Send Help

Ein Flugzeugabsturz, eine einsame Insel und ein Chef, den man lieber gestern als heute losgeworden wäre – Sam Raimi macht aus dieser Ausgangslage kein Survival-Drama, sondern ein höllisches Vergnügen. SEND HELP ist Horror, Komödie und Machtfantasie zugleich, inszeniert mit der altbekannten Lust an Übertreibung und Gemeinheit. Ein Film, der von der ersten Minute an klarstellt: Hier ist jemand zurück in seinem Element.

OT: Send Help (USA 2026)

Darum geht’s

Die unauffällige Linda Liddle (Rachel McAdams) arbeitet pflichtbewusst in einem großen Unternehmen, wird von ihrem neuen Chef, dem arrogant-selbstgefälligen Bradley Preston (Dylan O’Brien), jedoch überhaupt nicht ernst genommen. Auf einer gemeinsamen Geschäftsreise gerät der luxuriöse Privatflieger in ein Unwetter und es kommt zu Katastrophe: Nach dem Absturz finden sich Linda und Bradley fernab der Zivilisation auf einer einsamen Insel wieder. Ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne Vorräte müssen sie lernen, miteinander auszukommen und ums Überleben zu kämpfen. Während die äußeren Gefahren der Wildnis stetig zunehmen, treten auch innere Konflikte zutage. Linda, die im Alltag oft übersehen wird, entdeckt in dieser Extremsituation ungeahnte Stärken und Entschlossenheit. Auch ihrem Chef gegenüber, der einfach nicht einsehen will, dass seine Angestellte viel mehr drauf hat, als es ihr Graue-Maus-Image andeutet…

Kritik

Im Horrorkino gibt es diese seltenen Momente, in denen ein einziger Schnitt, ein Kameraschwenk oder ein Ton genügt und man weiß sofort, wer hier die Regie übernommen hat. Manche Genreregisseure entwickeln eine so unverwechselbare Handschrift, dass ihre Filme wie Signaturen funktionieren. Manche wählen eher den eleganten, andere den verspielten und wieder andere einen zutiefst verstörenden Weg. Bei Wes Craven etwa war es das unbehagliche Gefühl, dass das Böse nie dort lauert, wo man es erwartet, sondern mitten im scheinbar Normalen passiert. Ergänzt durch seinen unverwechselbaren Humor, der sich selbst in Filmen wie „The Last House on the Left“ wiederfindet. Bei John Carpenter sind es die kalten, minimalistischen Bilder und pulsierenden Synthesizerklänge, die Horror in eine fast schon mathematische Präzision übersetzen. Und bei Dario Argento wird das Grauen zur barocken Farb- und Klangorgie, in der Gewalt und Ästhetik untrennbar miteinander verschmelzen. Andere setzen stärker auf Atmosphäre, wieder andere auf Schock, Ironie oder Körperlichkeit. Und dann gibt es jene Filmemacher, die all das miteinander vermengen und Horror als Achterbahnfahrt verstehen. Spätestens an diesem Punkt führt der Weg fast zwangsläufig zu Sam Raimi. Einem Regisseur, dessen Stil so energiegeladen und exzessiv ist, dass er zu gleichen Teilen Angst einjagt als auch grinsend unterhält.

Linda (Rachel McAdams) und ihr Boss Bradley (Dylan O’Brien) müssen auf der Insel lernen, sich miteinander zu arrangieren…

