Nightwatch: Demons are Forever

Drei Jahrzehnte hat Ole Bornedals Thrillerklassiker „Nightwatch – Nachtwache“ nun auf dem Buckel. Trotzdem wäre dieser nicht der erste Kandidat, den man für ein Legacyquel in Betracht ziehen würde. Mit NIGHTWATCH: DEMONS ARE FOREVER bekommt er aber nun genau ein solches spendiert, was sich leider als keine gute Idee herausstellt.

OT: Nattevagten – Dæmoner går i arv (DK 2023)

Darum geht’s

Knapp dreißig Jahre nachdem es Martin (Nikolaj Coster-Waldau) während seiner Schicht als Nachtwächter in einem Leichenschauhaus mit dem psychopathischen Serienkiller Wörmer (Ulf Pilgaard) aufnehmen musste, führt er mittlerweile ein zurückgezogenes Leben. Seine Frau Kalinka hat sich infolge der Ereignisse das Leben genommen, zu seiner Teenagertochter Emma (Fanny Leander Bornedal) droht er obendrein, jeglichen Zugang zu verlieren. Als sich Emma für einen Aushilfsjob als Nachtwächterin in jenem Institut bewirbt, in dem ihr Vater einst arbeitete, setzen sich dramatische Ereignisse in Gang. Denn offenbar scheint Wörmer zu Ende bringen zu wollen, was ihm einst nicht selbst gelang. Aus dem Inneren einer Psychoklinik heraus, zieht er die Fäden in einem makaberen Spiel, in dem sich nach der Ermordung von Lotte (Vibeke Hastrup) schon bald nicht nur Martin und Emma, sondern auch Martins einstiger Kumpel und Lottes Ex-Mann Jens (Kim Bodnia) wiederfinden…

Kritik

Sogenannte Legacyquels sind insbesondere im Horrorkino aktuell schwer angesagt. Zeitlich sind sie nicht nur nach ihrem Vorgänger anzusiedeln, daher Sequels. Sondern kommen auch mit einer ganz neuen Riege an Schauspieler:innen daher. Durch die direkten Verbindungen zu Originalcharakteren, Setpieces oder anderen wichtigen Bestandteilen der Franchises, verstehen sie sich aber auch als Vermächtnis der Ursprungsreihe (= Legacy). Vorgemacht haben das bereits große Namen wie „Halloween“, „Scream“ oder „Der Exorzist“. Wie angesagt Legacyquels sind, zeigt jetzt die Tatsache, dass ein Film ein solches spendiert bekommt, von dem man es nun wirklich nicht erwartet, geschweige denn verlangt hätte: Ole Bornedals Neunzigerjahre-Gruselthriller „Nightwatch – Nachtwache“. In seinem Produktionsland Dänemark damals ein großer Erfolg, sprach sich die Geschichte um einen Nachtwächter in einem Leichenschauhaus, der sich während einer seiner Schichten mit den Taten eines brutalen Serienkillers konfrontiert sieht, alsbald auch international herum. Drei Jahre später folgte sogar ein US-Remake mit Ewan McGregor in der Hauptrolle. Heute genießt „Nattevagten“ in Genrekreisen Kultstatus – und wird nun von Ole Bornedal („Possession – Das Dunkle in dir“) selbst fortgesetzt.

Emma (Fanny Leander Bornedal) bleibt von den Dämonen der Vergangenheit nicht verschont.

Getreu den ungeschriebenen Gesetzen eines Legacyquels, übernimmt in „Nightwatch: Demons are Forever“ die nächste Generation das Zepter. Und das ist in diesem Fall absolut wörtlich zu verstehen, denn die Hauptfigur ist niemand anderes als die Tochter von Martin, dem Protagonisten aus Teil eins. Martin selbst darf (bzw. muss, denn sonst wäre es keine Legacy!) natürlich auch auftreten und erhält in „Demons are Forever“ sogar die wichtige Nebenrolle. Gleichwohl gerät seine Charakterzeichnung zwiespältig. Auf der einen Seite gelingt es Bornedal, Martins auf die Ereignisse von Teil eins folgenden, psychischen Verfall intensiv und mitfühlend abzubilden. Der mittlerweile Witwer und alleinerziehende Vater einer Teenagerin ist schwer depressiv und leidet unter Verfolgungswahn, während er seine Tochter zwanghaft von seinen früheren Erlebnissen abzuschirmen versucht. Derartige Spätfolgen eines Verbrechens sieht man, insbesondere im Horrorgenre, nicht oft. Gerade diejenigen, die einem Serienkiller ganz knapp entgehen konnten, stehen in den Fortsetzungen häufig doch wieder an vorderster Front, wenn es darum geht, das Böse zu besiegen. Hier ist das erfrischend anders, im Anbetracht des ersten Teils aber nicht plausibel. Endete dieser doch mit einer glücklichen Doppelhochzeit von Martin und seiner Ehefrau Kalinka sowie deren besten Freunden Jens und Lotte.

„Auf der einen Seite gelingt es Bornedal, Martins auf die Ereignisse von Teil eins folgenden, psychischen Verfall intensiv und mitfühlend abzubilden. […] Im Anbetracht des ersten Teils ist das aber nicht plausibel.“

Nun sind zwischen dem ersten und zweiten Teil knapp dreißig Jahre vergangen. Gut möglich also, dass die Taten des Prostituiertenmörders Inspektor Wörmer im Laufe der Zeit doch ihre tiefen Narben hinterlassen haben, die Kalinka in den Selbstmord und Martin daraufhin in die Isolation getrieben haben. Um mit „Nightwatch: Demons are Forever“ zu connecten, muss man diesen Umstand schlicht hinnehmen. Genauso wie die Tatsache, dass Martins Tochter Emma exakt jenen Studentenjob übernimmt, den schon ihr Vater damals innehatte. Und nicht nur das: Emma wird nicht einfach nur zu einer Nachtwächterin in einem Leichenschauhaus, sondern es ist exakt dasselbe wie damals. Diese bemühte Konstruktion eines Legacyquels muss man genauso erst einmal schlucken. Nachdem die Prämisse so weit etabliert ist, wiederholen sich die Ereignisse aus Teil eins dann jedoch nicht, sondern gehen ihre ganz eigenen Wege. Was jedoch längst nicht automatisch positiv zu verstehen ist. Denn ausgerechnet an seinem Legacyquel-Vorhaben scheitert „Nightwatch: Demons are Forever“ krachend.

