Hoppers
Kann man die Welt retten, wenn man sie endlich mit anderen Augen sieht? Pixar versucht sich mit HOPPERS an genau diesem Perspektivwechsel und verbindet eine ebenso verspielte wie überraschend nachdenkliche Idee mit der Frage, ob das Animationsstudio selbst noch einmal zu alter Größe zurückfinden kann.
Darum geht’s
Die natur- und tierliebende Teenagerin Mabel fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihr Lieblingsort – ein See auf einer Waldlichtung – einer Umgehungsstraße weichen soll. Wie gut, dass den Wissenschaftler:innen an ihrer Uni gerade ein entscheidender Durchbruch gelungen ist. Sie haben eine Technologie entwickelt, mit der sich das menschliche Bewusstsein in künstliche Tierkörper übertragen lässt. Dadurch können Menschen die Welt aus der Perspektive von Tieren erleben und sogar mit ihnen kommunizieren. Fasziniert von dieser Möglichkeit nutzt Mabel die Technik und geht fortan als Bieber durch die Welt, wodurch es ihr gelingt, tief in die Tierwelt des von ihr so geliebten Ortes einzutauchen. Ihr Ziel: die Tiere vor Ort dazu zu animieren, den Schutz ihres Heimatortes selbst in die Pfote zu nehmen. Doch die Sache gerät zunehmend aus dem Ruder. Denn eigentlich sollen sich die Menschen nicht in die Abläufe von Flora und Fauna einmischen…
Kritik
Gerade erst hat „Zoomania 2“ an den Kinokassen selbst den vermeintlichen Über-Gegner „Avatar 3“ überholt. Eine Momentaufnahme, die den aktuellen Status Quo des Animationsfilms treffend zusammenfasst. Allerdings weniger als Triumph einzelner Studios denn als Spiegel einer Branche, die zunehmend von bekannten Marken, Fortsetzungen und kalkulierbaren Erfolgsrezepten dominiert wird. Gerade für Pixar, einst unangefochtener Taktgeber erzählerischer wie emotionaler Innovationskraft, ist diese Entwicklung ambivalent. Wo Filme wie „Toy Story“, „WALL·E“ oder „Alles steht Kopf“ über Jahre hinweg als kreative Referenzpunkte galten, musste sich das Studio zuletzt immer häufiger dem Vorwurf stellen, seine Risikofreude zugunsten sicherer Sequels zurückzustellen und seine Identität zwischen Streaming-Strategien und Kinorückkehr neu zu justieren. Umso größer ist die Fallhöhe (und die Neugier), wenn Pixar mit „Hoppers“ nun wieder einen originären Stoff ins Rennen schickt, der nicht weniger leisten soll, als an jene Zeit anzuknüpfen, in der der Name Pixar noch als verlässliches Qualitätsversprechen für visionäres Animationskino galt.
Da wirkt es wie eine Mischung aus Trotzreaktion und Rückbesinnung auf die „guten alten Zeiten“, dass „Hoppers“ mit einer prologähnlichen Sequenz beginnt, die unverkennbar an eine der größten Sternstunden des Pixar-Konzerns erinnert: den tränenreichen Auftakt von „Oben“, der längst Filmgeschichte geschrieben hat. In wenigen Minuten wird dort das gemeinsame Leben von Carl und Ellie erzählt – voller Höhen und Tiefen bis hin zu ihrem Tod – und damit nicht nur ihre Liebe greifbar gemacht, sondern auch Carls späteres Handeln verständlich verankert. Ein ähnliches Prinzip verfolgt nun auch „Hoppers“, wenn die enge Bindung zwischen Mabel und ihrer Großmutter in komprimierter Form eingeführt wird. Ihre Beziehung, geprägt von der gemeinsamen Liebe zur Natur, erreicht zwar nicht ganz die emotionale Wucht von „Oben“, entfaltet aber dennoch eine spürbare Wärme. Gerade die wiederkehrenden Treffen auf ihrer Waldlichtung sorgen für berührende Momente – nicht zuletzt, weil es dem Film herausragend gelingt, die Magie der Natur mit all ihren Sinneseindrücken einzufangen.
„Plötzlich wird Naturschutz nicht länger zur abstrakten Moralfrage, sondern zu einem unmittelbaren Dialog zwischen Spezies, die bislang nur übereinander statt miteinander ‚gesprochen‘ haben.“
Wie schon bei „Oben“ geht auch aus dem „Hoppers“-Prolog genau hervor, was die Hauptfigur so handeln lässt, wie sie es tut. Mabel hat durch ihre Großmutter so viel über die Natur und ihre Geheimnisse gelernt, dass sie sich selbst irgendwann dem Naturschutz verschrieben hat. Genau hier beginnt die eigentliche Geschichte: Als ihr einstiger Lieblingsplatz einer Umgehungsstraße weichen soll, ruft das Mabel auf den Plan, die alles daransetzt, die Katastrophe zu verhindern. Doch Pixar wäre nicht Pixar – und hier findet der Konzern nach eher mauen Produktionen wie „Lightyear“ oder „Rot“ – würden die Macher nicht diesen einen Schritt weiterdenken. Sie stellen die Frage: Was wäre, wenn man nicht länger nur für die Natur spricht, sondern sie selbst zu Wort kommen lässt? „Hoppers“ beantwortet diese Frage mit einer ebenso naheliegenden wie bestechenden Idee: Menschen können mithilfe einer neuartigen Technologie in die Körper von Tieren schlüpfen und so direkt mit ihnen kommunizieren. Aus dieser Prämisse entwickelt der Film weit mehr als nur einen cleveren erzählerischen Kniff. Plötzlich wird Naturschutz nicht länger zur abstrakten Moralfrage, sondern zu einem unmittelbaren Dialog zwischen Spezies, die bislang nur übereinander statt miteinander „gesprochen“ haben. Wenn Mabel als „Hopper“ buchstäblich die Perspektive wechselt, verwandelt sich ihr Aktivismus von einem idealistischen Impuls in eine konkrete Erfahrung. Die Tiere sind hier eben nicht (nur) niedliche Sidekicks, sondern eigenständige Akteure mit Bedürfnissen, Ängsten und durchaus widersprüchlichen Interessen.
