Midnight Special

Mit seinem neuen Film MIDNIGHT SPECIAL unterstreicht Indie-Regisseur Jeff Nichols seinen Wert als hervorragender Geschichtenerzähler, der hier wieder mal beweist, dass man auch blockbustertaugliche im Gewand eines Nischenfilms erzählen kann. Lest mehr zu dem Anwärter auf den Goldenen Bären 2016 in meiner Kritik.Midnight Special

Der Plot

Die Geschichte beginnt mit den Breaking News irgendeines beliebigen US-Fernsehsenders. Es geht um die Entführung eines kleinen Jungen. Sein Name: Alton Meyer (Jaeden Lieberherr). Gekidnapped worden sei er von zwei Männern namens Roy (Michael Shannon) und Lucas (Joel Edgerton), beide bewaffnet und gefährlich. Dass Alton zu keinem Zeitpunkt in Not ist, offenbart ein Blick auf die Menschen, die vor jenem Fernseher sitzen, der gerade besagte Nachrichtensendung ausstrahlt. Es sind die beiden Männer, die in aller Seelenruhe ihr Zeug zusammenpacken, sich den tiefenentspannten und zu keinem Zeitpunkt Angst zeigenden Alton schnappen und sich in ihrem Auto aufmachen in Richtung eines unbekannten Ziels. Zur selben Zeit befragt das FBI eine Gruppe religiöser Extremisten, die ebenfalls hinter Alton her sind. Denn Alton ist kein normaler Junge. Er hat eine Gabe. Und diese Gabe macht ihn entweder zur Waffe, oder zur Rettung für die gesamte Menschheit…

Kritik

Als Kritiker mit Genre-Begriffen um sich zu werfen, ist in erster Linie ein Dienst am Leser. Als potenzieller Zuschauer möchte dieser schließlich wissen, worauf er sich bei seinem nächsten Kinobesuch einlässt. Hat er es mit einem Film zu tun, der dem Komödiensektor angehört, oder schlägt er vielleicht doch eher leise Dramatöne an? Spielen Fantasy-Elemente eine Rolle, oder ist die Geschichte in der Realität verwurzelt? Muss ich mich darauf vorbereiten, erschreckt zu werden, oder kann ich ganz entspannt einem Roadtrip zusehen? All das sind Hilfestellungen, die man dem Konsumenten geben sollte, um eine (natürlich weitestgehend spoilerfreie) Einordnung von Tonfall und Stimmung zu machen. Manchmal hat aber auch der gegensätzliche Schachzug eine noch viel größere Wirkung. Zum Beispiel wie im Falle von „Midnight Special“, dem neuen Film von „Take Shelter“-, und „Mud“-Regisseur Jeff Nichols, der sich nur äußerst ungern in eine einzelne Sparte pressen lassen möchte und obendrein mit so vielen Einflüssen hantiert, dass man als Zuschauer gut beraten ist, wenn man das im weitesten Sinne wohl dem Drama- und Science-Fiction-Genre zugehörige Regieprojekt Nichols‘ als unvorhersehbare Wundertüte annimmt. Als solche entfaltet das aktuell im Wettbewerb der Berlinale befindliche Indie-Schmuckstück nämlich seine größte Wirkung – als einer der besten Filme des Jahres.

