The Housemaid – Wenn sie wüsste
Hochunterhaltsamer Edeltrash: Mit seiner Verfilmung des BookTok-Phänomens THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE entführt „Brautalarm“-Regisseur Paul Feig sein Publikum zurück ins Erotikthrillerkino der späten Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre.
Darum geht’s
Millie Calloway (Sydney Sweeney) ist eine junge Frau mit einer schwierigen Vergangenheit. Nachdem sie kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, versucht sie nun, sich ein neues Leben aufzubauen. Daraufhin stellt sie sich bei der wohlhabenden Winchester-Familie als Haushälterin vor. Zunächst scheint alles perfekt: Millie bekommt nicht nur die Stelle, sondern sogar ein eigenes Zimmer im Dachgeschoss ihrer Arbeitgeber. Doch mit der Zeit bemerkt Millie, dass sich hinter der Fassade der charmanten Nina Winchester (Amanda Seyfried) ein düsteres Geheimnis verbirgt. Immer wieder macht sie Millie das Leben zur Hölle. Lediglich ihr gutaussehender, erfolgreicher Ehemann Andrew kann die Gefühlsausbrüche seiner Gattin ein wenig abfedern. Doch Nina hat ihr Hausmädchen in der Hand: Schon ein Wort zu Millies Bewährungshelferin und es geht für sie zurück in den Knast…
Kritik
BookTok ist längst mehr als ein kurzlebiger Trend. Es ist ein überwiegend weiblich geprägter Resonanzraum, in dem Lesen zur emotionalen Erfahrung und Bücher nicht beurteilt, sondern durchlebt werden. In dieser Kultur der Nähe und Identifikation, die lange marginalisierte Leserinnen sichtbar macht, fungieren Geschichten über Liebe, Trauma und Selbstfindung als kollektiver Erfahrungsraum – und liefern zunehmend Stoff für Verfilmungen. Nahtlos fügt sich hier Freida McFaddens Thriller „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ ein. Ein bewusst zugängliches, spannungsgetriebenes Buch, dessen Erfolg weniger auf literarischer Raffinesse als auf seinem zentralen Motiv beruht: der Ohnmacht einer Frau in einem scheinbar sicheren, wohlhabenden Haushalt. Genau diese Dynamik hat auch Regisseur Paul Feig für die Verfilmung aufgegriffen und emotional verdichtet. Das Versprechen von Identifikation, Eskapismus und Katharsis – weibliche Verletzlichkeit, die in Handlungsfähigkeit umschlägt – erklärt den millionenfachen Erfolg der Vorlage ebenso wie den der Filmadaption, deren Fortsetzung nach einem überragenden Erfolg in den USA bereits beschlossene Sache ist.

Millie (Sydney Sweeney) erhält von ihrer neuen Chefin Nina (Amanda Seyfried) den Schlüssel zu ihrem eigenen Zimmer.
Für einen Stoff wie „The Housemaid“ ist Paul Feig der ideale Regisseur. Schaut man sich sein bisheriges Gesamtwerk an, so spielten weibliche Perspektiven und unterschätzte Frauenfiguren in diesen schon immer eine große Rolle. Egal ob in „Brautalarm“, „Spy – Susan Cooper Undercover“ oder „Nur ein kleiner Gefallen“, seinem ersten Ausflug ins Thrillergenre: Feig erzählt immer von Frauen, die zunächst belächelt, kontrolliert oder übersehen werden und gerade daraus ihre Stärken entwickeln. Dabei ist es sein Geheimrezept, Genremechaniken, insbesondere der Komödie, mit emotionaler Zugänglichkeit zu verbinden. Und zwar ganz egal, ob nun im Spannungs- oder Comedykino. Mit seinen Figuren kann man sich identifizieren, da er wie kaum ein anderer (männlicher!) Regisseur in Hollywood weibliche Erfahrungen ernstnimmt, ohne sie wahlweise zu ästhetisieren oder zu ironisieren. Im Falle vom „The Housemaid“ mag das allerdings eine besonders große Herausforderung gewesen sein. Denn der Film greift so deutlich auf das Hochglanz-(Erotik-)Thrillerkino der späten Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre zurück, dass eine gewisse Campyness unvermeidlich ist: eine bewusst überzeichnete, leicht ironische Ästhetik, die Gefühle, Glamour und Künstlichkeit offen zur Schau stellt, statt sie realistisch zu erden.
„Während Filme wie ‚Fatal Attraction‘ oder ‚Basic Instinct‘ weibliche Sexualität aus männlichem Blick als Gefahr und tabubrechenden Reiz inszenierten, rückt ‚The Housemaid‘ weibliche Ohnmacht in den Mittelpunkt.“
Doch auch wenn „The Housemaid“ in der Tradition ebenjenes Genres steht, indem er dessen intime Rauminszenierung und das Spiel mit Macht, Abhängigkeit und Bedrohung übernimmt, verschiebt sich die Perspektive grundlegend. Während Filme wie „Fatal Attraction“ oder „Basic Instinct“ weibliche Sexualität aus männlichem Blick als Gefahr und tabubrechenden Reiz inszenierten, rückt „The Housemaid“ weibliche Ohnmacht in den Mittelpunkt. Die eigentliche Bedrohung entsteht hier aus sozialen und ökonomischen Abhängigkeiten. Und die Spannung resultiert nicht aus voyeuristischer Erotik oder moralischer Bestrafung, sondern aus emotionaler Nähe und Identifikation. So wirkt „The Housemaid“ weniger wie ein nostalgisches Genre-Revival als wie eine zeitgemäße Umdeutung des Erotikthrillers. Die Perspektive ist weiblich, das Setting ist intim und die Konflikte sind emotional aufgeladen. Und wie! „The Housemaid“ setzt von Anfang an auf große Gesten und deutliche Ausformulierungen – insbesondere von seinen beiden Hauptdarstellerinnen Amanda Seyfried („Things Heard & Seen“) und Sydney Sweeney („Eden“). Vor allem erstere hat die Edeltrash-Anleihen des Films grundlegend verinnerlich und spielt ihr Kollegium konsequent an die Wand. Sweeney und Brandon Sklenar („Drop – Tödliches Date“) haben dem darstellerisch nicht viel entgegenzusetzen.
