Mother’s Baby
Was, wenn nicht der Zweifel am Kind, sondern der Zweifel an der eigenen Mutterschaft das eigentliche Grauen ist? MOTHER’S BABY verwandelt gesellschaftlich tabuisierte Muttergefühle in einen leisen, aber hochwirksamen psychologischen Horror.
Darum geht’s
Die erfolgreiche Dirigentin Julia (Marie Leuenberger) und ihr Ehemann Georg (Hans Löw) sehnen sich seit Langem nach einem gemeinsamen Kind. Obwohl ihre Beziehung von Nähe und Zuneigung geprägt ist, bleibt der Wunsch nach Nachwuchs unerfüllt. Schließlich setzen sie all ihre Hoffnung auf Dr. Vilfort (Claes Bang), einen charismatischen Arzt einer privaten Kinderwunschklinik, der Julia mithilfe einer experimentellen Methode endlich eine Schwangerschaft ermöglicht. Doch die Geburt nimmt einen dramatischen Verlauf: Es kommt zu unerwarteten Komplikationen, und das Baby wird direkt nach der Entbindung ohne nachvollziehbare Erklärung von den Eltern getrennt. Erst nach geraumer Zeit dürfen Julia und Georg ihr Kind bei sich aufnehmen. Doch statt der erhofften Freude empfindet Julia eine befremdliche Distanz und ein tiefes Unbehagen. Anstelle von Glück und Erleichterung wachsen Zweifel in ihr, und sie beginnt sich zu fragen, ob das Kind tatsächlich ihr eigenes ist …
Kritik
„Mother’s Baby, Father’s Maybe“ ist ein englisches Sprichwort, das auf die unterschiedliche Sicherheit der biologischen Elternschaft anspielt. Gemeint ist, dass die Mutterschaft zweifelsfrei feststeht, weil die Mutter das Kind selbst zur Welt bringt („Mother’s Baby“). Die Vaterschaft dagegen ist traditionell weniger eindeutig („Father’s Maybe“), da der Vater biologisch nicht mit absoluter Sicherheit bestimmt werden konnte. Zumindest in Zeiten vor modernen DNA-Tests. Der Spruch verweist damit auf historische gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Abstammung, Erbrecht und familiäre Verantwortung stark vom Vertrauen in die Treue der Mutter abhängig waren. Gleichzeitig schwingt eine gewisse Ironie oder Skepsis gegenüber patriarchalen Vorstellungen von Abstammung mit. Denn obwohl Väter oft rechtlich oder sozial Macht ausübten, blieb die biologische Gewissheit letztlich bei der Mutter. Heute wird der Satz meist kritisch oder reflektierend zitiert, etwa in Diskussionen über Geschlechterrollen, Vaterschaft, genetische Gewissheit und soziale versus biologische Elternschaft. Oder eben in Teilen als Filmtitel des Thrillerdramas „Mother’s Baby“, den die Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder („Waren einmal Revoluzzer“) sowie ihr Schreibkollege Arne Kohlweyer („Wechselspiel“) sicher nicht zufällig ausgewählt haben.

Nach der Geburt dürfen Julia (Marie Leuenberger) und Georg (Hans Löw) ihr Kind nicht sofort in den Armen halten…
Vor allem der Verzicht auf den zweiten Teil des Sprichworts gibt ganz direkt den erzählerischen Schwerpunkt vor. „Mother’s Baby“ ist ein aus radikal subjektiver Perspektive erzählter Film über Muttergefühle – oder eben die Abwesenheit derselben. Gleichzeitig bleibt der Kern des Sprichworts enthalten und verlagert sich auf die Mutterfigur. Denn in „Mother’s Baby“ geht es um ebenjene Zweifel, die sonst eher der Vater hegt. Die von Marie Leuenberger („Die göttliche Ordnung“) hervorragend gespielte Protagonistin ist auf der einen Seite eine zurückhaltende, mit sich selbst hadernde Person, für deren Verkörperung sich Leuenberger vor allem auf eine kontrollierte Körpersprache und eine feine Mimik verlässt. Doch je größer die Verunsicherung, umso stärker setzt die Aktrice auf emotionale Brüche. Immer wieder streut das Autor:innenduo Szenen ein, die Julia einem fremd wirken lassen. Ihr distanziertes Verhalten gegenüber ihrem Sohn wirkt da schon mal wie offen ausgelebte Antipathie. Das ist auf den ersten Blick befremdlich, stößt das Publikum möglicherweise sogar ab. Denn wie soll man mit einer Figur sympathisieren, die sich so klar von ihrem gerade erst geborenen Nachwuchs abgrenzt?