Midnight Special

Wer die letzten beiden Filme von Regievirtuose und Drehbuchautor Jeff Nichols gesehen hat, der weiß: Eine ganz besondere Stärke des Inszenators ist es, ein gängiges Blockbuster-Thema mit einer Independent-Inszenierung zu verbinden. In „Take Shelter“ ging es um den drohenden Weltuntergang, Dreh- und Angelpunkt der Erzählung waren allerdings die daraus resultierenden Paranoia der Hauptfigur. In „Mud“ kombinierte Nichols ein feistes Survival-Abenteuer mit einem genügsamen Thriller-Plot und einem Hauch Außenseiter-Drama. Ganz ähnlich verhält es sich nun auch mit „Midnight Special“, einem Film, über den man vorab so wenig wie möglich wissen sollte, damit sich die vielen Twists und Wendungen erst im Kinosaal, und nicht schon vorab in den Köpfen des Zuschauers entfalten. Innerhalb der ersten halben Stunde glaubt man sich nämlich noch in einem herkömmlichen Geisel-Thriller, bis es – im wahrsten Sinne des Wortes – „Wumm!“ macht und die Umstände des Films auf einmal in einem ganz anderen, auch im wörtlichen Sinne, Licht erstrahlen. Dass man es beim kleinen Alton nicht mit einem normalen Jungen zu tun hat, das weiß man ab der ersten Minute. Doch wo genau die Reise hingeht, was es mit seiner Herkunft, seinem Ziel und auch mit der ganzen Armada aus Verfolgern auf sich hat, das entblättert der Film erst nach und nach und auch bis zum Schluss nicht vollständig.

Jeff Nichols legt innerhalb seines Skripts sehr geschickte Fährten, schreckt aber auch nicht davor zurück, Fallen zu stellen. Wenn er etwa früh andeutet, Alton hätte möglicherweise Fähigkeiten, die nicht von dieser Welt stammen, er parallel dazu aber die Vernehmung fanatischer Sektenmitglieder zeigt, dann ist es doch fraglich, wie viel Wahrheit in den vermeintlich übernatürlichen Kräften Altons steckt, könnten all die Schilderungen der Gläubigen doch auch sehr gut auf Wahnsinn begründet sein. Es dauert eine ganze Weile, bis man sich als Zuschauer erstmalig traut, überhaupt eine Ahnung darüber abzugeben, worauf genau „Midnight Special“ eigentlich hinaus will. Doch da sich die Geschichte binnen weniger Minuten immer wieder erneut um die eigene Achse dreht, offenbart sich schnell, dass hier inhaltlich alles möglich sein könnte. Ob außerirdische Kräfte, religiöser Fanatismus, geheimen Verschwörungen der Regierung oder blinder Hokuspokus: Ein wenig erinnert die Bandbreite angeschnittener Themen an eine gute alte Folge von „Akte X“, wenngleich die Dramaturgie nichts mit der zwar nach wie vor großartigen, jedoch erzählerisch recht konventionellen Serie gemein hat.

Midnight Special

Wenn man nämlich nicht weiß, wo die Reise für Alton und seine Entführer hingehen soll (an dieser Stelle sei dringend davon abgeraten, sich den zum Film gehörenden Trailer anzusehen!), sind die einzelnen Stationen von Altons Reise nur schwer in das Geschehen einzuordnen. Hat das Dreiergespann mit dem Haus der Mutter (Kirsten Dunst) bereits sein Ziel erreicht? Wird es nach der Ankunft in einem Geheimversteck des FBI noch weitergehen? Oder steht am Ende von „Midnight Special“ doch der unvermeidliche Untergang? Eine erzählerische Ordnung in Nichols‘ Film zu finden, ist schwer. Doch genau dadurch entwickelt der Film einen Sog, dem man sich als Zuschauer bei aller Behutsamkeit in Tempo und Inszenierung nicht entziehen kann. Die Macher nutzen allerdings nicht bloß die stille Spannung zum Suspense-Aufbau, sondern finden in einzelnen Tempo-, und Effektspitzen die Möglichkeit, den Film für einen kurzen Moment zu entladen. Es gibt technisch und stilistisch hervorragend choreographierte Verfolgungsjagden, vereinzelt absolut sehenswerte Computereffekte (deren genauen Umfang ebenfalls nicht spoilern wollen) und vom Gewaltgrad her nicht zu unterschätzende Nahkampfszenen und Schießereien. Trotzdem liegt auf all diesen klassischen Thrillerelementen nicht der Fokus. „Midnight Special“ lebt von seinem betörenden Kammerspielflair, getragen von einer nie einschätzbaren Atmosphäre.

