The Assessment
Ein Paar bewirbt sich auf ein Baby. Was dann folgt, ist das wohl unangenehmste Jobinterview, das man so in der Form je gesehen hat. Dem Ganzen zuzuschauen und sich zu fragen, was eigentlich gutes Elterndasein ausmacht, macht über eine Stunde lang auf ganz perfide Weise Laune. Doch dann liefert THE ASSESSMENT Antworten auf Fragen, die einfach niemand gestellt hat.
Darum geht’s
In einer entfernten Zukunft dürfen Menschen nicht mehr einfach Kinder kriegen. Stattdessen müssen sie einen langwierigen Bewerbungsprozess durchlaufen, an dessen Ende eine fremde Person die Entscheidung für oder gegen das Elterndasein fällt. Auf ein solches Interview lassen sich Mia (Elizabeth Olsen) und Aaryan (Himesh Patel) ein. Eines Tages steht die Prüferin Virginia (Alicia Vikander) vor der Tür, die die beiden sieben Tage lang durch ihr Leben begleiten wird. Doch es ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, dass Virginia jeden zweiten Tag als Grace, ein kleines, unberechenbares Mädchen, auftritt. Auch Prüfungen wie unter Zeitdruck ein Möbelstück aufbauen zehren an den Nerven des Paares. Zumal sie nie wissen, wie sie sich jetzt eigentlich verhalten sollen, damit es einen guten Eindruck macht. Schließlich gibt es zu nichts so viele verschiedene Meinungen wie zum Thema Kindererziehung…
Kritik
Bewerbungsgespräche sind ja von Natur aus unangenehm. Je nach Stelle sitzt man mal nur einer, mal ganz vielen Personen gegenüber, die alle ganz besondere Anforderungen an den Menschen haben, der gerade verzweifelt versucht, sich in einem möglichst guten Licht darzustellen. Da spielt dann auch Macht eine nicht unwichtige Rolle. Die Leute, die den Job vergeben, befinden sich in der Rangordnung ganz automatisch über der sich bewerbenden Person. Und das macht ein Gespräch auf Augenhöhe eigentlich von Anfang an unmöglich. Inspiriert von eigenen Erlebnissen und noch dazu in eine dystopische Zukunft verlegt, exerziert die Regie-Newcomerin mit dem klangvollen Namen Fleur Fortuné genau dieses Szenario durch. Ihr „The Assessment“ zeichnet ein Bild von einem siebentägigen Interview, bei dem ein Paar sich nicht etwa auf einen Job, sondern auf ein Baby bewirbt. Denn in der fernen Zukunft ist es viel zu riskant, es einfach jedem und jeder zu erlauben, ein Neugeborenes in die Welt zu setzen.
Fleur Fortuné hat vor ihrem Langfilmerstling vor allem Musikvideos und Werbeclips (unter anderem für Armani und Chanel) inszeniert. Und das merkt man „The Assessment“ auch an, denn wenn der Film eines vorweisen kann, dann eine absolute Stilsicherheit. Es ist schon erstaunlich, mit was für einem Selbstbewusstsein Fortuné hier zur Sache geht. Ihr Film, der sich die meiste Zeit über in einem einzigen Appartement abspielt, lebt von sehr klaren – vor allem visuellen – Strukturen. Ein einheitliches Farbschema, gerade Linien, eine Raum- und Bildaufteilung, wie sie in ihrer Verzerrung Erinnerungen an die Filme eines Yorgos Lanthimos wecken: „The Assessment“ ist ein durch und durch stylischer Film. Gedreht wurde auf Teneriffa. Allzu viel davon zu sehen, bekommen wir allerdings gar nicht. Der in vereinzelten Szenen gezeigte Strand ist schmucklos, die Farben entsättigt und der eigentlich so perfekte (Urlaubs-)Ort dadurch alles andere als einladend. Der Star ist das Haus mit seinen perfekt durchdesignten Zimmern, seiner spärlichen Einrichtung, in der nichts steht oder liegt, wo es nicht hingehört. Wenn nach einem Dinner das dreckige Geschirr in der Küche rumsteht, fühlt sich das sofort an, wie ein Fremdkörper.