Pixar nutzt diese außergewöhnliche, im Kern aber erstaunlich klug gedachte Ausgangslage zunächst für eine Reihe temporeicher Action- und Comedy-Setpieces. Gemeinsam mit dem Biber die Waldlichtung mitsamt ihrer vielfältigen Bewohner – von Säugetieren über Fische, Vögel bis hin zu Insekten – zu erkunden, bereitet großen Spaß. Besonders beeindruckend ist dabei die Liebe zum Detail: Die Autoren Daniel Chong und Jesse Andrews („Luca“) verleihen jeder Spezies eigene Spleens und Eigenheiten, ohne sie zu einer gesichtslosen Masse verkommen zu lassen. Zwar erkennt man typische Verhaltensweisen wieder, doch zentrale Figuren erhalten Persönlichkeiten, die über einfache Klischees hinausgehen. In diesem Punkt hat „Hoppers“ sogar den „Zoomania“-Filmen etwas voraus: Ein Faultier wäre hier eben nicht automatisch langsam und – nun ja – würde als Beamter arbeiten. Stattdessen sorgt die vielschichtige Figurenzeichnung dafür, dass sich viele der Charaktere nicht sofort durchschauen lassen. Gerade in der zweiten Hälfte, wenn zahlreiche Anführer:innen der unterschiedlichen Tiergattungen aufeinandertreffen, entfaltet sich daraus eine angenehm unberechenbare Dynamik – ein für Pixar-Verhältnisse durchaus mutiger Ansatz.
„Vor allem in der zweiten Hälfte scheint sich ‚Hoppers‘ seiner Rolle als moderner Animationsfilm bewusst zu werden und passt sich zunehmend den Sehgewohnheiten eines jungen Publikums an. So ruhig und emotional der Film beginnt, so sehr geraten die Ereignisse später außer Kontrolle und werden, im wahrsten Sinne des Wortes, zunehmend wild.“
Während „Hoppers“ mit seiner Vielzahl an Figuren auf der einen Seite jede Menge Schabernack betreibt, nutzen die Macher die Geschichte zugleich für nachdenklichere Töne rund um Natur-, Umwelt- und Tierschutz. Vor allem die Idee, dass ein echtes Miteinander nötig ist – und ein bloßes Übereinander nicht mehr ausreicht –, verleiht dem Film eine spürbare Dringlichkeit und lädt dazu ein, das eigene Handeln zu hinterfragen. Gleichzeitig scheint sich „Hoppers“ vor allem in der zweiten Hälfte seiner eigenen Rolle als moderner Animationsfilm bewusst zu werden und passt sich zunehmend den Sehgewohnheiten eines jungen Publikums an. So ruhig und emotional der Film beginnt, so sehr geraten die Ereignisse später außer Kontrolle und werden, im wahrsten Sinne des Wortes, zunehmend wild. Zwar erreicht „Hoppers“ dabei nicht ganz die hyperaktive Überdrehtheit jüngerer Genrevertreter wie „G.O.A.T.“ oder „Die Gangster Gang“, doch spätestens, wenn eine Raupe (!) in den Körper des Bürgermeisters (!!) schlüpft, kippt das Geschehen ins bewusst Absurde. Trotz eines gelungenen, rund schließenden Schlussmoments wirkt die letzte halbe Stunde dadurch überladen, weil schlicht zu viel in zu kurzer Zeit passiert. Ein wenig mehr Raum hätte dem Finale gutgetan, um die vielen Eindrücke nachhaltiger wirken zu lassen.
Fazit: „Hoppers“ ist vor allem ein ermutigendes Lebenszeichen eines Studios, das sich wieder stärker auf seine originären Ideen besinnt und dabei spürbar an alte Stärken anknüpft. Auch wenn sich der Film im Finale etwas in seiner eigenen Ambition verliert, überzeugt er mit kluger Prämisse, emotionaler Erdung und dem Mut, große und gesellschaftlich wichtige Themen leicht verständlich zu machen. Vielleicht ist das noch nicht die ganz große Rückkehr zur alten Pixar-Form, aber ein deutliches Signal in die richtige Richtung.
„Hoppers“ ist ab dem 2. März 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.



