Die Legende von Ochi

Ein familiengerechter Abenteuerfilm aus dem Hause A24 – das erfolgreiche Indie-Studio betritt mit DIE LEGENDE VON OCHI Neuland, bleibt dabei allerdings seinem Stil treu und liefert so etwas wie die kuschelige Antwort auf David Lowerys „The Green Knight“ ab.

OT: The Legend of Ochi (USA/FIN/UK 2025)

Darum geht’s

Jede Nacht muss die eigensinnige Yuri (Helena Zengel) gemeinsam mit ihrem Vater Maxim (Willem Dafoe) und einigen gleichaltrigen Jungs und Mädchen auf die Jagd in den Wald gehen. Hier leben – so predigt es Maxim seit jeher – die bösen Ochis. Kleine, pelzige Kreaturen, die dem Menschen Böses wollen. Doch als Yuri eines Tages ein verletztes Ochi-Baby findet, nimmt sie es mit nach Hause und stellt fest: Dieses putzige Wesen ist alles andere als gefährlich und will eigentlich nur wieder zurück zu seiner Mutter. Kurzerhand beschließt Yuri, sich dieser Aufgabe anzunehmen und reißt aus – es wird das größte Abenteuer, ihres Lebens!

Kritik

Unter Filmliebhaber:innen hat sich das Studio A24 einen solch großen Namen gemacht, dass es sogar für eine Handvoll Gags in der Apple-TV-Serie „The Studio“ gereicht hat. Nach und nach erarbeitet sich die Produktionsschmiede also auch einen Ruf über den ganz kleinen Fankreis hinaus – und verkauft in seinem eigenen Online-Store mittlerweile jede Menge Merch wie zum Beispiel mit dem A24-Logo bedruckte T-Shirts. Dieser kometenhafte Aufstieg ist jedoch nicht nur solchen Instant-Kultfilmen wie „Everything Everywhere All at Once“ oder den Ari-Aster-Werken zu verdanken. Auch wenn sicher gerade erstgenannter die Aufmerksamkeit mithilfe seiner zahlreichen Awardgewinne zusätzlich auf das Studio gelenkt hat. Nein, A24 hat effektives Marketing perfektioniert, sich mithilfe einer einheitlichen audiovisuellen Linie und nur ganz gezielt ausgewählten Projekten selbst zu einer Marke gemacht. Und dabei vor allem auf „Erwachsenenfilme“ gesetzt. Viel Horror, viele Thriller, nur hin und wieder mal ein Drama wie „The Whale“. Da passt ein kindgerechter Abenteuerfilm nur bedingt in das bisherige Portfolio. Oder aber erst recht, denn mit „Die Legende von Ochi“ könnte man sich einen ganz neuen Produktzweig erschließen – vor allem, weil das Kino-Adventure mit Helena Zengel („Systemsprenger“) in der Hauptrolle trotzdem durch und durch die gängige A24-Stilistik aufweist. Treu bleibt man sich auf jeden Fall!

Die Naturaufnahmen in „Die Legende von Ochi“ (hier mit Emily Watson) sehen durch und durch atemberaubend aus.

Dem allgemein sehr guten Ruf des Studios zum Trotz, ließen jüngere Veröffentlichungen wie zum Beispiel der missratene „Death of a Unicorn“ zuletzt auch ein Stückweit die Angst aufkommen, A24 könnte sich zunehmend dem Kommerz verschreiben. Abwegig wäre das nicht. Kunstanspruch hin oder her, irgendwo muss das Geld ja herkommen. Zumindest an der Fanartikel-Front dürfte „Die Legende von Ochi“ ganz vorne mit dabei sein. So viel lässt sich sagen: Nach dem Kinobesuch werden nicht wenige Zuschauer:innen selbst einen solch kleinen Ochi haben wollen (kleiner Tipp: im Store gibt es derzeit immerhin einen Schlüsselanhänger mit dem knuffigen Tierchen). Und zwar nicht nur, weil er einfach wahnsinnig niedlich ist. Sondern auch, weil das Zusammenspiel mit Helena Zengel durch und durch natürlich wirkt. Hier zahlt sich aus, dass primär mit Handpuppen und Animatronics gedreht wurde. Nur sehr vereinzelt kommen Computereffekte zum Einsatz, die sich jedoch genauso organisch in die Hintergründe einfügen. Und apropos Hintergründe: „Die Legende von Ochi“ sieht mit seinen satten Farben und der hinreißend eingefangenen Natur (Kamera: Evan Prosofsky) ohnehin schon wunderschön aus. Aber solche Details wie etwa die Nutzung von Matte Paintings, also mithilfe von händischer oder digitaler Malerei erzeugter Kulissen, verhelfen dem Film zu seinem ganz eigenen ästhetischen Charme.

