Die Anfängerin

Die Kunst des Eislaufens basiert auf jahrelangem, hartem Training. Was passiert, wenn sich eine Fünfzigjährige in der Midlifecrisis zum ersten Mal auf die Kufen stellt, erzählt die Tragikomödie DIE ANFÄNGERIN in zarten Bilder ohne Gefühlsduselei. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Mit 58 Jahren ist Dr. med Annebärbel Buschhaus (Ulrike Krumbiegel) in ihrem Leben erstarrt wie ein Eisblock. Als Ärztin zeigt sie wenig Mitgefühl, als Ehefrau wenig Liebe. In ihrer freudloser Welt zählt nur eins: Die Meinung ihrer perfektionistischen Mutter Irene (Annekathrin Bürger), die mit Kritik an Annebärbels Fähigkeiten als Ärztin, Tochter und Ehefrau nicht hinter dem Berg hält. Nichts was sie tut, ist gut genug für Irene. Erst recht nicht, seit sie ihre Arztpraxis übernommen hat. Als Annebärbel auch noch kurz vor Weihnachten von ihrem Mann Rolf (Rainer Bock) verlassen wird, bricht ihr sorgsam errichtetes Kartenhaus zusammen. Sie flüchtet sich während der Weihnachtsfeiertage in die Arbeit. Beim nächtlichen Bereitschaftsdienst an der Eishalle des Olympiastützpunktes Berlin offenbart sich der Ärztin eine Welt voller Eleganz, Leichtigkeit und Freiheit, die sie bereits als Kind begeisterte und von der sie nun aufs Neue magisch angezogen wird. Auf den Spuren ihres Kindheitstraums zieht Annebärbel nach 50 Jahren erneut die Schlittschuhe an. Sie will ihr altes Leben hinter sich lassen und nochmal ganz von vorne anfangen – sehr zum Missfallen ihrer Mutter…

Kritik

Filme und Geschichten über filigrane Sportarten wie Tanzen, Ballett oder Eislaufen werden regelmäßig Opfer süßlich-romantischer Verklärung. Als Darren Aronofsky in seinem Psychothriller „Black Swan“ 2010 hinter die Kulissen einer Ballett-Akademie blickte, enthielt so ziemlich jede Review auf diesem Planeten auch die Anerkennung dafür, den Tanzsport einmal nicht auf den schwelgerischen Träumen der jungen Tänzerinnen aufzuziehen, sondern als knallhartes Geschäft mit der Gesundheit der Athletinnen. So elegant sich die grazilen Frauen auch bewegen mögen, so hart ist der Kampf um Anerkennung und Erfolg, angetrieben von Konkurrenz, Neid und Missgunst. Die Hamburger Regisseurin Alexandra Sell, die mit „Die Anfängerin“ ihr Spielfilmdebüt gibt, hat genug von der Schönfärberei. Ihre Tragikomödie zeigt die Eishalle als Brennglas von Gegensätzen und stellt ihrer Protagonistin, einer raubeinigen Hobby-Athletin und titelgebenden Anfängerin, den durchkalkulierten Spitzensport gegenüber. Es ergibt sich ein Konflikt zwischen Alter und Jugend, zwischen vergeblichen und erfüllten Träumen sowie Härte und Schönheit. Denn neben der Mittfünfzigerin Annebärbel Buschhaus steht auch noch die jugendliche Nachwuchshoffnung Jolina (Maria Rogozina in ihrer ersten Rolle) auf dem Eis. Gemeinsam ergeben sie ein ungleiches Duo, das sich unter den strengen Augen ihres Umfelds auf seine ganz eigene Art und Weise von den an sie gerichteten Anforderungen freizumachen versucht.

Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) ist mit ihrem Leben unzufrieden. 

Ohne Ulrike Krumbiegel („Happy Burnout“) würde „Die Anfängerin“ nur halb so gut funktionieren. Mit ihr steht und fällt – im wahrsten Sinne des Wortes! – der Film, der durch das permanente Aufeinanderprallen emotionaler Kontraste ein ganzes Spektrum an Gefühlen auf das Publikum loslässt. Dabei passt die von Krumbiegel verkörperte Annebärbel Buschhaus in keine Schublade. Die Schauspielerin füllt die Rolle der zwischen mangelnder Empathie und anstrengendem Selbstmitleid hervorragend aus, sodass man nie so recht weiß, ob man mit den Plänen der unzufriedenen Ärztin mitfiebern, oder ihr jeden Rückwärtsschritt beherzt gönnen soll. Schon das Schlussmachen ihres nicht minder unglücklichen Ehemannes Rolf („Einsamkeit und Sex und Mitleid“-Star Rainer Bock in einer kleinen aber brillanten Rolle) betrachtet man fast schon mit Schadenfreude; keiner würde es mit einer solch ätzenden, ihr Umfeld immer wieder brachial vor den Kopf stoßenden Person aushalten – noch nicht einmal kleine Kinder lässt sie ihren Hund streicheln und zu ihren Patienten ist sie regelrecht abstoßend. Trotzdem gelingt es Ulrike Krumbiegel, mit ihrem fein nuancierten Mienenspiel und den wohlgewählten Worten ihrer Autorin (ebenfalls Alexandra Sell) anzudeuten, dass hinter dieser garstigen Person mehr steckt als die Freude am Ätzendsein. Ein wichtiger Auslöser ist Annebärbels Mutter, verkörpert von einer Annekathrin Bürger („Sein letztes Rennen“), die man derart unsympathisch aufgelegt nicht einmal seinem ärgsten Feind als Nachbarin wünscht.

