Die Goldfische

Eine Gruppe von Menschen mit Behinderung fährt in die Schweiz, weil einer von ihnen Schwarzgeld nach Deutschland schmuggeln will. Pietätlos oder gewitzt? Oder ein bisschen was von beidem? Wir verraten es in unserer Kritik zu DIE GOLDFISCHE.

Der Plot

Portfolio-Manager Oliver (Tom Schilling) ist ein schnöseliger Neureicher mit fettem Schwarzgeldkonto in der Schweiz – und immenser Ungeduld. Diese Ungeduld bugsiert ihn eines Tages in den Rollstuhl, als er glaubt, einfach mit 230km/h an einem langen Stau vorbeizufahren. Dieser Versuch endet mit mehreren Überschlägen. Einige Zeit später hat Oliver in der Rega noch immer keinerlei Fortschritte getan, denn statt sich um seine körperliche Situation zu kümmern, sorgt er sich allein darum, wie er wieder ins lukrative Geschäft des Portfolio-Managements einzusteigen. Und darum, die Betreuerin Laura (Jella Haase) anzuflirten, die ihn aber nicht ansprechend findet. Mehr Geduld als mit Oliver bringt sie mit der WG „Die Goldfische“ auf, die aus der Blinden Magda (Birgit Minichmayr), den Autisten Rainman (Axel Stein) und Michi (Jan Henrik Stahlberg) sowie Franzi (Luisa Wöllisch), einem Mädchen mit Down-Syndrom, besteht. Pfleger Eddy (Kida Khodr Ramadan) hat für Lauras Optimismus und Tatendrang wenig übrig – Oliver wiederum hat viel für das gute WLAN in der WG übrig. Als ihm die Idee kommt, dass er mit den Goldfischen unbemerkt Schwarzgeld aus der Schweiz rüberfahren könnte, heuchelt er zudem generelles Interesse für die Goldfische vor …

Kritik

Regisseur und Drehbuchautor Alireza Golafshan erntete 2013 für seinen Kurzspielfilm „Behinderte Ausländer“ zwar noch lange keinen Ruhm, wohl aber Achtung: Der 45-Minüter über körperlich behinderte Ausländer, die damit leben müssen, zwei Randgruppen gleichzeitig anzugehören, lief zusätzlich zu seinem Kinoeinsatz unter anderem im Bayerischen Rundfunk – und er hat offenbar einigen Entscheidungsträgern bewiesen, dass Golafshan es versteht, das Thema Behinderungen mit Witz anzupacken, ohne dabei auf eine Attacke abfälliger Kalauer zu setzen. Denn sein Langfilmdebüt „Die Goldfische“ schlägt in eine verwandte Kerbe. Zwar bleibt der Integrationsaspekt außen vor, doch auch diese abendfüllende Komödie erlaubt sich Späße mit Figuren, die Behinderungen haben.

Rainman (Axel Stein), Laura (Jella Haase), Franzi (Luisa Wöllisch) und Eddy (Kida Khodr Ramadan).

Zugegeben, empfindlichere Filmfans werden auch in „Die Goldfische“ vereinzelte Gags finden, in denen Golafshan nicht allein mit, sondern zuweilen auch kurz über seine Figuren lacht: Wenn Autist Rainman (gespielt von einem munteren Axel Stein mit punktgenauem komödiantischem Timing) auf nahezu alles mit Phrasen aus seinem sehr beengten Sprachschatz antwortet, könnte dies manche Leute auf dem falschen Fuß erwischen. Es ist schon eine etwas platte Pointe über Autismus, doch im Gesamtkontext des Films dürfte deutlich werden, dass es Golafshan nicht darum geht, sich über die Figur Rainman und Menschen, denen es im realen Leben ähnlich geht, lustig zu machen. Rainman ist mit seinen Standardphrasen für die anderen Figuren zuweilen ein Hindernis, da er die Kommunikation erschwert, und Hinderlichkeiten gehören unabdingbar zur Grundgrammatik der Art Komödie, zu der „Die Goldfische“ zählt. In einem Film, in dem ein arroganter, wohlhabender Schnösel Schwarzgeld über die Grenze zu schmuggeln versucht, müssen ihm Steine in den Weg gelegt werden – die sorgen für Reibereien, die bedingen, dass komödiantische Funken sprühen. Und da muss es Pechsituationen geben, unkooperative Figuren sowie kooperative, aber mäßig hilfreiche Komplizen.