„Der Ochi ist nicht nur wahnsinnig niedlich. Das Zusammenspiel mit Helena Zengel wirkt außerdem durch und durch natürlich. Hier zahlt sich aus, dass primär mit Handpuppen und Animatronics gedreht wurde.“

Es würde also eigentlich schon reichen, Helena Zengels Figur und ihrem Ochi einfach nur dabei zuzuschauen, wie sie sich durch das bewaldete Karpatengebirge schlagen und dabei nach und nach lernen, einander besser zu verstehen. Doch mit „Die Legende von Ochi“ erzählt Regisseur und Autor Isaiah Saxon außerdem eine simple, dabei nicht minder eindringliche Geschichte über die Angst vor dem Fremden, über den Mensch und die Natur und vor allem über die schweren Bürden einer bewegten, familiären Vergangenheit – und stellt die Frage, ob man gezwungen ist, sie auf sich zu nehmen, obwohl man nie danach verlangt hat. Willem Dafoe („Kinds of Kindness“) mimt als Yuris Vater Maxim nicht den typischen Filmschurken. Seinen Schauspielduktus aus den Yorgos-Lanthimos-Filmen noch nicht ganz abgestreift, verkörpert er eine komplexe Figur, deren Bedrohlichkeit nicht aus Allmachtsfantasien oder anderen schurkentypischen Motiven entsteht. Sein im Kern sehr tragischer Charakter überträgt seine Ängste auf die nachfolgende Generation. Anstatt fragwürdige Muster und toxische Verhaltensweisen zu durchbrechen, gibt er sie weiter und belässt sie im ewigen Kreislauf von Familie und Erwachsenwerden. Yuri dabei zuzuschauen, wie sie aus ebenjenem ausbricht, macht sie von Anfang an zu einer stillen Heldin, die im Moment ihres Aufbruchs noch gar nicht weiß, was für einen Dienst sie dadurch nicht nur dem kleinen Ochi erweist, sondern auch Yuris zahlreichen gleichaltrigen Weggefährten ihres Vaters, die die Furcht vor „dem da draußen“ längst verinnerlicht haben und von Maxim zu kleinen Kriegern herangezüchtet werden.

Willem Dafoes Figur Maxim könnte 1:1 einem Yorgos-Lanthimos-Film entsprungen sein.

Dieser Subtext dürfte den jüngeren Zuschauer:innen vermutlich (erst einmal) verborgen bleiben. Insofern ist „Die Legende von Ochi“ vielleicht nicht unbedingt das, was man gemeinhin unter einem „Kinderfilm“ versteht. Gleichwohl besitzt er mit Yuri eine Hauptfigur, mit der sich schon junge Filmfans leicht identifizieren können dürften. Denn an vorderster Front ist es ihr Anliegen, den kleinen Ochi wieder zu seiner Familie zurückzubringen und dabei zu verhindern, dass er der fiesen Ochi-Jagd zum Opfer fällt. Ein Plot, dem man leicht folgen kann, selbst wenn ihn einzelne Episoden wie etwa Yuris Aufeinandertreffen mit ihrer verschollen geglaubten Mutter (Emily Watson) hin und wieder ein bisschen bremsen. Überhaupt ist das mit dem „Abenteuerfilm“ so eine Sache. „Die Legende von Ochi“ ist quasi sowas wie die familiengerechte Antwort auf David Lowerys „The Green Knight“ – nur eben fast eine ganze Stunde kürzer. Aber auch hier werden wir Zeuge einer Odyssee mit zahlreichen Zwischenstationen, deren Ausgang eigentlich von Anfang an klar ist. Doch schon bei Sir Gawains meditativer Heldenreise wurde der Weg zum Ziel. Und so ist das bei „Die Legende von Ochi“ auch. Nur dass das Finale dann doch noch eine ganze Spur niedlicher ausfällt, als Sir Gawains Date mit dem grünen Ritter.

„Mit ‚Die Legende von Ochi‘ erzählt Regisseur und Autor Isaiah Saxon eine simple, dabei nicht minder eindringliche Geschichte über die Angst vor dem Fremden, über den Mensch und die Natur und vor allem über die schweren Bürden einer bewegten, familiären Vergangenheit.“

Fazit: „Die Legende von Ochi“ ist ein bezaubernder Abenteuerfilm, der nicht nur phänomenal ausschaut, sondern obendrein eine berührende Geschichte erzählt, für die Autor und Regisseur Isaiah Saxon viele Themen streift. Die Jüngeren werden den simplen Plot einer Wildtier-Rettung gerne verfolgen, die Älteren den Subtext rund um Identitätsfindung, die Verbindung zwischen Mensch und Natur sowie das Loslösen aus toxischen Mustern genießen können, selbst wenn sich hier und da kleine Längen einschleichen.

„Die Legende von Ochi“ ist ab dem 1. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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