Father Mother Sister Brother
Jim Jarmusch ist zurück! In FATHER MOTHER SISTER BROTHER macht die Indie-Ikone das, was sie am besten kann und seziert zwischenmenschliche Konflikte anhand kleiner Gesten und wenig Worte. Dank seines bewährt-lakonischen Humors und der feinen Beobachtungsgabe kommt dabei ein bei aller Langsamkeit unterhaltsamer Film heraus.
Darum geht’s
Drei Geschichten, ein Thema: familiäre Entfremdung. „Father Mother Sister Brother“ erzählt in drei lose miteinander verbundenen Kapiteln von Familienkonstellationen, die sich im Laufe ihres Lebens voneinander entfernt haben und nun aus unterschiedlichen Gründen wieder aufeinandertreffen. Im ersten Teil steht ein Geschwisterpaar (Adam Driver und Mayim Bialik) im Mittelpunkt, das nach Jahren der Funkstille wieder auf seinen Vater (Tom Waits) trifft. Alte Konflikte, unausgesprochene Vorwürfe und unterschiedliche Lebenswege erschweren die Annäherung. Die zweite Geschichte begleitet zwei Schwestern (Cate Blanchett und Vicky Krieps), die durch ihre gegensätzlichen Lebensentscheidungen auseinandergegangen sind und nun auf ihre Mutter (Charlotte Rampling) treffen, die weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas anfangen kann. Im dritten Kapitel treffen schließlich ein Bruder und eine Schwester (Indya Moore und Luka Sabbat) unter besonderen Umständen wieder zusammen, die sie dazu zwingen, sich mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Kritik
Dass Jim Jarmusch („The Dead Don’t Die“) seit jeher eine Sonderstellung innerhalb des US-amerikanischen Kinos einnimmt, liegt nicht zuletzt an seiner konsequent eigenwilligen Handschrift. Während sich viele seiner Kolleginnen und Kollegen im Laufe ihrer Karriere zunehmend erzählerischen Konventionen annähern, hat Jarmusch über Jahrzehnte hinweg eine Form des Filmemachens kultiviert, die sich bewusst gegen klassische Dramaturgien stellt. Seine Filme leben weniger von klaren Handlungsbögen als von Stimmungen, Begegnungen und Momentaufnahmen. Lakonischer Humor trifft dabei auf eine betont entschleunigte Inszenierung, in der Pausen oft mehr sagen als Dialoge. Wiederkehrende Motive wie das Unterwegssein, die Fremdheit im Vertrauten oder die Absurditäten zwischenmenschlicher Kommunikation ziehen sich durch sein Werk und verleihen ihm eine unverkennbare Kontinuität. Seine Filme leben klar von den Zwischentönen, nicht von der narrativen Zuspitzung. Das kann mitunter anstrengend sein, denn nicht jeder „Jarmusch-Film“ lässt auf die Slow Burn-Inszenierung auch wirklich einen Brand folgen. Aber hin und wieder erkennt man, weshalb manche Geschichten so wohl nur Jarmusch erzählen könnte. So auch im Falle von „Father Mother Sister Brother“, seinem besten Film seit vielen Jahren.

Die namenlos bleibende Mutter (Charlotte Rampling) kann mit keinem der Lebensentwürfe ihrer Töchter etwas anfangen.
