The Testament of Ann Lee
Religiöses Biopic trifft auf Musical: Mit THE TESTAMENT OF ANN LEE erzählt Mona Fastvold die Geschichte der umstrittenen Shaker-Gründerin als ebenso ungewöhnliches wie stilbewusstes Kinoexperiment. Getragen von einer herausragenden Amanda Seyfried verbindet der Film spirituelle Ekstase, historische Rekonstruktion und musikalische Ausdruckskraft.
Darum geht’s
Die privat vom Schicksal gebeutelte Ann Lee (Amanda Seyfried) verbringt ihre ersten Lebensjahre im England des 18. Jahrhunderts. Später wird sie als eine der größten religiösen Visionärinnen aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Ann Lee verkündet eine radikale spirituelle Botschaft: Sie fordert ein Leben in Keuschheit, Gleichheit zwischen Männern und Frauen sowie gemeinschaftlichem Besitz. Ihre Anhänger:innen glauben, dass durch körperliche Bewegung, Tanz und ekstatische religiöse Praktiken eine direkte Verbindung zu Gott möglich ist Doch aufgrund ihrer ungewöhnlichen Glaubensvorstellungen stößt Ann Lee auch auf starken Widerstand. Sie wird verfolgt, verspottet und sogar inhaftiert. Trotz dieser Hindernisse bleibt sie ihrer Vision treu und führt ihre Anhänger schließlich nach Amerika, wo sie versuchen, eine neue religiöse Gemeinschaft aufzubauen…
Kritik
Die Geschichte der sogenannten Shaker beginnt im England des 18. Jahrhunderts als radikale Splittergruppe innerhalb der Quäkerbewegung. Offiziell nannten sie sich United Society of Believers in Christ’s Second Appearing, doch der Spitzname „Shaker“ setzte sich rasch durch, als eine Anspielung auf die ekstatischen Gottesdienste. Nach zunehmender Verfolgung wanderten viele von ihnen in den 1770er Jahren in die britischen Kolonien Nordamerikas aus, wo sich ihre Kommunen vor allem im Nordosten der späteren USA ausbreiteten. Die Shaker lebten in Gütergemeinschaft, verpflichteten sich zum Zölibat und entwickelten eine Lebensweise, die für ihre schlichte Ästhetik und ihr vergleichsweise egalitäres Geschlechterverständnis bekannt wurde. Ihren Höhepunkt erreichte die Bewegung im 19. Jahrhundert, ehe sie aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen und ihres zölibatären Lebensmodells allmählich schrumpfte. Heute existiert sie nur noch in stark reduzierter Form. Im Zentrum der Gemeinschaft stand Ann Lee, die von ihren Anhängern als „Mother Ann“ verehrt und mitunter sogar als zweite Erscheinung Christi angesehen wurde, während sie der Mehrheitsgesellschaft lange als Fanatikerin oder Sektiererin galt. Diese widersprüchliche Wahrnehmung macht sie bis heute zu einer faszinierenden historischen Figur und bildet nun auch den Ausgangspunkt für „The Testament of Ann Lee“, der sich der Gründerin der Shaker-Bewegung erstmals in Form eines Spielfilms widmet.

Zwischen ihrem Ehemann (Christopher Abbott) und Ann (Amanda Seyfried) kommt es immer wieder zu Spannungen.
Und welche Inszenierungsform würde sich für einen Film über Ann Lee besser eignen als die eines Musicals? Richtig gelesen: Dieses historische Porträt über die durchaus umstrittene Figur wurde von der Regisseurin Mona Fastvold („The World to Come“) als Musical erdacht. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Zugriff auf ein religiöses Biopic wirkt, ergibt bei näherem Hinsehen durchaus Sinn. Schließlich spielten Musik, Gesang und körperliche Ekstase auch in der spirituellen Praxis der Shaker eine zentrale Rolle: Ihre Gottesdienste waren von rhythmischen Bewegungen und gemeinschaftlichem Singen geprägt. Fastvold greift diese Elemente auf und übersetzt sie in eine stilisierte Musicalsprache, in der choreografierte Gruppenszenen und sakral anmutende Gesangsnummern die religiöse Inbrunst der Gemeinschaft transportieren. Dass sie sich dabei souverän zwischen historischer Rekonstruktion und formaler Abstraktion bewegt, überrascht kaum, arbeitet die norwegische Filmemacherin doch seit Jahren eng mit ihrem Ehemann Brady Corbet zusammen. Beide entwickeln ihre Projekte häufig gemeinsam. Zuletzt etwa bei Corbets ambitioniertem und preisgekrönten Architekturepos „Der Brutalist“. Auch bei „The Testament of Ann Lee“ ist diese kreative Partnerschaft spürbar und verleiht dem Film eine bewusst stilisierte, künstlerisch ambitionierte Handschrift.