Getragen wird der Film die meiste Zeit über vom Dreigespann Michael Shannon („Die highligen drei Könige“), Joel Edgerton („The Gift“) und Jaeden Lieberherr („St. Vincent“). Während Letzterer zugegebenermaßen recht wenig zu tun hat und die meiste Zeit über hinter einer Taucherbrille und unter dicken orangefarbenen Kopfhörern verbringt, sind es allen voran seine beiden erwachsenen Kollegen, die „Midnight Special“ formen und ihm einen eigenen Stempel aufdrücken. Michael Shannon beeindruckt als ähnlich wie die Story selbst nur vage umrissener Charakter, der mit der Handlung reift. Wirkt seine Figur des Roy zu Beginn noch skrupellos und gefährlich, wird es dem Publikum nach und nach möglich, genauer hinter diese raue Fassade zu blicken, hinter der ein liebevoller, bisweilen tiefsinniger Kerl steckt. Joel Edgertons Beweggründe, ein Teil dieser Reise zu sein, offenbaren sich ebenfalls bruchstückweise. Sein Charakter Lucas wirkt im Bezug auf das Geschehen ambivalenter. Wo dieser Eindruck herrührt, verrät uns später die Geschichte selbst. Kirsten Dunst („Die zwei Gesichter des Januars“) hat leider kaum Möglichkeiten, sich im Rahmen von „Midnight Special“ voll zu entfalten. Dafür ist ihre Figur beileibe nicht so relevant geschrieben, wie es sein könnte – ein für sich allein stehender, leider auch recht prägender Minuspunkt. Halbwegs ausgleichen kann das immerhin Adam Driver („Star Wars: Das Erwachen der Macht“) als FBI-Repräsentant Sevier, dem es gelingt, dem Film ein Quäntchen Humor einzuverleiben, ohne dass es dabei allzu gewollt oder bemüht wirkt.

Was hat der kleine Alton Meyer nur an sich, dass so viele hinter ihm her sind?

Neben all den Darstellerleistungen und der annähernden Makellosigkeit des Skripts fällt in „Midnight Special“ aber vor allem eines auf: die technische Umsetzung. Während sich die wenigen, dafür aber umso mehr überzeugenden Special Effects hervorragend in die unauffällige Szenerie einfügen, gelingt es sowohl Jeff Nichols‘ Stammkameramann Adam Stone, als auch Komponist David Wingo („Die Wahlkämpferin“), für den perfekten Feinschliff zu sorgen. Der Score besteht zu weiten Teilen lediglich aus einer unauffälligen Abfolge verschiedener Piano-Klänge, doch diese minimalistischen Klangfolgen, gepaart mit der elektrisierenden, zumeist sehr dunklen und lediglich in den Close-Up ein wenig zu unruhigen Bildsprache, ergeben eine Atmosphäre atemloser Spannung. Damit unterstreicht nicht nur Jeff Nichols seine Vita als Regisseur mit ganz eigener, genreübergreifender Handschrift, sondern ergänzt eine Reihe kleiner, fast schon zurückhaltender Sci-Fi-Produktionen der Marke „The Signal“ um einen hervorragenden Vertreter seiner Art.

Fazit: Modernes Science-Fiction-Kino mit Hintersinn und ohne Effekthascherei: In „Midnight Special“ trifft ein an „A World Beyond“ erinnerndes Ideenkonzept auf die inszenatorische Vielfalt einer frühen „Akte X“-Folge und reichert diese schräge Kombination mit einer „Drive“-ähnlichen Intensivität an. Damit hat der Film nicht bloß gute Chancen auf den Goldenen Bären der Berlinale 2016, sondern auch auf den Status „moderner Klassiker“.

„Midnight Special“ ist ab dem 18. Februar in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

2 Kommentare

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