Schon der Titel deutet an, worum es Jarmusch im Kern geht. Im Zentrum stehen verschiedene familiäre Konstellationen. Es sind Beziehungen, die ebenso selbstverständlich wie rätselhaft erscheinen. Vater, Mutter, Schwester, Bruder – das sind keine Figuren im klassischen Sinne, sondern eher die ihnen zugeschriebenen Rollen, die von den einzelnen Charakteren ausgefüllt, aber nie vollständig definiert werden. Wie so oft interessiert sich Jarmusch weniger für die Frage, wer diese Menschen sind, als vielmehr dafür, wie sie sich zueinander verhalten. Kommunikation findet hier selten direkt statt, sondern vielmehr in Blicken, Pausen und beiläufigen Gesten. Um ein möglichst mannigfaltiges Abbild familiärer (Nicht-)Kommunikation zu zeigen, setzt Jarmuschs Film auf eine episodische Struktur, die lose miteinander verbundene Vignetten aneinanderreiht. Ein Ansatz, den man bereits aus Werken wie „Night on Earth“ oder „Coffee and Cigarettes“ kennt, der hier jedoch eine fast schon komplementäre Note erhält. Die einzelnen Segmente wirken wie Momentaufnahmen aus einem größeren, nie vollständig sichtbaren Ganzen. Die Szenenmontagen beginnen genauso beiläufig wie sie auf äußerst unspektakuläre Weise enden. „Father Mother Sister Brother“ ist in jeder Hinsicht ein Understatement – und damit durch und durch Jarmuschs Handschrift zuzuordnen.
„Wie so oft interessiert sich Jarmusch weniger für die Frage, wer diese Menschen sind, als vielmehr dafür, wie sie sich zueinander verhalten. Kommunikation findet hier selten direkt statt, sondern vielmehr in Blicken, Pausen und beiläufigen Gesten.“
Inhaltlich kreisen die einzelnen Episoden – insgesamt drei an der Zahl – immer wieder um scheinbar beiläufige Begegnungen, die sich erst im Nachhinein als präzise gesetzte Versuchsanordnungen entpuppen. Beginnend bei einem durch und durch als Cringe zu bezeichnenden Treffen zwischen zwei Geschwistern und ihrem (vermeintlich) vereinsamten Vater. Adam Driver („Megalopolis“) und Mayim Bialik („Like Father Like Son“) funktionieren als ahnungsloses Geschwisterpaar ausgezeichnet, das im Zusammenspiel mit ihrem von Tom Waits („Licorice Pizza“) herrlich trocken verkörperten Vater immer wieder leicht verstört durch die Gegend schaut. Alles an dieser Zusammenkunft ist unangenehm. Die falsch verstandene Großzügigkeit des Sohns, genauso wie das geheuchelte Interesse der Tochter an den aktuellen Lebensumständen ihres Vaters. Gerade deshalb hat sich diese Episode ihre finale Pointe verdient. An anderer Stelle begleitet Jarmusch zwei von Vicky Krieps („Der seidene Faden“) und Cate Blanchett („Tár“) gespielte, komplett unterschiedlichen Lebensentwürfen folgende Schwestern zum Kuchenessen bei ihrer verhärmten Mutter (Charlotte Rampling), das ebenfalls von unausgesprochenen Konflikten durchzogen ist, die sich zwar nie offen entladen, aber in jeder Geste spürbar bleiben. Das letzte Segment folgt schließlich dem Zwillingspärchen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) in die verlassene Wohnung der verstorbenen Eltern, wo sie gemeinsam in der Vergangenheit schwelgen.

Skye (Indya Moore) und Billy (Luke Sabbat) treffen sich nach dem Tod der Eltern, um in ihrer alten Wohnung nach Erinnerungen zu suchen.
All diese Episoden sind durch konkrete Beobachtungen im Detail verbunden. Etwa wenn vereinzelte Dialogfragmente in leicht veränderter Form ein Echo an anderer Stelle finden (beispielsweise Diskussionen über Tafelwasser oder übereinstimmende Kleidung). Hieraus speist sich ein Großteil jenes Humors, der ausnahmsweise mal nichts mit der Zelebrierung von Awkwardness zu tun hat. Darüber hinaus dominiert all diese Geschichten ein Gefühl der Entfremdung trotz familiärer Nähe und bebildert die Schwierigkeit, Erinnerungen und Gegenwart in Einklang zu bringen. Auch ständiges Aneinandervorbeireden zieht sich wie ein leiser roter Faden durch den gesamten Film. So entsteht nach und nach ein Geflecht aus Beziehungen und Perspektiven, das nie vollständig ausformuliert wird, aber gerade in seiner Fragmenthaftigkeit eine bemerkenswerte Kohärenz entwickelt.