Ist Bent (Casper Kjær Jensen) der Erbe des Psychopathen Wörmer?

Neben Martin ist auch dessen bester Freund und Mitgefangener Jens wieder mit an Bord. Ebenfalls längst von seiner Frau getrennt, haben sich die Wege der beiden ehemaligen Kumpels gespalten. Der Mord an Jens‘ Ex-Frau führt die beiden jedoch wieder zusammen und auf die Spur des noch immer in einer psychiatrischen Klink einsitzenden Inspektor Wörmer, der aus dem Inneren dieser Einrichtung heraus die Geschicke zu lenken scheint. Denn nicht nur Martin und Kalinka haben eine neue Generation hervorgebracht, die die Wege der vorherigen zu Ende gehen möchte. Auch Wörmers Gene verspüren den Drang, ein Vermächtnis zu hinterlassen. Und dieses besteht nun mal darin, zum Abschluss zu bringen, was dem Vater einst nicht gelang. Bei der Beantwortung auf die Frage, wer hier was genau mit Wörmer zu tun hat und wie (beziehungsweise ob überhaupt) es ihm gelingt, selbst hinter Gittern noch Einfluss auf das Geschehen zu nehmen, schlägt Bornedals Skript zum Teil hanebüchen wirre Haken. Insbesondere die Herstellung einer Verbindung zwischen Emma und Wörmer unterliegt nur dann so etwas wie Plausibilität, wenn „jugendliche Neugier trifft auf die am schlechtesten gesicherte Psychiatrie in der Filmgeschichte“ als Begründung ausreicht, um diesen Handlungsstrang überhaupt erst loszutreten. Zusammen mit dem ersten Auftritt Wörmers, dessen Darstellung möglicherweise (auch) zum titelgebenden Demon geführt hat, schrammt Bornedals Vorstellung eines Legacyquels nur knapp an der Groteske vorbei…

… was er obendrein mit einigen merkwürdigen Einzelmomenten zwischen Martin und Jens unterstreicht. Eine Szene, in der die beiden nachts in ein leerstehendes Fußballstadion einbrechen, soll einem die nach wie vor vorhandene Bindung der beiden zurück ins Gedächtnis rufen. Zwischen einem zuvor stattfindenden, ernsthaften Gespräch darüber, dass Jens‘ Frau gerade ermordet wurde und dem, was nach dieser Szene passiert (aus Spoilergründen sei dies hier nicht näher ausgeführt), wirkt dieser Moment allerdings vollkommen deplatziert. Außerdem gelingt es den beiden Darstellern. Nikolaj Coster-Waldau („Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen“) und Kim Bodnia („Pusher“) nicht, diesen Moment des Miteinanders schauspielerisch zu tragen. Auch abseits davon ist „Nightwatch: Demons are Forever“ durchzogen von tonalen Ambivalenzen. Das Drama über Traumabewältigung, das die Wichtigkeit einer psychotherapeutischen Behandlung streift, beißt sich mit den stilistisch bisweilen arg überhöhten Mord- und Gewaltszenen, in denen der mutmaßliche Killer Bent ebenso dämonisch daherkommt wie Wörmer selbst. Richtiger Suspense kommt am ehesten noch in den Szenen im Leichenschauhaus auf, auch wenn dieses so aufregende Setting diesmal kaum noch eine Rolle spielt. Dafür macht vor allem Fanny Leander Bornedal („Schatten in meinen Augen“), Tochter des Regisseurs, ihre Sache als Nachfolgerin ihres Vaters solide. Ihre Faszination für den Job, gepaart mit einer angemessenen Portion Unbehaglichkeit, bringt sie ähnlich authentisch herüber wie einst Nikolaj Coster-Waldau, der diesmal erst gen Ende so richtig aus sich rauskommen darf.

„Das Drama über Traumabewältigung, das die Wichtigkeit einer psychotherapeutischen Behandlung streift, beißt sich mit den stilistisch bisweilen arg überhöhten Mord- und Gewaltszenen, in denen der mutmaßliche Killer Bent ebenso dämonisch daherkommt wie Wörmer selbst.“

Fazit: Mit dem Konzept des Originals „Nightwatch – Nachtwache“ von 1994 hat die Fortsetzung kaum noch was zu tun. Stattdessen erzählt Ole Bornedal in seinem Sequel „Nightwatch: Demons are Forever“ die Geschichte der Hauptfiguren weiter, die von einem maximal hanebüchenen Skript am Laufen gehalten wird. Der Versuch, die alte und junge Generation zu vereinen, gerät arg krampfhaft. Auch die tonalen Widersprüche sorgen am Ende dafür, dass die Fortsetzung dem ersten Teil nichts Nennenswertes hinzufügen kann. Ohne die Kenntnisse des Originals bleiben einem darüber hinaus viele inhaltlich relevante Elemente verborgen.

„Nightwatch: Demons are Forever“ ist ab dem 16. Mai 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

One comment

  • Und wer es noch schlimmer mag, als es ohnehin schon ist: Die deutsche Synchro besticht durch eine vollständige Neuinterpretation der Figuren.

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