Dieser Sam Raimi („Tanz der Teufel“) war zuletzt für das MCU tätig und legte mit „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ seinen bisher am üppigsten budgetierten Film vor. Ein Geldsegen, den er voll ausgenutzt hat. Vor allem für die Effekte. Diesen mochte er in dem Film sogar manches Horrorszenario entlocken, doch so richtig tief ins Genre konnte Raimi – dem Franchise geschuldet – natürlich nicht einsteigen. Entsprechend lang ist es her, seit wir den Filmemacher in seinem Element erlebt haben. Zwar fungierte er immer wieder als Horrorfilmproduzent; Unter anderem bei den jüngsten „Evil Dead“- sowie „Don’t Breathe“-Filmen. Doch als Regisseur eines an seine Anfangszeiten angelehnten Genrefilms haben wir von Raimi zuletzt 2009 etwas gesehen. Damals legte er mit der bitterbösen Dämonenkomödie „Drag Me To Hell“ eine spaßige Fingerübung und einen Instant Klassiker vor. Ein Urteil, das sich auch im Falle seines neuen Films „Send Help“ schnell fällen lässt. Tatsächlich sind sich „Drag Me To Hell“ und „Send Help“ nämlich erstaunlich ähnlich. Beide Filme verbinden klassische Horrormechanismen mit einem ausgeprägten Sinn für makabren Humor, der den Schrecken nie ganz ernst nimmt, sondern stattdessen bewusst überzeichnet. Raimi setzt erneut auf eskalierende Setpieces, bei denen körperliche Bedrohung, Slapstick und Ekel untrennbar ineinandergreifen. Sowie auf Figuren, die weniger als psychologisch ausgearbeitete Charaktere, denn als Spielbälle eines grausam-ironischen Schicksals fungieren. Auch die Inszenierung folgt derselben Logik: rasante Kamerabewegungen, abrupt gesetzte Schocks, groteske Übertreibungen und ein sichtbar kindlicher Spaß an der eigenen Gemeinheit.

„Tatsächlich sind sich ‚Drag Me To Hell‘ und ‚Send Help‘ erstaunlich ähnlich. Beide Filme verbinden klassische Horrormechanismen mit einem ausgeprägten Sinn für makabren Humor, der den Schrecken nie ganz ernst nimmt, sondern stattdessen bewusst überzeichnet.“

Doch im Gegensatz zu „Drag Me To Hell“ spielt sich der Schrecken in „Send Help“ diesmal nicht in den eigenen vier Wänden seiner Hauptfigur ab, sondern auf einer einsamen Insel. Die Drehbuchautoren Damian Shannon und Mark Swift (schrieben bereits mehrere Skripte zusammen, unter anderem zu „Freddy vs. Jason“) entwerfen eine Art „‘Cast Away‘ für Erwachsene“-Szenario, für dessen Explosivität sie auf eine klar ersichtliche Rollenverteilung bauen: Rachel McAdams („Game Night“) mimt die unscheinbare Linda Liddle, die ihrem Chef schon mal mit Resten eines Thunfisch-Sandwiches im Mundwinkel gegenübertritt und es sich dadurch direkt mit ihm verscherzt. Auf der anderen Seite findet sich „Maze Runner“-Star Dylan O’Brien in der Rolle des ätzend-selbstgefälligen Nachwuchsbosses, der seine Position nur hat, weil sein Dad kürzlich verstorben ist und er nun in seine Fußstapfen tritt. Es ist von Anfang an klar: Er steht ganz klar über ihr. Und trotzdem bricht das Skript immer wieder mit den naheliegenden Klischees. Schon früh wird etwa etabliert, dass Linda ein glühender Fan der Abenteuershow „Survivor“ ist; Und dabei jagt Linda nicht etwa einer Wunschvorstellung ihrer selbst hinterher, sondern hat sich tatsächlich jede Menge Überlebenswissen drauf geschafft. Dass diese Info schon zu Beginn von „Send Help“ behutsam eingestreut wird, verhilft dem Film auf lange Sicht zu Glaubwürdigkeit. Diese Linda wird nicht aus heiterem Himmel zur knallharten Survival-Künstlerin, sondern hat sich diesen Status lange erarbeitet und vor allem verdient.

…doch eigentlich möchte Bradley viel lieber der Boss bleiben.