„Auch die Figuren bleiben, ganz im Sinne des Konzepts, bewusst skizzenhaft. Das funktioniert dort besonders gut, wo Jarmusch mit leisen humoristischen Momenten arbeitet und die Absurditäten zwischenmenschlicher Kommunikation sichtbar macht.“
Doch so stimmig die einzelnen Episoden für sich genommen sind (die zweite stellt sich als die stärkste heraus), so wenig verdichten sie sich zu einem übergeordneten Ganzen. „Father Mother Sister Brother“ verweigert sich einer klaren Dramaturgie beinahe vollständig. Das kann man als konsequenten künstlerischen Ausdruck lesen – erst recht von Jim Jarmusch – oder als gewisse Selbstgenügsamkeit, die es dem Publikum unnötig schwer macht, emotional anzudocken. Gerade in der dritten Episode schleichen sich Längen ein, die nicht mehr allein mit dem Verweis auf Jarmuschs charakteristische Entschleunigung zu rechtfertigen sind. Auch die Figuren bleiben, ganz im Sinne des Konzepts, bewusst skizzenhaft. Das funktioniert dort besonders gut, wo Jarmusch mit leisen humoristischen Momenten arbeitet und die Absurditäten zwischenmenschlicher Kommunikation sichtbar macht. Weniger überzeugend ist der Film hingegen in seinen ernsteren Passagen, in denen diese Reduktion mitunter ins Beliebige kippt. Da funktioniert das mit der universellen Betrachtung familiärer Beziehungen plötzlich nicht mehr so gut, da das Gezeigte plötzlich viel zu abstrakt anmutet, um damit wirklich anzudocken. Immerhin: Auf emotionale Anbiederung verzichtet „Father Mother Sister Brother“ vollständig. Entweder, man lässt sich auf die Situationen ein, oder man lässt es eben bleiben.
Doch so konsequent sich „Father Mother Sister Brother“ auch inhaltlich der Verdichtung verweigert, so treu bleibt Jarmusch seiner inszenatorischen Linie. Die Kamera (Frederick Elmes und Yorick Le Saux) verharrt häufig in statischen Einstellungen, beobachtet aus einer gewissen Distanz und überlässt es den Figuren, den Raum zu füllen – oder eben auch nicht. Schnelle Schnitte oder visuelle Zuspitzungen sucht man vergebens. Stattdessen entfaltet sich die Wirkung in den kleinen Gesten und Blicken, die oft länger stehen bleiben, als es erzählerisch notwendig wäre. Das kann eine beinahe hypnotische Ruhe erzeugen, die den Blick für Details schärft, wirkt in weniger präzise gesetzten Momenten jedoch schnell wie bloßes Verharren. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den zurückhaltenden Einsatz von Musik (Annika Henderson, und Jim Jarmusch), die weniger als emotionaler Verstärker fungiert, sondern vielmehr punktuell Akzente setzt und die ohnehin schon fragile Stimmung zusätzlich unterstreicht. Visuell bleibt der Film dabei betont unaufgeregt, fast spröde, findet aber gerade in dieser Reduktion eine eigene Ästhetik, die sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht. So entsteht eine Inszenierung, die ebenso klar wie kompromisslos ist. Und die, ganz im Sinne Jarmuschs, weniger darauf abzielt, das Publikum zu führen, als ihm Raum zur eigenen Betrachtung zu lassen.
Fazit: „Father Mother Sister Brother“ ist ein konsequent eigenwilliger, atmosphärisch dichter Film, der Jim Jarmuschs Handschrift konsequent fortführt und in seinen besten Momenten durch präzise Beobachtungen und leisen Humor besticht. Gleichzeitig verhindert die bewusste Verweigerung klassischer Dramaturgie eine stärkere emotionale Bindung, sodass die episodische Struktur nicht immer zu einem überzeugenden Ganzen findet. So bleibt ein zugleich faszinierendes und herausforderndes Werk, das vor allem jene belohnt, die sich auf Jarmuschs reduzierten Erzählstil einlassen.

