Mufasa: Der König der Löwen
Ein weitestgehend originärer Stoff aus dem Hause Disney hört sich erst einmal vielversprechend an. Leider beweist das Prequel zum Milliardenerfolg von 2019 MUFASA: DER KÖNIG DER LÖWEN, dass längst nicht alle (Vor-)Geschichten erzählt gehören.
Darum geht’s
Die junge Löwin Kiara (Blue Ivy Carter) bekommt eines Tages eine Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte ihres berühmten Großvaters Mufasa (Braelyn Rankins/Aaron Pierre), der einst sein Leben ließ, um Kiaras Vater Simba (Donald Glover) zu retten. Doch wie wurde aus dem mutigen Löwenjungen Mufasa einst ein stolzer König? Und wie entstand die Rivalität zwischen ihm und Scar (Theo Somolu/Kelvin Harrison Jr.), der einst einen großen Kampf mit Simba heraufbeschwor und dabei von ihm getötet wurde? Der weise Affe Rafiki (John Kani) erzählt Kiara von einer abenteuerlichen Reise, auf der sich Freundschaften fürs Leben schlossen und Feindschaften bildeten…
Kritik
Das „Realfilmremake“ ( = das CGI-Remake, das aussehen soll, als wäre es ein Realfilm) von „Der König der Löwen“ spielte in seinem Erscheinungsjahr 2019 über eine Milliarde Dollar ein. Dieser Erfolg lässt sich auf der einen Seite mit dem immensen Stellenwert des Zeichentrick-Originals erklären. Auf der anderen Seite aber auch mit der Neugier darauf, was tricktechnisch heutzutage alles möglich ist. Denn ganz gleich, ob einem Jon Favreaus Neuinterpretation des „Lion King“ gefallen hat, oder nicht: Vom visuellen Standpunkt aus war das Ganze schon ziemlich beeindruckend. Wenngleich dato noch zu Recht die Leblosigkeit in den sprechenden Tiergesichtern kritisiert werden konnte. Abseits davon vielleicht auch das allzu sklavische Klammern an die Vorlage mitsamt einiger unnützer Storyeinschübe, um aus 88 Filmminuten 118 zu machen. Doch natürlich gibt der Erfolg den Walt Disney Studios Recht und so kommt fünf Jahre später eine Fortsetzung respektive ein Prequel zur „Der König der Löwen“-Neuauflage in die Kinos. Das visuelle Konzept der naturrealistischen Computeranimation bleibt identisch. Und tatsächlich erzählen die Macher:innen diesmal sogar eine weitestgehend originelle Geschichte; zumindest insofern, als dass die Origin Story von Simbas Vater Mufasa bislang noch nicht in filmischer Form aufbereitet wurde. Möglicherweise hatte das aber einen Grund, denn das, was in „Mufasa: Der König der Löwen“ erzählt wird, fügt dem Original nicht nur Nichts hinzu, sondern verrät sogar einzelne seiner bis dato nahezu unangetasteten Charaktere.

Die animierten Tiere haben lebhaftere Gesichter, wirken aber längst nicht mehr so naturrealistisch wie noch im Vorgänger.
„Mufasa: Der König der Löwen“ beginnt mit Figuren, die wir nur allzu gut kennen: bei Simba und Nala sowie deren auch aus dem zweiten Zeichentrickfilm „Simbas Königreich“ bekannten Löwenjunges Kiara. Während Kiara in der Abwesenheit ihrer Eltern von Rafiki betreut wird, gesellen sich schon bald auch Timon und Pumbaa zu den beiden und lauschen dem weisen Affen, der die Geschichte von Kiaras Großvater Mufasa erzählt. Zwar ist tendenziell nichts dagegen einzuwenden, über diese erzählerische Klammer einen Anknüpfungspunkt an den Vorgänger zu finden. Gleichzeitig stehen die permanenten Unterbrechungen des Erzählflusses durch (Meta-)Kommentare von Timon und Pumbaa für ein grundlegendes Problem des Films: Abseits ihres offenbar fehlenden Grundvertrauens in die Prämisse nehmen die abrupten Tonalitätswechsel sämtliche Spannung aus „Mufasa“. Zwar ist die dramatische Fallhöhe der Geschichte ohnehin relativ gering; Wir wissen alle, dass Mufasa am Ende König wird. Doch der Hauptplot kann trotz der durchaus vorhandenen Zutaten nicht die benötigte Intensität aufbauen, um auch mit dem Wissen um den bekannten Ausgang der Geschichte mitzureißen. Daran ändern auch die fast schon verzweifelt wirkenden Momente nichts, in denen bekannte Motive (Gesichtsausdrücke, Kamerafahrten etc.) aus dem „Der König der Löwen“-Original hervorgekramt werden, um vereinzelte „Erinnert ihr euch?“-Momente und -Querverweise zu schaffen.