Dieses dysfunktionale Mutter-Tochter-Verhältnis ist einer der wichtigsten Grundpfeiler, auf dem „Die Anfängerin“ baut. Hinter dem Versuch, mithilfe des Eislaufens als Hobby wieder Freude in ihr Leben zu bringen und sich gleichermaßen einen lang gehegten Kindheitstraum zu erfüllen, steckt für Annebärbel auch der Wille des Aufbegehrens; die mit Mitte fünfzig noch unter der Fuchtel ihrer nie zufriedenen Mutter stehende Frau sieht im Eislaufen erstmals die Gelegenheit, zu tun, was einzig und allein sie möchte – schließlich war es damals ihre Mutter, die sie von ihrer Sportlerkarriere abbrachte. All diese Erkenntnisse lässt Alexandra Sell subtil und nur Stück für Stück auf ihr Publikum los; ihre Protagonistin ist so festgefahren in ihren Gewohnheiten, dass es behutsamer Veränderungen bedarf, um aus „Die Anfängerin“ keine typische „zweiter Frühling“-Geschichte zu machen. Dass Sell ihrer Hauptfigur die Nachwuchssportlerin Jolina an die Seite stellt, ist ein cleverer Schachzug. Mit dem Eislaufen als einziges verbindendes Element, profitieren die beiden Frauen nur bedingt von der Lebenssicht der jeweils anderen, dafür vom Versuch, sich nicht zu blamieren. „Die Anfängerin“ ist kein Film über Freundinnen wider Willen, sondern eine Geschichte, die sich langsam und zunächst mit mehr Rück- als Fortschritten mit Menschen auseinandersetzt, die sich an ihrem eigenen Schopf aus Problemsituationen herausziehen müssen. Da passt es auch, dass Jolina mitunter die Erwachsenere von den beiden ist, während Annebärbels geistige Reife nur in Ausnahmesituationen hervorblitzt – etwa dann, wenn sie Jolina ungefragt vom Training abmeldet, nachdem die Medizinerin eine Verletzung an ihr befürchtet.

Jolina (Maria Rogozina) ist die Nachwuchshoffnung in ihrem Eislaufverein.

Dass Alexandra Sell ihre Filmkarriere mit einer Dokumentation begann (2005 mit „Durchfahrtsland“ über vier verschiedene Menschen aus der deutschen Provinz), ist auch „Die Anfängerin“ anzumerken. Die großen technischen Rafinessen fährt die Regisseurin nicht auf und rückt stattdessen ihre Charaktere und deren sukzessiven Wandel in Richtung Zufriedensein in den Fokus. Auch die Tatsache, dass sie für ihren Film die Weltmeisterin Christine Stüber-Errath gewinnen könnte, die sich nicht bloß selbst spielt, sondern auch einen wichtigen Teil zur gescheiterten Beziehung zwischen Mutter und Tochter beizutragen hatte – allerdings, ohne dafür etwas zu können – verankert „Die Anfängerin“ fest in der Realität. Die fast dokumentarischen Bilder (Kolja Raschke) und der minimalistische Score (Can Erdogan, Daniel Sus) lassen die Ereignisse so erscheinen, als könnten sie an jeder x-beliebigen Eislaufschule stattfinden – nur eben ohne die überhöhte Romantik klassischer Feelgood-Sportfilme. Nur einmal bricht Alexandra Sell aus ihrer naturalistischen Inszenierung aus; nämlich dann, wenn sie ihre Protagonistin im Finale zu einer etwas zu kalkuliert gewählten Ballade ihre Kür auf dem Eis laufen lässt. Doch spätestens, als Annebärbel diese nicht perfekt ausführt und bereits in der nächsten Kurve aus der Bahn fliegt, besinnt sich „Die Anfängerin“ wieder auf ihren Status als herrlich unperfekte Tragikomödie, bei der man oft nicht weiß, ob man nun lachen, oder doch lieber weinen soll.

Fazit: Alexandra Sells Tragikomödie „Die Anfängerin“ ist eine technisch unauffällige, dafür emotional breit aufgestellte Studie über das Scheitern, die mit der fantastisch aufgelegten Ulrike Krumbiegel eine perfekte Hauptdarstellerin gefunden hat.

„Die Anfängerin“ ist ab dem 18. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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