Manchmal braucht es eben das richtige Habitat, um sich von seiner besten Seite zu zeigen. Während Linda im Büro allenfalls „anwesend“ (wenngleich hochengagiert und kompetent) ist, kommt sie auf der Insel plötzlich voll und ganz aus sich heraus. Rachel McAdams ist der Spaß an ihrer Rolle sichtlich anzusehen. Die einst durch Filme wie „Mean Girls“ bekannt gewordene Mimin kommt in „Send Help“ so sehr aus sich raus wie vermutlich noch nie in ihrer Karriere. Kombiniert sie doch hier ihr komödiantisches Timing aus Highlights wie „Game Night“ mit ihrer Bereitschaft zur völligen Uneitelkeit, wie man sie etwa aus „Alles eine Frage der Zeit“ kennt. McAdams scheut weder körperliche Komik noch emotionale Bloßstellung – und erarbeitet sich schließlich eine fantastische Position als Rächerin, die endlich einen Ausgleich für die Herabwürdigung durch ihren Boss findet. Doch „Send Help“ ist dabei kein einfacher Revenge Flick. Denn der Film interessiert sich weniger für Vergeltung als für Verschiebungen von Macht und Selbstwahrnehmung. Lindas „Rache“ ist kein kalkulierter Gegenschlag, kein blutiger Ausgleich und schon gar keine moralische Abrechnung nach klassischem Muster, sondern eher das beiläufige Resultat eines Rollenwechsels, der sich organisch aus der Extremsituation ergibt. So wird die Insel nicht etwa zur Arena der Abrechnung, sondern zum Katalysator für Selbstermächtigung und eine neue Klarheit darüber, wer hier eigentlich von wem (oder was) abhängig ist.

„Der Film lebt von einem permanenten Wechselspiel aus unterschwelligem, oft boshaftem Humor und bewusst überzeichneten Horrormomenten, die weniger erschrecken als genüsslich eskalieren. Raimi kostet sowohl die kleinen Gemeinheiten im Dialog als auch die großen, grotesken Setpieces voll aus.“

Gerade hierin liegt auch der immense Spaß, den „Send Help“ bereitet. Der Film lebt von einem permanenten Wechselspiel aus unterschwelligem, oft boshaftem Humor und bewusst überzeichneten Horrormomenten, die weniger erschrecken als genüsslich eskalieren. Raimi kostet sowohl die kleinen Gemeinheiten im Dialog als auch die großen, grotesken Setpieces (Stichwort: Wildschwein) voll aus und sorgt so für eine Kurzweiligkeit, die kaum Raum zum Durchatmen lässt. Jeder Schock trägt eine Pointe in sich, jede komische Zuspitzung wiederum eine Spur Grauen. Diese Tonalität spiegelt sich auch in der Machart wider: Die Kamera (Bill Pope, „Drachenzähmen leicht gemacht“) wirkt manchmal regelrecht übermütig. Auch die offensichtlich am Computer entstandenen Effekte werden nicht versteckt, sondern stolz ausgestellt, sodass praktische und digitale Tricks in den besten Momenten sichtbar ineinandergreifen. Nichts wirkt glattgebügelt oder zurückhaltend, im Gegenteil: „Send Help“ zelebriert seine Künstlichkeit ebenso wie seine körperliche Direktheit. Am Ende steht ein Film, der sich anfühlt wie ein konzentriertes Destillat klassischer Sam-Raimi-Qualitäten: laut, verspielt, gemein und vor allem ein Vergnügen, das sein Publikum nie belehren, sondern konsequent unterhalten will.

Schnell stellt sich heraus, wer hier draußen in der Wildnis besser zurechtkommt.

Fazit: Mit „Send Help“ kehrt Sam Raimi mit spürbarer Lust zu seinen Horror-Wurzeln zurück und beweist, dass seine Handschrift auch jenseits großer Franchise-Zwänge nichts von ihrer Schlagkraft verloren hat. Der Film ist ein ebenso böser wie verspielter Genremix, der Humor, Grauen und Figurenentwicklung in ein genau austariertes Gleichgewicht bringt. Vor allem aber ist „Send Help“ eines: ein verdammt großer Spaß.

„Send Help“ ist ab dem 29. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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