Alles Fifty Fifty

Patchwork spielt im Mainstreamkino noch immer eine untergeordnete Rolle. Umso schöner, dass „Die Goldfische“-Regisseur Alireza Golafshan dieses Thema in seiner Komödie ALLES FIFTY FIFTY in den Mittelpunkt rückt. Schade wiederum, dass er dabei bemerkenswert gefällig vorgeht, was zwar zu charmanten Comedy-Scharmützeln führt, aber keinen bleibenden, geschweige denn wirklich realistischen Eindruck hinterlässt.

OT: Alles Fifty Fifty (DE 2024)

Darum geht’s

Schon seit einiger Zeit geschieden, sind Marion (Laura Tonke) und Andi (Moritz Bleibtreu) absolute Vorzeigeeltern. In den entscheidenden Momenten der Erziehung arbeitet das Ex-Ehepaar Hand in Hand – so dachten sie bislang zumindest. Im gemeinsamen Patchwork-Urlaub mit Marions neuem Freund Robin (David Kross) und Sohn Milan (Valentin Thatenhorst) kommen nicht nur die Folgen ihrer unterschiedlichen Erziehungsstile ans Licht. Darüber hinaus lernen sie sich in der Sonne Italiens noch einmal ganz neu kennen und stellen fest, dass an ihrer gemeinsamen Zeit als Liebespaar vielleicht doch nicht alles so schlecht war…

Kritik

Wer in einer Patchworkfamilie lebt, der weiß: Das von weichgespülten Familienkomödien propagierte Bild eines bunten, unkonventionellen Zusammenlebens, das nicht etwa aus Problemen, sondern allenfalls aus Herausforderungen, bestenfalls aus Chancen besteht, ist eine Lüge. Es mag auch Vorzeigefamilien geben – und vielleicht finden diese sich in Filmen wie „Urlaubsreif“, „Kokowääh“ oder „Daddy’s Home“ wieder. Doch den wirklich anstrengenden Alltag des Zusammenwachsens sparen all diese Geschichten nur zu gern aus. Mehr noch: Schlussendlich scheint es immer noch das anzustrebende Ziel zu sein, aus dem Getrenntsein ein Wiederzusammenkommen zu machen. Und überhaupt sind befreundete Ex-Partner das Beste, was einem passieren kann. Auch wenn das an vielen Lebensrealitäten schlichtweg vorbeigeht. Regisseur und Drehbuchautor Alireza Golafshan („Die Goldfische“) hat mit seinen bisherigen Filmen bewiesen, dass er sich angenehm unkitschig in die Gefühlswelten von Figuren einfühlen kann, die im Mainstreamkino sonst eher außenvor gelassen werden. Was die Wahl von Außenseiterthemen angeht, bleibt er sich auch im Falle seines neuesten Projekts „Alles Fifty Fity“ treu, denn – den oben genannten Beispielen zum Trotz – ist das Thema Patchwork nun mal nach wie vor nicht unbedingt ein fester Bestandteil deutscher Komödien. Gleichwohl präsentieren sich Geschichte und Inszenierung diesmal auffallend gefällig, was zwar zwei entspannt-unterhaltsame Kinostunden zur Folge hat, allerdings nicht an die Authentizität und Aufrichtigkeit von Golafshans bisherigen Werken heranreicht.

Marions neuer Freund Robin (David Kross) steht unter Andis (Moritz Bleibtreu) ständiger Beobachtung.

Zwar liegt der erzählerische Fokus vor allem auf der Interaktion zwischen den beiden geschiedenen Eltern Marion und Andi, doch der emotionale Anker der Geschichte ist ganz klar der gemeinsame Sohn Milan. Mit kleinen, gewitzten Beobachtungen schildern Golafshan und sein Co-Autor Moritz Binder („Neue Geschichten vom Pumuckl“), was dieses ungewöhnliche Urlaubskonstrukt für Unsicherheiten in dem Elfjährigen hinterlässt. In den besten Szenen kommt selbst in den beiläufigsten Momenten eine Süffisanz auf. Etwa wenn sich Marion und Andi uneins darüber sind, ob der Ankunftstag als erster Urlaubstag zu zählen ist, sodass sich anschließend weder die Mutter noch der Vater für das Beherbergen ihres Sohns verantwortlich fühlen. Ein bisschen bitterer wären solche Szenen geworden, würde es sich bei Milan nicht etwa um einen selbstbewussten Fast-Teenager handeln, sondern um ein noch deutlich jüngeres Kind. So ist Milan nicht nur bereits bewusst in der Lage, seine Eltern gegeneinander auszuspielen. Er begegnet Situationen wie der oben genannten auch primär mit Genervtheit. Dass hier der nicht ganz unwichtige Faktor der Eltern-Kind-Bindung ein bisschen hintenüberfällt, ist schade. Wäre es doch wirklich interessant gewesen, zu sehen, wie die Uneinigkeit von Vater und Mutter auch an der Beziehung zu ihrem Kind rüttelt.