„‚Mufasa‘ ist, deutlich offensichtlicher als ‚Der König der Löwen‘, ein Computeranimationsfilm, bei dem man den Terminus ‚Realfilmremake‘ nun nicht einmal mehr fälschlicherweise über die Lippen bekommt.“
Überhaupt wirkt vieles an „Mufasa“ bemüht ikonografisch. Zwar sind die CGI-animierten Bildgewalten – insbesondere die Landschaftsaufnahmen – auch diesmal wieder von betörender Schönheit und Detailvielfalt, doch wann immer man sich in den beeindruckend designten Hintergründen verlieren könnte, stehen plötzlich wieder Nahaufnahmen der Figuren im Fokus. Und hier lässt sich sogar ein Rückschritt zum Vorgänger ausmachen. Zwar wirkt die Mimik der Tiere mittlerweile deutlich lebendiger, doch im Gegensatz zu „Der König der Löwen“ stellt man diesmal nie infrage, dass sämtliche Lebewesen hier aus dem Computer stammen. „Mufasa“ ist, deutlich offensichtlicher als „Der König der Löwen“, ein Computeranimationsfilm, bei dem man den Terminus „Realfilmremake“ nun nicht einmal mehr fälschlicherweise über die Lippen bekommt. Trotzdem bleibt die stellenweise Brillanz der Visualität weiterhin – zumindest meistens – eine tricktechnische Augenweide…

Auch Timon und Pumbaa sind mit von der Partie – und stören den Rhythmus und die Tonalität des Films ganz massiv.
… deren Aufgabe es einen Großteil der Zeit über leider ist, über die gravierenden inhaltlichen Mängel hinwegzutrösten, die „Mufasa“ zu einem alles andere als würdigen Prequel machen. Allen voran gilt das für die im Zentrum erörterte Rivalität mit Scar, der hier noch Taka heißt, die einem an der Vorgeschichte über Mufasa vermutlich noch am ehesten interessiert. Nach dem gemeinsamen Aufwachsen der beiden „Brüder“ (die hier übrigens keine sind!) und einigen gefährlichen, zusammen bestandenen Abenteuern, während derer sie sich gegenseitig längst ihre Treue bewiesen haben, entwickelt sich die Rivalität zwischen den Löwen aus einer absurden Banalität heraus. Scars plötzlicher Charakterwandel kommt derart aus dem Nichts, dass sich der Umgang mit der Figur wie ein eiskalter Verrat anfühlt. Mehr noch: Wer zuerst „Mufasa“ und anschließend „Der König der Löwen“ schaut, könnte Scar fortan sogar als jammerige, in ihrem Ego gekränkte Witzfigur wahrnehmen – das kann Drehbuchautor Jeff Nathanson, der auch schon das Skript zum 2019er „Der König der Löwen“ schrieb, nicht so beabsichtigt haben. Dagegen wirkt der eine Art Roadtrip durch die afrikanische Wüste antreibende Story-Motor rund um ein Rudel weiße Löwen, das Jagd auf Scar, Mufasa und später auch ihre Weggefährten macht, deutlich runder.
„Ein waschechtes Zielgruppen-Dilemma! Den nötigen emotionalen und atmosphärischen Punch für ein älteres Publikum entwickelt ‚Mufasa‘ nie und für die ganz Kleinen fletschen dann doch zu häufig böse Riesenkatzen die Zähne.“
Der Konflikt zwischen den beiden Löwencliquen fußt auf einer betont ernsten Grundlage namens Rache. Wann immer die beiden aufeinandertreffen, kündigt sich in „Mufasa“ die eingangs erwähnte Spannung an, die jedoch nie bis zuletzt aufrechterhalten wird. Das ist für ein ganz junges Publikum vielleicht beruhigender, als sich allzu lang mit wirklich richtig bösen Figuren auseinandersetzen zu müssen. Aber der angedeuteten Reife des Films stehen die ständigen Unterbrechungen – nicht nur durch Timon und Pumbaa, sondern auch durch vereinzelt vorgetragene (und trotz der Mitarbeit von Lin-Manuel Miranda leider alles andere als im Ohr bleibende) Lieder – nur im Weg. Ein waschechtes Zielgruppen-Dilemma! Den nötigen emotionalen und atmosphärischen Punch für ein älteres Publikum entwickelt „Mufasa“ nie und für die ganz Kleinen fletschen dann doch zu häufig böse Riesenkatzen die Zähne. Die unter der Oberfläche angedeuteten Fragen nach einem Familienzugehörigkeitsgefühl oder der Bürde, ein Anführer sein zu müssen, finden ebenfalls keine genügende Betrachtung. Dabei wäre einem Regisseur wie Barry Jenkins nach Filmen wie „Moonlight“ oder „Beale Street“ eine gewisse erzählerische Tiefe zuzutrauen gewesen. Im Metier des Animationsmusicals scheint sich der Filmemacher leider alles andere als wohlzufühlen.
Fazit: „Mufasa: Der König der Löwen“ sieht zwar nicht mehr so brillant aus wie der Vorgänger, hat seine eigentlichen Schwächen aber ohnehin in der Story. Diese verrät nicht nur einzelne Figuren, sondern ist in ihrer Tonalität auch so unausgegoren und widersprüchlich, dass sie zu keinem Zeitpunkt mitreißen kann.
„Mufasa: Der König der Löwen“ ist ab dem 19. Dezember 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