„Fleur Fortunés Film, der sich die meiste Zeit über in einem einzigen Appartement abspielt, lebt von sehr klaren – vor allem visuellen – Strukturen. Ein einheitliches Farbschema, gerade Linien, eine Raum- und Bildaufteilung, wie sie in ihrer Verzerrung Erinnerungen an die Filme eines Yorgos Lanthimos wecken.“
Doch nicht nur optisch unterliegt „The Assessment“ klaren Strukturen. Der Inhalt an sich gibt vor, dass ein etwaiges Abweichen von der Norm, der Ordnung weitreichende Folgen haben könnte. Doch wie weit das geht, das erfährt man als zuschauende Person nur indirekt. Das Drehbuch-Duo Mr. und Mrs. Thomas sowie John Donnelly (schrieb unter anderem Folgen für die stilistisch sehr ähnliche Serie „Utopia“) stellen sich mit ihrer Erzählung ganz klar auf die Seite des Paares. Als Beobachter:in wissen wir immer nur genauso viel, wie die beiden. Und da die Regeln des Bewerbungsgesprächs nie eindeutig ausformuliert werden, ist das mitunter ganz schön frustrierend. Ist in der Kindererziehung eher Konsequenz oder eine „einfach mal machen lassen“-Mentalität gefragt? Muss man die jeden zweiten Tag als Kind auftretende Prüferin Virginia – dann als Grace – in seinem Bett schlafen lassen? Wie viel muss man aushalten? Was fließt in die abschließende Bewertung mit ein? Und wie viel können Mia und Aaryan überhaupt beeinflussen? Eine Szene, in der Mia von einer Krankheit ihrer Schwester erfährt, umgehend zu ihr fahren will und dafür von Virginia an die Auflagen des Interviews (während der sieben Tage darf das Paar die Bewerbungssituation auf keinen Fall verlassen) erinnert wird, macht die uneindeutigen Auslegungsmöglichkeiten der Prämisse erst so richtig deutlich. Denn eigentlich würde es ja für Verantwortungsbewusstsein sprechen, in dieser Situation die kranke Schwester zu besuchen…
Dass Virginia jeden zweiten Tag in ihrem Alter Ego Grace, einem Kind, vermutlich irgendwo zwischen vier und acht Jahren alt, auftritt, sorgt für einige großartige, aber auch schwer erträgliche Cringe-Momente. Auch hier wird der Einschlag eines Yorgos Lanthimos klar ersichtlich. Vor allem aber könnte „The Assessment“ ganz hervorragend eine Fortsetzung zu Lorcan Finnigans „Vivarium“ sein. Nur dass hier nicht die vermeintliche Idylle einer (gleichgeschalteten) Vorstadt durch den Kakao gezogen wird, sondern die irrsinnig hohen Anforderungen an das Elterndasein. Elizabeth Olsen („Avengers: Endgame“) und Himesh Patel („Don’t Look Up“) verkörpern das ahnungslose, sukzessive immer verzweifeltere, dabei jedoch die meiste Zeit über nach innen gekehrte Paar glaubhaft und nahbar. Mit ihnen mitzufühlen, fällt nicht schwer. Dafür sprechen Momente, in denen die beiden etwa unter Zeitdruck ein an IKEA-Möbel erinnerndes Zelt aufbauen müssen, viel zu sehr für sich. Alicia Vikander („The Green Knight“) in ihrer Rolle zu hassen, fällt relativ leicht. Vor allem, weil ihre Figur so gar keine emotionalen Anknüpfungspunkte hat. Sie erfüllt ihren Zweck als großer Unsicherheitsfaktor in diesem Dreiergefüge, wie eine menschliche Person fühlt sie sich jedoch nie an.
„Auf einmal sollen wir nicht nur mit Virginia mitfühlen und ihre schwierige Situation verstehen, sondern bekommen auch einen Einblick in den Zustand dieser dystopischen Welt. Leider sind all das Dinge, nach denen zuvor niemand gefragt hat.“
Das fällt im finalen Drittel umso mehr ins Gewicht, wenn Fleur Fortuné und ihre Autor:innen der Versuchung erliegen, das zuvor gerade durch seine Vagheit bestechende Szenario vollumfänglich aufzulösen. Auf einmal sollen wir nicht nur mit Virginia mitfühlen und ihre schwierige (trotzdem selbst gewählte) Situation verstehen, sondern bekommen auch einen Einblick in den Zustand dieser dystopischen Welt. Leider sind all das Dinge, nach denen zuvor niemand gefragt hat. Im Gegenteil: „The Assessment“ ist immer dann am stärksten, wenn er seine erlösenden Informationen für sich behält – auch wenn das im Moment des Schauens unbefriedigend erscheint. Sich von diesem Konzept zu verabschieden, führt die Erzählweise der vorausgegangenen Stunde nahezu ad absurdum. So wirkt es fast wie das Zugeständnis nach einem missglückten Testscreening, nach dem man Filmschaffende gerne nochmal bittet, dem unzufriedenen Publikum die Antworten zu geben, nach denen es verlangt. Das trübt den bis dato eigentlich so ordentlichen Gesamteindruck ganz enorm.

Alle zwei Tage schlüpft die Prüferin (Alicia Vikander) in die Rolle eines kleinen, sturen Mädchens namens Grace.
Fazit: Irgendwo zwischen Yorgos Lanthimos und „Vivarium“ exerziert die Regie-Newcomerin Fleur Fortuné ein unangenehm mit anzusehendes Bewerbungsszenario durch, das lange Zeit mit seiner Uneindeutigkeit besticht, im letzten Drittel dann aber leider viel zu viel auflöst, wonach zuvor gar nicht verlangt wurde.
„The Assessment“ ist ab dem 3. April 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



Leider kann ich dem Fazit „Irgendwo zwischen Yorgos Lanthimos und „Vivarium“ exerziert die Regie-Newcomerin Fleur Fortuné ein unangenehm mit anzusehendes Bewerbungsszenario durch, das lange Zeit mit seiner Uneindeutigkeit besticht, im letzten Drittel dann aber leider viel zu viel auflöst, wonach zuvor gar nicht verlangt wurde.“ so überhaupt nicht zustimmen, da gerade das Ende / die Auflösung, quasi der Blick hinter die Kulissen von Grace, der authentischste und greifbarste Moment im ganzen Film darstellt! Darauf baut doch die Handlung auf. Zudem fand ich es unheimlich erleichternd die Gutachterin als „Mensch“ erleben zu dürfen. Ich habe mich in diesem Augenblick sehr in die Protagonistin verliebt.
Seltsam, dass die Filmkritik genau dieses Schlüsselelement als „zuviel“ bzw.
„unnötige Info“ beschreibt.