The Bikeriders
Jeff Nichols erzählt in THE BIKERIDERS vom Aufstieg und Fall einer fiktiven Motorradgang in den Sechzigerjahren. Dabei setzt er die Schwerpunkte jedoch ein bisschen unglücklich, sodass die erste Hälfte des Films bisweilen zäh und mühselig daherkommt, die zweite Hälfte dafür deutlich an Dynamik gewinnt.
Darum geht’s
Anfang der Sechzigerjahre ruft der Motorradfahrer Johnny (Tom Hardy) in Chicago den Outlaw Motorcycle Club Vandals ins Leben. Schon bald schart er über die Grenzen der Stadt hinaus Männer um sich, die sich seiner anschließen wollen. Unter ihnen der Eigenbrötler Benny (Austin Butler), der Freiheit nur auf dem Rücken seines Bikes findet und zu dem nicht einmal seine bemühte Ehefrau Kathy (Jodie Comer) durchdringen kann. Die gibt derweil dem Reporter Danny (Mike Faist) ein Interview und erzählt ihm vom Aufstieg und Fall der Vandals. Denn das von dem Club heraufbeschworene Lebensgefühl von Freiheit und Abenteuer hat seinen Preis…
Kritik
Dennis Hoppers „Easy Rider“ ist vermutlich der Film, an den man denkt, wenn es um das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit auf dem Rücken von Motorrädern geht. Dabei war das ans Westerngenre angelehnte Drama von 1969 vor allem ein Abgesang auf genau diesen (amerikanischen) Traum, eine Illusion, ein romantisiertes Trugbild. Seinen Platz in der Filmgeschichte hat er dennoch sicher. Und tatsächlich kam bis heute kein Film über Biker an den ikonischen Status eines „Easy Rider“ heran. Trotzdem spielen sie immer mal wieder eine (kleine) Rolle. In „The Place Beyond the Pines“ zum Beispiel erlebt die von Ryan Gosling verkörperte Hauptfigur genau dieses bereits beschriebene Gefühl von Freiheit, wenn er Raubüberfälle begeht, nur um anschließend wie der Blitz auf seinem Bike zu verschwinden. Bei „Born to be Wild – Saumäßig unterwegs“ handelt es sich dagegen eher um eine Parodie auf das Genre als um eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Milieu. Und in den „Mad Max“-Filmen sind die Motorräder vor allem Mittel zum Zweck, dabei trotzdem immer sehr präsent. Jeff Nichols („Midnight Special“) erzählt als Regisseur und Drehbuchautor nun den Aufstieg und Fall eines fiktiven Outlaw-Motorradclubs nach. „The Bikeriders“ schlägt dabei in dieselbe Kerbe der Desillusionierung wie schon Hopper mit „Easy Rider“ es tat. Ob sich Nichols‘ Film einen ähnlich ikonischen Status erarbeiten wird, ist trotzdem fraglich.
„The Bikeriders“ hat eine bewegte Produktions- und Veröffentlichungsgeschichte hinter sich. Basierend auf dem gleichnamigen Bildband des Fotografen und Dokumentarfilmers Danny Lyon, liebäugelte Jeff Nichols bereits 2018 mit der Realisierung eines Biker-Films, angesiedelt in den Sechzigerjahren. Nachdem sich die 20th Century Studios zu einer Finanzierung bereiterklärten, fanden die Dreharbeiten von Oktober bis Dezember 2022 in Ohio statt. Seine Weltpremiere feierte der Film Ende August 2023 als Eröffnungsfilm auf dem Telluride Film Festival in Colorado, bevor er anschließend auf diversen weiteren Filmfesten vorgestellt wurde. Es folgte die Bekanntmachung des offiziellen Kinostarts im Dezember – die kurz darauf wieder zurückgezogen wurde. Aufgrund des Streiks der SAG-AFTRA und dem damit verbundenen Verbot für Schauspielerinnen und Schauspieler, an Werbeaktionen für ihre Filme teilzunehmen, strichen die 20th Century Studios das „Projekt ‘Bikeriders‘“ kurzerhand aus ihrem Veröffentlichungskalender. Und das, obwohl dem Film nach seiner umjubelten Premiere Chancen in der anschließenden Award-Season ausgerechnet wurden und ein Start nah an der heißen Phase die Chancen auf Preise ein gutes Stück nach oben treibt. Nach der Übernahme der Releaserechte durch Focus Features, international durch den Mutterkonzern Universal Pictures, verzögerte sich der internationale Kinostart bis in den Juni – ob die ursprünglichen Aussichten auf eventuelle Filmpreise nun noch ihre Gültigkeit besitzen, bleibt abzuwarten.
„Austin Butler beeindruckt in seiner Rolle als verwegener Eigenbrötler, dem jedwede Verantwortung für sich und sein Umfeld abgeht und der sein Leben am liebsten ausschließlich auf dem Bike verbringen möchte. Der noch größere Name Tom Hardy rückt hinter seinem Kollegen fast in den Hintergrund.“
Vor allem dürfte es die Darstellerriege sein, die bei Academy und Co. in Erinnerung bleiben wird. Insbesondere Austin Butler („Elvis“) beeindruckt in seiner Rolle als verwegener Eigenbrötler, dem jedwede Verantwortung für sich und sein Umfeld abgeht und der sein Leben am liebsten ausschließlich auf dem Bike verbringen möchte. Der vielleicht sogar noch größere Name Tom Hardy („Mad Max: Fury Road“) rückt hinter seinem Kollegen fast in den Hintergrund. Der sich im Original mächtig einen zurecht nuschelnde Brite changiert als Club-Gründer Johnny zwischen unnahbar und in sich gekehrt sowie offensiv und konfliktbereit. Hardy überzeugt in beiden Facetten, ist neben Butlers Benny jedoch die deutlich weniger faszinierende Figur. Jeff Nichols tut gut daran, die Leerstellen in seiner Charakterisierung nicht groß aufzufüllen. Stattdessen lässt er seine unbändige Abenteuerlust für sich sprechen, der noch nicht einmal Bennys Ehefrau Kathy etwas entgegenzusetzen hat. Manchmal fragt man sich, wie echt und intensiv die Liebe zwischen den beiden ist und ob insbesondere Kathy die hypnotische Anziehungskraft zwischen ihr und ihrem Mann nicht vielleicht mit Liebe verwechselt.
