt. In diesem Punkt ist der Film – auch dank der überragenden Performance Demi Moores – ein unendlich trauriger Blick auf den Selbsthass, den der oben genannten Studie zufolge so gut wie jede Frau mit sich herumträgt.

Während sich Elisabeth selbst bemitleidet, macht die attraktive Sue (Margaret Qualley) Fernsehkarriere…

Eine Szene zerreißt einem in „The Substance“ ganz besonders das Herz. Nachdem sich Elisabeth Sparkle während „ihrer Woche“ mit einem netten Mann ihres Alters für ein Date verabredet, verzweifelt sie kurz vor dem Treffen an ihrem eigenen Spiegelbild. Immer wieder hat sie das Äußere ihres „perfekten Ichs“ Sue vor Augen. Sie schminkt sich, wischt das Make-Up wieder weg, variiert Frisuren und Kleidung – und geht letztlich doch nicht zu dem Date. Man möchte Elisabeth in diesem Moment wahlweise in den Arm nehmen, ihr gutzureden und in ihrer Schönheit bestärken – oder aber sie einfach nur durchschütteln. Und all jene, die Elisabeth von Außen hin eingetrichtert haben, dass sie als Frau Anfang Fünfzig nicht mehr l(i)ebenswert ist, gleich mit. Im Hinterkopf hat man in dieser Szene obendrein die Hochglanz-Aufnahmen der pornesken Fitnessvideos („Call On Me“ von Eric Prydz lässt grüßen!). Sue und ihre Kolleg:innen räkeln sich lasziv vor der Kamera, die grellen Farben und die Beats der billigen Plastikpopmusik ummanteln Close-Ups von (fast) nackten Hintern und körperlicher Ertüchtigung, die mehr an Beischlaf als an Sport erinnert. Sue ist schön, ihr Aussehen erstrebenswert, ihr Erfolg damit unumgänglich. Niemanden wundert es, dass sich die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlende Elisabeth auch von ihrem eigenen „perfekten“ Ich abgehängt fühlt.

„Je länger ‚The Substance‘ geht, desto mehr zieht Coralie Fargeat das von Anfang an irrwitzige Tempo an. Im Minutentakt führt sie den Körpern ihrer Protagonistinnen neue Deformierungen zu, bis sich in den letzten fünfzehn Minuten Gallonen von Kunstblut über die Leinwand ergießen.“

Unaufhörlich steuert „The Substance“ auf die ultimative Eskalation zu. Die immer wieder in Nahaufnahme in Gliedmaßen gerammten Spritzen wirken wie ein Vorgeschmack auf das, was sich im Finale noch alles in Elisabeths und Sues Körper bohren wird – oder aus ihnen herausquillt. Je länger „The Substance“ geht, desto mehr zieht Coralie Fargeat das von Anfang an irrwitzige Tempo an. Im Minutentakt führt sie den Körpern ihrer Protagonistinnen neue Deformierungen zu, bis sich in den letzten fünfzehn Minuten Gallonen von Kunstblut über die Leinwand ergießen. Das Ganze hat dann zwar nicht mehr den emotionalen Impact wie die das Innenleben der Hauptfiguren sezierenden Stunden zuvor, wirken in ihrer Radikalität allerdings wie der dringend benötigte Befreiungsschlag. Und wer weiß? Während nach dem „Barbie“-Film hunderte von Videos in den sozialen Netzwerken aufploppten, in denen Frauen darüber berichteten, nach dem Kinobesuch ihren Freund verlassen zu haben, ist „The Substance“ ja vielleicht ein Film, der Frauen mit ein bisschen mehr Vertrauen in sich, ihre eigenen Qualitäten und ja, vielleicht auch ihr Äußeres bestärkt.

Fazit: Auch wenn das einen starken Magen erfordernde Finale nicht mehr ganz den emotionalen Punch hat wie die zwei Stunden davor, bleibt „The Substance“ vor allem aufgrund seiner intimen Auseinandersetzung mit weiblichem Selbsthass im Gedächtnis. Radikal bebildert, fantastisch gespielt und mit dem notwendigen Selbstbewusstsein vorgetragen.

„The Substance“ ist ab dem 19. September 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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