An „The Housemaid“ ist nichts subtil. Figuren, Konflikte und Wendungen sind klar codiert, emotionale Zustände werden deutlich markiert und die in routinierter Regelmäßigkeit platzierten Spannungsmomente sind stets pointiert zugespitzt. Von Ambivalenzen keine Spur. „The Housemaid“ könnte also ein absolut irrer Trip sein. Und über weite Strecken ist er das auch. Doch manche Schwächen lassen sich nicht leugnen, obwohl die Kreativen die meiste Zeit über zeigen, dass sie den dem Film zugrundeliegenden Buchstoff voll und ganz verinnerlicht haben. Auf seinen üppigen 130 Minuten kann der Film das zu Beginn aufgestellte Tempo nicht halten. Immer wieder scheint Paul Feigs Interesse durch, „The Housemaid“ nicht (nur) als grelles Pulp-Vergnügen inszenieren, sondern dem Ganzen einen ernsteren, unweit eleganteren Anstrich geben zu wollen. Dass er mit der offensichtlichen Rollenverteilung (wer ist gut, wer ist böse?) nicht hinterm Berg hält, ist nicht schlimm. Aber es wirkt ein Stückweit unfreiwillig komisch, mit welcher Leidenschaft das Skript um die eine Wendung herumeiert, bis sich schließlich offenbart, was sich sowieso von Anfang an alle gedacht haben dürften. Ebenjener Twist – ein solcher, der seinen Namen endlich mal wieder zu Recht trägt, weil er die erste Stunde rückblickend tatsächlich in einem komplett neuen Licht erscheinen lässt – erinnert durchaus an Filme wie „Gone Girl“. Und je nachdem, wie bereitwillig man all dem zu folgen bereit ist, stören auch gewisse Ungereimtheiten in Sachen Logik und Plausibilität nur marginal.
„Wie für Feigs Filme üblich, sind sowohl seine Drehorte als auch die treffsichere Kostümgestaltung essentiell wichtig für das Gesamtgefüge. Räume strukturieren Machtverhältnisse und spiegeln emotionale Zustände wider. Während Sweeneys und Seyfrieds Kleidungsstil viel von Kontrolle, Anpassung und Selbstbehauptung erzählt.“
Visuell holt der für seine ästhetische Ader bekannte Paul Feig das Optimum aus dem übersichtlichen Budget von gerade einmal 35 Millionen US-Dollar heraus. Das gelingt ihm, da „The Housemaid“ die meiste Zeit über in dem Haus der Winchesters spielt; Ein hochelegantes Anwesen, das mit seiner opulenten Einrichtung bezirzt und mit architektonischen Merkwürdigkeiten (wie einem offen in den Wohnbereich führenden Badezimmer) irritiert. Wie für Feigs Filme üblich, sind sowohl seine Drehorte als auch die treffsichere Kostümgestaltung essentiell wichtig für das Gesamtgefüge. Räume strukturieren Machtverhältnisse und spiegeln emotionale Zustände wider. Während Sweeneys und Seyfrieds Kleidungsstil über Stoffe, Schnitte und Farben viel von Kontrolle, Anpassung und Selbstbehauptung erzählt. Die Kameraarbeit von Feigs Stamm-Kameramann John Schwartzman („Last Christmas“) ist kontrolliert und funktional. Formale Spielereien finden sich weniger, stattdessen punktet „The Housemaid“ mit Funktion und Klarheit. Ruhige Bewegungen, präzise Bildausschnitte und eine bewusste Raumorientierung verstärken das Gefühl von Beobachtung und Paranoia. Hier passt auf technischer Ebene alles zusammen, was auf der erzählerischen nicht immer stimmig zusammenfindet.
Fazit: „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ ist ein emotional aufgeladener Thriller, der weniger durch Subtilität als durch Identifikation, große Gesten und eine weibliche Perspektive überzeugt. Paul Feig liefert eine zeitgemäße Umcodierung des Erotikthrillers, die soziale Abhängigkeit ins Zentrum rückt, auch wenn Tempo und Logik das nicht immer tragen. Seine Unbedingtheit, der Edeltrash-Charme und Amanda Seyfrieds Präsenz erklären, warum der Film genau dort funktioniert, wo die BookTok-Kultur Wirkung ihre entfaltet.
„The Housemaid – Wenn sie wüsste“ ist ab dem 15. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.



Habe das Buch in 3 Tagen weggezogen und sehe wieviel Marketing Sidney Sweeney auf Insta macht. Freue mich auf den Film, wobei der Raum mir doch zu groß erscheint und zu hell, aber mal abwarten 🙂 Nächste Buchverfilmung wird Hail Mary .. unglaubliches Buch. Freue mich auf deine Kritik demnächst dazu. :))