Überhaupt ist es fast ironisch, dass ein derart testosterongetränkter Film wie „The Bikeriders“ (der hier porträtierte Chicagoer Motorcycle Club Vandals besteht ausschließlich aus Männern) vor allem einer Frau gehört: der von Jodie Comer („The Last Duel“) gespielten Kathy. Der Schauspielerin gehört der als Überbau dienende Subplot eines Interviews mit Danny Lyon, in dem die junge Frau ihre Außenseitersicht auf die Ereignisse schildert. Jeff Nichols erzählt seine Geschichte einmal aus dem Inneren der Vandals heraus, nämlich anhand von Benny und Tom Hardys Clubgründer Johnny. Und eben aus Kathys Perspektive, was sich mal überschneidet, mal aber auch komplett widerspricht. Kathy betont sogar hin und wieder, sich in ihren Ausführungen nicht ganz sicher zu sein, offenbart sich also als unzuverlässige Erzählerin. Und Nichols klärt nicht auf, sondern lässt die Widersprüche stehen. Zumindest aus dieser Sicht ist „The Bikeriders“ ein erzählerisch spannender und interessanter Film…
… was jedoch nicht unbedingt auf die Story selbst zutrifft. Die Erzählspanne umfasst mehrere Jahre. Sie beginnt bei der Gründung und den hier anhand mehrerer Mitglieder skizzierten Beweggründen, den Vandals beizutreten. Porträtiert dann den Wandel vom Motorradclub zum Auffangbecken für Kriminelle, die (auch im Schutz des Clubs) kriminelle Handlungen begehen. Bis hin zum Ende, wenn der frühe Tod von Johnny zur Zerschlagung der Vandals führt. Ein Großteil der Zeit entfällt auf die Anfangszeit des Clubs, der Jeff Nichols leider nicht allzu viele Ausschläge hinzuzufügen weiß. Sind Johnnys Absichten klar, mäandert „The Bikeriders“ in fast schon dokumentarischer Neutralität vor sich hin und versteht sich primär als Aneinanderreihung verschiedener Einzelszenen, die den Alltag der Vandals nachzeichnen. Da ist nicht viel Drama, nicht viel Komik, generell nicht viel Emotion. Stattdessen stützt sich Nichols vor allem auf das Lebensgefühl von Sechzigerjahre-Outlaws, deren Willen zur Organisation in einem spannenden Kontrast zur anarchistischen Lebenseinstellung steht. Seinen Reiz zieht „The Bikeriders“ vor allem aus der Interaktion der verschiedenen Charaktere, die im Zusammenspiel zwar Spaß machen, jeder für sich jedoch nur einer rudimentären Zeichnung unterliegt.
„Kurzum: Der hier dargestellte Fall ist deutlich spannender als der Aufstieg, die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Phasen wird allerdings genau umgekehrt verteilt.“
Der in der zweiten Hälfte – vor allem aber in den letzten zwanzig Minuten – im Eilverfahren abgehandelte Absturz der Vandals ist da schon spannender, wirkt in „The Bikeriders“ aber zu gehetzt, um dem Publikum aufgrund seiner Drastik den Boden unter den Füßen wegziehen zu können. Zumal Nichols auf das Hervorheben eines Peaks verzichtet. Irgendwann merkt man einfach, dass die glorreichen Zeiten des Clubs vorbei sind. Dass es erst so richtig spannend wird, wenn die moralischen Grenzen immer mehr aufweichen und die Vandals sukzessive in Chaos und Kriminalität versinken, ist deshalb so schade, weil auf diesen Teil von „The Bikeriders“ nur ein Bruchteil der Erzählzeit entfällt. Kurzum: Der hier dargestellte Fall ist deutlich spannender als der Aufstieg, die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Phasen wird allerdings genau umgekehrt verteilt. Das hat immerhin zur Folge, dass der Film gen Ende hin immer besser wird, während man sich durch die erste Hälfte bisweilen ganz schön quälen muss. Gleichwohl hat Nichols wie immer schon ein Händchen für Atmosphäre. Sein Stamm-Kameramann Adam Stone („Loving“) folgt visuell der Bildband-Vorlage und arbeitet viel mit langen (Panorama-)Einstellungen, die er um aussagekräftige Nahaufnahmen der Schauspielerinnen und Schauspieler ergänzt. Der grobkörnige Look, das detailverliebte Kostüm- und Frisurendesign sowie der beherzte Score von David Wingo („Der Exorzist: Bekenntnis“) tragen ihren Teil dazu bei, dass man ein hervorragendes Gespür für die Stimmung bekommt, die in den Sechzigerjahren im Mittleren Westen vorherrschte.
Fazit: „The Bikeriders“ ist das atmosphärische Porträt eines Chicagoer Motorradclubs in den Sechzigerjahren, dessen Aufstieg allerdings längst nicht so mitreißend geraten ist, wie der gehetzt in der zweiten Hälfte abgehandelte Fall.
„The Bikeriders“ ist ab dem 20. Juni 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.



Nur ein Typo, es wird besser! Schöne Kritik.