Jeunes Mères – Junge Mütter
Die für ihre spröden Alltagsbeobachtungen bekannten Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne schlagen mit ihrem neuen Film JEUNES MÈRES – JUNGE MÜTTER deutlich mildere Töne an. Ihrer Linie, die Milieus der Abgehängten näher zu beleuchten, bleiben sie dennoch treu.
Darum geht’s
Jessica (Babette Verbeek), Perla (Lucie Laruelle), Julie (Elsa Houben), Ariane (Janaïna Halloy Fokan) und Naïma (Samia Hilmi) teilen sich ein Zuhause in einer Einrichtung für junge Mütter. Hier erhalten sie Unterstützung im Alltag und zugleich die Möglichkeit, sich auf ihr verändertes Leben vorzubereiten – ein Leben, das von Verantwortung, Vorurteilen und neuen Anforderungen geprägt ist. Obwohl sie noch sehr jung sind, müssen sie bereits große Aufgaben bewältigen und sowohl für sich selbst als auch für ihre Kinder sorgen. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensgeschichten eint sie der Wunsch, einen neuen Weg einzuschlagen und sich eine bessere Zukunft aufzubauen.
Kritik
Zwischen großen Prestigeprojekten, die mit möglichst viel inszenatorischem Aufwand um Aufmerksamkeit buhlen, wirkt ein neuer Film der Dardenne-Brüder immer wie ein Gegenentwurf. Während sich ein Großteil des aktuellen Arthouse-Kinos zunehmend ästhetisiert oder narrativ zuspitzt, bleiben Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne ihrer Linie treu: In ihren Filmen geht es nicht um das große Spektakel. Stattdessen interessieren sie sich für die leisen, oft übersehenen Bruchstellen des Alltags. Filme wie „Rosetta“ oder „Zwei Tage, eine Nacht“ haben auf beeindruckende Weise gezeigt, wie viel moralische Sprengkraft in scheinbar unspektakulären Lebensrealitäten steckt. Mit „Jeunes Mères – Junge Mütter“ setzen sie diesen Weg fort und schlagen zugleich spürbar mildere, zugänglichere Töne an.
Im Zentrum stehen vier junge Frauen, deren Lebenswege unterschiedlicher kaum sein könnten und die doch eine gemeinsame Realität teilen: Sie sind früh Mutter geworden und versuchen nun, in einer betreuten Wohnanlage so etwas wie Stabilität zu finden. Was auf dem Papier nach einem klassischen Ensemble-Drama klingt, entfaltet sich unter der Regie der Dardennes jedoch als fein austariertes Geflecht aus Hoffnungen, Rückschlägen und kleinen, hart erkämpften Fortschritten. Eine ringt mit ihrer Drogenvergangenheit, eine andere klammert sich an eine toxische Beziehung und wieder eine andere versucht, den Anforderungen des Alltags überhaupt erst gerecht zu werden. Es sind keine großen dramatischen Geschichten, die „Jeunes Mères“ antreiben, sondern die Summe kleiner Entscheidungen, die über Zukunft oder Stillstand bestimmen. Dabei bleiben sich die Dardennes in ihrer bekannten Inszenierung treu. Die Kamera ihres Stamm-Kameramanns Benoît Dervaux ist nah an den Gesichtern, fängt jede Unsicherheit, jedes Zögern ein, während der Verzicht auf musikalische Überhöhung den Blick unweigerlich auf das Wesentliche lenkt. Natürliches Licht, scheinbar beiläufige Dialoge und eine fast dokumentarische Beobachtungsgabe erzeugen ein hohes Maß an Authentizität. Und doch ist diesmal etwas anders. „Jeunes Mères“ wirkt zugänglicher, stellenweise sogar wärmer, ohne dabei seine schonungslose Ehrlichkeit einzubüßen.
„Dass ‚Jeunes Mères‘ dabei trotz aller Schwere nie hoffnungslos wirkt, ist vielleicht die größte Überraschung. Immer wieder blitzen Momente von Zuversicht auf.“
Gerade in dieser Balance liegt die große Stärke des Films. Die Geschichten dieser jungen Frauen berühren, ohne je in Sentimentalität abzurutschen. Die Dardennes vertrauen darauf, dass die Realität selbst stark genug ist, um zu wirken und verzichten konsequent auf manipulative Zuspitzungen. Das verlangt dem Publikum eine gewisse Geduld ab, eröffnet im Gegenzug aber eine umso intensivere emotionale Erfahrung. Denn die Konflikte, mit denen die Protagonistinnen konfrontiert sind, fühlen sich nie konstruiert an. Im Gegenteil: Oft wirken sie sogar erschreckend banal. Und vielleicht ergeben sich gerade dann für viele auch eigene, persönliche Anknüpfungspunkte an die Schicksale der Frauen. Dass „Jeunes Mères“ dabei trotz aller Schwere nie hoffnungslos wirkt, ist vielleicht die größte Überraschung. Immer wieder blitzen Momente von Zuversicht auf. Kleine Gesten, kurze Blicke oder unscheinbare Fortschritte, die zeigen, dass Veränderung selbst unter widrigsten Umständen möglich ist, haben im Film einen wichtigen Platz. In diesen Momenten geht er den entscheidenden Schritt über die bloße Beobachtung hinaus und entwickelt einen Hauch berührende Nähe zu seinen Figuren. Allerdings fordert dieser Ansatz auch seinen Preis. Wer eine klar strukturierte Dramaturgie oder klassische Spannungsbögen erwartet, könnte sich streckenweise verloren fühlen. „Jeunes Mères“ verweigert sich bewusst solchen Konventionen und setzt stattdessen auf ein offenes, episodisches Erzählen – nicht immer mit finaler Erkenntnis. Das passt zum Realismus des Films, sorgt aber auch dafür, dass einzelne Handlungsstränge nicht immer die gleiche erzählerische Wucht entfalten.

Julie (Elsa Houben) und ihr Freund Dylan (Jef Jacobs) wollen alles geben, um es besser zu machen, als ihre Eltern.
Fazit: „Jeunes Mères – Junge Mütter“ ist ein betont unspektakulärer, dafür umso eindringlicherer Film über das Muttersein, der die Handschrift der Dardenne-Brüder konsequent fortführt und zugleich behutsam erweitert. Mit großer Empathie und formaler Zurückhaltung erzählt er von jungen Frauen am Rande der Gesellschaft, ohne sie je zu verurteilen oder zu verklären. Hier trifft eine nüchterne Inszenierung auf eine unerwartete Wärme, was dem Film seine Sprödheit nimmt und ihn zugleich Wärme verleiht.