„Die Unsicherheit der Mutter, ihre wachsende Entfremdung vom eigenen Kind und die permanente Infragestellung der eigenen Gefühle werden nicht klar benannt, sondern verdichten sich zu einer bedrohlichen Atmosphäre, in der nichts mehr verlässlich scheint.“
An dieser Stelle greift „Mother’s Baby“ natürlich auch das real existierende, psychologische Phänomen Regretting Motherhood auf. Doch anstatt diese gesellschaftlich tabuisierte Ambivalenz gegenüber Mutterschaft als offenes Drama zu inszenieren, konzentriert sich Johanna Moder hier ganz auf den psychologischen Horror. Die Unsicherheit der Mutter, ihre wachsende Entfremdung vom eigenen Kind und die permanente Infragestellung der eigenen Gefühle werden nicht klar benannt, sondern verdichten sich zu einer bedrohlichen Atmosphäre, in der nichts mehr verlässlich scheint. Weder die Wahrnehmung der Protagonistin noch ihre emotionale Realität. Dadurch wird das Unbehagen, das mit unerfüllten oder widersprüchlichen Muttergefühlen einhergeht, als etwas durch und durch Unheimliches erfahrbar gemacht. Dabei entsteht der Horror weniger durch konkreten Schrecken. Stattdessen geht es zum einen um den Kontrollverlust über das eigene Leben, schließlich hat Julia „ihr Kind“ selbst geboren. Aber es geht auch um die Angst, eine gesellschaftlich erwartete Rolle nicht erfüllen zu können. Hier kommen verschiedene Arten des Schuldgefühls zusammen, aus denen der unaussprechliche Gedanken erwächst, die Mutterschaft selbst zu bereuen.
Die Regisseurin verstärkt den psychologischen Horror in „Mother’s Baby“ durch eine bewusst reduzierte, kontrollierte Inszenierung, die sich eng mit dem Drama der Hauptfigur verschränkt. Eine kühle, oft sterile Bildsprache, klare Linien und distanzierte Räume spiegeln die innere Leere und Entfremdung der Mutter wider. Während die Kamera (Robert Oberrainer, „Waren einmal Revoluzzer“) zumeist nah an der Protagonistin bleibt und ihre Perspektive teilt, ohne ihr vollständige Orientierung zu geben. Ruhige, lange Einstellungen und eine zurückhaltende, teils irritierende Musik (Diego Ramos Rodriguez, „Die Theorie von Allem“) erzeugen eine latente Spannung, die eher unterschwellig wirkt. So kippt das Drama ganz langsam in Richtung Horror, der sich aus Pausen, Stille und minimalen Verschiebungen in Ton und Bild speist. Irgendwann wirkt jede noch so alltägliche Situation bedrohlich – sowohl für Julia als auch für das Publikum. All diese Elemente kulminieren schließlich in der Figur des Dr. Vilfort, der durch Claes Bangs („The Square“) ambivalentes Spiel zugleich Autorität und latente Bedrohung ausstrahlt. Er verkörpert die kalte Rationalität des Systems, das die Gefühle der Mutter pathologisiert und relativiert, wodurch ihre Verunsicherung weiter verstärkt wird. In seiner Figur verdichten sich Macht, Manipulation und emotionale Distanz zu einem zentralen Auslöser des psychologischen Horrors, was am Ende fast spannender ist, als die einen Tick zu deutlich ausformulierte Auflösung, für die sich Johanna Moder vollends dem Genre-Film verschreibt.
„Die Regisseurin verstärkt den psychologischen Horror in ‚Mother’s Baby‘ durch eine bewusst reduzierte, kontrollierte Inszenierung, die sich eng mit dem Drama der Hauptfigur verschränkt.“
Fazit: „Mother’s Baby“ erweist sich als konsequent inszeniertes, psychologisch dichtes Thrillerdrama, das Mutterschaft nicht erklärt, sondern spürbar verunsichert. Die große Stärke des Films liegt in der radikal subjektiven Perspektive und Marie Leuenbergers nuancierter Darstellung, während die klare formale Kontrolle den inneren Horror eindrucksvoll nach außen kehrt. Lediglich die etwas zu eindeutige Auflösung schwächt die zuvor so wirkungsvolle Ambivalenz, ohne jedoch den nachhaltigen Eindruck des Films grundlegend zu mindern.
„Mother’s Baby“ ist ab dem 15. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