„Mit kleinen, gewitzten Beobachtungen schildern Golafshan und sein Co-Autor Moritz Binder, was dieses ungewöhnliche Urlaubskonstrukt für Unsicherheiten in dem Elfjährigen hinterlässt. In den besten Szenen kommt selbst in den beiläufigsten Momenten eine Süffisanz auf.“

Doch „Alles Fifty Fifty“ will nicht so ein Film sein. Von der ersten Szene an ist klar, dass sich Marion und Andi stets Mühe geben, gemeinsam für ihr Kind da zu sein und in entscheidenden Momenten an einem Strang zu ziehen. Aus dem durchschimmernden Potenzial einer Freundschaft, wenn nicht gar mehr, machen das Skript sowie das Spiel von Moritz Bleibtreu („Nur Gott kann mich richten“) und Laura Tonke („Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“) nie einen Hehl. Selbst Marions neuer Partner Robin erweist sich nie als wirkliches Hindernis für ein mögliches Wiederaufflammen alter Gefühle. Denn so amüsant und gut aufgelegt David Kross („Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“) in seiner Rolle der naiv-idealistischen Frohnatur Robin auch ist, ist immer klar: Mehr als ein etwas intensiveres Techtelmechtel geht da mit Marion nicht. Dafür arbeitet das Skript die riesigen Unterschiede zwischen den Frisch-Liierten einfach zu direkt heraus. Eine amouröse Chemie zwischen Tonke und Kross kommt da nie auf. Ganz anders als bei Kross und Bleibtreu. Die verbalen Scharmützel zwischen den beiden „Rivalen“ gehören klar zu den komödiantischen Highlights von „Alles Fifty Fifty“. Wie Andis Sticheleien an Robins gutgläubigem Ego abprallen, spielt Kross mit einer fantastischen Leichtigkeit. Schade ist nur, dass Robin ab der Hälfte des Films plötzlich keinerlei Rolle mehr spielt.

Mutter Marion (Laura Tonke) meint es mit Söhnchen Milan (Valentin Thatenhorst) hin und wieder ein bisschen zu gut.

An seine Stelle tritt dafür ein weiterer Szenendieb. Als überforderter, alleinerziehender Vater Jens verhilft Axel Stein („J.G.A.: Jasmin. Gina. Anna.“) „Alles Fifty Fifty“ zu einer gehörigen Portion Gravitas. Anhand seiner Figur arbeitet Alireza Golafshan endlich auch mal die etwas unbequemeren Seiten von Patchwork respektive Lebensmodellen heraus, die am heute immer noch vorherrschenden Vater-Mutter-Kind-Idealbild vorbeigehen. Auch sein unkonventioneller Nicht-Erziehungsstil steht im direkten Kontrast zu Andis und Marions Überbehütung. Den hier aufeinanderprallenden Welten zuzuschauen, macht einfach Spaß. Auch, weil die Macher aller Gefälligkeit zum Trotz ein gutes Comedy-Timing an den Tag legen. Vor allem in Sachen Charakterbeobachtung ist „Alles Fifty Fifty“ stellenweise wirklich witzig. Und dass die Figuren in Konfliktsituationen auch mal direkt miteinander reden, anstatt das Streitthema durch Schweigen oder anderweitige Missverständnisse noch weiter aufzublasen, fühlt sich erfrischend lebensecht an. Doch dann ist da eben das Finale, bei dem das heile Vater-Mutter-Kind-Ideal dann doch wieder wichtiger ist als der realistische Umgang mit dem Patchworkleben. Für die Intention dieser heiteren Komödie ist das zwar völlig in Ordnung, aber so richtig ernst genommen fühlt man sich als selbst in einer solchen Konstellation lebender Mensch dann vermutlich doch nicht.

„Als überforderter, alleinerziehender Vater Jens verhilft Axel Stein ‚Alles Fifty Fifty‘ zu einer gehörigen Portion Gravitas. Anhand seiner Figur arbeitet Alireza Golafshan endlich auch mal die etwas unbequemeren Seiten von Patchwork heraus.“

Fazit: „Alles Fifty Fifty“ ist eine leichtfüßige Wohlfühlkomödie über das heitere Patchworkleben, die dank eines toll aufgelegten Ensembles und einer schönen Balance aus Witz und Ernst zwar für den Moment gute Laune bereitet, aber doch hart an der Lebensrealität in derartigen Familienkonstellationen vorbeischrammt.

„Alles Fifty Fifty“ ist ab dem 29. August 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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