„Die Gottesdienste waren von rhythmischen Bewegungen und gemeinschaftlichem Singen geprägt. Fastvold greift diese Elemente auf und übersetzt sie in eine stilisierte Musicalsprache.“
Bemerkenswert ist dabei vor allem, mit welchen finanziellen Mitteln Fastvold diese ehrgeizige Vision umsetzt. „The Testament of Ann Lee“ entstand mit einem Budget von rund zehn Millionen US-Dollar. Eine Summe, die im gegenwärtigen Kinobetrieb, insbesondere für einen historischen Stoff mit Musicalelementen, vergleichsweise bescheiden ausfällt. Dem Film selbst sieht man diese Begrenzung jedoch zu keinem Zeitpunkt an. Im Gegenteil: Ausstattung, Kostüme und Szenenbild vermitteln ein erstaunlich dichtes historisches Ambiente, ohne dabei je ins Überladene abzurutschen. Die sorgfältig gestalteten Innenräume der Shaker-Gemeinschaft, die schlichten, aber charakteristischen Gewänder und die präzise komponierten Gruppenszenen erzeugen eine visuelle Geschlossenheit, die weit über das vermutete Budget hinausweist. Dass Fastvold mit vergleichsweise begrenzten Mitteln eine derart stimmige Welt erschafft, spricht für ein hohes Maß an inszenatorischer Genauigkeit – und erinnert nicht zufällig daran, dass auch Brady Corbets „Der Brutalist“ mit exakt derselben kolportierten Summe realisiert wurde und ebenfalls auf beeindruckende Weise demonstrierte, wie weit sich ein klar formulierter künstlerischer Anspruch mit kluger Produktionsplanung vereinen lässt.
Doch so überzeugend Ausstattung, Kostüme und Inszenierung auch geraten sind, das eigentliche schlagende Herz des Films ist Amanda Seyfried („The Housemaid – Wenn sie wüsste“) in der Titelrolle. Die Schauspielerin trägt „The Testament of Ann Lee“ mit einer Intensität, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin von einem historischen Biopic erwartet. Seyfried verleiht der Figur eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit: zugleich visionär und verletzlich, spirituell entrückt und doch fest in den sozialen Realitäten ihrer Zeit verankert. Gerade in den musikalischen Passagen zeigt sich, wie souverän sie Emotion und Ausdruck miteinander verbindet, ohne dabei jemals ins Pathetische abzurutschen. Hinzu kommt, dass die „Mamma Mia!“-Darstellerin auch einfach wahnsinnig gut singen kann. Es ist eine Performance von großer körperlicher und emotionaler Präsenz. Eine recht zu Beginn dargebotene Szenenmontage, in der Mona Fastvold abwechselnd mehrere Geburten sowie den anschließenden Kindstod sowie Szenen von Ann Lees Aufstieg zur Mother Ann zeigt, überrollt einen im Kinosaal mit voller Wucht. Es ist ohne Zweifel die mit Abstand stärkste in Seyfrieds bisheriger Karriere. Umso unverständlicher wirkt es da, dass diese Leistung in der diesjährigen Awardsaison weitgehend übergangen wurde. Denn wenn ein Film von einer einzelnen Darstellerin getragen wird, dann ist es dieser.
„Amanda Seyfried verleiht der Figur eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit: zugleich visionär und verletzlich, spirituell entrückt und doch fest in den sozialen Realitäten ihrer Zeit verankert. Gerade in den musikalischen Passagen zeigt sich, wie souverän sie Emotion und Ausdruck miteinander verbindet.“
Erzählerisch konzentriert sich „The Testament of Ann Lee“ weniger auf eine klassische biografische Nacherzählung als auf einen entscheidenden Abschnitt in Ann Lees Leben: ihre spirituelle Erweckung, die zunehmende Radikalisierung ihrer religiösen Überzeugungen und schließlich den Moment, in dem sich um sie herum eine Gemeinschaft formiert Mona Fastvold zeichnet diesen Weg nicht als gradlinige Erfolgsgeschichte, sondern als Prozess voller Zweifel, Widerstände und gesellschaftlicher Anfeindungen. Immer wieder wird Lee mit einer Umwelt konfrontiert, die ihre Visionen als Wahnsinn abtut, während ihre Anhänger:innen in ihr zunehmend eine spirituelle Autorität erkennen. Gerade in dieser Spannung zwischen persönlicher Berufung und sozialer Isolation entfaltet der Film seine größte erzählerische Kraft.
Die Verbindung zum Musicalansatz entsteht dabei erstaunlich organisch. Fastvold nutzt die musikalischen Passagen weniger als spektakuläre Showeinlagen denn als Erweiterung der spirituellen Erfahrungswelt ihrer Figuren. Lieder entstehen oft scheinbar beiläufig aus Dialogen oder Gebeten heraus und wachsen dann langsam zu größeren Ensemble-Nummern an. Balladen wie „Hunger & Thirst“, „All is Summer“ oder das eindringliche Gemeinschaftslied „Worship“ bleiben dabei besonders im Gedächtnis. Interessant ist dabei, dass man als Zuschauer:in nicht immer sofort erkennt, ob es sich gerade um eine klassische Musicalsequenz oder lediglich um eine im Film gesungene Szene handelt. Erst wenn sich im Hintergrund auch scheinbar Unbeteiligte rhythmisch zu bewegen beginnen und die Choreografie der Gemeinschaft sichtbar wird, offenbart sich der Moment als vollwertige Musicalnummer. Diese fließenden Übergänge verleihen dem Film eine eigene Dynamik und lassen Spiritualität und Musicalästhetik beinahe untrennbar ineinander übergehen.
Fazit: Mit „The Testament of Ann Lee“ gelingt Mona Fastvold ein ungewöhnliches, formal mutiges Historienporträt, das religiöse Ekstase, Musicalästhetik und Biopic zu einer absolut stimmigen Einheit verbindet. Getragen wird dieser Ansatz vor allem von Amanda Seyfried, die der schillernden Figur der Mother Ann eine Intensität verleiht, die den Film weit über sein ohnehin beachtliches Produktionsniveau hinaushebt. Daraus entsteht ein eigenwilliges Kinoerlebnis, das definitiv im Gedächtnis bleibt.


