The Negotiator

Mit THE NEGOTIATOR wagt sich David Mackenzie an einen Spionagethriller, der die üblichen Action-Exzesse zunächst links liegen lässt. Stattdessen baut er Spannung fast ausschließlich über Worte, Blicke und die besondere Kommunikationsform des Relay-Services auf – und zeigt, wie fesselnd ein Thriller sein kann, wenn er die Kraft der Stille nutzt – bis er im letzten Drittel strauchelt.

OT: Relay (USA 2024)

Darum geht’s

Ash (Riz Ahmed) arbeitet als sogenannter Fixer: Über einen Telefon-Relay-Service vermittelt er zwischen Klient*innen und ihren oft heiklen Anliegen. Ob es um die Hilfe für Whistleblower*innen geht oder um das diskrete Weiterreichen von Bestechungsgeldern – Ash ist ein Profi, der im Hintergrund bleibt und seine Aufträge kühl kalkulierend erledigt. Als er den Auftrag erhält, der jungen Sarah (Lily James) zur Seite zu stehen, entwickelt sich zwischen beiden eine ungewöhnliche Beziehung. Obwohl sie einander weder sehen noch hören können, entsteht eine zunehmende persönliche Nähe, die über das rein Geschäftliche hinausgeht. Doch je tiefer Ash in Sarahs Fall hineingezogen wird, desto deutlicher wird, dass im Hintergrund gefährliche Gegenspieler lauern.

Kritik

Redselige Thriller, in denen die Spannung weniger aus rasanten Actionszenen resultiert, sondern intensive Gespräche und Verhandlungen im Fokus stehen, scheinen aktuell wieder schwer angesagt zu sein. Eine Zeitlang dominierten sie eher den Serienkosmos; „Slow Horses“, „The Agency“, „The Bureau“ – die Liste ist lang und geht weit über den US-Markt hinaus. Doch nun kommen kühle Spionagethriller zunehmend wieder ins Kino. Allein in diesem Jahr ist die Liste mit Steven Soderberghs „Black Bag“, dem zweiten Teil von „The Accountant“ und „The Amateur“ vielleicht nicht gerade endlos, aber es lässt sich ein Trend erkennen: Midbudget-Genrekino, das (mindestens) seine Produktionskosten wiedereinspielt – so darf es weitergehen. Auch „The Negotiator“ von „Hell or High Water“-Regisseur David Mackenzie schlägt in diese Kerbe. Wobei das mit dem „redselig“ hier so eine Sache ist, denn der Clou an dem Film ist, dass Riz Ahmed („Der phönizische Meisterstreich“) in der Rolle des Fixers Ash gar nicht verbal in Erscheinung tritt, sondern ausschließlich über einen telefonischen Vermittlungsdienst mit seiner Kundschaft kommuniziert. An ihn wenden sich beispielsweise Whistleblower*innen, wenn sie während ihrer Arbeit Hilfe benötigen. Aber auch Bestechungsgelder wechseln unter der Anleitung von Ash regelmäßig die Besitzer*innen. Ein spannender Job, dem sich Mackenzie da annimmt.

Whistleblowerin Sarah (Lily James) besitzt pikante Dokumente…

Im Original trägt „The Negotiator“ den deutlich simpleren Titel „Relay“. Und irgendwie trifft es dieser dann doch nochmal besser, denn auch wenn „Negotiator“ im Deutschen so viel wie „Unterhändler“ bedeutet (was Ash ja nun mal ist), ist es doch lange Zeit eher der auf den Begriff „Relay“ hörende Telefonservice selbst, der dem Film zu seinem großen Reiz verhilft. Denn den Relay-Service gibt es in den USA tatsächlich. Mithilfe eines speziellen Endgeräts können Menschen mit Hör- und Sprachbehinderungen eine bestimmte Nummer anrufen und den geschulten Vermittlungspersonen – sogenannten Relay-Operatoren – ihr Anliegen mitteilen, was anrufender und empfangender Person eine verbale Kommunikation ermöglicht. Auch Video-Relays mit Gebärdendolmetscher*innen gibt es. Doch da die sukzessive ansteigende Anspannung zwischen Ash und seiner neuen Kundin Sarah vor allem daher rührt, dass sich die beiden weder sehen noch hören können, hat es Drehbuchautor Justin Piasecki schon ganz richtig gemacht, indem er ausschließlich den Telefondienst als Kommunikationsmittel gewählt hat. Da er sich von Beginn an sehr viel Zeit lässt, um zwischen Ash und Sarah auch eine latent persönliche Chemie heraufzubeschwören, liegt das Hauptaugenmerk in „The Negotiator“ eine sehr lange Zeit auf den Verhandlungen und Anweisungen des kühl-kalkulierenden Ash.