Und Golafshan setzt da auf Inklusion durch Gleichberechtigung: Die Goldfische-WG ist nicht etwa ein gelegentliches Hindernis, weil sie sich aus Menschen mit Behinderungen zusammensetzt. Sie ist ein gelegentliches Hindernis, weil sie Teil von Olivers Geschichte ist, die genregemäß sowie aufgrund narrativer Gesetzmäßigkeiten durch Stolperschwellen von dem Pfad abgebracht wird, den sich unser Protagonist eingangs vorgestellt hat. dealistin und Betreuerin Laura, die von „Fack Ju Göhte“-Mimin Jella Haase mit Charme und Witz gespielt wird, ist Oliver da genauso im Weg wie der dauergenervte und opportunistische Eddy (urkomisch und aufgedreht: „4 Blocks“-Star Kida Khodr Ramadan) oder sein gelackter (Ex-)Kollege (amüsiert-schmierig: Klaas Heufer-Umlauf). Die Goldfisch-WG-Mitglieder sind Oliver kein größerer Klotz am Bein als „die Gesunden“, und Golafshan zeichnet sie allesamt mit Empathie. Und auch, wenn sie nicht gerade die komplexesten Figuren am Komödienhimmel sind, so sind sie wenigstens mit denselben groben Pinselstrichen gezeichnet wie der Rest der Figurenbande.

Auf der Reise in die Schweiz geht so Einiges schief…

Golafshan setzt auf effizient-leichtfüßige Zweidimensionalität. Rainman ist reinlich, freundlich und wird gelegentlich panisch, die blinde Magda („3 Tage in Quiberon“-Nebendarstellerin Birgit Minichmayr mit spürbarer Spielfreude) ist zynisch, abgezockt und willensstark und Franzi (Luisa Wöllisch, die Einzige im Cast, die wirklich eine Behinderung hat) wird nicht auf ihr Down-Syndrom reduziert, sondern ist bei aller kindlicher Naivität aufgeweckter, als ihr Umfeld es ihr zutraut. Nur Michi (Jan Henrik Stahlberg, „Einsamkeit und Sex und Mitleid“) ist völlig unauffällig – was Golafshan sowohl für Situationskomik als auch für ruhigere Momente ausnutzt.

Franzi und Oliver (Tom Schilling), zusammen mit Michi (Jan Henrik Stahlberg), Rainman und Magda (Birgit Minichmayr).

Vor dem Hintergrund dieser Charakterisierungen sowie des freundlichen Tonfalls, den Golafshan in seinem Film anschlägt, liest es sich nicht abfällig, wenn Rainman froh grinsend eine Bremse als „Mittwoch“ bezeichnet. Der Gag ist im filmischen Gesamtkontext nicht „Haha, der dumme Behinderte weiß nicht, wie man eine Bremse nennt“, sondern: „Und wieder verzögert sich die Umsetzung von Olivers Plan“ – zumal der Film regelmäßig unterstreicht, dass die Goldfische konsequent unterschätzt werden. Da seien ihnen einzelne Schwächen rein menschlich gestattet, das haben sie schließlich mit Oliver, Laura und Eddy gemein. Und auch, wenn ein Ausflug auf eine Kamelfarm etwas lang geraten ist und die immerselben Gags etwas zu oft wiederholt, ist „Die Goldfische“ sonst zu einem amüsanten, frohen Komödienfilm mit zügigem Tempo geraten. Dialogwitz und Situationskomik wechseln sich in einem funktionablen Takt ab, „Werk ohne Autor“-Mime Tom Schilling macht die obligatorische Wandlung Olivers hin in eine freundlichere Art glaubwürdig, selbst wenn das Drehbuch ihn forciert rasch verharmlost, und während der Film in deutscher TV-Überbelichtung gehalten ist, ringt sich Golafshan vereinzelte inszenatorische Bonmots ab, die „Die Goldfische“ auf Kinoniveau heben. Kann man so machen. Da kriegt man keinen Stress.

Fazit: „Die Goldfische“ ist eine weitestgehend kitsch- und klischeebefreite, trotzdem gutherzige Komödie mit (nicht über) Figuren mit Behinderungen.

„Die Goldfische“ ist ab dem 21. März 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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