„Dass sich Sarah nach und nach immer mehr für ihre Kontaktperson interessiert – erklärt das Skript schlüssig. Doch leider erliegt der Autor dem Reiz, die emotionale Komponente in der Dienstleister-Kundinnen-Beziehung sukzessive in den Fokus zu rücken.“

Riz Ahmed legt hier eine starke Performance vor, für die er sich ganz auf sein ausdrucksstarkes Mienenspiel verlassen muss. Anspannung, Sorge, stiller Triumph – all diese Regungen lassen sich sofort in Ashs Gesicht ablesen. Umso reizvoller wird da wieder seine Kommunikation mit Sarah, die nichts davon mitbekommt, in was für einer Verfassung ihr Gegenüber gerade ist. Dass sich Sarah nach und nach immer mehr für ihn interessiert – nicht zuletzt, weil Ash über einen langen Zeitraum ihre einzige Kontaktperson ist – erklärt das Skript schlüssig. Doch leider erliegt der Autor dem Reiz, die emotionale Komponente in der Dienstleister-Kundinnen-Beziehung sukzessive in den Fokus zu rücken. Und nicht nur das: „The Negotiator“ ist bis zu einem gewissen Zeitpunkt sehr stark darin, simple (Verhandlungs-)Abläufe hochspannend zu inszenieren. Doch mit zunehmender Spieldauer lassen sich Hinweise entdecken, dass der Film sich dann eben doch nicht nur auf diese Form des Suspense verlässt. Und so geschieht es auch: Im finalen Drittel nimmt „The Negotiator“ nicht nur eine radikale erzählerische Wendung, sondern wechselt auch inszenatorisch die Seiten.

… die sie alsbald zur Gejagten machen.

Das kühle Taktieren weicht der körperlichen Auseinandersetzung. Spielten Waffen oder anderweitige „Thriller-Utensilien“ in der ersten Hälfte überhaupt keine Rolle, arbeitet „The Negotiator“ auf einen Showdown hin, der aus einem komplett anderen Film zu stammen scheint. Völlig aus dem Hut gezaubert wirkt das zugegebenermaßen nicht. Dafür streut Justin Piasecki bis dato genügend kleine und große Hinweise darauf, dass das Gezeigte hier zu jedem Zeitpunkt mit Vorsicht zu genießen sowie die Figuren zu hinterfragen sind. Trotzdem wirkt es so, als würden die Macher*innen ihrem eigenen Ansatz nicht bis zuletzt vertrauen; Als müsste ein Thriller-Publikum spätestens im Finale dann doch noch die gute, alte Schießerei präsentiert bekommen, um nicht frustriert aus dem Kinosaal zu gehen. Trotzdem hinterlässt „The Negotiator“ insgesamt einen positiven Eindruck. Vor allem Lily James („Baby Driver“) bekommt in ihrer Rolle der Sarah richtig viel zu tun, obwohl ihre Figur eigentlich vorwiegend zum Abwarten verdammt ist. Sam Worthington („Avatar: The Way of Water“) und seine Schurk*innen-Gefolgschaft erhalten dagegen ein deutlich schwächer ausgeformtes Profil. Ihr Figuren sind in erster Linie Mittel zum Zweck – auch wenn es Spaß macht, Worthington dabei zuzusehen, wie nach und nach sein Geduldsfaden reißt.

Inszenatorisch bleibt David Mackenzie sich und seinem Stil treu. Schlicht, simpel, ohne viel audiovisuellen Schnickschnack rückt er ganz und gar seine Figuren ins Zentrum. „The Negotiator“ ist in erster Linie ein starkes Schauspielstück, das zugegebenermaßen nicht zwingend auf der Leinwand entdeckt werden muss. Umso spannender wird es zu sehen sein, ob der in den USA leider nur leidlich erfolgreiche Film seine Hochphase nicht vielleicht doch irgendwann im Streaming erreicht.

„Es wirkt so, als würden die Macher*innen ihrem eigenen Ansatz nicht bis zuletzt vertrauen; Als müsste ein Thriller-Publikum spätestens im Finale dann doch noch die gute, alte Schießerei präsentiert bekommen, um nicht frustriert aus dem Kinosaal zu gehen.“

Fazit: „The Negotiator“ erweist sich als spannender Beitrag zum wiederauflebenden Trend der dialog- und verhandlungsgetriebenen Spionagethriller. Besonders die clevere Einbindung des real existierenden Relay-Services verleiht dem Film eine originelle Grundlage. Zwar verschenkt das Drehbuch im letzten Drittel einiges von seiner zuvor aufgebauten kühlen Spannung, indem es konventionelleren Thriller-Mechanismen nachgibt, insgesamt bleibt jedoch ein intensives, stark gespieltes Stück Spannungskino zurück.

„The Negotiator“ ist ab dem 25. September 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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